Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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29. Januar 2017


Wanderer, kamst du nach Braunschweig, verkündige heimwärts, du habest
    Alle Taschen voll Geld, auf des Sozialamts Geheiß.


                                                                   ***

Wenn ich schon dabei bin:

Zur EU euch zu bilden, ihr hofft es, Deutsche, vergebens;
    Biedert, ihr könnt es, dafür selbstlos der Umma euch an.

(Transatlantiker dürfen statt "der Umma" "dem Russen" einsetzen, Linke "den Banken"...)

Deutschland? aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden,
    Wo Ralf Stegner beginnt, hört Mario Barth gerade auf.


                                                                   ***


Die Sonntage immer den ... !

Die letztliche Unübersetzbarkeit von poetischen oder im weitesten Sinne literarischen Texten ist das schlagendste Argument gegen die Preisgabe der Sprachen zugunsten einer Lingua franca. Eine Weltsprache ist fraglos ein Segen, aber sie sollte die Zweitsprache sein. (Ich frage mich zuweilen, wie Leute, die sich nicht differenziert auf deutsch ausdrücken können, auf den Gedanken kommen, es werde ihnen englisch besser gelingen.) Progressisten führen jetzt zwei Argumente ins Treffen. Das erste lautet, die babylonische Sprachverwirrung sei doch eine Strafe Gottes gewesen (also Progressisten gebrauchen dieses biblische Bild gemeinhin nicht, weil sie es nicht mehr kennen), und es sei am besten, wenn deutsche Kinder von Anfang an englisch sprechen, denken, beten und träumen lernten („träumen“ und „beten“ sagen Progressisten auch nie, ich füge es hier nur der Vollständigkeit halber ein). Dagegen lässt sich einwenden, dass die Intelligenz eines Kindes, welches zwei oder mehrere Sprachen lernt, immer stärker gefördert wird als die eines monoglott aufwachsenden. Eine Einheitssprache würde die Welt nicht nur ärmer, sondern auch dümmer machen. Die Sprachen sind semantische Speerspitzen der Evolution.

Das zweite Argument der Fortschrittler ist ein technisches: Bald werde es Übersetzungsprogramme geben, die jeden fremden Text sekundenschnell in die je eigene Sprache transferieren. Das betrifft vornehmlich Lektüren, und davon mögen Verlage träumen, die auf Übersetzer verzichten wollen, weil die nur Geld kosten. Das Ergebnis wäre eine Entdifferenzierung sondergleichen. Nicht die beste Software und selbst der genialste Übersetzer kann einen Text auch nur achtzigprozentig von einer Sprache in eine andere übertragen. Das lässt sich bereits bei so nah verwandten Idiomen wie dem Englischen und dem Deutschen beobachten, gerade was poetische (oder philosophische) Texte betrifft. 

Es gibt zwei Möglichkeiten, sich diesem Problem zu stellen. Das eine ist der Versuch, den Sinngehalt möglichst vollständig wiederzugeben, dafür aber ein weitgehendes Verschwinden der Form und poetischen Eigenart in Kauf zu nehmen, gewissermaßen eine Interlinearübersetzung. Oder aber man entscheidet sich für eine Nachdichtung, womit sich dieses Verhältnis umkehrt. Am Beispiel des heimlichen Bestellers unserer Tage: Man vergleiche die Koran-Übersetzungen von Hartmut Bobzin und Friedrich Rückert. Die erste ist inhaltlich nah am Original, aber quasi unlesbar. Rückerts Nachdichtung ist weit freier, doch sie vermittelt immerhin eine Ahnung vom poetischen Reiz, den das Original auf dafür empfängliche Menschen ausübt.

Gehen wir in medias res. Als ich unlängst Weimar besuchte, trug ich den „Faust“ bei mir – allerdings auf englisch. Und zwar in der vielgerühmten Übersetzung – Nachdichtung – von David Luke (Oxford University Press 1987). Luke behält die Reimform bei, was selbstverständlich löblich ist, aber die Schwierigkeiten beim Übertragen noch mehr erhöht. So stellt sich Mephistopheles in seiner Übersetzung vor als „Part of the Power wich would/ Do evil constantly, and constantly does good.“ Das Nolens volens des diabolischen Tuns ist zu 49 Prozent lost in translation

Ein paar meiner Lieblingsstellen zum Exempel.

O, devil take him, it’s that dry-as-dust
Today, my famulus! Why must
He interrupt me and destroy
This supreme hour of visionary joy?

O Tod, ich kenn’s, das ist mein Famulus
Es macht mein größtes Glück zunichte
Daß diese Fülle der Gesichte
Der trockne Schleicher stören muß!


„So that was the quintessence of the cur!
A student-tramp! How very comical.“
„Sir, I salute your learning and your wit!
You made me sweat, I must admit.“

„Das also war des Pudels Kern! Ein fahrender Scholast?
Der Kasus macht mich lachen.“ 
„Ich salutiere dem gelehrten Herrn!
Ihr habt mich weidlich schwitzen machen.“ 


Stop playing with your misery,
That gnaws your vitals like some carrion-bird!
Even the worst human society
Where you feel human, is to be preferred!

Hör auf, mit deinem Gram zu spielen,
Der, wie ein Geier, dir am Leben frißt;
Die schlechteste Gesellschaft läßt dich fühlen,
Daß du ein Mensch mit Menschen bist.


You are just what you are. Do what you will;
Wear wigs, full-bottomed, each with a million locks,
Stand up yards high on stilts or actor’s socks –
You’re what you are, you’ll be the same man still. 

Du bist am Ende – was du bist.
Setz dir Perücken auf von Millionen Locken,
Setz deinen Fuß auf ellenhohe Socken,
Du bleibst doch immer, was du bist.


Well! now you’re on the boil again, that’s clear.
Go to her, comfort her, you dunderhead!
Because your silly brain can’t see the way ahead,
At once you imagine doomsday’s near.

Wie’s wieder siedet, wieder glüht!
Geh ein und tröste sie, du Tor!
Wo so ein Köpfchen keinen Ausgang sieht,
Stellt er sich gleich das Ende vor.


Preisen wir an dieser Stelle den Nachdichter, doch halten wir am Original fest – es gibt immer nur eines. Auch in diesem Fall:

This was what the lads had plans for
And for which they brought a handsaw.
Wish-a-wosh! They saw-blade neatly
Cuts the bridge, but not completely. 

Max und Moritz, gar nicht träge,
Sägen heimlich mit er Säge,
Ritzeratze! voller Tücke
In die Brücke eine Lücke.

Und sogar hier:

Bang! The meerschaum pipe goes off
Loud like a Kalashnikov!

(Max und Moritz auf Englisch, Nachdichtung von Percy Reynolds, Reclam 1996)

1:1 unübertragbar, nicht durch den exzellentesten Übersetzer, und auch durch den besten Computer nicht. Eine Übersetzung ist immer nur eine Notlösung und Krücke.

Spätestens an dieser Stelle muss der Progressist die Larve fallen lassen und gestehen, dass ihm an Poesie wenig gelegen ist, dass sich alles, was er zu sagen hat, viel einfacher ausdrücken lässt, am besten in Algorithmen, und dass die soziale Frage bedeutender sei als alle Ästhetik. Die hochsprachliche Differenzierung wirke ohnehin nur diskriminierend auf die weniger Gebildeten. Nieder mit der Nuance! Heute schreibt und spricht außer A. Merkel ohnehin jeder, als sei es übersetzt. Wer auf seiner Muttersprache beharrt, ist ein Reaktionär. Bill Gates hat einmal geäußert, es werde der Preis des informationstechnischen Fortschritts sein, dass die Gattung sich in einer einfacheren und einheitlicheren Verkehrssprache zusammenfinde. Daraus folgen dann wahrscheinlich so viele Verbesserungen des Lebens auf diesem Planeten, dass man die angeblichen Klassiker getrost entsorgen und vergessen kann. 

Natürlich ist das Gegenteil wahr. Die Poesie ist das Wichtigste auf der Welt.
 

               
                                                                   ***


Ist des Menschen Wille frei? Mein Ältester, 17, überrascht mit einer originellen These. Nein, sagt er, den freien Willen gebe es nicht, sondern nur Determiniertheit oder Zufall. Und diejenigen, die unter der Folter geschwiegen haben, halte ich mit meinem bevorzugten Argument dagegen, taten die es nicht aus freier Entscheidung? Der Sohn bleibt unerbittlich: Solche Menschen hätten entweder keine Wahl und könnten nicht anders, oder ihr Schweigen sei ein Zufall gewesen.
Ich bemerke, wie eine Art moralischer Entrüstung in mir aufsteigt (determiniert? zufällig?), behalte sie aber für mich. Entrüstete Zeitgenossen wird der Bub noch in übergenügender Zahl kennenlernen.

PS: Überaus prompt reagiert Leser *** mit der Anmerkung: "Durch die andauernde Expansion des Universums nach dem Urknall (von dem wir – für mich nicht ohne göttliche Ironie – durch den belgischen Astrophysiker und Jesuiten Georges Lemaitre erfahren haben) entstehen, kurz gesagt, in jedem infinitesimalen Moment mehr Freiheitsgrade, als Information zu ihrer vollständigen Beschreibung zur Verfügung steht. In anderen Worten, ein expandierendes Universum kann daher zwangsläufig zu keinem Zeitpunkt mehr determiniert sein. Wenn man diesen Gedanken konsequent weiterspinnt, kommt man m.E. nicht umhin, dem menschlichen Willen Freiheitsgrade zuzugestehen.
Ich find's immer schade, wenn geistig rege junge Leute aufgrund mangelnder Information Gefahr laufen, in einem stumpfen, freudlosen, machmal leider auch mit grundloser Überheblichkeit daherkommenden 'Klötzchen-Materialismus' zu versauern." Und verlinkt zu diesem Aufsatz des US-amerikanischen Physikers David Layzer (Autor von "Die Ordnung des Universums").

Und Leser *** ergänzt, "dass es sich bei diesem mittlerweile alten Konflikt zwischen moderner Gehirnforschung und Psychologie im Kern um ein Missverständnis handelt und Ihr Sohn vielleicht doch nicht ganz falsch liegt:
Die ganz grundlegenden physikalischen Prinzipien, die das Verhalten der Materie fern raumzeitlicher Singularitäten (schwarze Löcher, Urknall) beschreiben, sind seit längerer Zeit gut verstanden; es sind die der (speziell relativistischen) Quantenmechanik. Die sich daraus ergebende emergente Dynamik ist nicht streng deterministisch. Das liegt zum einen daran, dass der Ausgang eines quantenmechanischen Experiments innerhalb eines gewissen Rahmens strikt probabilistisch ist. Und zum anderen ist schon aus der klassischen Physik bekannt, dass das Verhalten komplexer Systeme extrem empfindlich von den Anfangs- und Randbedingungen abhängen kann; und zwar so empfindlich, dass man das Verhalten praktisch unmöglich vorhersagen kann (Stichwort Chaostheorie). Insofern hat Ihr Sohn recht: Die Abläufe im Gehirn sind aus physikalischer Sicht 'quasideterministisch', also deterministisch modulo quantenmechanischem Zufall und chaotischer Dynamik. 
Aber nun kommt der Punkt: Was ich hier umrissen habe, ist die physikalische Ebene. Der freie Wille ist aber kein Konzept der physikalischen Ebene, sondern eines der psychologischen Ebene, die gewissermaßen darüber liegt. Die freie Entscheidungsfindung, die jeder von uns ohne Zweifel täglich erfährt, basiert zwar letztlich auf den oben angedeuteten physikalischen Prozessen, aber psychologisch gesehen ist sie dennoch (innerhalb eines gewissen persönlichen Rahmens) frei. Ich meine, dass diese Erkenntnis, herausragende geistige Leistungen, welcher Art auch immer, keineswegs schmälert. Während die meisten Menschen in einem solchen Fall wohl sagen würden: 'Welch ein bemerkenswerter Geist!', sagt der Physiker mit gleicher Berechtigung (aber eine andere Ebene des Phänomens beschreibend): 'Welch ein bemerkenswertes Stück Materie!' Und in der Tat: Das menschliche Gehirn ist mutmaßlich das komplexeste Stück Materie des Universums."


                                                                   ***


Freund *** erzählt am Telefon, er halte jetzt Vorträge über die Geschichte der amerikanischen Demokratie. Wenn danach aus dem Publikum die unvermeidliche Frage gestellt werde, ob denn ein Zwei-Parteien-System eine komplexe Gesellschaft überhaupt hinreichend widerspiegeln könne, pflege er darauf hinzuweisen, dass wir in Deutschland seit kurzem ja ebenfalls ein Zwei-Parteien-System besäßen und die Antwort sozusagen am lebenden Objekt ermitteln könnten. 


                                                                  ***


Ich habe im Frühjahr 2016 geschrieben, dass Merkel als zweitgrößte Zerstörerin unter den Kanzlern in die Geschichte dieses Landes eingehen wird. Ein paar stutzerhafte Opportunisten und Zeitkorrekte fanden das damals ganz schlimm. Vor kurzem gestattete ich mir, die Aussage zu präzisieren: Was ich – und keineswegs nur ich – damals scheinbar keck formulierte, werde in verblüffend kurzer Zeit ein Gemeinplatz, ja eine Trivialität sein. Nun ist es soweit. Ein Heerrufer des Trivialen, bislang Vizekanzler und damit an den Geschehnissen vollkommen unbeteiligt, S. Gabriel, sagte im stern-Interview: "Niemals hätten Kanzler wie Helmut Schmidt, Helmut Kohl oder Gerhard Schröder Entscheidungen über die Öffnung der Grenzen getroffen, ohne wenigstens einmal mit unseren Nachbarn zu sprechen."  Angela Merkel habe Deutschland und Europa "in eine Sackgasse geführt". Als Ursachen dafür nennt er "Naivität oder vielleicht auch Übermut". Schau an. Der Merkel-Stellvertreter sagt, die Dame sei naiv und übermütig (ich legte mich fest auf "übergeschnappt"). Gabriels Resümee: "Europa steht vor der akuten Gefahr, zusammenzubrechen. Die Aufbauarbeit von zwei Generationen steht vor der erneuten Zerstörung." So ein lupenreiner Rechtspopulist reist jetzt als deutscher Außenminister durch die Welt, wenn er sich nicht gerade um seine Familie kümmert! Und welcher Schewardnadse wird erst noch auf diesen Gromyko folgen?

Haben Sie Gabriels Fundamentalkritik an seiner Domina in irgendeinem Mainstream-Medium gelesen? Nein? Dabei ist vielerorts aus dem Interview zitiert worden, doch die wirklichen "Hammerstellen" (D. Bohlen) haben unsere Medienschaffenden wie auf Politbüro-Wink weggelassen. Merkwürdig, nicht wahr? Des Merkens überaus würdig.