Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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Peter Sloterdijk

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Sünderin sowieso

Nach ihrem Rausschmiss bei „Kerner“ befindet sich Eva Herman auf dem Weg zur Unperson. Der mediale Umgang mit ihr wirft die Frage auf: Wie frei ist die Rede in Deutschland?

Diese Frau muss ein verdammt dickes Fell haben. Oder eine Idealistin reinsten Wassers sein. Jedenfalls ist kaum jemand — und vor allem keine Frau — in letzter Zeit hierzulande dermaßen beschimpft und verunglimpft worden. Dennoch hat sich Eva Herman zu ihrer öffentlichen Hinrichtung quasi selbstständig bereitgefunden und ins Studio des ZDF begeben.

Dort saß, als eine Art freundlicher Inquisitor, Johannes Baptist Kerner, der genau wie Frau Herman wusste, was vorher so alles über sie geschrieben worden war. Etwa dass ihre Ansichten „zwischen Steinzeitkeule und Mutterkreuz“ zu verorten wären, wie Alice Schwarzer meinte. Dass sie gar „zum Knochenkotzen“ seien, vermutlich nach Einsatz der besagten Keule, wie die Schriftstellerin Karin Duve elegant formulierte. Dass die Autorin Thea Dorn in Hermans Bestseller „Das Eva-Prinzip“ einen „antifreiheitlichen, totalitären Kern“ ausfindig und dann prompt das „Eva-Braun-Prinzip“ daraus gemacht hatte.

Dass der Vorabendserienschauspieler Jan Fedder coram publico „Eva, du hast ein Loch im Kopf, Eva, mach dir einen Nazi-Zopf“ gesungen und die „Bild“-Zeitung gefragt hatte: „Ist Eva Herman braun oder nur doof?“, was die „Welt am Sonntag“ wiederum abwandelte in: „Ist Eva Herman eine verkappte Braune? Eine Durchgeknallte?“ Dass die „Frankfurter Rundschau“ sie zur „Mutterkreuzzüglerin“ erklärte und der Kabarettist Oliver Pocher sie nach Hitlers Schäferhund „Blondi“ genannt und gewitzelt hatte, ihr nächstes Buch werde wohl „Mein Kampf“ heißen. Und ganz sicher hat Kerner gewusst, dass die „Bild am Sonntag“ die Gesinnungssünderin neben dem „Führer“ abgebildet und geschlagzeilt hatte: „Eva Herman lobt Hitlers Familien-Politik.“

Kerner hatte die Geschmähte schon einmal, gewissermaßen nach der ersten Beleidigungswelle, zu sich in die Sendung gebeten, dann aber wieder ausgeladen. Nunmehr konnte der Moderator sicher sein, dass es ungefähr ähnlich viel Mut erfordern würde, diese Frau final vorzuführen, wie eine angepflockte Antilope mit der Pumpgun zu erlegen. Inzwischen hatte die Ex-„Miss Tagesschau“ ihren Moderatorenjob beim NDR verloren, und Anfang September konnte man in der „Welt“ lesen, dass die Hamburger Society sie zunehmend schneide: Ihr „gesellschaftlicher Status als Persona non grata kündigte sich schon nach ihrem Buch 'Das Eva-Prinzip' an. Schon damals verschwand sie von den Gästelisten großer gesellschaftlicher Ereignisse“, registrierte das Blatt.

Ist Eva Herman „eine solche Bedrohung“, wunderte sich die Züricher „Weltwoche“ nach ihrem Rausschmiss beim NDR, „dass man sie so weit als irgend möglich aus der Öffentlichkeit entfernen musste“? Natürlich weiß jeder, aber auch jeder der hier Zitierten inklusive Kerner ganz genau, dass diese Frau im Kopf ungefähr so braun ist wie derzeit draußen herum brünett. In ihren Büchern geht es lediglich um die Freuden von Mutterschaft und Kindererziehung, sie plädiert gegen die Diskriminierung der Hausfrauen und gegen die allzu frühe „Abschiebung“ von Kindern in Kindertagesstätten, und sie hatte sich sogar brav an einer Initiative „gegen rechts“ beteiligt. Trotzdem wurde das Rufmordritual durchgespielt, einzig um jemanden zu erledigen, der etwas anderes meint, als es der aktuelle Zeitgeist gebietet.

Mag sein, dass Kerner der Delinquentin auch nur Gelegenheit geben wollte, sein Studio in ein Miniatur-Canossa zu verwandeln. Der Verlauf des Gesprächs und vor allem die Tatsache, dass er Herman ausgerechnet in dem Moment vor die Tür setzte, als sie über ein so unverfängliches Thema wie Kindertagesstätten in Sachsen-Anhalt sprach, lassen indes den Verdacht sprießen, dass alles ein abgekartetes Spiel war.

Bei der Präsentation ihres zweiten antifeministischen Buchs im September war Herman ein sprachlicher Kuddelmuddel unterlaufen, der sich, wenn man sehr böswillig las, so interpretieren ließ, als sei ihr die NS-Familienpolitik irgendwie sympathisch, und darauf sollte sie offenbar um jeden Preis festgenagelt werden.

„Sie verwechselt Faschismus und Konservatismus“, dozierte der Historiker Wolfgang Wippermann, Herausgeber eines „Rotbuchs“ gegen das „Schwarzbuch des Kommunismus“ und gelegentlicher Autor beim „Neuen Deutschland“, der als eine Art geladener Prozessgutachter im ZDF-Publikum saß. Dabei hat es doch exakt andersherum begonnen: Es waren Hermans Kritiker, die beides partout verwechseln wollten und aus ihr eine verkappte NS-Sympathisantin machten.

Mehrfach betonte die solchermaßen Angeklagte, sie sei falsch verstanden worden, aber es half ihr nichts — Kerner verlangte eine öffentliche Abbitte. Nur: Mit welchem Recht fordert ein TV-Talker von einem anderen Menschen, er solle sich vom Teufel distanzieren? Hier gilt, was der Philosoph Odo Marquard in ähnlichem Kontext auf die Kurzdialogform brachte: „Legitimieren Sie sich!“ — „Bitte nach Ihnen!“

Der Eklat vollzog sich mit einer gewissen Präzision und mit Unterstützung der anderen Gäste. Aber diesmal sind die, frei nach Martin Walser, „Tabuzüchter im Dienste der Aufklärung“ womöglich zu weit gegangen. Die Hermansschlachtung hat das Publikum in eine wahre Rage versetzt. Wertet man die Zehntausenden von Online-Kommentaren und Forenbeiträgen als repräsentativ für das, was die Leute bewegt, war der Skandal bei Kerner wichtiger als alle Debatten von Arbeitslosengeld bis Bahnstreik zusammen.

„Mit dem Zweiten soll man ja angeblich besser sehen. Man muss dafür allerdings relativ schmerzfrei sein oder die Fähigkeit besitzen, kurzfristig auszublenden, dass man in einer Demokratie lebt“, zürnte die Redaktion von Welt online. Von einem „Tribunal“ sprach der Publizist Henryk M. Broder (der freilich gern selbst mal das eine oder andere veranstaltet), und zwar „mit Herman als Angeklagter, Kerner als Ankläger und drei Geschworenen, die ihr Urteil schon vor Beginn der Verhandlung gefällt hatten“. Auf den Online-Seiten der „Süddeutschen Zeitung“ war sogar kurz von Kerners „Volksgerichtshof“ die Rede, bevor sich die Redaktion auf die Formulierung „Laiengericht“ zurückzog.

Längst ist außer Sicht geraten, worum es eigentlich geht. Diejenigen, die wollten, dass über Hermans Thesen gar nicht erst debattiert wird, haben ihr Ziel erreicht: Anstatt über die familienpolitische Lage anno 2007 redet man über die Familienpolitik der Nazis.

Anscheinend darf die sogenannte moderne Frau alles sein, Karrieristin, Emanze, Kanzlerin, Polizistin, Priesterin, Boxerin, Grünen-Sprecherin, Domina — nur eines nicht: Hausfrau und Mutter. Irgendetwas muss faul sein in einem Staat, wo die zumindest sorgenvollen Ausführungen der einstigen „Tagesschau“-Sprecherin für Blödsinn erklärt werden, nicht aber das tumbe Gerede von „Emma“-Herausgeberin Schwarzer, die auf die Frage, ob es sie nicht irritiere, dass hierzulande immer weniger Kinder geboren werden, entgegnete, man müsse doch „dem ,Führer' kein Kind mehr schenken“.

Bei dieser Debatte ist es unerlässlich, an den demografischen Hintergrundzu erinnern, vor dem sie sich vollzieht: Die Bevölkerungspyramide der Bundesrepublik dreht sich allmählich auf den Kopf, es werden immer weniger einheimische und mehr Einwandererkinder geboren, namentlich deutsche Akademikerinnen pflanzen sich selten fort. Kurz vor ihrem Hinauswurf sagte Herman: „Wir sterben aus. Wir kriegen die demografische Kurve nicht mehr.“ Die Antwort Kerners: „Na ja, dann gibt es ein paar mehr Chinesen — also insgesamt, was die Weltbevölkerung angeht, mache ich mir um das Aussterben nicht allzu viele Gedanken.“

Vielleicht hätte mal einer den Moderator daran erinnern sollen, dass es auch um sein Publikum geht. Inkonsequenterweise hat Kerner selber drei Kinder gezeugt, die übrigens von seiner Frau daheim aufgezogen werden, also ganz im Sinne Eva Hermans, die Kerner aber aus seiner Sendung warf, weil er ihre Thesen zur Rolle der Frau irgendwie gefährlich oder zumindest rückständig fand — absonderliche Welt.

Auch damit, dass sie für die Zerstörung der Familie den durch die 68er-Generation geprägten Zeitgeist verantwortlich macht, steht Herman keineswegs allein da, das tun und taten auch andere, etwa der Berliner Medienphilosoph und Vierfachvater Norbert Bolz in seinem Buch „Die Helden der Familie“.

Sie hätte doch wissen müssen, was man sagen dürfe und was nicht, tönt es inzwischen aus einigen Redaktionsstuben. „Das eigentlich Erschreckende“, meint der Journalist Stefan Niggemeier in seinem viel gelesenen Blog, sei, „wie dumm jemand sein kann, wie ahnungslos, wie dilettantisch und laienhaft in einer Medienwelt, in der sie sich seit vielen Jahren professionell bewegt“. Ein merkwürdiges Debattierverständnis: Als Nichtmedienprofi soll man bei heiklen Themen also am besten gleich die Klappe halten?

In Gestalt einer simplen und ungeschickt agierenden Ex-TV-Moderatorin verkörpert sich eine Grundsatzfrage hiesigen Selbstverständnisses: Wie lange soll Hitler noch eine Hauptrolle in der deutschen Innenpolitik spielen? Ist ein Punkt der Vergangenheitsfixierung erreicht, bei dem, wie Friedrich Nietzsche schrieb, „das Lebendige zu Schaden kommt, und zuletzt zugrunde geht, sei es nun ein Mensch oder ein Volk oder eine Cultur“? Ist in irgendeinem anderen demokratischen Land der Welt zu diesem Thema ein derartiges Tribunal denkbar, bei dem der Moderator zudem bekundet, es sei ihm egal, ob sich das eigene Volk fortpflanzt oder ob es der Chinese tut?

„Ich verstehe nicht, dass der Intendant des ZDF nicht an sich runterkotzt, wenn er das sieht“, sagte Harald Schmidt über Kerners komplett scham- und pietätfreie Berichterstattung vom Erfurter Schulmassaker anno 2002. Vielleicht klappt's ja diesmal.



Erschienen in: Focus 42/2007, S. 36 ff.