Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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7. Oktober 2020, Tag der DDR


Mein Satz des Tages oder der Woche, wenn nicht des Epöchleins:


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Zur Bewunderung herabgewürdigt. Wie könnte man trefflicher illustrieren, was der Begriff Ressentiment meint?

(Schreibe mir jetzt keiner, das herabgewürdigt beziehe sich auf "Objekt". Alles, was der Mensch bewundert, ist notgedrungen Objekt – von der Eigenliebe natürlich abgesehen.)


                                 ***


Nach wie vor kann ich es nicht fassen: Ich bin unter Androhung einer Strafe von 5.000 bis 25.000 Euronen gezwungen, in den (meistens weitläufigen, jede Art Abstand ermöglichenden) Fluren und Veranstaltungsräumen des Bundestags eine Maske zu tragen. Nebengrund: eine angebliche Pandemie. Hauptgrund: Demütigung. Disziplinierung. Dressur. Was kommt als nächstes? Auf allen Vieren gehen, damit die Aerosole in Bodennähe bleiben? Sonst zur Bewährung Masken nähen im Isolationsbetrieb?

Leser ***, Arzt aus der Schweiz, schickt mir "eine Erklärung zu Corona von drei ausgewiesenen Fachleuten, die die Mittelstrahlmedien verschweigen":

"Diejenigen, die nicht schutzbedürftig sind, sollten sofort wieder ein normales Leben führen dürfen. Einfache Hygienemaßnahmen wie Händewaschen und der Aufenthalt zu Hause im Krankheitsfall sollten von allen praktiziert werden, um den Schwellenwert für die Herdenimmunität zu senken. Schulen und Universitäten sollten für den Präsenzunterricht geöffnet sein. Außerschulische Aktivitäten, wie z. B. Sport, sollten wieder aufgenommen werden. Junge Erwachsene mit geringem Risiko sollten normal und nicht von zu Hause aus arbeiten. Restaurants und andere Geschäfte sollten öffnen können. Kunst, Musik, Sport und andere kulturelle Aktivitäten sollten wieder aufgenommen werden. Menschen, die stärker gefährdet sind, können teilnehmen, wenn sie dies wünschen, während die Gesellschaft als Ganzes den Schutz genießt, der den Schwachen durch diejenigen gewährt wird, die Herdenimmunität aufgebaut haben."

Unterzeichnet haben ein Harvard-, ein Oxford- und ein Stanford-Professor, Mediziner natürlich.


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Leser *** sendet einen Link zur Website Espacenet für Patentrechte, wo sich folgender Eintrag findet:


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Pikant sei das Datum, schreibt ***: "Bereits am 13. Oktober 2015 hat der Brite Richard A. Rothschild mit entsprechendem Prioritätsdatum seinen Patentantrag ankündigte für das im Betreff genannte System zum Test auf COVID-19. Wie kann dies sein, wenn diese Erkrankung als 'bisher unbekannt, also neu' beschrieben wird? Nun kann man annehmen, der Hinweis auf COVID-19 wurde erst mit Beginn des tatsächlichen Antrags, also Beginn der Genehmigungsprozesses, eingefügt – lt. Globaler Akte am 17. 5. 2020. Doch in der Beschreibung zu US2020279585 (A1), welche letztmals am 26. 8. 2019 aktualisiert wurde (in der englischen Originalversion ist dieses letztmalige Aktualisierungsdatum ganz unten angegeben, nicht jedoch auf der Seite der offiziellen deutschen Übersetzung!), wird auch bereits COVID-19 erwähnt.
Das Veröffentlichungsdatum des nun ereilten Patentes ist der 3. September 2020."

 
Die Erkrankung wurde bekanntlich erstmals Ende des Jahres 2019 in Wuhan beschrieben. Ist da draußen irgendwo ein Spezialist, der diesen mysteriösen Eintrag erklären kann?


PS: Das konnten einige. Leser ***, Patentanwalt, schreibt:

"Es handelt sich offenbar um eine US-amerkanische sog. 'continuation-in-part'-Patentanmeldung, die auf einer 2015 eingereichten US-Patentanmeldung beruht, deren Offenbarung (Inhalt) jedoch ergänzt wurde. Vereinfacht ausgedrückt, haben die Erfinder 2015 eine Patentanmeldung bezogen auf biometrische Daten eingereicht, und diese dann im Mai 2020 um auf COVID-19 bezogene Aspekte ergänzt. Dabei behalten die 'alten' Teile der Anmeldung den alten Zeitrang, was entsprechend im Register vermerkt wird. Das alles ist eine Besonderheit des US-Patentrechts, aber keine Teufelei von Gates et al."


Leser ***, ebenfalls Patentanwalt, setzt hinzu: "Diese Patentanmeldung mit dem Hinweis auf COVID-19 wurde am 17.5.2020 eingereicht. Die Patentanmeldung gehört zu einer Patentfamilie (Patentanmeldungen, die ein und dieselbe Erfindung betreffen), die bis in das Jahr 2015 zurückreicht, siehe die Angaben unter Ziffern (63) und (60) auf dem Deckblatt der Veröffentlichungsschrift ('Patent Application Publication' US 2020/279585 A1). Frühere Patentanmeldungen dieser Patentfamilie enthalten nach meinen Recherchen diesen Hinweis jedoch nicht. Möglicherweise ist das nur ein Mißverständnis, das den nicht ganz einfachen Zusammenhängen bei US-Patentfamilien geschuldet ist."


"Da ich auf dem einschlägigen Gebiet des Patentwesens tätig bin (wenn auch nicht im Bereich der Mikrobiologie), möchte ich versuchen, den scheinbar mysteriösen Eintrag aufzuklären", sekundiert Leser ***. "Es gibt die US-Patentanmeldung US2020/279585 mit dem Titel 'System and Method for Testing for COVID-19', eingereicht am 17. Mai 2020. Sie hat mehrere Prioritäten, die früheste ist vom 13. Oktober 2015. In dieser Patentanmeldung  vom 17. Mai 2020 ist der Aspekt 'COVID-19' erstmals beschrieben. (Hier ist der Link).

Es gibt, zum Vergleich, die frühere US-Patentanmeldung US2020126593 mit dem Titel 'System and Method For Using, Processing, and Displaying Biometric Data', eingereicht, am 5. Dezember 2019. Auch diese Patentanmeldung hat mehrere Prioritäten, genau genommen die gleichen wie die vorgenannte. Die früheste Priorität ist also wiederum vom 13. Oktober 2015. Die Patentanmeldung vom 5. Dezember 2019 beinhaltet jedoch NICHT den Aspekt 'COVID-19'. (Hier ist ebenfalls der Link – einfach mit der Suchfunktion des Browsers im Text der Anmeldung nach 'COVID' suchen. Ganz ähnlich dürfte es ich mit den anderen früheren Prioritäten verhalten; das habe ich jetzt nicht im Einzelnen geprüft). 

Es gibt also keinerlei mysterösen Kausalzusammenhang, wenn der Aspekt 'COVID-19' erstmals in einer Patentanmeldung beschrieben ist, die am 17. Mai 2020 eingereicht wurde.

Das amerikanische Patentrecht (und nur dieses) erlaubt eine praktisch endlose Verkettung von Anmeldungen (sogenannte 'continuation-in-part'), bei der mit jeder neuen Anmeldung einfach ein neuer inhaltlicher Aspekt ('part') zu den bisherigen Inhalten hinzugefügt wird. Außerhalb der USA geht das nicht so ohne weiteres. Soweit ersichtlich, hat Herr Rothschild bisher nur in den USA Patentanmeldungen getätigt. Innerhalb eines Jahres nach der erstmaligen Anmeldung können unter Inanspruchnahme der Priorität dieses erstmals offenbarten Gegenstandes Patentanmeldungen außerhalb der USA angemeldet werden.

Klingt wahrscheinlich ziemlich kryptisch, aber das ist das tägliche Brot eines Patentprüfers."



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Beim Blättern im letzten Band der Acta stieß ich auf die Nachricht, man plane bei der Lufthansa, die Reihe 18 abzuschaffen und dafür die 13 wieder einzuführen. Das war natürlich bzw. wahrscheinlich ein Witz. Aber ganz sicher kann man sich heute nicht mehr sein. Was halten Sie zum Beispiel von dieser Petition:


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Scherz, Satire oder tiefere Bedeutung?

Ziemlich sicher echt ist – wohl - das:


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PS: Als Teenager war ich eine Zeitlang Ringer (griechisch-römisch), bis ich bei meinem einzigen Wettkampf an einen Richtigen geriet; dann erlosch mein Interesse an dieser durchaus schmerzhaften Leibesübung. Aber wenn ich heute in der Presse lese, wo überall und worum "gerungen" wird, dann könnte ich glatt, sofern ich der Typ dafür wäre, um Fassung ringen.  


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Irgendwie noch zum Vorigen.

"Wo gibt es die erste Dr. Angela-Merkel-Straße?" fragt Leser ***.  "Zu Lebzeiten soll ja niemand als Namensgeber einer Straße, eines Platzes, einer Universität oder eines Flughafens herhalten. Aber es gab Ausnahmen: Ein vergleichsweise allenfalls mittelmäßiger Amtsvorgänger der amtierenden Regierungschefin durfte die Benennung der von ihm in seiner Amtszeit als Verteidigungsminister gegründeten Bundeswehrhochschule in Hamburg erleben. Einem anderen Vorgänger wurden Zeit seines Amtes zahllose Plätze und Straßen gewidmet, allerdings wollte ihn nach seinem Ausscheiden aus dem Amt kaum noch jemand gekannt haben.

Es muss gehandelt werden. Welche Städte steigen ein in das Rennen? Berlin, Chemnitz, Frankfurt, Kandel, Köln, Köthen? Dafür muss dann schon etwas Repräsentatives her und nicht nur eine Nebenstraße in einem x-beliebigen Neubaugebiet. Es stehen ja derzeit zahlreiche Umbenennungen auf so mancher kommunalen Tagesordnung.  

Mit der medialen Reichweite Ihres Diariums könnte diesem nicht unwichtigen Vorhaben eine gewisse Dynamik verliehen werden."

Chemnitz ist eine brillante Idee. Auch die Rigaer Straße in Berlin böte sich an. Oder der Platz der Republik dortselbst, also die Adresse des Bundestags. 



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Nachdem ich wiedervereinigt wurde, studierte ich als plötzlicher Journalist und interessierter Zeitgenosse natürlich aufmerksam die Westpresse. Der Lektüre der Zeit war unter anderem die Musikschulstunde meiner Tochter vorbehalten, während welcher ich in einem Café auf sie wartete. Damals fiel mir auf, dass die verschiedenen Gazetten sowohl psychisch als auch physiologisch verschieden auf mich wirkten. Nach der Spiegel-Lektüre etwa fühlte ich mich einer von Niedertracht geleiteten Welt auf zynische Weise überlegen. Nach einer Stunde Beschäftigung mit der Zeit – politischer Teil, Feuilleton – stellte sich eine gewisse Überzuckerung ein. Eigentlich könnte die Welt ein schöner Ort sein, wenn alle dächten wie wir, lautete die sogenannte Botschaft. Die meisten Texte waren ersichtlich von haupt- oder ehrenamtlichen Pädagogen verfasst. Aus jeder Zeile sprachen Güte und Bescheidwissenschaft. Grenzenloses Verständnis drohte denen, die bereit waren, den Ratschlägen der Gouvernanten zu folgen und ihren Offenbarungen zu glauben. Auf die Verstockten würde man noch ein paar weitere Kommentare lang einreden, aber irgendwann wäre natürlich Schluss.

(Ich habe später sogar für die Zeit geschrieben. Ich war jung, und ich brauchte sogar das bisschen Geld. Schwamm drüber. Vorzuwerfen habe ich mir eigentlich nur eine miese Invektive gegen Oswald Spengler.)

Diese Ausführungen schicke ich vorweg, um kurz auf einen Zeit-Artikel einzugehen, den ich wegen seiner triefenden Güte, fingierten Differenziertheit und scheinbaren Selbstkritik einen typischen Zeit-Artikel nennen möchte, obwohl er nicht einmal von einer Zeit-Redakteurin welchen Geschlechts auch immer stammt, sondern von einer Schriftstellerin mit ganz viel Migrationsbiographie (und allein dadurch zur Erzieherin verstockter Sekundärrassisten prädestiniert).


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Um Göttinnenswillen! Hannah Arendt hat "Neger" gesagt! Und irgendeine Ausstellung verbreitet das! Diesem erschütternden Vorfall gilt das routiniert simulierte, längst habituell gewordene Entsetzen inmitten der korrekten Bewunderung für eine der wenigen Philosophinnen. Allein dieses schleimige "Unser" und "Wir"! Also ich habe mit denen kein Wir.

Was folgen muss, ist klar. Vorwurf. Schuld. Irgendeine Forderung. Rassismus ist weiß, der Kolonialismus ist schuld daran, dass es bis heute immer noch Unterschiede (discrimen) zwischen den Erdenkindern gibt.


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Merkwürdig, dass es Weiße waren – und ausschließlich Weiße –, die die Menschenrechte deklarierten und die Sklaverei abschafften. Merkwürdig auch, dass Schwarze untereinander mit dem "N-Wort", auch in seiner verschärften Version, kein Problem haben. Sklaverei und Kolonialisierung von anderen Völkern waren Konstanten der Geschichte, nichts spezifisch Weißes; "Rassismus" gab und gibt es bis heute überall, wahrscheinlich aber am wenigsten im Westen; jede Hochkultur, jedes Imperium beruhte in mehr oder weniger großem Umfang auf Sklavenarbeit (dazu der Historiker Egon Flaig hier, etwas scrollen), und der Sklave bzw. der Kolonisierte galt überall als Wesen niederen und niedrigsten Ranges. Die islamische Welt, in der bis heute Sklaverei praktiziert wird, war "das größte und langlebigste sklavistische System der Geschichte" (Flaig), und wer sich fragt, warum in diesen Ländern vergleichsweise wenige Schwarze leben, möge darüber meditieren, was man mit Messern alles an Männern anstellen kann. Warum es keine Vorwürfe und Forderungen gegenüber islamischen Ländern gibt, habe ich gelegentlich ausgeführt: Es herrscht dort kein aktivierbares kollektives schlechtes Gewissen. Wo nichts zu holen ist, wird auch nicht moralisiert.



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Alles Quatsch. Dekolonisieren bedeutet bei diesen Leuten: die Brille wechseln. Die alte Kolonialherrenmenschenbrille, die auch damals schon nicht jeder trug, soll durch die weiße Schuld- und Wiedergutmachungsbrille ersetzt werden. (Wie gesagt, ich verbitte mir dieses "Wir". Ich weiß sehr wohl, meinen Sinnen, meinen Erfahrungen, meinen Lektüren und meinem Verstand zu trauen. Ich unterscheide.) Was diese Leute wollen, ist, in der Teminologie der Marxisten gesprochen, das Klassenbewusstsein anprangern – Rassenbewusstsein dürfen sie nicht sagen, aber sie denken so unentwegt und manisch an Rassen, wie eine victorianische Gouvernante an Sex –, und zwar als "objektiv falsches Bewusstsein" unverdient Privilegierter. Deshalb denken und reden sie immer kollektiv und meinen gleichzeitig, diesem Kollektiv die klitzekleine Einsicht vorauszuhaben, dass es sich von einem falschen Bewusstsein leiten lässt, und das oft unterbewusst, weshalb es auf die Couch der Therapeuten des alten Hamburger Schnarchblattes gehört,

Nach all diesem Bekenntnisgeschwafel muss irgendeine Forderung kommen.

"Was hat sich das Museum dabei gedacht, Arendts Verwendung des N-Wortes in dieser Zeit unkommentiert zu reproduzieren? In der Ausstellung selbst, die ich im Mai besuchte, gab es keinen Hinweis darauf. Also schrieb ich an das Museum und schlug eine Klarstellung an Ort und Stelle vor. Dies würde sowohl den Entscheidungsprozess der Institution transparenter machen als auch die Besucher warnen, bei denen das Wort schmerzhafte Reaktionen auslöste. Außerdem könnte eine Klarstellung diejenigen informieren, denen vielleicht nicht bewusst ist, dass das Wort nicht mehr beiläufig verwendet werden sollte. ... Im Juli schickte ein Freund mir dann ein Foto aus der Ausstellung. Es zeigte ein rotes Schild mit einer Erklärung, die folgendermaßen endete: 'Der Ausdruck hat eine rassistische Tradition. Seine Übernahme in die Collage ist allein der Verpflichtung zum originalgetreuen Umgang mit historischen Quellen geschuldet'. Das Schild wurde am 10. Juni aufgehängt. Seither hat es keine weiteren Meldungen gegeben."


Was für ein widerliches Zeug. Zuerst dieses Sich-wichtigmachen im Namen von, immer schon mit dem Gedanken der Veröffentlichung im holden Hinterkopf. Dann dieses tantenhafte Belehrungs-Getue, als seien die Besucher einer Hannah-Arendt-Ausstellung zu blöd, um historische Begriffe historisch zu begreifen. Überhaupt dieses Melden, dieses Anschwärzen (sic!), dieses Schießen aus dem sicheren Biwak des Zeitgeistes, platzend vor grundgutem Gewissen. Grundgütige!


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Noch zum Vorigen eine Wiedervorlage. Am 25. Oktober 2018 schrieb ich über Frank Böckelmanns Buch "Die Gelben, die Schwarzen, die Weißen", das mir weiland auf der Buchmesse in die Hände geriet (die Erstausgabe war 1998 in Enzensbergers "Anderer Bibliothek" erschienen und zwischenzeitlich lange vergriffen) unter anderem Folgendes:


Das maoistische China entsandte in den 1970er und 80er Jahren 250.000 Vertragsarbeiter nach Tansania und Sambia, um die schwarzen Völker im Kampf gegen den weißen Kolonialismus zu unterstützen, speziell beim Bau der Tan-Sam-Eisenbahn. Die Gastarbeiter mieden alle persönlichen Kontakte zu den Einheimischen, schlossen weder Freund- noch Liebschaften, und als sie abzogen, ließen sie keine Nachkommen dort zurück. Als Journalisten einige der Rückkehrer in der Heimat auf einer Pressekonferenz fragten, welche Anregungen sie in Afrika empfangen hätten, herrschte minutenlanges quälendes Schweigen... – Umgekehrt verließen fast alle Afrikaner, die Anfang der 1960er Jahre zum Studium nach China gegangen waren, das Land schnell wieder. Chinesinnen, die sich mit Afrikanern angefreundet hatten, wurde ausnahmsweise erlaubt, mit ihnen zu gehen. "Binnen Jahresfrist kehrte ein Teil der ausgewanderten Bräute nach China zurück und beklagte sich öffentlich darüber, daß das afrikanische Essen ungenießbar sei. Zudem habe sich in Afrika herausgestellt, daß die Ehegatten jeweils schon mehrere Frauen hatten."

In Japan kam nach 1945 eine sechsstellige Zahl von Kindern zur Welt, deren Väter amerikanische Besatzungssoldaten waren, und viele davon hatten naturgemäß schwarze Väter. Die Mütter solcher Mischlinge setzten die Kinder entweder einfach aus, versuchten, sie irgendwo abzugeben – oder sie wurden aus dem Land getrieben; von Letzteren emigrierten viele nach Brasilien. Ein Teil der Mischlingskinder wurde von amerikanischen oder europäischen Familien adoptiert. "Kein einziges Kind fand japanische Adoptiveltern." Ein halbes Jahrhundet später bewerteten Böckelmanns Interviewpartner den Eintritt eines Schwarzen in eine japanische Familie wahlweise als Katastrophe oder als Schande. Sie würde "weinen bis zum Tod", wenn ihre Tochter mit einem Neger nach Hause käme, gab eine der befragten Frauen zu Protokoll. Böckelmann zitiert einen japanischen Anthropologen mit den Worten: "Humanismus ist eine Sache, der physiologische Widerwille vor bestimmten Menschen eine andere."


Ich finde diese Kindsablehnung übrigens empörend. Aber das ist meine Privatmeinung.


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Apropos Tag der DDR (es hieß offiziell "Tag der Republik", wie mich Leser *** belehrt; als Schüler musste ich am 7. Oktober immer demonstrieren gehen): Alexander Wendt hat einen grandiosen Text über die offizielle Staatsparty am 3. Oktober geschrieben, der sich mit der wenig hilfreichen Frage beschäftigt, wer aus der Ehemaligen im vereinten Deutschland Karriere machen konnte und wer nicht, und warum die Einheitsfeierlichkeiten ohne Menschen auf Podien auskamen und auskommen, die am Untergang des realsozialistischen Großknasts irgendeinen Anteil hatten. Einzige Ausnahme: Arnold Vaatz. Der durfte in Dresden vor dem Landtag reden, was drei Fraktionen zum Anlass nahmen, der Feier fernzubleiben.

Wendt: "Vaatz will 2021 nicht wieder für den Bundestag kandidieren. Seine Außenseiterrolle reicht ihm schon jetzt manchmal. ... Der Vorsitzende der Linkspartei-Fraktion im sächsischen Landtag Rico Gebhardt nennt Vaatz ein 'politisches Irrlicht'. Das sagen auch viele kanzleramtstreue Unionsabgeordnete so. Er, Gebhardt, könne 'überhaupt nicht erkennen, was Vaatz für diese Festrede qualifiziert'.

Als Vaatz gerade auf Bewährung entlassen worden war und ein halbes Jahr Zwangsarbeit hinter sich hatte, 1984, begann Gebhardt seine Laufbahn als hauptamtlicher FDJ-Sekretär." (Weiter hier.)


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"Sehr geehrter Herr Klonovsky, lese gern Ihre Beiträge der 'Acta' mit Ausnahme Ihrer Tiraden gegen die DDR und die Linke im Allgemeinen. Die Linke ist so vielfältig wie die Rechte.

Wenn es in der DDR so schlecht war, warum loben viele 'Wessis' den Osten, sind begeistert über die schönen Orte dort – aber nicht nur über Kultur, Natur und Architektur sondern auch über Menschen, die sich noch ihre Eigenständigkeit bewahrt haben und – noch – nicht die 'Buntheit' des Westens haben? Warum wohl? Irgendetwas muss doch wohl auch richtig gewesen sein im Osten. Im übrigen merken wir, dass zunehmend 'Wessis' hier in den Osten ziehen denn im vielgelobten Westen wird es zunehmend ungemütlicher."

Sehr geehrte Frau ***, es wird Sie wahrscheinlich nicht überraschen, dass ich der Ansicht bin, der Osten sei nicht wegen sondern trotz der überstandenen realsozialistischen Pandemie heute der womöglich bessere Teil des ohnehin besten Deutschlands aller Zeiten und Völker. Die Abschottungspolitik der SED-Vögte hat in gewissem Maße dazu beigetragen, aber das war keineswegs intendiert. (Ich meine das nicht die Bohne "ausländerfeindlich"; wo mir der Westen angenehmer ist als der Osten, ist er es vornehmlich wegen der Ausländer, aber diese Aussage gilt auch dort, wo er mir unangenehmer ist.) Die Natur kommt von Gott, die erhaltene Architektur wiederum hat die DDR ja nur in Gestalt von Ruinen überdauert, für deren Beseitigung bzw. Renovierung die Mittel fehlten, weil das sozialistische Experiment gottlob wirtschaftlich auf töneren Füßen stand und die Genossen es nicht schafften, die Innenstädte umzubauen und zu verschandeln, wie es der in diesem Punkte noch ideologiegetriebenere Westen tat.  

Nein, es war nicht alles schlecht in der Ehemaligen, aber das gilt zu allen Zeiten für fast alle Länder, denn dort leben ja Menschen, die in ihrer Mehrheit eben nicht schlecht sind. Wenn ich sage, die DDR sei ein Drecksstaat gewesen, meine ich nicht "die Menschen", sondern tatsächlich den Staat, die Parteibonzen, die bösen Greise des Politbüros, die Spitzel, die Mitmacher, die Beflissenen...