Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Die "taz" fordert einen Holocaust-Gedenktag. Aber wir haben doch schon 365.

 

 

Ein Thema ausdiskutieren ist plebejisch. Ein Mensch mit Geschmack wechselt es rechtzeitig.

 

 

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Adoration

"Ich bin ein Spätentwickler"

Aber was für einer: Martin Mosebach ist sicher einer der besten lebenden deutschsprachigen Autoren

Nein, das hat er nicht gewollt. Nicht, dass er die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek nicht mehr für "einen der dümmsten Menschen der westlichen Hemisphäre" halte, aber als er dies damals in trauter Runde daherplauderte, hatte er doch keine Ahnung, dass ...
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Acta diurna

15. Februar 2010

Nachdem sich inzwischen Historiker  mit der "Verstrickung" von Unternehmen, Institutionen, Sportvereinen, Opernhäusern u. dgl. m. in die NS-Ära bzw. -Verbrechen (was ungefähr aufs Gleiche hinausläuft) flächendeckend beschäftigen, ist nun auch, wie ich nun einer Zeitungsrezension entnehme, der Karneval diesem seinen verdienten Schicksal endlich zugeführt worden.  Wir erfahren in einem Buch namens "Alaaf und Heil Hitler", dass "das nationalsozialistische Regime von den Narren eben nicht in Frage gestellt" worden ist – und sei's auch nur, um den Pferden der Umzugswagen den strapaziösen Weg von Köln nach Dachau zu ersparen. Skandalös unerforscht sind dagegen nach wie vor noch u.a. die Stellung der deutschen Toilettenfrauen sowie des Philatelistenverbandes zum Hitler-Regime.                                                                                                                                                                                                                                                                         

 

14. Januar 2010

Ein Zeitungsartikel beginnt mit folgender Feststellung: "Im Londoner Abkommen vom 8. August 1945 und im Kontrollratsgesetz Nr. 10 vom 20. Dezember 1945 legten die alliierten Siegermächte fest, einen internationalen Gerichtshof einzusetzen, der die von den Deutschen in der NS-Zeit begangenen Kriegsverbrechen ahnden sollte. Sie zogen damit die Lehre aus dem Ersten Weltkrieg, als die Aburteilung den Deutschen selbst überlassen worden war."

("Junge Welt"? "Neues Deutschland"? "Zeit"? Nein, es steht in der FAZ, auf S. 32).

Wie sagte Churchill: "Du hast sie entweder an der Kehle, oder sie lecken dir die Stiefel." Dass sie aber eines Tages auch die Sohlen mit ablecken wollen, das überstieg denn doch die Phantasie des kreglen Städteabfacklers aus der Downing Street.

 

 

  

11. Dezember 2009

Das Gerede über Kohlendioxid, Treibhauseffekt und Erderwärmung bringt zwei gleichermaßen unangenehme Typen hervor (ins Rampenlicht freilich nur den einen davon): den grünen Pfaffen und Weltrettungsalarmisten, der mal wieder eine Andockstelle für seine Ressentiments gefunden hat, sowie den neoliberalen Weitermacher, der sich aus Egoismus und gewollter Blindheit auf die Seite der Skeptiker schlägt, seinen Energieverbrauch für angemessen und seinen wirtschaftlichen Erfolg für verdient (und keineswegs für eine Laune des Zufalls) hält. Da der Mensch gewiss das Klima beeinflusst, aber nur der liebe Gott weiß, wie, da es also unmöglich ist, eine irgendwie auf Fakten gegründete Position einzunehmen, bleibt einem nur, sich gegen den widerlicheren der beiden zu stellen. Oder am besten gegen beide.

 

 

5. Dezember 2009

Das Böse, erklären einige Hirnforscher, sei eine Anomalie im menschlichen Gehirn, im Grunde mess- und also nachweisbar. Wer Böses tue, trage die Voraussetzung unter seiner Schädeldecke. 

Da gibt's für die nächsten ca. 10000 Jahre empirisch also einiges zu tun, nämlich die Beantwortung folgender Fragen:

1. Tragen womöglich sämtliche Menschen diese Anomalie im Kopf?

2. Wenn nicht: Fallen sämtliche Träger dieser Anomalie durch böse Taten auf?

3. Wenn nicht:  Was unterscheidet die als Täter auffallenden Träger der Anomalie von denen, die sich zurückhalten (und ist dieser Unterschied im Hirn messbar)?

4.  Gibt es die Anomalie von Geburt an?

5. Wenn nicht: Wann entsteht sie? Wodurch entsteht sie?

6. Welche Rolle spielen Ereignisse außerhalb des Gehirns bei der Entstehung der Anomalie?

7. Sofern sie eine Rolle spielen: Wie ist das Verhältnis zwischen Anomalie und Ereignissen außerhalb des Gehirns bei der Motivation zum bösen Tun?

8. Gibt es Fälle, wo Menschen Böses tun, die nicht Träger der Anomalie sind? 

9. Wenn ja: Welche Rolle spielt die Anomalie bei der Motivation zur Tat überhaupt?

10. Ist Gutsein womöglich auch eine Anomalie, messbar im Hirn?

P.S. Wie verhält es sich eigentlich mit denen, die Böses für eine gute Sache tun oder zu tun glauben, zum Beispiel Bomben für die Demokratie abwerfen, oder diejenigen, die sich spontan für eine Missat sehr böse rächen: Haben die auch eine Anomalie im Kopf?

 

1. Dezember 2009

Der Anlass ist zwar nicht mehr aktuell, der Fall aber typisch. Ich hätte, heißt es auf einer Netzseite, auf die mich ein Freund hinwies, die "ProKöln"-Leute mit verfolgten Juden verglichen. 

Ich hatte im Deutschlandradio Kultur gesagt und auf der Homepage dortselbst geschrieben: "Mancher, der die fröhlichen Jagdszenen auf Teilnehmer des sogenannten Anti-Islamisierungskongresses in Köln gesehen hat, die lustvoll empörten Gesichter derjenigen, die den autonomen Mob beim Steinewerfen und Prügeln anfeuerten, fühlte sich an Bilder von amüsierten Menschenmengen erinnert, die während der chinesischen Kulturrevolution Prozessionen von 'Rechtsabweichlern' flankierten, oder die 1938 in Wien zusahen, wie Juden die Straße schrubben mussten: das gleiche herdenhafte Wohlbehagen, die gleiche angemaßte Rechtschaffenheit, das gleiche restlos gute Gewissen."

Was ich verglichen habe, sind also keineswegs die Akteure gewesen, sondern die Maulaffenfeilhalter. Die Leseschwäche ist symptomatisch, denn sie folgt der Gesinnung. Interessant ist im Grunde nur, ob sie dem Untersteller noch bewusst ist, das heißt, ob er als Gauner agiert oder bereits als Automat. Und warum mein Rotchina-Vergleich nicht monierende Erwähnung fand, dürfte klar sein.

 

19. November 2009

Die Depression ist nach dem Selbstmord des Nationaltorhüters Enke in aller Munde. Der Mann habe sich umgebracht, heißt es, weil er an Depressionen litt. Dass er seine zweijährige Tochter verloren hatte, war die kleinere Ursache. Depressionen hatte er nämlich schon vorher. Depressionen seien letztlich Hirnstoffwechselstörungen, behaupten ein paar Hochbegabte aus der Forschung. Depressive Menschen verüben nicht deshalb Suizid, weil (außerhalb ihres Gehirns) Gründe für ihre Depressionen vorliegen, sondern wegen ihrer Depressionen. Vermutlich hat sich auch Hitler wegen seiner Depressionen umgebracht, und nicht weil die Russen vor seinem Bunker standen.

 

27. Juli 2009

Tova Reichs Romansatire "Mein Holocaust" bekommt eine schlechte Kritik in der FAZ. Das Buch sei u.a. moralisch missraten. Literarische Minderwertigkeit hin oder her: Der Goj kann es eben seit über 2000 Jahren nicht leiden, wenn sich ein Jude über seine Religion lustig macht. 

 

 

6. März 2009 

Mit schöner Regelmäßigkeit  kann man in den Medien lesen – und auf Linkspartei-Foren gibt's dann die Empörung dazu –, dass irgendwo im deutschen Osten irgendein Lenin- oder Thälmann-Denkmal mit Neonazi-Schmiereien verunziert worden sei.

Aber dort gehören sie doch hin.

  

 

28. Februar 2009

Bundesjustizministerin Zypries spekuliert öffentlich über einen Haftbefehl gegen den britischen Bischof Richard Willamson, weil der den Holocaust geleugnet hat. Da sitzt einer in seinem Kaminzimmer, erzählt einen historischen Blödsinn und soll dafür nun strafverfolgt und eingesperrt werden; man muss sich das vorstellen. Ersichtlich handelt es sich um die aktuelle Version der Gotteslästerung, anders lässt sich der inquisitorische Eifer nicht erklären. Las man bislang in den Medien, die Pius-Brüder, zu denen Willamson gehört, seien Finstermänner, die ein neues Mittelalter wollten, dürfte allmählich deutlich werden, dass mittelalterliche Verhältnisse (natürlich minus Kathedralenbau und Rittergloria) nicht minder vom Bundesjustizministerium her drohen. Vor kurzem nannte man dergleichen Umschläge vom vermeintlich Hochmodernen ins Rückständige noch kühn "Dialektik der Aufklärung". Konstanz des Pfäffischen träfe es aber auch gut. 

 

 

5. Februar 2009

Nachtrag zur Causa Benedikt/Merkel/Williamson: Der Rechtsstaat ist die größte politische Errungenschaft, nicht die Demokratie (die es ohnehin nirgendwo gibt). Die Frage lautet also, inwieweit für den Vatikan das bundesdeutsche Strafrecht verbindlich ist. Von der Petitesse mal abgesehen, dass laufende Völkermorde (Tschetschenien, Sudan, davor Ruanda) die hiesigen Gemüter nicht im geringsten so erhitzen wie bereits erledigte. Interessant wäre es gewesen, wie Frau Merkel reagiert hätte, wenn der Vatikan Erdgas und Atomwaffen besäße. 


 

3. Februar 2009

Im derzeitigen Getöse um Papst Benedikt XVI. und einen holocaustleugnenden Pius-Bruder erleben wir den ersten theokratischen Großauftritt einer neuen Weltreligion, die die alte katholische natürlich gern wegbeißen möchte, sonst gäbe es das Getöse nicht. Es handelt sich zum einen um die Ablösung Golgathas durch Auschwitz, zum anderen und damit verküpft wird eine politischen Staatsform peu à peu zum Ziel der Geschichte und zum irdischen Gottesreich erhoben. Barack Obama ist die erste Figur des demokratischen Messianismus; ob er schon der Messias ist, sei dahingestellt. Der Papst vertritt dagegen das finstere Mittelalter, die Reaktion, das Standesdenken, das Anti-Emanzipatorische, die sexuelle Restriktion, das Abtreibungsverbotund was für den demokratischen Priester noch so alles des Teufels ist.

Wie jahrhundertelang die christliche Lehre als allgemeinverbindliche Maxime des Denkens und Handelns galt – bei konstanter Drohung der Exkommunikation und inquisitorischen Bestrafung –, so heute jene von der Demokratie. Sogar von sogenannten konservativen Zeitungen ist der Kurie ja vorgeworfen worden, einen Orden in ihren Schoß heimgeholt zu haben, der sich nicht zu ihr bekenne; offenbar herrscht inzwischen ein Zwang dazu. Alle Menschen sollen im Namen der Demokratie getauft werden, auch die Taliban, und wessen Seele verstockt ist, dem wird man halt früher oder später die Tür eintreten, vor allem, wenn eine Ölpipeline durch sein Land führen soll; ansonsten genügt einstweilen der Ausschluss aus der Gesellschaft. Da die demokratische Religion als solche weder spirituell noch im Sinne der emotionalen Aufwallung ihren Anhängern etwas zu bieten hat, eignet sich Auschwitz als negativer Fixpunkt und Totempfahl. Der Leugner ist keineswegs ein geschmackloser Idiot, sondern ein gefährlicher Ketzer, der eine Milliarde Katholiken kompromittiert und vor ein Tribunal gehört. Der Papst soll sich entschuldigen (bei wem eigentlich?), und er soll vor allem nicht so katholisch sein.

An Priestern herrscht in der neuen Weltkirche schon jetzt kein Mangel. Die Zeloten und Inquisitoren sind in den Medien aufmarschiert. Man muss kein Demokratie-Gegner sein, um sich angewidert von dieser Brave New World abzuwenden. 

 

 
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