| Lebenswerte |
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"Feuilletons von ungewöhnlicher Brillanz. Man fühlt sich in die Zeit von Tucholsky zurückversetzt, als die deutsche Sprache noch vibrierte." Peter Sloterdijk in der ZDF-Sendung "Das philosophische Quartett"
180 Seiten - Lichtschlag - 2009; EUR 19,90 - link zu Amazon
Cover![]() Lebenswerte (Gebundene Ausgabe) Klappentext:DIESES BUCH geht der Frage nach, wofür es sich, in einem ganz unpathetischen Sinne, zu leben lohnt. Das heißt keineswegs, dass der Autor nicht auch mal pathetisch wird, weit öfter ist er indes reaktionär und nahezu durchgehend hedonistisch – im Sinne der hēdonē, jener Lust, die den alten Griechen als Voraussetzung der Glückseligkeit galt. Sein Kompendium umfasst Lebenswerte von der Ungleichheit bis zur Selbstironie, von der Gastronomie bis zur Klaviermusik, vom Radfahren bis zu den High-heels.
Leseprobe:
KINDER
Kinder machen bereits Probleme, wenn sie noch gar nicht auf
der Welt sind. Zwar werden die Brüste der Frau appetitlich prall, aber man
ahnt, dass ein Abschied dahinter steckt. Etwas später findet man sich auf
einmal in Möbelgeschäften wieder und kauft Gitterbetten und Wickelkommoden. Die
Wohnung wird umgeräumt. Das Arbeitszimmer ist bedroht. Die Frau nimmt eine Form
an, die man nicht für möglich hielt. Der Mode folgend will sie, dass man bei
der Geburt anwesend ist. Nie wieder wird er sich so hilflos fühlen wie im Kreißsaal. Damit hat ihm die
Frau die Erkenntnis aufgezwungen, dass er in der entscheidenden Frage ein
nahezu nutzloses Geschöpf ist. Ansonsten mag der Sinn dieser Maßnahme darin
bestehen, dass ihm die Lust auf Sex und sogar aufs Fremdgehen für eine
beträchtliche Zeit vergällt wird.
Kleine Kinder lärmen unausgesetzt, sofern sie nicht
schlafen. Sie schlafen zwar oft, aber nie durch – mitunter jahrelang nicht. Aus
ihren Körperöffnungen quillt permanent Unrat. Sie werden schnell krank, dann
schlafen sie erst recht nicht durch. Der Windelverbrauch ist enorm. Es kann
vorkommen, dass sie einen nachts zwanzigmal wecken, und nie wird man erfahren,
warum. Sie brüllen einfach. Monatelang kann man mit ihnen nichts anfangen, dann
darf man mit Bauklötzen spielen, was sich so gestaltet, dass man einen Turm
baut und das Kind ihn umwirft. Zehnmal. Zwanzigmal. Fünfzigmal. Kaum können sie
laufen, schmeißen sie alles weitere um beziehunsgweise herunter, oder sie
schlagen sich den Schädel auf. Ständig muss man sie bewachen, damit sie keinen
Unsinn anstellen. Steckdosen verschließen. Scheren verstecken. Man kann nicht
in Lokale gehen, weil sie entweder quengeln oder herumrennen wollen. Man kann
nicht verreisen, außer an kinderfreundliche Strände, wo kinderreiche Familien
ihre deformierten Körper, Frisuren und Sitten zur Schau stellen. Beim Sex
stören sie, sogar wenn sie schlafen – es könnte ja kurz vorm Orgasmus der
plötzliche Kindstod eintreten. Überhaupt ist man ständig in Sorge, ihnen könnte
etwas zustoßen.
Spielen sie mit anderen Kindern, gibt es Streit und
Geheule. Sie machen das Spielzeug kaputt. Man hockt in ihrem Zimmer und spielt
stumpfsinnige Spiele. Kein Essen schmeckt ihnen. Sie betteln im Supermarkt um
Süßigkeiten und schreien, wenn sie keine bekommen. Sie schreien überhaupt gern
in der Öffentlichkeit. Sie wollen neues Spielzeug. Sie toben durch die Wohnung
und knallen Türen. Wenn sie mal ruhig sind, muss man stattdessen Super-RTL
ertragen. Ist das Wetter schön, hat man auf den Spielplatz zu gehen, ein wahrer
Schreckensort: andere nervende Kinder, ungepflegte Mütter, Gekreisch, Tränen.
Bodyguard-Auftritte. Quälende Langeweile. Die Zeit dehnt sich.
Verzweiflungsgefühle.
Auch im Arbeitszimmer hat man keine Ruhe vor ihnen. Sie
malen Krikelkrakel in bibliophile Werkausgaben. Dauernd kommen sie angelaufen
und wollen irgendetwas. Schon morgens wecken sie einen, egal, ob man es ihnen
tags zuvor verboten hat. Sie beschmieren die Türklinken und die Klaviertasten mit
ihren Schokoladenfingern, und sie kleben Popel hinters Sofa. Sie müssen immer
bei den Eltern spielen. Und sie müssen unbedingt reden, wobei es ihnen
vollkommen egal ist, ob man gerade liest oder telefoniert, und wenn sie einen
beim spontanes Nickerchen erwischen, werden sie es erbarmungslos beenden.
Kommen sie in die Pubertät, hat man plötzlich
verhaltensauffällige Fremde in der Wohnung, die unangenehm riechende
Gleichaltige anschleppen, sich kleiden wie Geistesgestörte, ihr Dasein mit
technischem Schnickschnack verbringen, in ihrer ganzen maulfaulen Sperrigkeit
etwas Möbelhaftes haben und einem groteske Diskussionen über absurde Themen
aufzuzwingen versuchen...
Fassen wir zusammen: Kinder lärmen, Kinder nerven, Kinder
machen Dreck, Kinder schränken ein. Kinder kosten eine Menge Geld und noch mehr
Zeit. Kinder machen geile Luder zu Muttis. Kinder verhindern, das man sich den
intellektuell bedeutenden Dingen widmet. Kinder sind die Hölle.
Aber als sich zum erstenmal diese kleinen Ärmchen um meinen
Hals legten, war ich für alle Zeit geheilt vom Nihilismus.
SELBSTIRONIE
Eigentlich sollten in diesen Betrachtungen Charaktereigenschaften keine Berücksichtigung finden, weil sich dann zwingend die Frage aufwürfe, warum diese vorkommt und jene nicht. Mut, Warmherzigkeit, Güte oder Beharrungsvermögen sind zweifellos als Lebenswerte ähnlich hoch einzustufen wie die hier in Vorschlag gebrachte Selbstironie. Doch zum einen ist die Selbstironie weder verbreitet noch lebenswichtig, sondern eher ein Luxus – und damit passt sie sehr gut in diesen Reigen. Zum anderen gelten die soeben aufgeführten Eigenschaften unbestritten als bedeutend und bedürfen keines Plädoyers. Die Selbstironie ist eine überwiegend männliche Eigenschaft und, wenn ich es recht sehe, vor allem im Abendland halbwegs verbreitet. Sie tritt sowohl im Leben des Einzelnen als auch in der Entwicklung der Zivilisation relativ spät auf und bleibt im Wesentlichen einigen Kultivierten und einer Handvoll heiter gewordener alter Männer vorbehalten. Man kann davon ausgehen, dass sie unter römischen Legionären so wenig verbreitet war wie heute unter den Taliban, dass Dschingis Chan so wenig selbstironisch war wie Suleiman der Zweite oder Pol Pot, dass der Siegelringträger Joschka Fischer die Selbstironie so wenig kennt wie irgendein goldkettchentragender Macho mit Migrationshintergrund aus dem Ruhrgebiet. Aus der Perspektive eines virilen muslimischen Zuwanderers ist die Selbstironie vermutlich einfach nur ein Symptom westlicher Dekadenz, Ausdruck einer Männlichkeit, die sich selbst nicht mehr ernst nimmt. In der Tat hat Selbstironie sehr viel mit der Konterkarierung männlicher Potenzansprüche zu tun, freilich ohne den Potenzgedanken gleich in Bausch und Bogen zu verdammen. In der Ablehnung allzu ostentativen männlichen Pfauenradschlagens liegt zugleich eine sublime Form desselben. Der selbstironische Fuchs leugnet keineswegs die Süße jener Trauben, nach denen er so vergeblich den Hals gereckt hat. Er zieht vielmehr Gewinn aus der Vergeblichkeit seiner Sprünge, indem er seine Bemühungen ironisiert. Wenn er ein besonders selbstironischer Fuchs ist, ironisiert er sogar seine erfolgreichen Bemühungen, der Tatsache eingedenk, dass dieser Erfolg bereits beim nächsten Versuch ausbleiben kann – und irgendwann in Zukunft mit Sicherheit ausbleiben wird. Selbstironie ist die heitere Art, mit den eigenen Schwächen und der eigenen Hinfälligkeit umzugehen. Sie ist letztlich auch der würdevollste Weg, mit den Kalamitäten des Älterwerdens fertigzuwerden. Und warum soll das nun vorwiegend männlich sein? Ganz einfach: Weil Frauen weder die maskulinen Geltungsansprüche im Blut haben, noch von der Gesellschaft in die Macher- und Siegerrolle genötigt werden. Frauen haben weniger Bedarf an Selbstironie, weil sie weniger oft scheitern als Männer und weil ihr Geschlecht als ganzes nicht annähernd so tölpelhaft ist wie das männliche. Allein dass nahezu jede Frau instinktiv weiß, wie sie sich ansprechend zu bewegen hat, und nahezu jeder Mann nicht, erklärt ein kompensatorisches Bedürfnis nach Selbstironie seitens des Letzteren. Vermittels Selbstironie distanziert sich ein Mann vom Kollektiv-Männlichen, das er in sich trägt. Übrigens gehört die Selbstironie zu jenen Tugenden, mit denen Männer versuchen, bei Frauen zu landen (und bei klugen Frauen funktioniert das auch). Die meisten Kerle dagegen sind viel zu plump, als dass sie mit weiblicher Selbstironie etwas anfangen könnten, sie würden im Gegenteil daraus die Folgerung ziehen, irgendetwas an der Frau stimme nicht. Männer glauben ja gern, dass die Frau, die sich mit ihnen eingelassen hat, etwas ganz Besonderes sei, so wie sie ihr Auto oder ihren Job oder ihren Tennis-Aufschlag auch für etwas ganz Besonderes halten, während selten eine Frau auf die Idee kommen dürfte, ihren Mann beziehungsweise Partner nicht gelegentlich in der Kategorie Trottel zu verorten. Männer müssen permanent wetteifern, prahlen, sich selbst als bedeutend darstellen, stark sein. Immer geht es bei ihnen darum, wer etwas besser kann, wer den Größeren hat, wer dem anderen überlegen ist. Schon in Gesprächen sechsjähriger Knaben ist dieser Konkurrenzschwachsinn komplett ausgeprägt, und wenn ein Mann um eine Frau wirbt, kommt er vor lauter Angeberei normalerweise kaum dazu, sich ihre Lieblingsblume zu merken (ich spreche durchaus pro domo).
Nun darf man den
Homo sapiens maskulinensis aber nicht
gleich darob schelten, so zu sein, wie er ist, denn er ist es ja aus bestimmten
Gründen geworden. Die Bewohnbarmachung des Planeten mit ihren ewigen Kämpfen
gegen Höhlenbären, feindliche Krieger, Krankheiten, Kälte und Hunger war der
Entstehung von Selbstironie nicht eben förderlich. Wenn der Fluss über die Ufer
tritt oder der Feind vor den Toren steht, bleibt dafür einfach keine seelische
Energie frei. Hektor kann oben auf Trojas Mauer, derweil drunten vorm Tor der
Pelide tobt, schwerlich mit einem „Schatz, vielleicht hätte ich doch besser
Winzer werden sollen“ von Andromache scheiden. Der Krieger ist nicht
selbstironisch. Allenfalls besitzt er Galgenhumor, eine der Selbstironie
verwandte Eigenschaft, die jedoch aggressionsfördernd wirken kann, während der
Selbstironie stets etwas Melancholisches innewohnt. Auf die Ankündigung der
Perser, sie seien so viele, dass ihre Pfeile den Himmel verdunkeln würden,
sollen die Spartaner vor der Schlacht bei den Thermopylen entgegnet haben: „Nun
denn, so werde wir im Dunkeln kämpfen“; ein schönes Beispiel für Galgenhumor.
Vermutlich ist
die Selbstironie erst mit der Spätzivilisation in die Welt gekommen. Es handelt
sich jedenfalls um eine durch und durch zivilisierte Eigenschaft. Als der
Herzog de Richelieu (ein Großneffe des Kardinals) seine Gemahlin mit seinem
Stallmeister auf unzweideutig frischer Tat ertappte, bemerkte er lediglich:
„Bedenken Sie, Madame, in welcher Verlegenheit Sie sich befunden hätten, wenn
jemand anderes als ich eingetreten wäre.“ Und als derselbe Stallmeister viele
Jahre später – die Gattin war inzwischen gestorben – unterwürfig um eine Stelle
bat, erwiderte Richelieu: „Gewiss, Monsieur – aber woher haben Sie erfahren,
daß ich wieder heirate?“ Solch
aristokratische Bonhommie ist dem Gegenwartsmenschen eher fern, dafür ist sein
Selbstgefühl gleichermaßen zu klein und zu groß geworden. Wenn indes der reiche
Schönling Mr. Big in der Serie „Sex and the City“ zu seiner Geliebten Carrie
sagt: „Der Sex war phantastisch – aber was verstehe ich schon davon?“, bin ich
des’ auch schon zufrieden. Man darf Selbstironie übrigens nicht mit Feigheit verwechseln; nicht der Feigling, sondern der vom Leben gezeichnete Mann wird selbstironisch. Die Selbstironie richtet sich gewissermaßen gegen den inneren Taliban und dessen närrische Geltungsansprüche. Das heißt nicht, dass der selbstironische Mensch nicht kämpfen kann, dass ihm nichts heilig ist. Er hat nur begriffen, dass jenes Selbst ein hinfälliges, ein fragwürdiges, ein sogar auf dem Höhepunkt seiner Kraft von Schwäche gezeichnetes, ein in all seinen Bemühungen letztlich komisches Etwas ist – und dass er diese Entdeckung besser selber machen sollte, bevor es ein anderer tut.
Presse:
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