Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Allerlei

Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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28. März 2017


"Goethe ist in der Geschichte der Deutschen ein Zwischenfall ohne Folgen": Was könnte diesen Satz Nietzsches besser illustrieren als die immer tiefere Kluft zwischen Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften? Der goethesche Mensch sähe zwischen beiden keinen großen Unterschied, jedenfalls keinen größeren als den zwischen Pantheismus und Polytheismus. Desto deutlicher träte ihm ihr Missbrauch durch die allzu Praktischen, die Amusischen, die Unsinnlichen, die Effizienten, die Ideologen vor Augen.


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Im christlichen und auch sonst der Spiritualität verpflichteten Herder-Verlag ist eine Biographie von Marine Le Pen erschienen. Der Titel lautet: "Tochter des Teufels". Amen.


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Während der Justizminister die Brutalisierung der Sprache im Netz bekämpft, vollzieht sich die Brutalisierung der Lebenswirklichkeit (googeln Sie einfach mal unter "Messerangriff") ohne justizministerielle Rügen. – Während ein Anmachspruch eines alten weißen Politikers an der abendlichen Bar eine landesweite Protestwelle auslöst, schweigen dieselben Lautsprecher, wenn Frauen angezündet, hinter einem Auto hergeschleift oder in Ehren gemordet werden.

Im Land der Eunuchen stößt man sich mehr an rohen Worten als an roher Gewalt.


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Früher hieß es: Lieber eine Pershing im Vorgarten als einen Russen in der Küche. Heute könnte man sagen: Lieber einen Castor im Keller als ein Asylantenheim in der Straße.


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Am vergangenen Wochenende lud das Goethe-Institut zu einer Tagung unter dem markigen Motto: "Wettbewerb der Narrative: Ist die offene Gesellschaft in Gefahr?"

Klar ist sie das, sonst hätten unsere Offenheits-Narrativler doch nicht zur Séance gebeten. Mit deren eigenen Worten:
 
"In einer ungewöhnlichen, aber profilstarken Allianz thematisieren das Goethe-Institut, die Heinrich-Böll-Stiftung, der Bundesverband der deutschen Industrie und das Käte Hamburger-Kolleg/Centre for Global Cooperation Research auf einer internationalen Tagung an diesem Wochenende die gegenwärtige Krise freiheitlicher Erzählungen und den weltweit zunehmenden Druck auf die offenen Gesellschaften durch autoritäre Regime."

Woraus wir zu entnehmen gehalten sind, dass die offene Gesellschaft ihren Sitz und ihr Epizentrum exakt dort hat, wo sich Goethe-Institut, Böll-Stiftung und andere profilstarke Karyatiden der Zivilgesellschaft zu ungewöhnlichen Tagungsallianzen vereinen. Wer aber bedroht das frischfröhlichfreie Massenschunkeln mit zunehmendem Druck?
 
"Die aktuellen Entwicklungen in den USA, das Verhältnis zwischen der Türkei und einzelnen EU-Staaten, die Rolle Chinas wie auch die innenpolitischen Turbulenzen in Frankreich und Deutschland im Wahljahr 2017 stellen die freien Gesellschaften und viele ihrer tragenden Akteure vor neue, gemeinsame Herausforderungen. Von zentraler Bedeutung ist dabei ein mittlerweile offener Wettbewerb zwischen liberalen Narrativen und illiberalen politischen Erzählungen, die das globale Machtgefüge und unsere Gesellschaften zum Teil mit unvorhersehbarer Wucht beeinflussen."

Wie schnell Donald Trump, das staatskapitalistische Regime Chinas sowie die Oppositionsparteien in Frankreich und Deutschland mit Sultan Recep dem Prächtigen in einem narrativen Gatter landen, wenn man nur hinreichend liberal in die Welt schaut! Und auf dieser, auf unserer, auf der guten Seite stehen vereint gegen die Phalanx des Illiberalismus die deutschen Spitzenliberalen Angela Merkel, Heiko Maas, Annetta Kahane, Aiman Mazyek und der Quoten-Irokese unter den Spiegel online-Kommentatoren, eskortiert auf ihren allzeit frommen Wegen von Antifa und Grüner Jugend.

"Zum Auftakt der gemeinsamen Tagung erklärte Johannes Ebert, Generalsekretär des Goethe-Instituts: 'Die aktuelle Krise liberaler Erzählungen ist gekennzeichnet durch eine weltweite Kritik am Ideal einer weltoffenen Gesellschaft.'"

Ich verfalle in die Unsitte des Selbstzitats: Wer Abertausende zum Teil hochaggressive Analphabeten in sein Land lässt (und ihre halbwegs exzessiven Vermehrungsgepflogenheiten mit Alimenten fördert), ist nicht weltoffen, sondern geistesgestört. Und ziemlich geistesgestört ist auch, wer eine Tagung zur weltweit wabernden Illiberalität veranstaltet, ohne den fettesten und illiberalsten Gorilla auf der Hollywoodschaukel in seinen unglaublich freiheitlichen Erzählungen zu erwähnen.

 
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Apropos Russland: Leserin *** fragt, ob die Verhaftungen von Demonstranten in Moskau nicht in erheblichem Widerspruch zur Erzählung meines Bekannten stünden, man könne dort ungehemmt seine Meinung sagen? Ja – sollten die westlichen Medienberichte zutreffen. Und nein. Es gibt eben beides. Niemand verfiele schließlich auf die Idee, die Bundesrepublik von 1968 für unfrei zu halten, weil dort die Polizei bisweilen gegen randalierende Studenten vorging. Und wie wir vor kurzem bei den Protesten gegen einen Auftritt von Milo Yiannopoulos in Berkeley gesehen haben, können es auch zeitgenössische westliche Demonstranten sein, die aggressiv gegen Freiheitsrechte agieren. Was genau in Russland passiert ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Dass Menschen friedlich demonstrieren dürfen sollen, wenn ihnen der Sinn danach steht, halte ich für ein elementares Recht innerhalb einer Zivilisation.

Naheliegenderweise interessieren mich allerdings die deutschen Zustände mehr als die russischen. Was die Demonstrationsfreiheit angeht, muss man konzedieren, dass hierzulande die Polizei die Demonstranten in der Regel schützt und nicht attackiert. Dennoch haben sich die Etablierten mit der Antifa eine halblegale Eingreiftruppe geschaffen, die das Versammlungs- und Demonstrationsrecht für Falschmeiner ad libitum einschränkt. Das Wort "geschaffen" meint hier: Diese Figuren werden nicht wirklich bekämpft, egal was sie anstellen und ob sie Staatsbeamte verletzen, und sie erhalten sowohl direkt als auch indirekt finanzielle und logistische Unterstützung. Mediale sowieso. Vielleicht sollten die Russen mal eine Delegation vorbeischicken, um zu lernen, mit welchen Methoden ein smarter Gesinnungsstaat die grobe direkte Freiheitsbeschneidung ersetzt.


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Charles "Sonny" Liston (Geburtsdatum unbekannt, gestorben 1970), der schrecklichste aller Schwergewichtler, ein Mann, der als Straßenräuber im Gefängnis landete und dort Boxen lernte (sein erster Promoter war übrigens der Gefängnis-Pfarrer), der als Knochenbrecher für die New Yorker Mafia jobbte, wobei es meistens genügte, wenn er seine Klienten bloß ansah, der seine Gegner nicht nur reihenweise K. o. schlug, sondern ihnen Schmerzen zufügte, die sie zeitlebens nicht vergaßen, so wie er selber auf seinem Rücken lebenslang die Narben der Peitschenhiebe trug, die sein Vater ihm verabreicht hatte, ein Champion, neben dem Mike Tyson wie ein Chorknabe wirkt, dieser Sonny Liston wurde von einem TV-Reporter gefragt, welche Sendungen er sich im Fernsehen anschaue.

"Ach wissen Sie", versetzte der Schlagetot, "was meine Frau sich ansieht, schaue ich mir auch an."

Seine Frau hatte Liston 1956 in einem Gewitter kennengelernt. Eine junge Arbeiterin einer Munitionsfabrik namens Geraldine stand auf dem Gehsteig und wartete auf den Bus. Sie war völlig durchnässt. Liston fuhr in seinem Wagen vorbei, bremste, legte den Rückwärtsgang ein, stieg aus, hob sie auf seine Arme und setzte sie auf den Beifahrersitz mit den Worten: "Sie sind eine sehr attraktive Frau. Sie sollten da nicht stehen und nass werden."

Noch im selben Jahr heirateten sie. (Heute würde er um eine Klage wegen sexueller Belästigung wahrscheinlich nicht herumkommen.)


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Einer derjenigen, die Liston zerstörte, war Floyd Patterson. Beim Weltmeisterschaftskampf am 25. September 1962 in Chicago schlug er den amtierenden Champion in der ersten Runde K.o. (der Rückkampf endete genauso schnell mit demselben Resultat). Eigentlich hatte Patterson nicht gegen Liston antreten wollen, weil er ahnte, was ihm blühen werde, doch ausgerechnet John F. Kennedy hatte ihn gefragt, welchem nächsten Herausforderer er sich stellen werde, und es war klar, wen der Präsident meinte. Er werde sich mit Liston schlagen, versprach der Champion.

Patterson reiste gut vorbereitet zum Kampf nach Chicago: Er hatte einen falschen Bart dabei, um nach einer Niederlage unerkannt verschwinden zu können. Als er nach dem Niederschlag auf dem Ringboden umherkroch, blickte er ausgerechnet in die Augen von John Wayne, der in der ersten Reihe am Ring saß. Nach dem Kampf wartete Patterson in seiner Kabine, bis das Stadion sich geleert hatte, klebte den Bart an und stieg in einen Mietwagen, den sein Chauffeur an einer verabredeten Stelle geparkt hatte. Zuerst fuhr er in sein Trainingscamp. Dort beschloss er, ganz wegzugehen. Verkleidet fuhr er zum New Yorker Flughafen Idlewild und kaufte dort das nächstbeste Ticket. Der Flieger ging nach Madrid. Dort nahm er ein Taxi zum Hotel, wo er sich unter falschem Namen eintrug. Tagelang durchstreifte er die ärmeren Viertel der Stadt und tat dabei, als hinke er. Er hatte den Eindruck, dass viele Leute ihn anstarrten, als ob sie ihn für verrückt hielten.

Seither nannte man ihn "Freud Patterson".