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Im 18. Jahrhundert war der Atheismus so elegant wie der Liebesbrief. Heute ist er so plump wie die SMS.
Wenn eine Frau nein sagt, meint sie in Wirklichkeit ja, versichert der Macho. Wenn eine Frau nein sagt, meint sie auch nein, erklärt die Feministin. Recht haben sie beide: Wenn eine Frau nein sagt, meint sie mal dies und mal das.
Wo die Individualität blüht, welkt die Persönlichkeit.
Adoration
"Ich bin ein Spätentwickler"
Aber was für einer: Martin Mosebach ist sicher einer der besten lebenden deutschsprachigen AutorenNein, das hat er nicht gewollt. Nicht, dass er die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek nicht mehr für "einen der dümmsten Menschen der westlichen Hemisphäre" halte, aber als er dies damals in trauter Runde daherplauderte, hatte er doch keine Ahnung, dass ...
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| Radfahren. Kleine Philosophie der Passionen. |
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"Klonovsky schreibt vom Radfahren so enthusiastisch, daß wir aus Stein sein müßten, um es ihm nicht sofort nachzutun."
Die Welt
Klappentext:Radfahren ist mehr als stumpfsinnige Pedaltreterei, meint der Autor, nämlich – u.a. – Tanz, Schmerzgenuss, geistig-seelische Entschlackung, Präludium (und Freibrief) für jede Art Bacchanal, mitunter auch erotisches Vorspiel, jedenfalls nicht nur eine Tätigkeit der Muskeln, sondern nicht minder des Kopfes. Seine Analyse des durchaus suchtrelevanten Phänomens beruht auf jahrelangem Selbstversuch und erstreckt sich thematisch von Aristoteles bis Armstrong (Lance), von Bergauffahren bis Beinrasur, von Wiegetritt bis Wagner (Richard). Der Verfasser unterlässt es keineswegs, darauf hinzuweisen, dass wie allen Passionen auch dieser neben ihrer emi- und permanenten Glücksversprechenseinlösung ein gewisses Maß an Bescheuertheit eignet. Am ehesten verdichtet sich seine Passionsspiel-Philosophie in dem Merksatz: »Wer sich nach einer ausgiebigen Trainingstour den lukullischen Wonnen verschließt, ist – sofern er nicht mit Radfahren sein Geld verdienen muss – ein Idiot.«
Leseprobe:Wo es um Passion geht, gilt es gemeinhin als erlaubt, sein Herz auf der Zunge zu tragen. Ich beginne deshalb mit der auch für mich immer wieder etwas absonderlich wirkenden Feststellung, dass der Anblick einer bergauf führenden (möglichst spärlich befahrenen, sonnenbeschienenen) Serpentinenstraße in mir Gefühle von ähnlicher Intensität auslöst wie der Anblick einer schönen Frau. Genauer: einer sich räkelnden und kurvig oder auch kurvenbetont dahingegossenen Frau. Sozusagen einer Frau mit zehnprozentiger Steigung. Ich drehe mich gewissermaßen nach Serpentinen um. Manchmal übrigens buchstäblich, etwa im Auto. Ich starre aus dem Rückfenster, überschlage Länge und Steigungsgrad und frage mich, warum um alles in der Welt ich mir das nun wieder entgehen und fremde Kräfte statt der eigenen walten lasse. Ich schmachte sie sehnsüchtig an, wenn ich beispielsweise einen Tour de France-Bildband durchblättere. Serpentinenstraßen sind so schön, wie sie sich durch die Berglandschaft schlängeln. Anmutig weisen sie den Weg hinauf. Folge mir, spricht die Serpentine, deshalb bin ich da. Sieh, wie vergleichsweise sanft ich mich emporwinde, einen eigentlich auf Rädern nicht zu bewältigenden Anstieg in fahrbare Abschnitte zerlegend. In fließender Regelmäßigkeit schieben und winden sich die Kurven übereinander. Der Asphalt bildet einen einladenden Kontrast zur Schroffheit der Felsflanken, zumindest wenn man vom Rennrad her denkt. Anderthalb Zentimeter breit sind die Reifen - in solcher Landschaft wäre ein derart filigranes Konstrukt normalerweise sofort zuschanden. Die Serpentine schließt den Berg auf. Sie öffnet ihn, der sonst spröde eine Fußbesteigung heischen würde, der Geschwindigkeit. Und ich will unbedingt hinauf. Dieses Erstürmen- und Erklimmenwollen hat keinerlei praktischen Sinn. Eher hat es mit der Lust am Widerstand zu tun, mit überschießender Vitalität, die zumindest in meinem Falle stets schneller als gedacht an ihre Grenzen stößt, davon aber erstaunlich unbeirrbar bleibt, sowie mit dem tröstlichen Wissen, dass der Weg das Ziel ist. Denn ist man oben, handelt es sich zwar um eine temporäre Erlösung von den Anstrengungen des Hinauf, aber das große Gefühl ist ebenfalls dahin. Und begehrt Erneuerung. Gottlob gibt es viele Serpentinenstraßen. Schier endlose und kürzere. Brutal steile, für jede Art Blamage gute, und gemäßigt dahinfließende. Anspruchsvolle und weniger anspruchsvolle. Hochfrequentierte und eher verwaiste. Wobei man natürlich auch immer wieder dieselbe wählen kann - kein Einwand gegen velozipedäre Monogamie. Vielleicht sind das sogar die wahren Glückspilze, die ihre Serpentinenstraße sozusagen vor der Haustür haben. Gewiss, sie erleben nicht soviel wie die Serpentinensammler, aber sie müssen dafür einen weit geringeren Aufwand treiben. Sie können mit ihrer Zeit haushalten. Und letztlich kommen sie auch auf ihre Kosten. Nach einer Weile kennen sie die Holde in- und auswendig und wissen genau, wie man sie fahren muss, mit welchem Tempo man sie am meisten genießen kann und an welcher Passage sie zur herzfrequentiellen Klimax gelangen sollten. Soweit zunächst zur Serpentine beziehungsweise Passstraße. Die ist freilich nur ein so genanntes Sahnehäubchen, denn wer hat schon einen veritablen Berg vor der Haustür? Ich beispielsweise bin die wenigste Zeit auf Serpentinen unterwegs, aber letztlich um ihretwillen überhaupt. Ich möchte nicht in einer Welt ohne Serpentinen leben.
Ganz unabhängig vom Streckenprofil bedeutet Radfahren für mich die
stets neue Erfahrung der simplen, in meinem Schreibtischalltag freilich
nicht durchgängig manifesten Tatsache, dass ich einen Körper besitze,
mit Muskeln, Sinnesorganen, Poren, einem Herz und zwei meist mangelhaft
genutzten Lungenflügeln. Kurzum: dass ich lebe. Radfahren ist die schnellste Fortbewegungsart, die dem Menschen aus eigener Kraft zu Gebote steht. Man ist auf dem Rad tatsächlich automobil. "Ich fahre als Beweis dafür, dass auch in unserer wissenschaftlichen und hoch technisierten Welt der menschliche Körper immer noch ein Wunder ist", erklärte der Radprofi Lance Armstrong, für den diese Feststellung fraglos zutrifft. Das Rad ist ein Vertrauter, keines fühlt sich an wie das andere und vor allem nicht wie das eigene. Je länger man trainiert, desto mehr vergrößert sich der Aktionsradius. Distanzen, die mir früher von München aus unerradelbar weit schienen, empfinde ich heute als vergleichsweise harmlos; Tegernsee, Schliersee, Ammersee - und ihnen auf dem Fuße folgend die Alpen - sind mit der Zeit immer nähergerückt. Wenn ich mich mit Freunden irgendwo draußen auf dem Lande auf ein Bier verabrede und sie mit dem Auto dorthin fahren, während ich das Rad nehme, heißt es beim Abschied dann: Du Armer musst jetzt die ganze Strecke in die Stadt zurückradeln. Wo es doch heißen müsste: Du Glücklicher darfst jetzt aufs Rad. Ich werde mich am leichtesten fühlen. Ich werde der Nüchternste sein daheim. (...) Vom Sturzrisiko abgesehen, vor welchem mich meine an Feigheit grenzende Vorsicht bergab beziehungsweise mein großartiges Konzentrationsvermögen bislang achtundneunzigprozentig geschützt haben, ist Radfahren eine überaus bekömmliche Fortbewegungsart. Man belastet Muskulatur und Herzkreislaufsystem kontinuierlich, ohne den Gelenken einen vergleichbaren Tort anzutun wie etwa beim Laufen. Nicht zuletzt bewegt sich der Radler überwiegend in Gefilden, wo der Sauerstoffanteil höher als in der Stadt und die Luft reiner ist, woran auch er selber nichts ändert. Beim Radfahren kommt man deutlich weiter herum als beim Joggen, und weder eine Außenhülle aus Metall oder Glas noch ein Motor blockieren den Kontakt zur Umwelt. Man hört das Zwitschern der Vögel, das Zirpen der Grillen und das Singen der Reifen, dessen Tonart bei jeder Änderung des Fahrbahnbelags wechselt. Nur ein dünnes Trikot liegt zwischen Haut und Welt. Die Sonne brennt, der Wind kann einem gewaltig im Wege stehen, und nichts hält den Regen ab. Ein Anstieg teilt sich unmittelbar den Oberschenkeln mit. Der Radfahrer verbraucht keine Energie außer der körpereigenen. Kein Wesen leidet unter seiner Fortbewegungsart - außer manchmal er selber. Überdies ist das Fahrrad ein Therapiegerät. Auf ihm können jene unvermeidlichen Trübsinnsanfälle, die den Menschen hin und wieder heimsuchen, genauso bekämpft werden wie ein veritabler Kater. Auch plötzlich hereinbrechende und fürs Erste unstillbare sexuelle Notdurft beziehungsweise gleichursächliches Herzeleid lassen sich mit anti-selbstischer Grundhärte wenigstens phasenweise aus Augen und Sinn pedalieren. Wer will, kann auf dem Rad nahezu jeden Schmerz vertreiben, indem er einfach einen stärkeren draufsetzt. Auf dem Rad kann ich außerdem mein Gehirn entknoten und entschwurbeln, wenn ich mal wieder zu viel intellektuelle Milchsäure produziert habe, indem ich es minutenlang total abschalte und nur noch meinem Herz und meinem Atem zuhöre. Andrerseits rauschen mir auf dem Rad regelmäßig irgendwelche Ideen durch den Kopf, die sich später vielleicht verwerten lassen. Will heißen: Radfahren vermag sowohl meditativ-schädelausspülend als auch geistig inspirierend zu wirken. Sodann kommt diese Leibesübung meiner Neigung zum zeitweiligen Sozialautismus entgegen. Das Rad ist eine fahrtwindgeschirmte Insel, auf der niemand anruft, an die Tür klopft, überhaupt etwas von mir will. "In der Einsamkeit der Flughäfen/atme ich auf", heißt es in Heiner Müllers "Hamletmaschine". Dieses Gefühl kenne ich gut, dafür liebe ich die Flughäfen, aber noch tiefer atme ich auf, wenn ich mich pedaltretend aus der Welt entferne. Deshalb fahre ich beispielsweise gern an Wochenenden mit leichtem Nieselregen im Voralpenland, wenn die Wolken tief hängen, die Wiesen dampfen und die Straßen leer sind. Dann ist es, als wenn die Welt in Watte läge. Die wenigen Töne sind gedämpft, still liegen die Gehöfte. Diese Einsamkeit ist ein Balsam für meine vom täglichen Gesichter- und Geredeschaum malträtierten Stadtmenschennerven. (...) Rennradfahrer teilen sich bekanntlich die Straße mit Autofahrern, was beide Seiten mitunter stört, nach meiner Erfahrung insbesondere die motorisierte. Das diffizile Verhältnis, ein vorwiegend deutsches Problem, wird später kurz thematisiert. An dieser Stelle soll nur der Aspekt von Belang sein, dass mich hin und wieder jemand hinter seiner Autoscheibe mitleidig anschaut. Etwa, weil ich im strömenden Regen fahre und er im Trocknen sitzt. Oder weil ich mich bei sengender Sonne schweißtropfend einen Berg hinaufarbeite, während er die Klimaanlage reguliert und mir ein Wölkchen Abgas zur Inhalation hinterlässt. Oder aber, weil ich bei Schneetreiben durch die Stadt radle, während er sich eines wohltemperierten Gesäßes erfreut. Weil ich den Elementen, diesem täglichen Wunder namens Wetter, ausgesetzt bin und er nicht. Manchmal schaue ich dann mitleidig zurück.
Presse:
Mit diesem Blick haben wir Serpentinen noch nie betrachtet... Überhaupt
spricht und schreibt Klonovsky vom Radfahren so enthusiastisch und gut
informiert, daß wir aus Stein sein müßten, um es ihm nicht sofort
nachzutun." |
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