Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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31. Januar 2017


Es ist Zeit für die Monatsendfigur.



Warum eine Pietà? Mir scheint, dieses Bild fügt sich gut in kommende Zeiten. Die Pietà Roettgen, geschaffen in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts von einem namenlosen Künstler (und benannt nach ihrem letzten Besitzer), steht im Rheinischen Landesmuseum zu Bonn. Als ich sie das erste Mal sah, war ich zutiefst erschüttert. Dieser Heiland starb am Kreuz, dieses apathische Entsetzen ist echt.

Tritt man, bildlich gesprochen, weit genug zurück, um sich aus dem rein emotionalen Hingerissensein von der drastischen Darstellung zu lösen, kommen einem Jahrhunderte später geöffnete Schubladen wie Naturalismus oder Expressionismus reichlich abgeschmackt vor.


Gemeinhin assoziieren der europäische Mensch und google beim Wort "Pietá" zuerst jene des Michelangelo.

painting1.jpg


Wer unbedingt will, mag hier den Unterschied zwischen mittelmeerischer Sinnlichkeit und nordischer Expressivität erkennen. Eigentlich ist der direkte Vergleich jedoch unstatthaft, weil fast anderthalb Jahrhunderte zwischen beiden Skulpturen liegen.

Im Grunde ist Michelangelos Pietà frivol, obszön, unmoralisch, verlogen, ja kitschig, doch die ungeheure Meisterschaft ihres damals gerade in der Mitte der Zwanzig stehenden Schöpfers hebt sie himmelhoch über jede Kritik. (Das erinnert ein wenig an manche Werke oder Passagen von Richard Strauss, die einzig der vollendete Kontrapunkt verlässlich vom Kitschvorwurf erlöst.) Man sieht, sowohl die ethische als auch die ästhetische Kunstbetrachtung haben ihre guten Argumente.