Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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21. Oktober 2020


Als ich gestern Abend bis zur Corona-Sperrstunde – ab 23 Uhr wird das Virus extrem aggressiv – mit Schneeweißchen und Rosenrot bei Tische saß, Austern und Chablis verputzend, schoss es mir wie Heilands- oder Sowjetgründerworte durch den Kopf: Es ist wie 1929, du ahnst (ich duze mich ab Einbruch der Dunkelheit, obwohl Rosenrot mich siezt), ach was, du weißt, dass es in den nächsten Jahren Erschütterungen ungeahnten Ausmaßes geben wird, Freiheitseinschränkungen, Verfolgungen, blutige Auseinandersetzungen, vielleicht einen Zusammenbruch der gesamten freien Welt, wie wir sie noch kennenlernen durften, und doch sitzt du da und genießt den Augenblick, als gäbe es kein Morgen. Irgendwann werden wir sagen: Wir haben es damals doch gewusst, und doch haben wir nicht gewusst, was wir tun sollen...


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Der perfekt spezielle Ableger eines Hamburger Intelligenzblatts titelt:


150 Jahre


Wissen die Dummchen dort denn nicht, dass Deutschland erst 71 Jahre alt ist?

Apropos Dummchen bei der Zeit:


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"Tot an einem Lehrer" hing nicht mal mehr dessen Kopf. Vielleicht sollte man besser Perfidelchen schreiben?


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Heute Nacht träumte mir, im Süddeutschen Beobachter sei nach einer telefonischen Rüge der Schriftleitung durch den Bundespräsidenten Pahl-Rugensteinmeier folgender Text veröffentlicht worden:

"Protest der Heribert-Söder-Stadt München.

Nachdem die große Transformation Deutschlands festes Gefüge angenommen hat, wenden wir uns an die Öffentlichkeit, um das Werk der großen Meister*In Igor Levit vor Verunglimpfung zu schützen. Wir empfinden Levit, die "Verdiente Künstler*in der Bevölkerung" und "Held*in der BRD", als musikalisch-dramatischen Ausdruck tiefster weltoffener Mitmenschlichkeit, die wir nicht durch ästhetisierenden Snobismus beleidigen lassen wollen, wie das mit so überheblicher Geschwollenheit in dem Artikel von Herrn Mauró geschieht. Wer sich selbst als dermaßen unsachverständig offenbart, hat kein Recht auf Kritik wertbeständiger multikultureller Geistesries*innen."


Als ich erwachte, fand ich zum Glück, dass alles anders war:  


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"Schauriger, deprimierender und erregender Eindruck von dem reduzierten, verwilderten und gemeinbedrohlichen Geisteszustand in Deutschland", notierte Thomas Mann am 16. April 1933 in sein Tagebuch.

Gott, wie ich diese Vergleiche liebe.


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Man muss es dem unumstrittenen Igor Levit lassen: Der Bub hat einfach Geschmack, nicht nur, wenn er Beethoven auf Zimmerlautstärke dimmt, sondern überhaupt.


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Mit allem sogenannten Nachdruck muss ich die aktuelle Ausgabe des Cato zur Lektüre empfehlen, die von der ersten bis zur letzten Seite Lesefrucht an Lesevergnügen reiht.


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Ich kann nicht alle Texte hervorheben und beschränke mich auf eine Auswahl. Titelthema des Oktober/Novemberheftes ist naturgemäß Donald Trump, der mit mir in den Bundestag eingezogen ist:


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Quatsch, das war das falsche Foto, lag direkt neben Donald auf der Festplatte und passt irgendwie auch zu ihm, weshalb ich es stehenlassen. Nun aber das richtige:


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(Falls jetzt irgendein Nazisymboljäger fragt, was dieses Doppel-S auf dem Computerbildschirm zu bedeuten hat: Das sind die letzten beiden Buchstaben im Namen des Cembalisten Scott Ross, der Donald und mir gerade Scarlatti vorspielt.)

So Gott ein Einsehen mit dem Schicksal von Mittelerde hat, wird Mister Trump noch weitere vier Sündenjährchen im Weißen Haus den Part des Katechon übernehmen. Über den amerikanischen Präsidenten ist der deutsche Leser zwar dank der Wahrheits- und Qualitätsmedien besser informiert als je eine deutsche Bevölkerung über einen ausländischen Staatschef seit Kim Il-sung, aber die eine oder andere kleine Ergänzung gelingt dem – nach Trumps antikem Vorgänger benannten – konservativen Hochglanzblatt doch. So statuiert beispielsweise der ehemalige US-Diplomat Todd Huizinga, die Gefahr für die Freiheit gehe keineswegs von Trump aus, sondern von seinen Gegnern. Deren "Denkmalstürmerei", so der Präsident des Center for Transatlantic Renewal, sei "Ausdruck des wahnhaften Ansinnens, die amerikanische Geschichte auszulöschen", desgleichen "das gewalttätige Toben gegen die Polizei" und "die Verleumdung Amerikas als eines rassistischen Systems". Obwohl diese Protestler keine Ahnung besäßen, was danach kommen solle, "will man das, was ist, niederreißen". Das einzige Ziel dieser Allianz aus Globalisten und Linken sei "ein neues Nichtamerika" – das ist den Bewohnern der Alten Welt ja geläufig, wo die eurokratischen Eliten im Verein mit der Linken munter dabei sind, ein Nicht-Frankreich, Nicht-Deutschland, Nicht-Ungarn etc. pp. und schließlich auch ein Nicht-Europa herbeizudemolieren. Das Verdienst Trumps sei, dass er die völlig neue politische Lage erkannt habe und seither einen "Freiheitskampf gegen die Intoleranz der Progressiven" führe.

Im anschließenden Essay zieht Siegfried Gerlich eine Bilanz der Präsidentschaft des schlimmen Donald, die erstaunlich unschlimm ausfällt; sowohl außenpolitisch – der entschiedene Kriegsgegner ist wegen seiner Nahost-Diplomatie immerhin als Kandidat für den Friedensnobelpreis nominiert – als auch innenpolitisch, wo der Geschäftsmann vermittels drastischer Steuersenkungen und einer aggressiven Zollpolitik anno 2019 "ein von allen Experten für unmöglich gehaltenes Wirtschaftswachstum von 3,4 Prozent" bewerkstelligte – "lediglich", würde der Kleberclaus sagen –, "das 90 Prozent aller Amerikaner einen erhöhten Nettoverdienst bescherte". Bis Anfang 2020 entstanden unter Trumps Führung sieben Millionen neue Arbeitsplätze; die Arbeitslosigkeit auch unter Schwarzen und Latinos sank "auf das niedrigste Niveau, welches in der Geschichte Amerikas jemals verzeichnet wurde".

Ich kann hier nicht den gesamten Essay referieren, nur zwei Petitessen noch. Die erste: Raten Sie bitte, wie viele Abschiebungen nach Mexiko während der Regierungszeit Barack Obamas stattfanden (kleiner Tipp: die Zahl ist siebenstellig; Lösung steht im Text). Und eines der herrlichen Donald-Zitate (zumindest ich kannte es noch nicht): Auf die Frage, wer oder was der white trash sei, replizierte der Unhold: "Leute wie ich – nur ohne Geld."


Wir blättern.

Karl-Peter Schwarz schreibt in seinem Monatsrückblick: "Die Ernennung Amy Coney Barretts zur Richterin am Supreme Court bedroht die Hegemonie der Demokraten in gesellschaftspolitischen Fragen noch mehr als eine eventuelle Wiederwahl des Präsidenten.
Barrett tritt an die Stelle der im Alter von 87 Jahren verstorbenen liberalen Richterin Ruth Bader Ginsburg. Diese Galionsfigur des Feminismus hatte durch die Weigerung, ihr Amt noch unter Obama aus Altersgründen niederzulegen, den Demokraten die Suppe eingebrockt, die sie jetzt auslöffeln müssen."

Thank you, Ma’am!


Wir blättern weiter und überblättern – aber nicht ungelesen! – eine Analyse der Bevölkerungsexplosion in Afrika sowie einen klugen Text von Norbert Bolz über die Wiederkehr des gnosischen Denkens im manichäischen Weltbild der heutigen Linken.

Matthias Brodkorb wird interviewt, der ehemalige SPD-Bildungsminister und danach Finanzminister von Meckpomm, ein Linker mit Verstand, der gerade ein Buch über die Defizite des deutschen Bildungssystems veröffentlicht hat und seit Jahren die richtigen Fragen stellt (ich habe ihn vor fünf Jahren mal für Focus interviewt):  

"In Hamburg machen 55 Prozent der Schüler das Abitur, in Bayern 'nur' 32. Hamburg schneidet bei den Schulleistungstests aber häufig miserabel ab, Bayern steht stets an der Spitze. Und die Notendurchschnitte liegen in beiden Ländern dicht beieinander. Wie geht das? Wie können die Schüler mit den schlechtesten Leistungen die klügsten sein?"

Jeder kennt die Antwort und tut gut daran, sie für sich zu behalten, denn so viele Arbeitsstellen gibt es bei der Opposition nicht. Aber der SPD-Mann plaudert immerhin aus dem Nähkästchen und bestätigt aufs Trefflichste meine seit einigen Jahren auch durch einen gewisse Nähe zu dieser Klientel empirisch unterfütterten Vorurteile:

"Wer sich vorstellt, daß irgendeine Bildungsministerkonferenz inhaltlich irgendwas in der Hand hat: Mitnichten. Und wenn ich mich an die Kollegen erinnere, wüßte ich nicht, mit wem ich da hätte diskutieren können über die Frage, was Bildung im substantiellen Sinne eigentlich ist. Das heißt, die Kultusministerkonferenz beschließt zwar Bildungsstandards, aber was Bildung eigentlich bedeutet für ein Staatswesen, darüber konnte man zumindest mit der Mehrheit ihrer Mitglieder nicht sprechen."

Mit einem Satz: In 'schland bestimmen Ungebildete über die Bildungsstandards. Und das ist zurückhaltend formuliert.

Was aber ist Bildung, Herr Brodkorb? Antwort:

"Bildung ist jenes Vermögen, mit dem sich der Mensch durch eigene Anstrengung zu Selbstbestimmung und Freiheit erheben kann. Unser Dilemma ist ja, daß wir heutzutage glauben, daß alle Menschen von Natur aus frei und begabt sind. Das stimmt zwar irgendwie, aber nur im Hinblick auf ein prinzipielles Vermögen, nicht im Hinblick auf die empirische Wirklichkeit. Und wenn ich diese Vorstellung habe, dann kann ich kein System wollen, in dem bloß Zertifikate ausgereicht werden, die etwas vorgaukeln, das nicht vorhanden ist. Das hülfe dem Menschen auf dem Weg zu Selbstermächtigung und Würde rein gar nichts. Der Verzicht auf Leistung würde vielmehr in Ungerechtigkeit umschlagen, weil die wirklich Leistungswilligen und -fähigen unsichtbar würden. Dahinter steht ein Menschenbild, das bei mir von Platon herkommt. Hätte ich das mit meinen Kollegen zu diskutieren versucht, hätten die wohl eher den Arzt gerufen."

Wir kommen zum Glanzstück der Ausgabe. Es stammt von Thomas Hoof, einstiger Landesgeschäftsführer der Grünen in NRW, Gründer des Handelsunternehmens Manufactum, Chef des Manuscriptum-Verlages und irgendwie obendrein noch Landwirt:

"Ein andrer Verleger hätte mich
Vielleicht verhungern lassen,
Der aber gibt mir zu trinken sogar;
Werde ihn niemals verlassen.

Ich danke dem Schöpfer in der Höh‘,
Der diesen Saft der Reben
Erschuf, und zum Verleger mir
Den Thomas Hoof noch gegeben!"

("Wintermärchen", Caput XXIII; der miese erste Reim geht klar auf Heines Kappe)

Hoof ist auch der Verleger von Rolf Peter Sieferle – das ist jener Universalgelehrte, dessentwegen an der Hamburger Relotiusspitze eine Bestellerliste gefälscht wurde und der eigentlich geschätzte Herfried Münkler ein Interview lang auf das Niveau einer Canaille sank (manche werden halt schwach, wenn man ihnen die zivilgesellschaftlichen Instrumente zeigt, aber bei Denunziationen bin ich nachtragend wie ein Elefant) –, und er hat zu Sieferles Weltschau "Epochenwechsel" von 1994, in der mit so bewundernswerter wie deprimierender Präzision die heutige Situation vorhergesagt und analysiert wird, einen Essay namens "Anhaltender Epochenwechsel" beigesteuert, den man am besten auswendig lernt und den ich hier auch anpreisen würde, wenn Hoof Suhrkamp-Verleger wäre (aber das wäre er dann nicht mehr lange). Sein Gegenstand ist die "Existenzfrage der modernen fossilenergetisch-industriellen Gesellschaft, ob am Ende des fossilen Zeitalters ein 'Durchbruch nach vorn' oder ein 'Rückfall nach hinten' erfolgt". Die Antwort ist eine Antithese zum Globalismus: "Energieverarmung, Klimaveränderung, Bodenerosion und -verarmung, Saatgutverluste" träten logischerweise "in einem bestimmten Land, auf einem bestimmten Boden, in einem bestimmten Klima“ auf, "in Gesellschaften, die noch Vorräte an Fossilenergien haben, oder anderen, die sie nie hatten. Und es wird von der Resilienz der bestimmten Menschen in diesen Lokalitäten abhängen (...) ob sie diese Einschläge überleben oder darin untergehen."

Sodann durchschreitet Hoof ideologisch schwerstvermintes Terrain mit der Erwägung, ob der deutsche angebliche Sonderweg (Stichworte: "Reichstümlichkeit", "Vielgliedrigkeit", "Mannigfaltigkeit") statt der BRD-offiziellen Vorsehungs- und Heilsgeschichte vom "langen Weg nach Westen" – und angesichts der aktuellen Figur, die eben jener Westen abgibt –, nicht der rechte Weg in eine "andere Moderne" hätte sein können. "Der heutige Ethnopluralismus", notiert Hoof, "ist ein spätes Echo der deutschen Romantik. Diese Haltung selbst ist ihrem Wesen nach 'antihegemonial', weil sie Nationen als 'Gestalten' der Völker sieht und nicht als ausräumbare Lagerstätten aufstapelbarer Wirtschaftsgüter. Die Botschaft eines so gestimmten Volkes an die Nachbarn ist immer: 'Laßt uns unsere Eigenarten! Wir achten auch die euren. Laßt uns in Ruhe.'"

Hoof spekuliert über die sich ankündigende multipolare Weltordnung, welche "viel Ähnlichkeit mit Carl Schmitts Großraumordnung mit Interventionsverbot für raumfremde Mächte haben" werde. Der 'Global Governance' prognostiziert der Rechtspopulistenverlegerschelm denn auch in aller Keckheit eine nur eher symbolische Zukunft: "Ein Weltleviathan mag sich eine Reichskrone aufsetzen – er bleibt aber ein 'Kaiser Ohneland', denn in seinen nominalen Hoheitsgebieten herrscht der Behemoth. Deutschland hat Erfahrung mit dieser Lage."

Das ist purer Sieferle, aber ach, es geht noch tieferle! – vollrohr verschwörungspraktisch nämlich.

Nicht nur die westlichen Gesellschaften sind tief gespalten, das globalistische Establishment sei es auch, wie es der im vergangenen Jahr verstorbene Immanuel Wallerstein als intimer Kenner der Davos-Sekte bezeugt habe: "Eine Gruppe befürwortet unmittelbare und langfristige Repression und hat ihre Mittel in den Aufbau einer bewaffneten Organisation gesteckt, um die Opposition zu zerschlagen. Es gibt aber auch eine andere Gruppe, die Repression auf lange Sicht für unwirksam hält. Sie befürwortet die Lampedusa-Strategie, alles zu verändern, damit alles beim alten bleibt. Man spricht von Meritokratie, grünem Kapitalismus, mehr Gerechtigkeit, mehr Vielfalt und einem offenen Ohr für die Rebellischen – alles aber im Geiste der Abwendung eines Systems, das auf mehr Demokratie und Gleichheit beruht." (Wallerstein, "Stirbt der Kapitalismus? Fünf Szenarien für das 21. Jahrhun­dert", Frankfurt am Main 2014, S. 45)

Die erstgenannte Gruppe, kommentiert Hoof, sollte "eigentlich den Verdacht wecken, das Weltwirtschaftsforum sei eine 'kriminelle Vereinigung' oder biete einer solchen zumindest Unterschlupf". Na was denn sonst! Das Jahr 2020 könnte ohnehin "als eines der Überstürzung in die lange Geschichte der globalistischen Umtriebe eingehen", wie etwa die Dingens-Pandemie ohne signifikant viele Opfer, die inszenierten "Black Lives Matter"-Krawalle sowie der Versuch zeigten, "Weißrußland in einer weiteren 'Farbenrevolution' zu kolorieren", welcher "auf eine geradezu blamable Weise gescheitert" sei, mit dem Ergebnis, "daß das Land sich in die russische Konföderation zurückbindet. So inkompetent haben sich Planer und Exekutoren noch nie gezeigt. Da waren zittrige Hände tätig."

(Nach dieser – wenn auch begründeten – Schleimerei könnte mein Verleger mich wirklich mal zu Rheinwein und Austern einladen wie der Campe den Heine. Hat er nämlich noch nicht. Ist das zu glauben?)

Ein Wort noch zum Essay des fabelhaft belesenen Arthur Abramovych (der erstaunlichste 24jährige, der mir je begegnet ist). In seinem Text "Die Leugnung der Andersartigkeit" beschreibt der in Charkow geborene Literaturstudent an den Exempeln Thomas Mann, Ernst Toller und Daniel Cohn-Bendit die hochselektive Wahrnehmung dessen, was heute und hierzulande als Antisemitismus gilt und was nicht. Bekanntlich bringt nichts die Diversifizierer mehr in Rage als ein Beharren auf Unterschieden, kollektiven zumal, weshalb vor ihnen nur solche Juden noch Gnade finden, die ihr Jüdischsein universalistisch interpretieren und als eine Art Larvenstadium des Globalismus betrachten, mit der Shoah als (un)heilsgeschichtlichem Fixpunkt, deren Lektion lautet: "Es kann jeden treffen, und daher sollst du dich engagieren gegen jede Art der Diskriminierung, gegen jede Art der Zuschreibung kollektiver Eigenschaften, denn Menschen in Gruppen einzuteilen ist grausam und kann tödlich sein." Mit aller Folgerichtigkeit führt diese Einstellung zum Antizionismus, denn die Identifizierung mit dem jüdischen Staat ist ja rassistisch gegenüber den Nichtjuden.

Deshalb, so Abramovych, geriet Thomas Mann, der eine Jüdin heiratete, dessen Kinder also Juden waren bzw. sind, der "zeitlebens bei jüdischen Verlegern publizierte, von völkischen Gegnern des Judeseins bezichtigt wurde und im amerikanischen Exil so eindringlich wie kaum ein anderer auf den Genozid an den Juden hinwies", auf den Index der "Antisemitismus-Schnüffler in der Thomas-Mann-Forschung": Was sie dem Schriftsteller übelnehmen, "ist keine etwaige Abneigung gegen das Judentum – die war bei Mann schlichtweg nicht vorhanden. Was sie ihm recht eigentlich zum Vorwurf machen, ist, daß er zwischen Juden und Nichtjuden unterschied."

"Gott ist – die Unterscheidung", heißt es im Josephsroman, und damit wollen wir es bewenden lassen.


Noch drei finale Zitate aus dem Heft:

"Nötig wäre zumal in Krisenzeiten die Förderung, zumindest Schonung regenerativer Potentiale wie Familie, Bildung, Handwerk, Landwirtschaft, Privateigentum und Selbstverantwortung − eine deutliche Senkung der Steuern und der Staatsquote. Es verheißt nichts Gutes, daß das genaue Gegenteil geschieht."
(Andreas Lombard)

„Weil Demokratie und Medienfreiheit in Polen eben (noch) nicht gleichbedeutend sind mit einer allgemeinen politisch korrekten Gleichschaltung, gilt auch die Möglichkeit, in Belarus freiheitliche Strukturen einzuführen nicht als Bedrohung konservativer Werte, sondern als Möglichkeit, diese erst recht zu verteidigen.

Polen, einst im Zentrum Ostmitteleuropas, steht heute geopolitisch mit dem Rücken zur Wand: im Osten die weitgehend undurchlässige Grenze zum russischen Einflußbereich, im Westen der deutsche Nachbar, dessen Regierung und Medien die gegenwärtige konservative Regierung zu Fall zu bringen versuchen. Eine Öffnung nach Osten wäre aus polnischer Perspektive eine Befreiung und würde Warschau endlich wieder in jenen geostrategischen Kontext stellen, der vor den polnischen Teilungen den Osten Europas prägte, nämlich die enge kulturelle, wirtschaftliche und politische Verwobenheit Polens mit den baltischen Staaten, dem heutigen Belarus und der Ukraine.“
(David Engels)


"Ich will nicht Kunstgeschichte lehren; ich möchte, daß die Leser daran gewöhnt werden, die Schönheit der Kunst wahrzunehmen. So sollte mein Magazin eine Art Geschmacksschule werden, um zu zeigen, daß die Welt voller schöner Dinge ist."
Also sprach Franco Maria Ricci, der am 10. September verstorbene Verleger der 1982 bis 2004 in fünf Sprachen erscheinenden Kunstzeitschrift FMR – Federico Fellini nannte sie "la perla nera dell’editoria mondiale" ("nera" wegen des schwarzen Hintergrunds jedes Titelblatts) –, auf den Johann von Behr einen schönen Nachruf verfasst hat.

Bestellen können Sie Cato hier. (Ich lese gerade, dass die Ausgabe erst übermorgen erscheint; also: Noch zweimal schlafen!)


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Der heißeste Kandidat für den "Tweet des Jahres" 2019:


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PS: "Es gibt mittlerweile etliche Berichte – in den deutschen Medien nur sehr klein –, dass das SARS-CoV2-Virus, wie Abwasseruntersuchungen zeigen, schon vor dem Dezember 2019 in Italien und Spanien virulent war (was die  starke Durchseuchung und die hohen Opferzahlen dort gut erklären würde)", schreibt Freund ***. "Angeblich verschaffte es Nathan Mayer Rothschild einen ziemlich ordentlichen geldwerten Vorteil, dass er früher von der Niederlage Napoleons in Waterloo wusste als seine Kollegen an der Börse. Auch heute gibt es Nachrichtenverzögerungen und einige, die früh Bescheid wissen. Überhaupt verdient man mit der Bescheidwissenschaft das meiste."


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Dieser Heuchelei-Synoptiker Argo Nerd ist eine echte Entdeckung:


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Die Nazimentalität bei der Arbeit. Diesmal: Seuchenbekämpfung.


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Zum Gegenschneiden:


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(Link)


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Es fehlt noch ein Beispiel aus der daily soap "Höhepunkte der Willkommenskultur".


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Dass wegen der systematischen Begünstigung solcher Taten durch Politik, Medien und Asyllobby keine Köpfe rollen, ist ein unglaublicher Skandal.


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Aber dieser Tag soll versöhnlich enden. Die von mir hochgeschätzte Zeitschrift für Konsensstörung hat auf ihrer Webseite ein Zeitungsabokündigungschreiben veröffentlicht, das kanonisiert zu werden verdient. Es betrifft die FAZ – die anderen kündigt man kommentarlos. Man kann es genießen wie ein gutes Glas (oder gleich mit einem guten) Rotwein – hier.