Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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6. April 2020


"Man erträgt leicht eine Gewalt, die man eines Tages auszuüben hofft."
Joseph Joubert


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Ich zitierte gestern Egon Flaigs konservatives Veto gegen die beiden westlichen Kirchen. Worauf der Historiker stattdessen die Gesellschaft gründen will, erhellt aus der folgenden Zurückweisung, die ich ihrer entzückenden Schroffheit wegen zur Gänze wiedergebe:

"Eine Bevölkerung kann keine Demokratie schultern. Daher ist Hans Haackes Kunstwerk Der Bevölkerung im Parlament des deutschen Volkes eine gelungene Allegorie der sich vollkommen zersetzenden Demokratie. Es konterkariert die Giebelinschrift 'Dem deutschen Volke' über dem Eingang zum Gebäude. Haackes Dreckhaufen ist das beschämendste Zeugnis für die politische Entqualifizierung unseres höchsten verfassungsmäßigen Organs. Der Wahlspruch 'Der Bevölkerung' zeigt die Nullinie des politischen Bewußtseins an: Bevölkerung ist das Substantiv von 'bevölkern'; wir bevölkern also unser Land, aber wir sind kein Volk mehr. Der aufgeschüttete Dreck indiziert, wo unsere politische Kultur steht: Wenn es keine Bürger mehr gibt, dann hört auch das Staatsvolk auf zu existieren. Ein Volk ist ein historisches Subjekt. Unser Grundgesetz macht dieses historische Subjekt politisch handlungsfähig, nämlich als Souverän einer Demokratie – vermittels seiner verfassungsmäßigen Organe. Eine Bevölkerung dagegen ist eine ameisenhafte Agglomeration von Individuen, die miteinander nichts zu tun haben. Sie ist ein rein passives Objekt für Maßnahmen ökonomischer und politischer Steuerung. Mit diesem Namen wurde der Bürgerschaft der Bundesrepublik ihre Qualität, ein Souverän zu sein, semantisch entzogen. Als im März 2000 der Bundestag mit 260 gegen 258 Stimmen beschloß, den Dreckhaufen an der Stelle zu installieren, wo der Souverän dieses Staates seinen Willen bekunden soll, verabschiedete sich die wiedervereinigte Republik symbolisch nicht nur vom Geist des Grundgesetzes, sondern von der Tradition der Demokratie."

Da ich mich seit einiger Zeit regelmäßig im Reichstagsgebäude herumtreibe, wenn auch gemeinhin nur, um das Restaurant aufzusuchen, laufe ich hin und wieder an diesem "Denkmal" vorbei, das sich, wie man sagt, nahtlos einfügt in die gesamte Ausgestaltung des Parlaments, die auf jeden positiven Bezug zum Souverän und zu dessen Geschichte verzichtet, abgesehen von den stehengelassenen – d.h. von Obszönitäten u.ä. bereinigten – Inschriften der sowjetischen Weltkriegssieger an den Wänden. Die angeblichen Volksvertreter haben nicht nur das deutsche Kind, sondern auch den deutschen Bürger mit dem nationalsozialistischen Bade ausgeschüttet.

Heute würde wahrscheinlich niemand außer den Abgeordneten der Schwefelpartei gegen den "Dreckhaufen" im Innenhof stimmen. Das erklärt im Übrigen, warum die AfD von den anderen so maßlos verteufelt wird: Es geht nicht primär um Höcke und die Seinen, das ist nur der willkommene Vorwand; die Angriffe richten sich gegen die Tatsache, dass dort außerdem noch Bürger sitzen, die ihre politischen Mitgestaltungsrechte in Anspruch nehmen, Nichtfunktionäre, Nichtparteikader, Nichtgenormte, die direkt aus ihren Berufen kommen und sogar in ihre Berufe zurückkehren könn(t)en (man versucht, es mit aller Denunziationskraft zu verhindern; der Preis dafür, seine Bügrerrechte in Anspruch zu nehmen, soll möglichst hoch getrieben werden), denn genau dies ist die Doppelnatur des Bürgers: "Er bewegt sich nicht bloß in der Gesellschaft, sondern auch in der Sphäre des Politischen; privat ist er etwa ein Handwerker oder ein Rechtsanwalt, im politischen Raum agiert er als Angehöriger des Gemeinwesens unter rechtlich Gleichen. Und je autonomer das Politische, desto deutlicher wird der Zwiespalt in diesem Doppelwesen, und desto wirksamer ist dessen Selbstverständnis als Bürger" (so abermals Flaig; Hervorhebungen von mir – M.K.).



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Leser *** schlägt vor, "eine Maßeinheit für journalistische Unschärfe einzuführen, und was böte sich besser an, als die Einheit in Relotius anzugeben? 1 Relotius entspräche dabei null Wahrheitsgehalt, frei erfunden. Macht es doch einfach, sagen zu können: Dieser Artikel entspricht (z.B.) 0,7 Relotius."

Dann stelle ich diesen Text all denen, die närrisch genug sind, an der Bezahlschranke des publizistischen Freikorps an der Hamburger Relotiusspitze Zoll zu entrichten, der Skalierung anheim:


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Der Spiegel und insonderheit der Herr Bethge, der wahrscheinlich nicht verwandt ist mit dem Herausgeber der "Chinesischen Flöte", welcher unter anderem Gustav Mahler die Texte für sein "Lied von der Erde" entnahm, gestehen also ein, mitschuldig an Covid-19 zu sein (sofern diesen Text nicht wieder ein Bot fabriziert hat wie die meisten Spiegel-Kolumnen). Wer kann sie entlasten? Und wer trug die Schuld an den Epidemien der Antike oder des Mittelalters?

PS: Mag "der Mensch" schuld an Covid-19 sein, ein Menschenwesen wehrt in einsamer Größe der menschengemachten Heimsuchung (die sich momentan besonders in der Demokratenhochburg New York ausbreitet): Kanzlerin Angela Merkel. "Neben Massentests und dem Gesundheitssystem könnte sie ein Grund dafür sein, dass die Todesrate niedrig ist", heißt es in der New York Times, schreibt die Welt. Und das ohne Handauflegen, einfach nur durch ihr wunderwaffenmäßiges Vorhandensein! Oh, da werden die Zäpfchen bei der FAZ aber abgehängt aufjaulen!

Wir wiederum merken uns bei aller Menschenschuld: Angela Merkel könnte ein Grund dafür sein, dass die Covid-19-Todesrate in Deutschland niedrig ist. Ohne sie stürben die schon länger und die noch nicht so lange hier Lebenden möglicherweise wie die Fliegen.


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Apropos "Chinesische Flöte". Im Nachwort zu seiner Gedichtsammlung von 1907 schrieb Hans Bethge lyrisch entflammt:

"China wird, das ist sein unabwendbares Schicksal, immer mehr den Einflüssen Europas unterliegen und wird hierbei das Beste und Schönste seiner Eigenart notwendigerweise preisgeben. ... Es wird sich die Vorteile der europäischen Zivilisation aneignen, aber den holden Blütenstaub seiner alten und großen Kultur, auch der dichterischen, wird es hierbei verlieren. Mir scheint, das ist kein guter Tausch."

Ich muss Bethge insofern beipflichten, als China ja von den Europäern zuerst den Marxismus übernommen hat. Ansonsten bin ich in dieser Sache ambivalent: Ich liebe die Lyrik, auch und gerade die chinesische in ihrer entzückenden Skizzenhaftigkeit und Reduktion aufs Elementare, doch ich schätze auch die europäische Technik ("Wieso 'europäisch', Mister President?" – "Sie kommt aus Europa"), ich schätze die technische Naturbeherrschung und den Komfort sehr, ich mag zum Beispiel Atomkraft, Chemie, Damenunterwäsche und warme Mahlzeiten beim Fliegen. Die altchinesische Kultur, deren Verlust Bethge betrauert, zeugt, wie alle traditionellen Kulturen, von einer Naturverbundenheit, die sich als Lob der Schöpfung maskiert, doch eigentlich bloß fatalistisch ist. Die vermeintliche Harmonie existiert nur in der Kunst.

Liebe zur Natur ist ein Stockholm-Syndrom. Die ganze – derzeit: grüne – Naturromantik  ist mir lächerlich; in der wirklichen Natur, im Busch etwa, hielten es diese Helden ja keine 24 Stunden aus, und unter den Arten interessieren mich im Grunde nur die essbaren. Natur, das bedeutet Krebs, Viren, Mücken, Parasiten, Zahnweh, Kälte, Sturm, Lawinen, Pollenflug, sogar beim Sterben gefressen werden, Asteroideneinschläge, Entropie, kosmischer Wärmetod; was sollte daran liebenswürdig sein? 

Merke Hegel: "Ein Mißverstand ist es, wenn Geistiges überhaupt geringer geachtet wird als Naturdinge, wenn menschliche Kunstwerke natürlichen Dingen deswegen nachgesetzt werden, weil zu jenen das Material von außen genommen werden müsse und weil sie nicht lebendig seien. Als ob die geistige Form nicht eine höhere Lebendigkeit enthielte und des Geistes würdiger wäre als die natürliche Form (...) Wenn aber die geistige Zufälligkeit, die Willkür, bis zum Bösen fortgeht, so ist dies selbst noch ein unendlich Höheres als das gesetzmäßige Wandeln der Gestirne oder die Unschuld der Pflanze; denn was sich so verirrt, ist noch Geist" ("Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse", Der Begriff der Natur, § 248).

Das heißt, aus Hegels Sicht steht die Atombombe über dem Grand Canyon. (Was auf jedem Fall weit über dem Grand Canyon steht, ist dieser Gedanke!) Einzig Menschenwerk verdient Bewunderung.

Wobei:

Poon Hill zum Dhaulagiri I

Das ist die Dhaulagiri-Südwand. (Ich finde, ein gebildeter Mensch sollte alle Achttausender kennen, nicht nur in der Literatur, Musik oder Malerei, auch die zufällig Emporgefalteten und desto eindeutiger in ihrer Höhe Messbaren.) Sie ist fast doppelt so hoch wie die Eiger-Nordwand und natürlich mehr als doppelt so hoch gelegen. Von Übermenschen durchstiegen worden, erstmals 1999. Bewundernswert – der Durchstieg. Ohne den Menschen wäre diese Wand nichts. Sie wäre weder grandios noch erklimmenswert. George Mallory, Hüter des Seins oberhalb der Baumgrenze, am Everest gestorben im Juni 1924, hatte bekanntlich auf die Frage, warum er unbedingt diesen Berg besteigen wolle, geantwortet: Because it is there. Natur bringt den Menschen zuverlässig um. Die Bergsteiger überleben dank der Werkzeuge der Zivilisation, die sie mit sich führen. Der überlebende Bergsteiger ist Kultur, der tote Natur.

Die Natur ist einzig bedeutend in den Augen des Menschen.


Aber was ist daneben ein Berg – ganz davon abgesehen, dass kein Berg Fresken besitzt, schon gar nicht von Giotto –:

Assisi

Siena

Trani

Womit wir endlich bei Bethges Übertragung chinesischer Lyrik wären:


Geschrei der silbernen Fasanen
Klang melancholisch durch die Nacht,
Ich spielte auf meiner Flöte
Ein Lied das nicht fröhlich war.

In dumpfer Trauer lag die Erde,
Wir wußten keinen Grund zu nennen,
Daß unsre Augen überflossen, –
Das Leben war wie Blei in uns.

Uns war so bange wie den Blumen,
Du ließest deine Hände hängen,
Du sahst mich an und sprachest müde:
"Sei still, es wird vorübergehn."

(Li-Song-Flu)


Der Feldherr war gerüstet für den Krieg.
Beim Abschied, da er schon zu Pferde saß,
Reicht' ihm die Gattin ein gesticktes Tuch.

"Nimm dieses Tuch, Geliebter!" sagte sie,
"Ich habe es gestickt mit eigner Hand, –
Und denk an mich und bleibe nicht zu lang!

Veränderlich ist alles! Heute scheint
Der blaue Vollmond; aber jede Nacht
Nimmt ihm ein Stück von seinem Glanz hinweg.

Nicht immer werd ich schimmern so wie heut!
Die Schönheit meines Leibes wird vergehn, –
Drum bleibe nicht zu lang, Geliebter du!"

(Li-Oey)


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Am 23. April beginnt der Ramadan. Tagesschau.de gibt bereits Entwarnung: "Geht das überhaupt, fasten während einer Pandemie? Viele hohe Geistliche im Islam halten sich streng an die Vorgaben der WHO." Als ob es ums Fasten ginge und nicht um das gemeinsame allabendliche Fastenbrechen! Angesichts der jüngsten Großversammlung vor einer Berliner Moschee trotz Corona-Beschränkungen bin ich gespannt, wie das im heil'gen Monat laufen wird. Aber so was von gespannt!

Islam TV

Die Bundesregierung steht vor einer schweren Entscheidung. Entweder sie hebt bereits am 20. April alle Ausgangssperren auf, oder sie muss mit einem gigantischen Personalaufwand rechnen, um die Ausgangssperren aufrechtzuerhalten. Vielleicht gibt es auch eine Zwei-Klassen-Lösung, ungefähr wie an der Grenze, sofern dort Asylbegehrer auftauchen, nur eben in weit größerem Maßstab? Gott, bin ich gespannt...


PS: Und was soll schon sein; wenn sich ein in die Jahre gekommenes Familienoberhaupt ansteckt, dann werden die männlichen Verwandten schon ein Notfallbett samt Beatmungsgerät akquirieren, derweil Ferda Ataman von der Relotiusspitze aus publizistischen Feuerschutz gibt. 



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Es ist allgemein bekannt und wird von Antisemiten immer wieder ausgeschlachtet, dass der Kommunismus/Bolschewismus im ersten Drittel des vorigen Jahrhunderts stark von Juden geprägt war, so auch die Münchner Räterepublik 1918/19. Selten bis nie indes wird erwähnt, dass der Mann, der das Attentat auf Kurt Eisner verübte, den Führer der Revolution in München, ein halachischer Jude war.