Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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24. Juni 2019


"Die Sonne bestimmt in der Region München das Wetter und scheint von einem nahezu wolkenlosen Himmel. Es bleibt weiterhin trocken. Die Tageshöchsttemperaturen steigen für die Region München von 30 Grad am Montag auf 36 Grad am Mittwoch. Am Montag weht ein teilweise kräftiger Wind aus östlicher Richtung."

Hier kommt keiner lebend raus.


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Eben erfahre ich, dass der Schauspieler und Vorleser Peter Matic gestorben ist, eine der eindrucksvollsten und prägnantesten Sprechstimmen überhaupt. Er hat in einer monumentalen Leistung die gesamte Proust'sche Recherche vorgetragen; 2010 ward das Riesenwerk aus der Taufe gehoben, ich wollte es weiland noch im Focus preisen, doch für mehr als eine Annotation war im Leitmedium der Proustians kein Platz, so dass ich meine Klassik-CD-Kolumne bei eigentümlich frei umwidmete (und auch wieder nicht), um Folgendes zu Papier zu bringen:

"Dies ist eine Kolumne für klassische Musik. Heute sei eine geringfügige Abweichung gestattet, die eigentlich keine ist. Das in Rede stehende Werk ist in hohem Maße klassisch, und mehr Musik wird man zwischen zwei – beziehungsweise tatsächlich vierzehn – Buchdeckeln schwerlich finden. Außerdem wird es mir nie wieder vergönnt sein, in einer Kolumne 127 CDs zu empfehlen, mit 160 Stunden Laufzeit. Aber es ist ja auch der Mount Everest der Belletristik: Marcel Prousts 'Auf der Suche nach der verlorenen Zeit'.

Ich habe Proust erst in meinen späten Vierzigern entdeckt, was in diesem Fall heißt: durchgelesen (den ersten Band hatte ich schon mal vor zwanzig Jahren am Wickel). Seitdem weiß ich, dass, rein literarisch betrachtet, der Höhepunkt meines Lebens nun wohl vorüber ist. Woraus wiederum folgt, dass dieser eine wieder und wieder ausgekostet werden muss, was mir im Übrigen weit einleuchtender erscheint, als im Buchladen nach eventuell lesenswerten Zeitgenossen zu suchen. Diesen Vorsatz untermauernd, erschienen in den letzten Jahren peu à peu die sieben Bände der 'Recherche' als Hörbücher, gelesen von Peter Matic, Burgschauspieler und bekannt als Stimme von Ben Kingsley, was mich zehn Minuten lang etwas und dann nie mehr wieder störte.

Zahllose Schönheiten des Buches sind mir erst durch den Vortrag von Matic aufgegangen. Eines der Hauptmerkmale jedes großen Autors besteht ja darin, dass er dem Leser sein Tempo aufzwingt. Jeder Proust-Leser weiß um die Schwierigkeiten der inneren Atemführung und Phrasierung, bei den fein gefügten aber gleichwohl Bandwurmsätzen. Matic, der Rhapsode, feiert jedes Komma. Und diese Stimme! Präzise, sonor, warm, leicht nasal, mit klingender Konsonantenbildung (bei Sängern spricht man von einer Tonproduktion 'in der Maske'), gewissermaßen halb Trompete*, halb Bassklarinette, es ist ein Genuss sondermaßen. Matic macht deutlich, dass es sich bei Proust um Musik handelt und nichts als Musik, bis zum finalen Akkord auf – natürlich – dem Wort 'Zeit'. Und vergessen Sie den Preis, das ist fürs Leben.

(Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Deutsch von Eva Rechel-Mertens. Gelesen von Peter Matic. Der Hörverlag)"

* con sordino

Daraufhin erhielt ich die folgende Mail:

Sehr geehrter Herr Klonovsky,
haben Sie vielen Dank! Ihre Besprechung der Proust-Aufnahme ehrt, beschämt und f r e u t mich sehr.
Mit herzlichen Grüßen
Ihr
Peter Matić

R.I.P.


Wer den trefflichen Mann noch einmal sehen und hören mag: hier.


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"Es lohnt sich, in unserem Land zu leben. Da muss man für Werte eintreten, und wer diese Werte nicht vertritt, der kann jederzeit dieses Land verlassen, wenn er nicht einverstanden ist. Das ist die Freiheit eines jeden Deutschen."

In memoriam Walter Lübcke, hier.


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Mein – nach A. Wendt – Lieblingsblogger schreibt über einen meiner Lieblingstoren, der seit vielen Jahren verlässlich für mehr Menschlichkeit in Deutschland hetzt, unbedingt lesen.



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"Ich bin Pfarrer", schreibt Leser ***, "und habe jetzt meinen Zorn über die Schlusspredigt des Kirchentags ausgeschüttet, die in einer Passage ganz offen demokratiefeindlich ist. Wenn gewollt und falls er Ihnen ins Konzept passt, dürfen Sie den Artikel gerne in ihrem Blog verwenden."

Ich habe zwar kein Konzept, aber es passt (ich zitiere leicht gekürzt):


"Ein Mensch ist selbstbewußt fest davon überzeugt, politisch die richtige Meinung zu haben. Doch o Schreck! Der Nachbar hat eine andere Meinung und ist genauso selbstbewußt von seiner Meinung überzeugt.
Und genau da beginnt Demokratie. Man schlägt sich nicht die Birne ein oder grenzt den anderen nicht aus. Sondern man trägt seine unterschiedlichen Meinungen ohne Gewalt im Gespräch und Streit miteinander aus.
Genau dieses demokratische Gespräch auf Augenhöhe verlässt die Pfarrerin Dr. Sandra Bils bei der Schlusspredigt des ev. Kirchentags im Dortmunder Iduna-Park. Sie redet in politischen Dingen nicht mehr als Mensch, weil sie genau weiß, wo Gott in der Politik ist. Ich zitiere: 'Wir sehen, wo Gott in der Welt wirkt – durch die Leute von Sea-Watch, SOS-Mediteranee und Sea-Eye, durch Greta Thunberg und die Schülerinnen und Schüler, durch so viele andere – und dabei machen wir mit.... Behaltet euer Vertrauen, seid unerschrocken, zeigt gemeinsam euren Glaubensmut. Wir haben Gott an unserer Seite.'

Tja, damit hat sie das Ende der Demokratie eingeläutet.
Wenn einer genau weiß, wo Gott in der Politik wirkt, dann braucht man keine Demokratie mehr. Dann braucht man auch kein Misstrauen und keine Kritik mehr. Dann braucht man nur noch (blindes) 'Vertrauen' – das Motto-Stichwort des Kirchentags.

Und Menschen, die es tatsächlich wagen, anderer Meinung zu sein, die sind dann natürlich ganz eindeutig gegen Gott. Und wer gegen den eindeutigen Willen Gottes wirkt, der ist leider nun mal eindeutig ein Ketzer.
Wer bei den Leuten von Sea-Watch die leise Anfrage stellt, ob diese sich nicht als Puzzleteil einer Schlepper-Mafia missbrauchen lassen, der ist eindeutig ein Ketzer.
Wer die Welt nicht so anschaut wie Greta Thunberg und angesichts des Klimawandels nüchtern bleibt, der ist eindeutig ein Ketzer.
Und wer meint, dass wir kluge Schüler brauchen, die die Schulpflicht fröhlich nutzen sollten, um mit Klugheit den Problemen dieser Welt begegnen zu können, die sind nach Frau Dr. Sandra Bils gegen das Wirken Gottes.

Dabei sollte eine ev. Kirche, die durch den Ketzer Martin Luther gegründet wurde, doch vorsichtig sein, Ketzerhüte zu verteilen.
Vielleicht sollte Frau Dr. Bils ihren Satz vom Anfang der Predigt ernster nehmen. Ich zitiere: 'Das sind wir: Gottes geliebte Gurkentruppe.'
Die Kirche als Gurkentruppe, die in politischen Dingen durchaus Fehleinschätzungen unterliegen kann.
So wie die evangelische Gurkentruppe 1914, die auch genau zu wissen meinte, wo Gott wirkt: Nämlich in den dt. Waffen, die die ev. Pfarrer fleißig gesegnet hatten.
Oder so wie die evangelische Gurkentruppe 1933, die deutschchristlich auch genau zu wissen meinten, wo Gott wirkt: Nämlich in der nationalsozialistischen Erhebung.
Inhaltlich natürlich krass entgegengesetzt zu Frau Doktor, aber formal theologisch fatalerweise auf der gleichen Ebene: Mit der Berufung auf Gott verlässt man den menschlich-allzumenschlichen demokratischen Diskurs.

Vielleicht sollte die ev. Gurkentruppe endlich mal aus ihrer Geschichte lernen, und nicht noch einmal in politischen Dingen den Satz schwingen: 'Wir haben Gott an unserer Seite.' 

Meine eigene politische Ansicht und auch die aller anderen ev. Pfarrer sind menschlich-allzumenschlich. Wie die politischen Ansichten der AfD oder der SPD oder der Grünen. Alles Gurkentruppen, die darum das demokratische Gespräch brauchen. Die offene Diskussion der Sachargumente.
Wer diese offene Diskussion mit dem Verweis auf Gottes eindeutiges Wirken in der Politik untergräbt, der ist ein Totengräber der Demokratie. Auch wenn er sich als nettes und liebliches Schäfchen auf dem Kirchentag präsentiert und dort in seiner Filterblase viel Applaus bekommt."


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