Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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6. Januar 2019


Die Sonntage immer ...!

Was haben ein Epoisses de Bourgogne, ein Bleu d’Auvergne, ein Roquefort, Gorgonzola oder Stilton mit einer Foie gras gemeinsam? Sie verlangen gebieterisch nach einem edelsüßen Weißwein. Der Wunsch des Hummers nach einem Puligny-Montrachet – oder der des Ossobuco nach einem Barolo – ist fast schon zurückhaltend, verglichen mit jenem der Entenstopfleber nach einem Sauternes. Die glanzvolle Vereinigung beider am Gaumen vermittelt eine Ahnung davon, was das sein könnte: Vollendung. (Aus Patriotismus will ich darauf hinweisen, dass es deutsche Riesling-Beerenauslesen oder -Eisweine gibt, die den Vergleich auch mit dem größten aller Sauternes nicht scheuen müssen.) Die Sehnsucht nach Vollendung ist eine künstlerische Regung. In seinem Buch "Die Formen der Zeit. Theorie des Sauternes" (Berlin, 1999; Erstveröffentlichung: Bordeaux 1996) rechnet der Philosoph Michel Onfray den Wein zu den Kunstwerken und die Weinherstellung folglich zu den Künsten. "Die Kunst der Weine ist gleicher Abstammung wie die Musik: beides sind Ästhetiken der skulpturalen Formung der Zeit." In einer Klassifikation der Schönen Künste "würde die Weinprobe problemlos neben der Musik Platz finden".

Wie ein bedeutendes Kunstwerk benötigt ein großer Wein ein kundiges, verständiges, empfängliches Gegenüber, um seine ganze Wirkung zu entfalten. Ein Stumpfsinniger wird so achtlos an einem Vermeer vorübergehen, wie er ein Schubert-Impromptu überhört oder einen großen Burgunder nicht schmeckt. "Bevor er nämlich verstanden werden kann, bildet und erzieht der Wein den, der ihn trinkt", erläutert Onfray. "Dasselbe gilt für alle anderen Künste, selbst für die zeitgenössischen, denn alle bedürfen eines Künstlers, damit der Zauber, die Magie in Erscheinung treten kann. Vom Bild bis hin zur Flasche, von der Sonate bis hin zu einem Text gilt: die eine Hälfte des Weges wird vom Objekt zurückgelegt, die andere vom Subjekt."

Meist ist der Weg eine Kurzstrecke; von solchen Tropfen ist hier nicht die Rede. Es geht um jene Weine, die einen geschmacklichen Taumel auslösen, bei deren Genuss "der Aufnehmende an der Ewigkeit teilhat" – um die Kunstwerke unter den Weinen eben. "Aufgrund seiner privilegierten Beziehung zur Zeit, aufgrund des deutlichen Vorrangs der Qualität gegenüber der Quantität, aufgrund seiner Seltenheit, aufgrund der tausenden von Handgriffen, die ihn produzieren und der ebensovielen Vorsichtsmaßnahmen, die ihn in seiner Integrität und Majestät ermöglicht haben, aufgrund seiner Einzigartigkeit verlangt der Sauternes dieselbe Sorgfalt wie ein Werk der Malerei, der Musik oder der Architektur."

Eine meiner derzeitigen Marotten besteht darin, abends edelsüße Weine zu trinken, teils mit, teils ohne die passende Speise dazu, und heute ist es ein Sauternes, der mir assistiert. Seit einigen Tagen wiederum lese ich periodisch in Onfrays aktuellem Opus "Niedergang. Aufstieg und Fall der abendländischen Kultur – von Jesus bis Bin Laden", anfangs abgestoßen, sodann fasziniert, schließlich mit einem Gefühl tiefen Einverständnisses, obwohl es ein durch und durch schreckliches und deprimierendes Buch ist (ich werde im Laufe der Woche darauf zurückkommen). Es war bei dieser Gelegenheit, dass ich nach anderen Schriften des mir bis dato völlig unbekannten Autors Ausschau hielt, und schnell fiel mir die Theorie des Sauternes in die Hände. Ah, diese Franzosen! Sie verstehen es einfach zu leben, egal wie verkommen und verloren ihr schönes Land inzwischen auch sein mag. Und die Angst vor einer abseitigen eigenen Meinung ist dortzulande längst nicht so ausgeprägt wie bei den rechtsrheinischen Nachbarn. Onfray ist bekennender Atheist, aber zugleich statuiert er, dass eine Kultur ihre Kraft einzig aus der Religion schöpft; er hat eine abendländische Geschichte im Geiste Spenglers verfasst, versteht sich aber zugleich als Linker; er ist mit seinen Büchern finanziell so unabhängig geworden, dass er eine freie Volksuniversität gründen konnte, hat aber keine sogenannten Berührungsängste mit radikal rechten oder radikal linken Intellektuellen. Zu seinen Leitfiguren zählen Epikur, Nietzsche und Camus.

Doch zurück zum Sauternes. Dieser Wein ist das Geschenk eines Schimmelpilzes, Botrytis cinerea, auch Edelfäule genannt. Mit seinen ultrafeinen Sporen – korrekt: Hyphen – durchlöchert der Pilz die Haut der Beeren, so dass sie schrumpfen, eindicken und zu Gefäßen reinsten Nektars werden können. Im berühmtesten aller Châteaux des Sauternes, dem Château d'Yquem, gewinnen die Winzer mitunter aus einem Rebstock pro Lese nur ein einziges Glas. "Aus dieser natürlichen Fäulnis, in der unter anderen Umständen schlicht und einfach das Entropiegesetz der Welt zum Ausdruck käme, machten die Bauern einen Wein, einen Alkohol, einen Göttertrank. Die Menschen haben die Fäulnis, die das Nichts bedeutet, zu einem Trank sublimiert, der die Quintessenz des Lebens erzählt. (...) Als Triumph der Eigenschaften sapiens und faber über Thanatos bringt der Wein aus Sauternes auf der Grundlage des Botrytis eine neue Gestalt der Zeit hervor.“  

Irgendwo habe ich noch ein Fläschchen...