Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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26. November 2018


In einem Restaurant in Berlin-Mitte erscheint eine Frau mit einem Stoß Bücher, stellt sich als mobile Buchhändlerin vor und fragt, ob die Herren am Tische Interesse an einem kurzen Blick auf ihr Sortiment hätten. Als erstes präsentiert sie Mark Twains "Geheime Autobiographie", sodann ein Buch, dessen Titel und Autor mir entfallen sind, es geht um die (fiktive?) Biographie eines US-Präsidenten, die schon vor hundert Jahren den Aufstieg des schrecklichen Donald aus der Unterwelt ins Weiße Haus gewissermaßen vorwegnahm resp. vorweggenommen haben soll. Es folgt die Autobiographie von Gregor Gysi, dessen Humor sie preist. Er habe noch nie eine humorvolle Bemerkung von Gysi gehört, wendet Freund *** ein; ob ihr aus dem Lameng eine einfalle? Offenbar ist das nicht der Fall, und vom Humor wechselt die fliegende Händlerin flugs zur Würdigung des gesellschaftlichen Dialogs – inwieweit der SED-PDS-Linkspolitiker ihr den gedanklichen Weg dorthin eröffnete, stehe dahin –, um zu versichern, dass sie sehr für Debatten sei und es wunderbar finde, dass in diesem Land endlich wieder debattiert werde. Sie meine wegen der AfD?, erkundigt sich schüchtern der andere Herr am Tisch. Nein, die finde sie ganz schrecklich, dass so etwas im Parlament sitze, sei wirklich schlimm, diese Leute vergifteten das ganze Klima, lautet die Antwort.

Aber welche Debatten meine sie denn?

Nach und nach entrollt sich das linke Weltbild, vor Jahren irgendwo von der Stange erworben und seither offenbar gut eingemottet. Aus dieser Perspektive existiert auf der einen Seite die ungerechte Gesellschaft – wahlweise die ungerechte Welt –, auf der anderen die löbliche linke Kritik am schlechten Bestehenden. Diese Kritik ist die "Debatte". Dass sich eine Fraktion bilden könnte, die dem Bestehenden radikal zur Seite springt und es gegen die linken Dauerangriffe verteidigt, ein solcher Gedanke kommt in dieser Weltsicht nicht vor. Stattdessen fühlen sich die Diskurs-Bestimmer und Tendenzvollstrecker verfolgt (bzw. fingieren es); so auch die mobile Händlerin, die beobachtet haben will, dass linke Kolumnisten, vor allem Frauen, im Internet schreckliche Hetzkommentare und Hassmails erleiden müssen. Oder von Lesungen ausgeladen würden, es habe da gerade einen Fall in Berlin gegeben. Oh, sagt Freund ***, der Fall sitze direkt vor ihr, das sei ihm vor kurzem passiert, und er sei eigentlich gar kein Linker. Erste sichtbare Symptome von kognitiver Dissonanz malen sich in das Antlitz der Gevatterin. Freund ***, mitunter etwas empathielos, negiert ihre kurzzeitige Orientierungslosigkeit und beharrt auf seinem Erlebnis. Trotz mehrerer Anläufe gelingt es allerdings nicht, sie davon zu überzeugen, dass es sich bei der von ihr berichteten und von dem anwesenden Autor erlebten Ausladung um ein- und dasselbe Ereignis handelt. Ich empfinde derweil nicht eine Sekunde lang die Versuchung, der Armen mitzuteilen, wie oft mir Veranstalter aus schierem Opportunismus oder Angst bereits gebuchte Räume kündigten oder dass meine Bücher auf der Frankfurter Buchmesse von spontanen antifaschistischen Literaturkritikern zerstört bzw. entsorgt wurden, denn das grenzte ja an Sadismus. Stattdessen lade ich die Gute auf ein Glas Wein ein, welches sie ablehnt, denn sie müsse leider arbeiten. Freund *** kauft ihr ein Buch mit Texten über Rio de Janeiro ab und empfiehlt ihr, wo sie doch so daran interessiert sei, gesellschaftliche Gespräche in Gang zu bringen, Wolfgang Herrndorfs "Stimmen" zur Lektüre. Die Buchhändlerin hat diesen Namen noch nie gehört und lässt ihn sich buchstabieren.

Wein und abermals Wein löschten am Ende alle Schmach...


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Ich habe an dieser Stelle gelegentlich die Dieselfahrverbots-Groteske thematisiert und dabei u. a. den ehemaliger Präsident des deutschen Pneumologen-Verbandes Prof. Dieter Köhler zitiert (Einträge vom 16. und 22. November), der das alles unter Hysterie rubriziert. Rudolf A. Jörres, Leiter der AG "Experimentelle Umweltmedizin" an der LMU München und der Öffentlichkeit bekannt als Veranstalter "menschenverachtender Menschenversuche" mit Stickoxid zu Aachen, hat mir einen Brief geschrieben und darin ausführlich seine Erkenntnisse aus jahrzehntelanger Forschungsarbeit zum Thema dargelegt. Das Ergebnis: Feinstaub, speziell aus Autoabgasen, bildet eine wissenschaftlich sehr wohl belegbare Gesundheitsgefahr, während das für NO2 im Allgemeinen nicht gelte.

Die öffentliche Diskussion über NO2 verlaufe vielmehr wissenschaftlich kenntnisfrei. "Sie ist offenbar politisch getrieben, von typisch deutschen Protagonisten der Weltverbesserung und des hohen moralischen Tons. Es geht gegen den Individualverkehr als solchen, das zu erkennen braucht es keine Verschwörungstheorien, man muss nur die Verlautbarungen der Protagonisten lesen. Die Autoabgase stellen nur einen, wenn auch besonders wirksamen, Teil des Feinstaubs, und beim Umstieg auf e-Mobile wird sich die Gesamtbelastung nicht wesentlich ändern. Mit NO2 hingegen trifft man gezielt den Verbrennungsmotor und kann diesen eliminieren, und damit den Individualverkehr – ohne dass man allerdings eine ernstzunehmende Alternative hätte. Denn natürlich wissen die Protagonisten, dass die e-Mobile kein Massengut werden können. Aber hier gilt scheinbar das romantisch-revolutionäre Prinzip: erst einmal zerstören, dann sehen wir weiter."

Er sehe mit Bedauern, so Jörres, "dass eine verfahrene Situation eingetreten ist. Da sind auf der einen Seite die Fanatiker, die NO2 als Vehikel ihrer Öko- und Weltrettungsphantasien benutzen, und leider sind auch opportunistische Wissenschaftler dabei. Auf der anderen Seite stehen Leute wie Dieter Köhler, die mit teils übertriebenen, unhaltbaren Pauschalargumenten skeptische Laien, die sich von der Politik veralbert fühlen, zu überzeugen versuchen und diese ihrerseits aufs Glatteis führen. Der langen Rede kurzer Sinn: Ich würde zwischen Feinstaub und NO2 genau differenzieren und sehr anraten, nicht das Kind mit dem Bade auszuschütten. Am wichtigsten scheint mir, dass rationale Abwägungen statt hysterischer Anfälle die Politik bestimmen sollten. Sonst wird es für dieses Land und seine ökonomische Zukunft düster aussehen."

Den ganzen Brief finden Sie hier.


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Die venezolanische Pianistin Gabriela Montero erhält den "Internationalen Beethovenpreis für Menschenrechte, Frieden, Freiheit, Armutsbekämpfung und Inklusion" 2018.

Was für eine großartige Idee, auch die alten Tonkunstmeister in die Gesamtveredelung der Globalmenschheit einzubeziehen!

Ich rege folgende Nachahmungspreise an:

1. den Johannes-Brahms-Preis für Friede, Freude und den niemals zu vergessenden Eierkuchen des Bundesverbandes deutscher Jahrmärkte
2. den Franz-Liszt-Preis für Unbegabtenförderung und Frauen
3. den Robert-Schumann-Preis für Suizidprävention
4. den Johann-Sebastian-Bach-Preis für die musikalische Es-ist-nie-zu-spät-Erziehung der deutschen Demenzhilfe
5. den Gustav-Mahler-Preis für Ehefürallegattensplitting
6. den Giacomo-Puccini-Preis für Reichtumsbekämpfung, Vogelschutz und Frauen
7. den Richard-Wagner-Preis für Tierrechte, Völkerfreundschaft, Vegetarismus und freie Liebe
8. den Richard-Strauss-Preis für allgemeine Gleichstellung und die Förderung der Mittelstimme
9. den Wolfgang-Amadeus-Mozart-Preis für Menschenliebe, Aussöhnung der Völker, Frauen und gesellschaftskritischen Hip-hop
10. den Anton-Bruckner-Preis für die Bekämpfung von Alterseinsamkeit, Frieden und Frauen
11. den Clara-Schumann-Preis für Frauenrechte, die Bekämpfung von Sexismus und Gender-Pay-Gap
12. den Hans-Pfitzner-Preis für den Kampf gegen rechts
13. den Carl-Maria-von-Weber-Preis für Tierschutz und die Beschränkung des privaten Schusswaffenbesitzes
14. den Eugen d'Albert-Preis für die Bekämpfung der Polygamie und Islamophobie
15. den Georg-Friedrich-Händel-Preis für Homophilie, Ehe für alle und Geschlechtervielfalt

PS: "Bitte vergessen Sie nicht den 'Hans-Sachs-Meistersingerpreis für Menschenrechte, Glühwürmer, Flieder, Wurst und anschlagsfreie Volksfeste'!" (Leser ***)