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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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"Dieser Roman gibt einem glatt den Glauben an die deutsche Literatur zurück."      

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 "Feuilletons von ungewöhnlicher Brillanz. Man fühlt sich in die Zeit von Tucholsky zurückversetzt, als die deutsche Sprache noch vibrierte."

Peter Sloterdijk

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Gab es Moses?

Jeder kennt den Gesetzgeber der Bibel, doch die Forschung hat seine Historizität längst verworfen. Gibt es trotzdem einen geschichtlichen Menschen hinter der Sagenfigur? Oder war Moses nur eine literarische Fiktion, die Israel auf den religiösen Sonderweg führen half?



Der Besuch im Heiligen Land hatte den deutschen Außenminister anscheinend theologisch enthusiasmiert. Als seine Maschine am 8. Februar 1999 die Sinai-Halbinsel überflog, eröffnete Joschka Fischer den mitreisenden Journalisten mit ernster Miene, dort unten habe einst der Dornbusch gebrannt und Moses seinem Volk die Zehn Gebote verkündet.

Mit demselben Recht freilich hätte Fischer beim Überfliegen des heimischen Odenwalds darauf insistieren können, dass irgendwo da unten noch der Speer des Hagen von Tronje herumliegen müsse, mit welchem der Finsterling weiland den hehren Siegfried von Xanten hinterrücks meuchelte.

Immerhin gilt heutzutage unter Altertumswissenschaftlern als ausgemacht, dass der Religionsstifter und Sinai-Wundertäter nie existiert hat – zumindest nicht in der Gestalt, in welcher die Bibel ihn präsentiert. Anderthalb Jahrhunderte haben Archäologen den ägyptischen Wüstensand durchsiebt und nicht die geringste Spur eines israelischen Stammes gefunden; ebenso erfolglos verlief die Suche nach Indizien für die vermeintliche Landnahme der Israeliten unter Moses-Nachfolger Josua.

Niemals, postuliert der dänische Alttestamentler Niels Peter Lemche, habe ein Abraham gelebt, „ebenso wenig ein Isaak, ein Jakob. Nie hat es einen Exodus aus Ägypten gegeben, durch den das Volk Israel der Unterdrückung Pharaos entkommen ist.“ Die Berichte der Bibel, spöttelt Lemche, taugten als Quellen zur Erforschung des Altertums ungefähr so viel wie der „Roman ‚Ivanhoe“ von Walter Scott für die Rekonstruktion der Geschichte Englands im Mittelalter“.

Die Gelehrten diskutieren lediglich noch, wann genau die mosaische Religion zur Welt kam – einhellige Meinung: nicht vor der babylonischen Gefangenschaft der Juden (586–539 v. Chr.) – und ob der literarischen Figur ihres Stifters irgendeine historische Gestalt zu Grunde liegt. So identifiziert der Berliner Ägyptologe Rolf Krauss in einem soeben erschienenen Buch den ägyptischen Gegen-Pharao Amun-masesa, einen Enkel Ramses II., als dessen historisches Vorbild.

„Jüdische Sagen, die nicht in der Bibel stehen, geben eigentlich mehr Aufschluss über den Prinzen Moses als das Alte Testament“, schreibt Krauss. Dieser Sagen-Prinz ist ein ägyptischer Königssohn, der im Auftrag des Pharao einen Feldzug nach Kusch (Äthiopien) unternimmt, dort als Regent lebt und schließlich mit Pharao in Streit gerät. Auf der Suche nach einer historischen Gestalt mit diesen Lebensdaten – und einer gewissen Namensähnlichkeit mit Moses – stieß Krauss auf den Ägypter Mase-saja, der unter Pharao Merenptah Vizekönig in Kusch wurde, später gegen Sethos II., seinen Vater, rebellierte und sich Amun-masesa nannte.

In den Annalen der traditionellen Ägyptologie trägt Amun-masesa den Namen Amenmesse und übt eine flüchtige Königsherrschaft aus; Krauss zufolge war er nur ein Gegen-Pharao. Amun-masesa war zugleich Enkel und Urenkel von Ramses II., gezeugt von Ramses-Enkel Sethos II. und der Ramses-Tochter Tachat. Der Stammbaum des biblischen Moses ist ebenso ungewöhnlich: Er ist das Kind des Levi-Enkels Amram und der Levi-Tochter Jokebed. Jedenfalls existieren viele Parallelen zwischen dem Sagenprinzen Moses und Amun-masesa: Beide sind unter Ramses II. geboren, besitzen Thronanspruch, führen einen Feldzug in Kusch, üben dort die Königsherrschaft aus und geraten in Thronstreit mit dem Vater/Pharao.

Im Kampf mit Sethos unterlag Amun-masesa schließlich. Nach seiner Niederlage könne er, mutmaßt Krauss, mit seiner Gefolgschaft Richtung Sinai geflohen sein. Möglicherweise hat der geschlagene Thronräuber mit seinem Exodus kleinere Völkerschaften mit sich gerissen und so den Grundstein für den späteren Mythos gelegt. Danach verlieren sich Amun-masesas Spuren – um Jahrhunderte später literarisch verfremdet wieder aufzutauchen?

Immerhin scheint die Kraft des alttestamentarischen Exodus-Mythos ungebrochen. „Die Verfolgung der Juden beginnt mit ihrer Sklaverei in Ägypten“, behauptet etwa die renommierte US-Geschichtsprofessorin Gerda Lerner. In einer viel beachteten Rede vor dem Deutschen Bundestag im Januar 1996 referierte Israels Staatspräsident Ezer Weizman in der Ich-Form über das Schicksal seines Volkes: von den Wanderungen Abrahams über den Auszug aus Ägypten bis zur Judenverfolgung im Dritten Reich. Bei Rowohlt ist sogar eine Moses-Biografie erhältlich („Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten“), die neben quellenfreier Wissenschaft vor allem antiägyptische Klischees verbreitet und die vermeintliche Sklaverei der Israeliten dortselbst mit dem Nazi-Terror vergleicht – Ägypten hat seit dem Siegeszug der Moses-Saga halt eine schlechte Presse im Abendland.

Die Story, dass Moses irgendwann am Ende des zweiten vorchristlichen Jahrtausends das Volk Israel aus der ägyptischen Knechtschaft führte, mit Jahwes Hilfe das Meer teilte, einen Pharao samt Armee ersäufte und am Sinai die Zehn Gebote in Empfang nahm, hat sich fest eingeprägt ins kollektive Bewusstsein. Christentum und Islam übernahmen die Legende in ihre Heilsbotschaften und verhalfen ihr zur Massenwirksamkeit, und bis heute behauptet sich der Mythos zäh gegen seine wissenschaftliche Dekonstruktion.

Dabei fragte sich schon der Aufklärer Voltaire, wie es möglich sein sollte, dass eine derartige Häufung von Wundern in der nichtbiblischen Literatur ganz ohne Widerhall blieb. Selbst Herodot, der Vater der Geschichtsschreibung, weiß nichts von einem Volk mit einer solchen Vorgeschichte, das zudem – in der antiken Welt eine höchst berichtenswerte Kuriosität – an einen exklusiv nur ihm vorbehaltenen Gott glaubt.

Was das völlige Schweigen ägyptischer Quellen angeht, liefert das Jerusalemer Bibel-Lexikon (deutsch 1990) die denkwürdige Erklärung, der „für Ägypten blamable Auszug der israelischen Sklaven“ sei von den pharaonischen Geschichtsschreibern nicht erwähnt worden, wie diese „auch sonst Niederlagen Ägyptens zu verschweigen pflegten“. Dazu will freilich nicht passen, dass die Pharaonen der 19. Dynastie (1293–1185 v. Chr.), unter deren Ägide nach traditioneller Auffassung der Exodus stattgefunden haben soll, mächtige und kriegerische Herrscher waren. Jean-François Champollion, der Begründer der modernen Ägyptologie, mokierte sich über die Vorstellung, irgendein Wüstenstamm sei im Stande gewesen, „das Zepter in eines Pharaos Hand erzittern“ zu lassen.

Ein reichliches Jahrhundert nach Champollions Tod steckte Hollywood-Regisseur Cecil B. DeMille Yul Brynner als Ramses II. in ein Phantasiekostüm und ließ Charlton Heston als Moses so lange Mätzchen vor ihm machen, bis des Herrschers Zepter zumindest auf der Leinwand tatsächlich zitterte. Niemand schien sich am evidenten Missverhältnis der Kräfte der beiden Parteien zu stoßen; immerhin stand ja Jahwe auf Seiten der meuternden Sklaven.

DeMille hatte sich für seine Verfilmung aus nahe liegenden Gründen den bekanntesten aller Pharaonen ausgesucht. Den Gelehrten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts galt Ramses II. indes nur als „Pharao der Bedrückung“; sie folgerten dies aus dem biblischen Bericht, demzufolge die Israeliten beim Bau der Städte Pi-Ramesse (Haus des Ramses) und Pithom Frondienste leisten mussten. (Pithom wurde in Wirklichkeit erst unter Necho II. um das Jahr 600 v. Chr. erbaut.) Ramses’ Nachfolger Merenptah wiederum kursierte als „Pharao des Auszugs“. Entsprechend bestürzt reagierten Bibel-Fundamentalisten, als 1882 die Mumien fast aller Herrscher des Neuen Reichs gefunden wurden, darunter auch die Merenptahs, dessen Leiche ja eigentlich auf dem Meeresgrund liegen sollte.

Von Archäologie und Textkritik zerzaust, verlor die Heilige Schrift nach und nach ihre Reputation als historisches Zeugnis, und an Stelle der biblischen Gestalten gerieten deren Erfinder ins Blickfeld der Forschung. Dabei stellte sich heraus, dass die fünf Moses-Bücher keineswegs, wie ihre Stellung am Anfang des Alten Testaments suggeriert, dessen älteste Texte sein konnten. Es ist ja ohnehin merkwürdig, dass die absolute Zentralfigur der jüdischen Religion außerhalb der ihm zugeschriebenen Bücher in der Bibel kaum vorkommt. Von den 16 Propheten etwa kennen ihn nur fünf (Jesaja, Jeremia, Daniel, Micha, Maleachi), und auch die erwähnen den Jahwe-Intimus ganz am Rande.

Auch in außerbiblischen Texten taucht Moses erst sehr spät auf: erstmals um 300 vor Christus, ein Jahrtausend nach seinem angeblichen Erdenwandel. Ein rundes Dutzend antiker Autoren, Juden, Griechen und Römer, kündet in der Folgezeit von seinen Taten. Die Griechen zeichnen ein blasphemisches Bild, der Gottesmann figuriert dort als Führer von Aussätzigen und marodierenden Asiaten, die von den Ägyptern vertrieben werden, weil sie deren Kulte verhöhnen und Tempel zerstören. Die jüdischen Autoren dagegen verherrlichen den Gesetzgeber als Lehrer der Menschheit.

Die Zeit von 200 vor bis 100 nach Christus war in Palästina und der jüdischen Mittelmeer-Diaspora eine Periode religiöser Gärung; hier lagen Judentum und Hellenismus im theologischen Clinch, und auch die Sagengestalt des jüdischen Religionsstifters geriet zwischen die Fronten. Auf der einen Seite stand die geistig tolerante Vielgötterei der Mittelmeer-Völker mit ihrem naiven Bilderkult, auf der anderen der bildlose, dogmatische Eingott Israels. „Bei ihnen ist alles unheilig, was bei uns heilig ist“, befand der römische Geschichtsschreiber Tacitus und wunderte sich, dass die Juden „alle anderen Menschen wie Feinde hassen“.

Der jüdische Anspruch auf religiöse Exklusivität – der Heidelberger Ägyptologe Jan Assmann bezeichnet diesen „neuen Religionstyp“ als „Gegen-Religion“ – rief bei den Griechen antijüdische Reflexe hervor; darauf reagierten wiederum jüdische Autoren wie Artapan oder Flavius Josephus mit apologetischen Legenden. Bei Artapan avanciert Moses zu einer Art verfrühtem Leonardo da Vinci: „Er erfand die Schiffe, Maschinen, um Steine zu transportieren, die ägyptischen Waffen, Bewässerungsanlagen, Kriegsgeräte und die Philosophie. Den Priestern wies er die geheiligten Zeichen.“ Josephus versuchte nachzuweisen, dass die Juden das älteste Volk der Erde seien, und pries die Überlegenheit der von Moses gestifteten Religion gegenüber den antiken Konkurrenz-Theologien.

Aussätzigen-Führer, Übermensch: Beides sind Propaganda-Bilder und haben mit Historizität nichts zu tun. So kommt Assmann zu dem paradox anmutenden Schluss, Moses sei „keine Figur der Geschichte, aber eine der Erinnerung“. Die „mosaische Unterscheidung“, so Assmann, habe ihren literarischen Ausdruck „in der Erzählung vom Auszug der Kinder Israels aus Ägypten“ gefunden. Ägypten wurde „zum Symbol des Ausgegrenzten, Verworfenen, religiös Unwahren“.

Mit anderen Worten: Der Exodus fand nicht um 1250 vor Christus in der Realität, sondern knapp 1000 Jahre später im Ideenhimmel statt. Das Volk Israel verließ nicht Ägypten, sondern die kosmopolitische und polytheistische antike Götterwelt, um fortan nur noch dem einen, einzig dem eigenen Volke vorbehaltenen Gott Jahwe zu huldigen.

Wer aber erfand die „Idee“ Moses?

Moses-Detektiv Krauss meint, dass ein einzelner Autor – der so genannte Jahwist – nicht nur der Verfasser der biblischen Moses-Geschichten, sondern schlechthin ihr Erfinder war. Er datiert das Leben dieses „hochtalentierten Schriftstellers“ auf die Jahre zwischen 480 und 420 vor Christus; vorher könne von jüdischem Monotheismus keine Rede sein. Zu dieser Zeit waren die Perser die führende Macht im Mittelmeerraum, und der Berliner Ägyptologe ist sicher, dass deren Glaubensvorstellungen das jüdische Gottesverständnis beeinflussten: „Im altpersischen Vorbild macht der Schöpfergott keine Unterschiede zwischen den Völkern; hingegen verkündet der Jahwist die neue, die Juden begeisternde Idee, dass der Weltschöpfer eine bestimmte Nation bevorzugt.“

Dieser Super-Autor habe die altägyptische Überlieferung vom Gegenkönig Amun-masesa als Schneiderpuppe benutzt, um darauf sein Moses-Kleid zu designen; er habe dem Rebellen eine hebräische Abstammung angedichtet (und sich dabei einer Aussetzungssage bedient, die sich um den Perserkönig Kyros rankte). Der Rest sei erfunden und weit in die Vorzeit datiert. Für die aus dem babylonischen Zwangs-Exil zurückgekehrten, aber weiterhin unter Fremdherrschaft stehenden Juden ging es damals um den „geistigen Erwerb der Vergangenheit“, wie es der Altmeister der Bibelkritik, Julius Wellhausen, formulierte: um die Erschaffung – vulgo: Erfindung – einer identitätsstiftenden Tradition.

Wenn Krauss recht behält, bleibt den Frommen der Trost, dass zwar nicht Moses, aber immerhin ein Mensch von ähnlichem religionsbildnerischen Format gelebt hat: der Jahwist.


Erschienen in Focus 38/2001, S. 130 ff.

Nachgedruckt in "Jüdische Kulturbühne" (November 2007) und, trotz beharrlicher Nachstellung durch die Focus-Anwälte, auf mehreren extremistischen Websites, zum Teil mit ungekennzeichneten Einfügungen (Gesindel!). Verbietet man es den einen, wächst der Hydrakopf anderswo nach. Offenkundig interessieren sich Neonazis neuerdings fürs Alte Testament, und offenkundig halten manche es für sensationell neu, dass Moses womöglich die gelobte Immobilie Israel gar nicht von Gott persönlich überschrieben bekommen hat.

 

Nachtrag vom 24. Oktober 2008: Inzwischen würde ich die zentrale These dieses Textes nicht mehr vertreten, inzwischen geht mir der Positivismus der Wissenschaften enorm auf den sogenannten Keks, inzwischen glaube ich folglich, dass jede mythisch überlieferte Gestalt historische Vorbilder hat, inclusive Wotan, Helena, Ereschkigal und Phöbus Apollo. Mit einer unschlagbaren Wendung Egon Friedells: Efeu wächst nicht auf nichts. Und verglichen mit von Historikern vertretenen Thesen wie jener, im amerikanischen Bürgerkrieg sei es um Sklavenbefreiung gegangen oder Stalin habe 1941 zu Friedenssicherungszwecken die größte Armee aller Zeiten an der deutschen Ostgrenze aufmarschieren lassen, halte ich die Fama, Jesus Christus sei auf dem Meer gewandelt, für nahezu wahrscheinlich.