| Das Lob der Ungleichheit |
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Wie imprägniert man sich gegen die allgegenwärtige Missionsarbeit der "sozial Gerechten", der "Gender-Mainstreamer" und ähnlicher Gleichheits-Vollstrecker? Ich schlage vor: indem man die Ungleichheit von Herzen lieben lernt.
Eine Grünen-Sprecherin, befragt nach
ihrem Faible für einen US-amerikanischen Basketballer, erklärte dieses damit,
dass ein athletischer menschlicher Körper nun einmal schön und im speziellen
Falle auch sehr sexy sei. In der autorisierten Fassung des Interviews war das
Wort „athletisch“ gestrichen; sie bekomme, sagte sie, sonst Ärger mit den
Behindertengruppen in ihrer Partei. Ein menschlicher Körper sei nun einmal
etwas Schönes, stand also in der gedruckten Version zu lesen; eine zutiefst
verlogene Aussage, denn wie alle wissen, die täglich den Blick in den Spiegel
wagen oder sich an die sanfte Enttäuschung nach dem Abstreifen so mancher Bluse
erinnen, ist genau das Gegenteil wahr. Die Mehrheit ist nicht besonders schön.
Also, ruft das Ressentiment, müssen die Kriterien geändert werden!
Ich halte mich lieber an Schiller, der
das Glück der Wohlgeratenheit (dieses Wort hört man heutzutage seltsam selten)
in einem der herrlichsten Gedichte deutscher Sprache besungen hat:
„Zürne der Schönheit nicht, daß sie schön
ist, daß sie verdienstlos
Wie der Lilie Kelch prangt durch der
Venus Geschenk,
Laß sie die Glückliche sein, du schaust
sie, du bist der Beglückte,
Wie sie ohne Verdienst glänzt, so entzücket
sie dich.
Freue dich, daß die Gabe des Lieds vom
Himmel herabkommt,
Daß der Sänger dir singt, was ihn die
Muse gelehrt,
Weil der Gott ihn beseelt, so wird der Hörer
zum Gotte,
Weil er der Glückliche ist, kannst du der
Selige sein.
Auf dem geschäftigen Markt, da führe
Themis die Wage,
Und es messe der Lohn streng an der Mühe
sich ab,
Aber die Freude ruft nur ein Gott auf
sterbliche Wangen,
Wo kein Wunder geschieht, ist kein Beglückter
zu sehn.
Alles Menschliche muß erst werden und
wachsen und reifen,
Und von Gestalt zu Gestalt führt es die
bildende Zeit,
Aber das Glückliche siehest du nicht, das
Schöne nicht werden,
Fertig von Ewigkeit her steht es vollendet
vor dir.“
Nun ja, das überfordert den Menschen, das
ist ein Ideal. Um sich von der Gottesgabe fremder Vortrefflichkeit und also der
Ungleichheit beglücken zu lassen, sollte man selber in irgendeiner Hinsicht
besondere Gaben besitzen; wer über Talent verfügt, erfreut sich jedenfalls
leichter an jenem des Konkurrenten. Doch wie hält der unbegabte Künstler
neidfrei sein Leben aus, wie der erfolglose Unternehmer, wie das unfreiwillig
kinderlose Paar? Wie schafft es der Krüppel, mit der Gewissheit zu existieren,
dass er für all die Schönen nie in Frage kommt? Eine mögliche Antwort steht –
ausgerechnet! – in John Stuart Mills Schrift „Der Utilitarismus“, nämlich:
„Wenn Menschen mit einem leidlich günstigen äußeren Schicksal am Leben nicht
genug Freude finden, um es sich lebenswert erscheinen zu lassen, hat das seine
Ursache gewöhnlich darin, daß sie nur an sich selber denken.“ Mitfreude ist
auch ein Weg, die Welt nicht mit den „blöden Maulwurfsaugen der Selbstsucht“
(Kant) zu betrachten; wer dagegen zur Mitfreude unfähig ist, verdient wohl
nichts anderes, als vom Neid zernagt zu werden. „Daß ein Leben unbefriedigend
ist“, so Mill weiter, „hat seine Ursache außer im Egoismus vor allem auch im
Mangel an geistiger Bildung.“ Die Welt bietet schließlich auch dem genügend
Interessantheiten und Wunder, dessen Einkommen klein ist und dessen Wünsche an
Aphrodite und die Musen unerhört bleiben. Zumindest sollte er nicht anderen
deswegen grollen.
Um den Skandal der Ungleichheit
wenigstens theoretisch als einen Segen zu betrachten, bedarf es dreier
Schritte. Zuerst muss man anerkennen, dass bei der Verteilung der beiden
wertvollsten natürlichen Güter – Schönheit und Intelligenz – ein schreiendes
Unrecht obwaltet. Dann muss man akzeptieren, dass dieser Unterschied das Leben
lebenswert macht, weil er den Ehrgeiz, den Wettkampf und die Ideale in die Welt
bringt. Das ist noch halbwegs leicht. Die wirkliche Selbstüberwindung besteht
darin, dass man die Unterschiede zu lieben lernt, prinzipiell und damit jeden, auch wenn man selber der Benachteiligte
ist. Unmöglich? Nahezu, ja. Aber doch nur ungefähr so, wie es unmöglich ist,
sich die Unendlichkeit vorzustellen – es wird nicht direkt gelingen, aber der
Gedanke an das Gegenteil beweist ihre Plausibilität. Das Gegenteil der
Ungleichheitsliebe ist das Ressentiment. Der Hässliche, der die Schönheit zur
Geschmackssache erklärt, der schlechte Schüler, der den guten einen Streber
nennt, der Feigling, der dem Tapferen niedrige Beweggründe unterstellt, der
verschmähte Galan, der einer nichteroberten Maid charakterliche oder kognitive
Defizite andichtet, der Forscher, der die Erfindung eines anderen niedermacht,
weil er sie gern selber in die Welt gesetzt hätte, der intellektuelle
Teigwanst, der auf den trainierten Leib eines sportlichen Menschen mit Bemerkungen
über dessen mutmaßliche Geistlosigkeit reagiert, der Schriftsteller, der einen
anderen Autor verreißt, weil der besser schreiben kann als er selber – man
kennt sie nur zu gut, all diese Füchse, denen die Trauben in Wirklichkeit nicht
nur keineswegs zu sauer sind, sondern die obendrein behaupten, süß sei
schlecht. Wer will zu dieser schäbigen Sippschaft gehören, anstatt den Schmerz
eigener Unzulänglichkeit in Würde auszuhalten und demjenigen die süßen Trauben
zu gönnen – nicht gleich vom Herzen, nur aus Vernunft, aus Fairness, aus
Selbstachtung –, der sie zu pflücken vermochte?
Offenbar wollen dies viele. Hörten wir
sonst permanent die Unterstellung, alle Menschen seien irgendwie gleich, weit
über die beiden einzig akzeptablen Kriterien „vor Gott“ und „vor dem Gesetz“
hinaus und gegen alle Evidenzen? Man will uns einreden, es existiere zwischen
den Geschlechtern kein natürlicher Unterschied, sondern nur ein kulturell
eingeübter (auch wenn wir von Kindheit an das Gegenteil erleben), es habe
niemals Genies gegeben (auch wenn ihre Werke bolzenstramm dastehen), alle
Rassen seien identisch begabt (auch wenn Studien und Realitäten gewisse
Unterschiede zeigen und zum Beispiel niemand im Ernst behaupten würde, Weiße
könnten so tanzen wie Schwarze), alle Kulturen seien gleichwertig (auch wenn
Michelangelo und Velázquez hinter den Meisterwerken der bildenden Kunst
Schwarzafrikas etwas zurückbleiben), Talent sei ein Mythos, denn in jedem Kind
stecke ein Mozart etcetera. Die Hirnforscher wollen einem neuerdings weismachen,
es existiere kein freier Wille (außer offenbar jenem, genau das zu behaupten
und darüber Kongresse abzuhalten), womit die ultimative Gleichheit hergestellt
wäre. Die Soziologen unterstellen, dass wir die unterschiedslosen,
austauschbaren Wesen aus ihren Statistiken seien. Straftaten seien ausnahmslos
auf soziale Ursachen zurückzuführen, plärrt es wiederum aus allen medialen
Ecken, wenn die ethnisch-kulturellen Unterschiede bei Straftätern überdeutlich
werden. Gäbe es die unvergleichlichen deutschen Verbrechen nicht, wir lebten
wohl komplett im Zeitalter der Gleichmacherei.
Man könnte über all diesen Unsinn mit den
Hinweis auf das offene Zutageliegen des Gegenteils die Achseln zucken, aber das
wirkliche Problem beginnt ja, wenn Gleichheitsideologien aller Wirklichkeit zum
Trotz akzeptiert werden (über den dialektischen Kniff, dass deren Wortführer
nur an ihrem Vorteil arbeiten, also zu ihren Gunsten Ungleichheit herstellen
wollen, sei hier hinweggegangen). Von den Vereinheitlichungsprozessen der
sogenannten Globalisierung unterstützt, sind die modernen Gesellschaften dabei,
die Unterschiede zwischen ihren Mitgliedern immer mehr einzuebnen. Ungerührt
trimmen sogenannte Bildungsseinrichtungen die künftigen Heloten der ausdifferenzierten
Weltwirtschaft auf Ameisentugenden wie „Flexibilität“ und „Teamfähigkeit“. Als
individuell gilt heutzutage, wer an möglichst vielen kollektiven
Beschäftigungen teilnimmt. Nichts scheint den modernen Menschen mehr zu
interessieren als das, was alle tun. Nichts hat ihn mehr versklavt und
gleichgemacht als die sexuelle Befreiung. Es ist nur folgerichtig, dass Konsum
und Kopulation, Werbung und sexuelle Glücksverheißung inzwischen untrennbar
zusammengehören. In den Zukunftsträumen von Linksaußen bis Neoliberal
unterscheiden sich Menschen überhaupt nicht mehr, weder durch Kultur, Nation,
Sprache, Rasse, Klasse, Stand, Geschlecht, Geschichte noch durch individuelle
Gene. Im Paradies der Progressiven existieren keine gottgegebenen Differenzen –
und wehe, wenn doch.
Je mehr die objektiven
Unterscheidungsmerkmale zwischen den Menschen abnehmen, weil sich alles mischt
und alles angleicht, je mehr die Weltzivilisation den Planeten in Huxleys Brave
New World umwandelt, wo
alle dieselben Träume träumen, je mehr die Kulturidee und mit ihr die nutzlosen
ästhetischen Anstrengungen aus der Welt verschwinden, desto schwerer wird es
die Ungleichheit haben, auf ihr Recht zu pochen – außer jenem einen
Unterschied, der sich durch das Geld herstellt und eher unwichtig ist, weil er
selten besondere Persönlichkeiten formt, aber hier gebenedeit sei dafür, dass
es ihn überhaupt gibt. Denn niemals waren Gesellschaften hässlicher,
bedrückender und verachtenswerter als diejenigen, die zwischen den Menschen die
völlige soziale Gleichheit herzustellen versprachen und lauter irdische Höllen
schufen.
Ein Mensch, der Selbstachtung,
Distinktionsvermögen, Geschmack und Humor besitzt, wird also die Ungleichheit
auch dann preisen, wenn er selber den Kürzeren zieht. Es fragt sich zum
Beispiel, warum wohlhabende Menschen hierzulande ein schlechtes Gewissen haben
sollen. Es liegt wohl daran, dass die meisten Intellektuellen und
Meinungsverbreiter wenig Geld besitzen und (deshalb) Linke sind. „Ich kenne
gern reiche Leute“, sprach dagegen ein deutscher Zeitschriftenherausgeber, ein
Satz, den man unter Sozialdemokraten, Grünen, Sozialisten und Gewerkschaftlern
gar nicht oft genug zitieren kann. Reichtum ist doch nichts Schlechtes. Würde
er sonst all die schönen Frauen so heftig anziehen, nach denen sich der
intellektuelle Reichtumsschmäher die Fingerchen leckt? Das Problem besteht
einzig darin, dass die Reichen heute keine Kulturträger mehr sind, dass keine
Aristokratie der Gesellschaft Stil, Glanz und die Frischluft ihrer Sitten
zuführt. Die würde der Linke zwar auch hassen, aber unsereins hätte dann
überhaupt keine Schnittmenge mehr mit ihm. Kulturlose Neureiche mögen eine
Zumutung sein, doch die Vorstellung, man sei zur sozialistischen Gleichheit
verurteilt, ist eben noch unerträglicher. Ich finde einen Mensch, der ein paar
Millionen gemacht hat,
ebenso beachtlich wie jemanden, der im Boxring einen 100-Kilo-Mann ausknocken
kann: Es mögen nicht gerade meine Wichtigkeitskriterien sein, aber geschenkt
nähme ich die Millionen des einen und den rechten Haken des anderen sofort und
umstandslos. Wie sollte ich sie da schlechtmachen?
Die relative Gleichheit, die heute auf
vielen Gebieten des Globus herrscht, beruht auf einem welthistorisch
einzigartigen materiellen Wohlstand. Das macht sie, im Gegensatz zur realsozialistischen,
so verführerisch. Es handelt sich, mit anderen Worten, auch um eine Gleichheit
des Nicht-Elends.
Erstmals in der Weltgeschichte gehen kollektives Wohlmeinen und kollektiver
Wohlstand Hand in Hand (nebenbei: Nicht die Uniformierer in den demokratischen
Parteien haben diesen Wohlstand hergestellt, sondern einige Pioniere in
Wissenschaft und Technik, also letztlich eine Handvoll elitär Ungleicher). Was
heute in der westlichen Welt als materielle Armutsgrenze gilt, wäre vor 200
Jahren purer Luxus gewesen; was die medizinische Versorgung, die Mobilität und
den sanitären Komfort angeht, ist heute ein Hartz IV-Empfänger jedem
historischen Souverän überlegen.
Nur in einer Welt eklatanter
Niveauunterschiede vermag das Leben zu fließen und sich zu entfalten. Es kann
gar nicht genug Ungleichheit geben. Sie ist die Ursache dafür, dass Großes,
Bewundernswertes, Schönes, Ewiges existiert, während der Neid und das
Ressentiment alles nach unten ziehen wollen, was aus der Masse herausragt. Der
Gleichheit verdanken wir das Reihenhaus, den sozialen Wohnungsbau, die
abgeschaffte Exzellenz, das Du zwischen Fremden, die Frauenquote, den
Massentourismus, die Erbschaftsbesteuerung, das Fast food, schlechte Manieren
und schlechtes Deutsch, der Ungleicheit verdanken wir die Pyramiden von Gizeh,
Palladios Paläste, die griechischen Tempel, die gotischen Dome, die Epen
Homers, die hebräische Bibel, Shakespeares Sonette, Beethovens Klaviersonaten,
die Erfindung der Dampfmaschine, das Taj Mahal, die Wolkenkratzer von Manhattan,
Chateau Petrus, bemannte Raumfahrt, die Filme von Kubrick und die Tatsache,
dass es Kleider gibt, die allenfalls jede zweihunterfünzigtausendste Frau
tragen kann.
Die Ungleichheit ist, mit den Worten
Kants, die „reiche Quelle vieles Bösen, aber auch alles Guten“. Sie ist meine
große Liebe.
(Auszug aus „Lebenswerte“ – bestellbar unter der Rubrik „Autorschaft“)
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