Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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8. Mai 2020

 

"Manche sagen, Mutterschaft sei eine einzige biologische Plackerei, die Frauen aufzehrt, die Besseres mit ihrem Leben anfangen könnten. Wir alle brauchen doch etwas, das uns aufzehrt. Auch wenn ich selbst keine Mutter sein kann, lasse ich mich doch gern von der Mutterschaft und wozu sie führt, aufzehren, genauso wie ich – die meiste Zeit – gerne zu meiner Frau, meinen Kindern, mehreren Rindern, Schafen und Pferden gehöre. Gibt es einen besseren Weg, aufgezehrt zu werden?"

Wendell Berry, "A Few Words for Motherhood", 1980 (zitiert nach Douglas Murray, "Wahnsinn der Massen", München 2019)



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Im rotrotgrün quasi-regierten "Reichshauptslum" (Don Alphonso) ist heute wieder Feiertag. Wer in der DDR außerhalb der SED-Zirkel aufwuchs, hat gerade am sogenannten "Tag der Befreiung", dortzulande gern zum "Tag der Bereifung" verballhornt, die ganze Verlogenheit des siegerknutenküssenden realsozialistischen Satellitenstaatenbewusstseins – "Dank euch, ihr Sowjetsoldaten!"; "Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen!"; "Der Sowjetsoldat – dein Vorbild" – kennenlernen dürfen bzw. müssen und ist gegen die vergaunerten Versuche der Wiederbelebung eines solchen kollektiven Kotaus halbwegs immunisiert, wie er seit der Wiedervereinigung gleichwohl mit immer größerer Selbstverständlichkeit praktiziert wird, beispielsweise durch die Teilnahme deutscher Staatsführer an den Siegesfeierlichkeiten der Alliierten beider Weltkriege (die selbstredend ein zusammenhängender waren). Als ob Auschwitz nicht längst der "Gründungsmythos" (Joseph "Jockel" Fischer) der Bundesrepublik und die Verfluchung des Nazi-Reiches nicht längst Staatsdoktrin, Staatsreligion und täglicher Ritus wäre, als ob noch irgendwo politische Kräfte existierten, die sich auf Hitler beriefen, als ob das "Relativieren" der NS-Verbrechen, wozu nach gewisser Lesart bereits gehört, andere Untaten zu erwähnen, ja überhaupt zu kennen, nicht längst ein Vorwurf wäre, der zur gesellschaftlichen Ächtung führt, mahlen die Mühlen der historischen Deutschlandschleifung immer weiter.

Der finale Schritt ist die Erhebung des Sieges der Anderen zum Feiertag, die applaudierende Ineinssetzung der Zerschlagung des Hitlerregimes mit dem Untergang des deutschen Reiches. Ein historisch widerlegtes Volk möchte aus der Geschichte aussteigen und unter das Dach der Geschichte der anderen schlüpfen. Karthago möchte ums Verrecken seinen Untergang feiern, zumindest seine Eliten wollen das Ceterum censeo gegen das eigene Land sprechen, dem sie mental längst den Rücken gekehrt haben. Die schlimmsten Verbrechen aller Zeiten begangen haben zu wollen und darum vor allen anderen verdammt zu sein, ist die letzte Regung des deutschen Nationalstolzes; deswegen erzählen viele Deutsche auch so beflissen oder wahrscheinlich sogar gern von diesen Verbrechen; es ist das letzte, womit sie schulddurchglüht oder bloß Zerknirschung simulierend prahlen können – wobei man fairerweise anmerken muss, dass sie lediglich von den Verbrechen der anderen Deutschen erzählen, der Vorfahren, von denen sie sich abgespalten haben und deren Traditionen sie verachten, weil sie nach Auschwitz und nirgendwohin sonst führten, denn der Bruch mit allem Vorherigen, die endgültige Trennung von der eigenen Herkunft, die Kollektivverfluchung, das ersehnte Ende eines Etwas namens deutsches Volk ist ja der eigentliche Zweck der ganzen geschichtsexegetischen Alltagsgymnastik, die wiederum nur als flankierende Maßnahme zu den globalistischen Turnprogrammen stattfindet, welche Namen tragen wie Diversifizierung, EU-Vertiefung, Globale Migration, one world... – ich breche hier ab, die Besucher des kleinen Eckladens kennen diesen immergleichen Monolog, und auch wer die Wahrheit und nichts als die Wahrheit sagt, hat kein Recht, sein Publikum zu langweilen. 

In der historischen Abteilung einer großen Berliner Buchhandlung machte ich gestern dieses Foto:

Täterbios

Dort taucht kein Assurbanipal, kein Nero, kein Timur, kein al-Mansur, kein Vlad Tepes, kein Jeschow, kein Jagoda, kein Mao, kein Pol Pot auf. "Täterbiografien" gibt es ausschließlich von Deutschen.


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Zwei Leserzuschriften zum 8. Mai als Feiertag (s. Acta vom 6. Mai):

"Den Übergang von einem Terrorregime zum anderen und damit verbunden zu Massenvergewaltigungen, zu Vertreibungen von Millionen Menschen aus ihrer Heimat, zu organisierter Verschleppung von unzähligen unschuldigen Menschen in die sowjetischen Gulags sowie zu Mord und Terror in den von den Sowjets übernommenen Konzentrationslagern gegen Sozialdemokraten, Christen und Menschen, die den neuen Machthabern kritisch gegenüberstanden, als Befreiung zu deklarieren und sich das Vokabular der kommunistischen Verbrecher zu eigen zu machen, ist empathielos und an Zynismus kaum zu überbieten. Wie befreit mögen sich wohl Menschen fühlen, die aus heißem Öl genommen und in kochendes Wasser geworfen werden? Ebenso pervers ist es übrigens, die Verbrechen Stalins mit denen Hitlers zu rechtfertigen."

Und:

"Mich würden Selbstanklagen im Prinzip gar nicht stören. Sie gehören zum Leben jedes denkenden Menschen dazu. Sofern sie auf dem Boden von Vernunft, Maß und Fakten stehen. Das tun sie normalerweise, so lange die ehrliche Motivation dieser Selbstanklagen darin besteht, das eigene Tun richtig einzuschätzen und für die Zukunft gegebenenfalls zu verbessern.
 
Das Widerwärtige an unseren deutschen Selbstanklagen, besser: den Selbstanklägern, besteht aber gerade darin, dass sie sich eben nicht selbst anklagen, sondern sich im Gegenteil durch diese Klagen selbst erhöhen und von den anderen abheben wollen. Es sind ja gar keine Selbstanklagen, sondern die scheinbare Selbstanklage dient der eigenen Exkulpierung und der Behauptung, ein besserer Mensch als die angeklagten anderen zu sein. 

Die 'Selbstanklage' ist in Deutschland eine pervertierte Form des Pharisäertums."


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Dass Linke Gefallen am "Tag der Befreiung" finden, mag auch mit deren Faible für Ruinen zu tun haben. Wenn Sie, geneigte Leserin, bitte vergleichen wollen.

Berlin unmittelbar nach seiner selbigen – die Allierten haben 'schland ja nicht nur von den Nazis, sondern auch von seinen Innenstädten befreit:

Ruinen2

Der etwas länger befreit gewesene Teil von Berlin, als der 8. Mai dort noch ein wirklicher Feiertag war (Witzbolde dichteten damals die erste Zeile der sog. Nationalhymne "Auferstanden aus Ruinen" um in "Eingebettet in Ruinen"):

Ruinen1

Ein befreites Haus im heutigen Berlin:

Ruinen3

Und die realsozialistische Berliner Alternative zur wohnlichen Ruine, die zugleich den (Rück-)Weg in die Erfahrungswelt der Mietpreisdeckelung weist und zwischen den Blocks genügend Platz für Befreiungsfeierlichkeiten lässt:

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Merke: Der Linke ist zufrieden, wenn alle gleich wenig haben.



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Erste Sätze sind eine heikle Sache – "in einem Zeitungsartikel nicht weniger als in einer Liebeserklärung", lautete der erste gedruckte Satz von Winston Churchill. Sie können den Leser einfangen, aber auch die weitere Lektüre obsolet machen. Zu Letzteren gehört der Auftaktsatz des Buches "Mythos Bildung" von Aladin El-Mafaalani, Soziolge aus dem Ruhrpott, welcher lautet:

"Unsere Gesellschaft ist ungerecht, ungerechter als andere, ungerecht zu Kindern."

Unsere Gesellschaft ist ungerecht – für welche Gesellschaft träfe das nicht zu? Dieser Satz ist zutiefst trivial; er galt immer, gilt immer und wird immer gelten. Ungerechter als andere – welche denn bitte? Die syrische Gesellschaft, aus welcher die Eltern des Autors stammen? Die pakistanische? Nigerianische? Chinesische? Hethitische? Klingonische? Ungerecht zu Kindern – und schon sind wir bei der Sentimentalität angelangt, einem Lieblingsaufenthalt deutscher Pädogogik. Nach der moralischen Anklage folgen üblicherweise Forderungen. Ich vermute, die Gebildeten sollen ein schlechtes Gewissen gegenüber den Ungebildeten haben. Umgekehrt wäre aber auch nicht schlecht.



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Aus Zürich meldet sich Leser ***, ein deutscher Arbeitsmigrant, der dort als Arzt praktiziert und mir periodisch so wohlformulierte wie boshafte Äquivalente eines Kopfschüttelns zusendet, diesmal wie folgt:

"Nun ist endlich ein 'Wörterbuch der Lügenpresse' (von Thor Kunkel) erschienen. In ihm werden Worte wie Willkommenskultur, Antänzer, kulturelle Bereicherung, Klimaleugner etc. pp. als Perlen des neuen Gutsprech oder des guten Neusprech analysiert. Wir am Zürichsee sind da schon einen Schritt weiter und arbeiten am bereits am 'Lexikon der Lügenpresse-Leugner'." Von jenem liefert *** "statt einer theoretischen Einführung" die ersten Stichworte:  

Diskussionsorgienverbieter
Relotiuspresse-Unterstützer
Rechtssicherheitsverachter
Freiheitsphobiker
Grundrechteleugner
Merkelpopulisten
Fake-News-Erfinder
Tatsachenvernebler
Klimawissenschaftsleugner
Impfnebenwirkungsverneiner
Kinderfickerversteher
Offenen-Diskurs-Hasser
Denunzianten-Sympathisanten
AfD-Hirse-Verächter
Corona-Extremisten
Verschwörungspraktiker
Grundrechteabschaffer
Umvolkungsbefürworter
Gewaltverherrlicher
Tatsachenverdreher
Volks-Verräter
Staatszersetzer
Diktatur-Apologeten
Totalitarismusverniedlicher
Gesellschaftszerstörer
Wohlstandsverhinderer

Ich hoffe, das brain storming wird in ihrem Blog fortgesetzt!"


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Um 2021 wurde die Formulierung gebräuchlich: Immer mehr Menschen aus der Mitte der Gesellschaft stellen sich gegen den journalistischen Rand.