Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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20. Oktober 2019


Der Sonntag (endlich einmal wieder) den Künsten!

Am Rande der Buchmesse, abends bei Tische, geriet ich ins Gespräch mit einem gestandenen Herren, der sich sehr kenntnisreich über Werke und Interpreten der sogenannten klassischen Musik äußerte, wobei mich verwunderte, dass er auf Anhieb mit dem Namen Hans Rott etwas anzufangen wusste (der Mann entpuppte sich im Nachhinein als Musikkritiker). Rott war ein Komponist, von dessen Existenz ich erst seit einigen Tagen Kenntnis habe – also nicht, dass ich ein Maßstab für irgendetwas wäre; ich bin lediglich der Errichter jenes Maulwurfshügels, von welchem aus hier in die Welt geschaut wird –; ein befreundeter Musiker schenkte mir eine Einspielung von Rotts Erster und einziger Symphonie in E-Dur, von der man wissen muss, dass sie in den Jahren 1876 bis 78 von einem nicht einmal Zwanzigjährigen komponiert wurde, der ein Schüler Anton Bruckners war, freilich, wie der Lehrer selbst, von seinen Zeitgenossen wenig Anerkennung und stattdessen Häme erfuhr. Brahms äußerte sich abschätzig über die Symphonie, was der Grund gewesen sein könnte, dass Hans Richter sie nicht aufführte. Um 1880 verfiel Rott dem Wahnsinn. Den Rest seines kurzen Lebens verbrachte er in der Niederösterreichischen Landes-Irrenanstalt, wo er viele seiner Arbeiten vernichtete und 1884 an Tuberkulose starb. Apopkryphe Quellen raunen, Hugo Wolf habe Brahms für den Tod Rotts verantwortlich gemacht.

Das alles wäre traurig, aber nicht weiter berichtenswert, wenn diese Symphonie nicht ein außergewöhnliches Opus wäre, ein, wie man sagt, Meilenstein des Genres, freilich ein merkwürdig unsichtbarer, weitgehend unbekannter Meilenstein – das Werk wurde erst 1989 in Cincinatti, Ohio, uraufgeführt. Aber der in Meilensteinbelangen damals entscheidende Musiker kannte es, schätzte es und, nun ja, bediente sich darin: Gustav Mahler. Mahler hatte mit Rott dieselbe Kompositionsklasse am Wiener Konservatorium besucht, er hat die Partitur von Rotts Symphonie sehr genau studiert und eventuell eine Kopie besessen, er nannte den Kollegen den "Begründer der Neuen Symphonie, so wie ich sie verstehe", und erklärte, es sei gar nicht zu ermessen, was die Musik an ihm verloren habe. Als Rott in die Anstalt gebracht wurde, lag die Uraufführung von Mahlers Erster noch neun Jahre in der Zukunft.

Während aus dem erste Satz der E-Dur-Symphonie vernehmlich ein Bruckner-Schüler und Wagner-Verehrer spricht, markiert der langsame Satz quasi den Übergang von Brucker zu Mahler, die Parallelen zum Schlussatz von Mahlers Dritter sind auffällig. Völlig verblüffend wird es beim Scherzo; hier meint man, niemand anderen als Mahler selbst zu hören (speziell die Scherzi der Ersten und Fünften). Der grandiose, von Momenten einer unendlichen Sehnsucht durchsetzte Schlussatz illustriert schließlich sehr eindrucksvoll, wie recht Mahler mit seinen Worten hatte, dass hier der Musikwelt ein unwiederbringliches Talent entsetzlich früh abhanden gekommen ist.

Die Einspielung, von der ich sprach, ist jene. Den beiden amazon-Rezensenten, die sich sehr kundig über den Dirigenten äußern, kann ich mich anschließen.


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Die Gewinner des DDR-Quiz zum 70. Jahrestag derselben (Acta vom 7. Oktober) sind unter Ausschluss jeglichen Rechtsweges und völlig kriterienfrei ermittelt worden. Es handelt sich um Herrn Albrecht *** aus Madrid sowie Herrn Dr. Axel *** aus Dresden. 

Wir danken allen Mitspielern.


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"Guten Morgen, Herr Klonovsky, das Volk der Deutschen galt mal – im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts – als das Volk der Dichter und Denker. Das ist offenbar lange vorbei. Nach der Zeit der Brandstifter und Holokauster kam die 'Zeit der Richter'. Wiederholt sich Geschichte? Eine historische Periode im Lande Kanaan kam nun über das gedachte Deutschland?

Sie räumten in den 'acta' der vergangenen Woche hie und da beiläufig einen halben Irrtum ein: die Fehl-Früh-Fern-Diagnose der Hirnkapazität des Stephan Balliet aus Benndorf bei Halle; die Fehl-Einschätzung des IQ-Mittelbetrages des Deutschen Bundestages (also nicht des Gebäudes, sondern der darin gewöhnlich laute Reden Schwingendenden); die falsche Interpretation einer zitierten Polizeistatistik. Das macht bekanntlich auch Scharfrichter menschlich:

'Errare (Errasse) humanum est, sed in errare (errore) perseverare diabolicum.' (Sophronius Eusebius Hieronymus [*347 – †420, Dalmater, kurzzeitig Sekretär des Papstes Damasus, dann Eremit in Syrien; Schutzpatron der Übersetzer; Gedenktag: 30. September]; in Anlehnung an Marcus/Lucius Annaeus Seneca [*~55 v.Chr.  – †~40, Rhetor aus Hispania], 'Epistulae morales' VI,57,12, oder Marcus Tullius Cicero [*106 v.Chr.  – †43 v.Chr., Anwalt und Rhetor in Rom] 'Orationes Philippicae' 12,2  – die es beide noch nicht so mit 'teuflischen Mächten' hatten), was wie folgt übersetzt wird: 'Irren ist menschlich, ABER auf Irrtümern zu bestehen ist teuflisch.' (Scholie 2019: Dieses 'Aber' mit Brandtscher Emphase und rollendem 'rrr' in den Raum zu schleudern, ist ein typisch scholastischer Schlenker, um Zuhörern/Lesern einen gewollten Schwarz-Weiß-Unterschied im bunten Spektrum des Seins deutlich auszumalen.)

Nein, die kleinen Irrtümer sind es nicht, welche die Tragik intelligenter Menschen unserer 'Zeit der Richter' ausmachen. Es ist das penetrante Bemühen, zu den Richtern zu gehören, anstatt es bei getreuer Zeugenschaft oder wortgewaltiger Advocatur zu belassen. Das Richteramt erfordert höhere geistige Fähigkeiten als 'ira et missio'. Und 'IQ' ist noch lange kein Maßstab für diese erforderlichen Fähigkeiten.

Mit freundlichen Grüßen
***"


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Wer nichts zu bieten hat, träumt seine kollektiven Verbotsträume. Am Ende sind aber einstweilen nur ein paar Höschen feucht:

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