Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

Artikelsuche

Allerlei

Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


...mehr

 

 

11. Januar 2017


Impressionen vom Morgenspaziergang aus meinem temporären Refugium:

20170110_084809.jpg

20170110_083934.jpg



Es handelt sich um das Schloss Ettersburg bei Weimar, das Jagdschloss von Goethes Herzog, heute eine Symbiose aus Hotel und Kulturstätte. Momentan ist es eher eine Einsiedelei, doch wird zum Pfingstfestival hier wieder musiziert, Theater gespielt und podiumsdiskutiert, Letzteres mit illustrer Besetzung (diesmal Sloterdijk, Mosebach, Sarrazin, Baberowski, Safranski, Sahra Wagenknecht u.a.m.; hier). Das Reizende an diesem Ort in der Saison ist das schöne Zugleich der Künste in den verschiedenen Sälen; ich hörte einmal, im sonnenbeschienenen Innenhof stehend, aus den umliegenden Fenstern parallel: eine Schauspielerin die Rolle der Iphigenie proben, einen Akkordeonisten die Goldberg-Variationen memorieren und eine Jazzband (nicht mein Fall, aber wir sind ja tolerant) sich ein- oder warmspielen, derweil aus dem Restaurant des heitere Geklapper und Geklirr der tischdeckenden Kellnerinnen dem noch lange nicht anbrechenden Abend schon mal ein Endziel wies. Die Ehefrau intonierte hierzuorts als Artist in Residence am Flügel Schubert, Schumann und Chopin, ich las im Weißen Saal aus meinem frivolen Schrifttum und formierte mich mit H. M. Broder zum ersten und bislang einzigen zu 100 Prozent EU-abholden Diskussionsverweigerungspodium. Ein Schauspieler namens Thomas Thieme trug in der kleinen Kapelle Passagen aus Nietzsches "Antichrist" vor (ich nehme das Etikett "frivol" für mein Geschreibs sogleich zurück), an der Orgel begleitet von einem Eigenkompositionen spielenden Musiker, dessen Name mir leider entfallen ist. Und dergleichen ambitionierter Hirnkitzel mehr. Goethe verkehrte regelmäßig an diesem Ort und spielte im Schloss Theater, Schiller schrieb hier an "Maria Stuart", Wieland, H.C. Andersen und Liszt gehörten zu den Gästen des Hauses. Weimar selbst ist nur 25 Taxi-Euronen oder 20 Busminuten entfernt. Sie merken längst, geneigter Leser, ich spreche eine Empfehlung aus. In dieser Weltgegend lässt sich, trotz eines gewissen Fachkräftemangels an den öffentlichen Plätzen, gut Station machen.