Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Allerlei

Die political correctness ist der Abschiedsbrief der Weißen an die Welt.

 

Ein einzelner Mensch im schreiendsten Unrecht ist ein erfreulicherer Anblick als eine Menge im Recht. 

 

Der Heiratsschwindler benötigt mehrere Frauen, während der Heiratsschwindlerin oft bereits ein Mann genügt.  

 

 


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Acta diurna
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Sämtliche Texte in diesem Diarium geben ausschließlich private Meinungen des Autors wieder bzw. schildern Ereignisse aus dessen ganz privater Sicht. Der Verfasser repräsentiert weder ein Medium noch einen Verlag, sondern einzig und allein sich selbst. 

 

 

 

11. Mai 2013

Wagner-Jahr, weitere Fortsetzung: Theodor W. Adorno verdanken wir neben treffenden Feststellungen wie jener, dass der "individuelle Schein der offiziellen Kultur notwendig proportional mit der Liquidierung des Individuums" wachse, auch die Bemerkung, Wagner habe "Musik für Unmusikalische" geschrieben, speziell im "Ring des Nibelungen". Vier dieser spitzenmäßig unmusikalischen Wagnerhörer bzw. bekennenden Wagnerianer waren Bruckner, Mahler, Richard Strauss und Puccini. Der Literat Hans Mayer berichtete, wie er als junger Mann im Gespräch mit Alban Berg aus politischen und ideologischen Gründen auf Wagner schimpfte: "Alban Berg sah von oben auf mich herab und sagte: 'Ja, so können Sie reden, Sie sind ja kein Musiker.'"

 

 

 

10. Mai 2013

Wagner-Jahr, Fortsetzung: Ein Leserbriefschreiber der "Weltwoche" weist darauf hin, ich hätte in meinem Artikel zum Wagner-Jubiläum geflissentlich des Meisters Antisemitismus unerwähnt gelassen; überhaupt rede man heute bedauerlicherweise nur noch darüber, wie man Wagner aufzuführen habe und nicht mehr, ob. Nun, davon abgesehen, dass diese Musik nichts von ihrer enormen Qualität verlöre, wenn Wagner Kommandant von Dachau gewesen wäre, und der sich hier offenbarende Zensorenaffekt für sich selber zeugt, sei zumindest festgehalten, dass der Komponist mit seiner öffentlich vorgetragenen Judenfeindschaft (in Gestalt des Pamphlets "Das Judenthum in der Musik") weiland noch keineswegs in irgendeinem gesellschaftlichen Großtrend lag und einige Nachteile in den Kauf nehmen musste (nämlich die allzu verständliche und in öffentliche Proteste mündende Gegnerschaft vieler Juden, aber auch von seinem Elaborat abgestoßener Nichtjuden) – während diejenigen, die heute am liebsten den Opernkomponisten hinter dem Judenfeind verschwinden lassen würden, fast ausschließlich als unbehelligte Zeitgeistvollstrecker im Dienste persönlicher Reputierlichkeit artikel- oder leserbriefschreibend bzw. in online-Foren lärmend und sich moralisch edel fühlend unterwegs sind. 

Es ist aber wenig an Ansichten gelegen, die Menschen nur deswegen äußern, um den Tendenzen ihrer Zeit zu folgen und mit deren Verkündung sie keinerlei Risiko eingehen. Nicht, dass solche Ansichten per se falsch wären, im Gegenteil, oft haben sie sich mit allen guten und wahren Gründen durchgesetzt, aber sie sind vollkommen belanglos, weil sie ja ohnehin herrschen. Was all die kleinen Streber, die geflissentlich prüfen, ob sich die anderen auch an die Vorgaben des gerade geltenden Zeitgeistes halten und prompt zu fuchteln anfangen, wenn es mal einer nicht tut, wenig respektabel macht.

 

 

 

27. April 2013

"Die Kunst ist überall am Ziel", sprach Schopenhauer gegen die Hegelei des permanenten Weges; umgekehrt also kommt, was nicht am Ziel ist, als Kunst kaum in Betracht. Recht so. Der amusische Mensch sieht im Künstler den Begründer oder Befolger eines Trends, das Mitglied dieser und den Vorläufer jener Schule, überall jedenfalls Zwischenstufe, Richtung und Epoche. Der künstlerisch empfängliche Mensch indes sieht nur das Werk. Die großen Vollbringer waren immer Ziel und nie Stufe. Sie sind so wenig jemandes Vorläufer, wie ein Berggipfel irgendwohin führt.

 

 

 

22. April 2013

Der US-amerikanische Physiker Lawrence Krauss erklärt in seinem neuen Buch, das Weltall sei aus der "Abwesenheit von Zeit und Raum" entstanden, also buchstäblich aus dem Nichts. Es gibt ersichtlich auch ein physikalisches Glaubensbekenntnis. Wie so oft hat Goethe hierzu ebenfalls das ultimative Wort gesprochen: "Das schönste Glück des denkenden Menschen ist, das Erforschliche erforscht zu haben und das Unerforschliche ruhig zu verehren" (Maximen und Reflexionen).

 

 

 

15. April 2013

Der Bundestag möge beschließen: Deutschland geht nie wieder eine Währungsunion mit Ländern ein, in die man gerne reist. 

 

 

 

14. April 2103

Wagner-Jahr, Fortsetzung. Es gibt ersichtlich auch eine Form von Antisemitismus-Unterstellung aus schierer Chuzpe seitens des Unterstellers, frei nach La Rochefoucauld: Besser, es wird schlecht von einem geredet, als gar nicht. Buchtitel wie "Heidegger und die Juden", "Carl Schmitt und die Juden" etc. weisen den Weg. Auf einen besonders exponierten Fall stieß ich bei der Lektüre eines vor nunmehr 13 Jahren erschienenen Buches, das die Vorträge eines Symposions zum Thema "Richard Wager im Dritten Reich" versammelt. Darin beteuert der US-amerikanische Literaturwissenschaftler Marc A. Weiner, er sei „selber konsterniert, zugeben zu müssen, daß gerade die antisemitischen Komponenten in Wagners Werken sie für mich so interessant und reizvoll machen. ... Züge von dramatischen Figuren, die ich als antisemitisch bezeichnen würde, sind für mich in vielen Fällen mit Wagners schönsten Schöpfungen verbunden (wie im Fall von Alberich, Mime, Hagen, Beckmesser und Klingsor), sowohl was die Vielschichtigkeit und den dramaturgischen Reichtum, die rätselhafte und psychologisch hellsichtige Komplexität der Personen anbetrifft als auch im Hinblick auf die betörende Schönheit der Musik." 

Eine halbwegs zufriedenstellende Antwort auf die Frage, wie er dazu kommt, all diese Bühnenfiguren freiweg als Juden zu nehmen, bleibt Weiner schuldig, wie auch all seine Vorgänger in dieser Frage (unter denen sich bezeichnenderweise nie Musiker befinden). Aber er behauptet immerhin, Wagner habe „seinen Glauben an die Andersartigkeit der Juden durch die Zuweisung hoher Stimmen vermitteln“ wollen. Das heißt: „Wagner und sein Publikum hörten die jüdischen Stimmen als Ausdruck (...) dieses Unterschieds.“ Bei den fünf von ihm aufgeführten "Juden" in Wagners Opern handelt es sich um einen Tenor, einen Bariton und drei Bässe. Man kann zu gewissen Themen hierzulande anscheinend jeden Unsinn vortragen.

 

 


10. April 2013

Nach dem Ausscheiden des FC Málaga in der Champions League gegen Borussia Dortmund aufgrund eines Abseitstores in der Nachspielzeit twitterte der Besitzer des spanischen Klubs, Scheich Abdullah Al-Thani, es liege ein Fall von „Rassismus“ vor. Was mag der Weise aus dem Morgenland damit meinen? Antispanischen "Rassismus" des schottischen Schiedsrichters (der zehn Minuten zuvor den Spaniern ebenfalls ein Abseitstor gegönnt hatte)? Sind die Spanier neuerdings eine Rasse? Nein, er wollte einfach mit einem europakompatiblen Schmäh- und Kraftausdruck ein bisschen Wind machen – so wie im Witz die Frau in der Bank, nachdem man ihr mitteilt, ihre Kreditkarte sei nicht gedeckt, ausruft: "Hilfe, ich bin vergewaltigt worden!" Vielleicht sollte es der Scheich beim nächsten irregulären Treffer mal mit der Version versuchen, das Tor sei sexistisch gewesen. Oder frauenfeindlich. Menschenverachtend geht auch. Desgleichen schwulenfeindlich bzw. "homophob", wie unsere Hochbegabten dazu sagen. Ein menschenverachtender, schwulenfeindlicher, sexistischer Sieg – das ist es doch, wovon alle träumen.

 

 

 

5. April 2013

"Niemandem schadet in Deutschland die Beschimpfung Deutschlands: im Gegenteil!" (Thomas Mann, 1918)

 

 

 

22. März 2013

Man stelle sich vor: Hätte Mathilde Wesendonck nur einmal "Ja, gut, meinetwegen" gesagt (oder gedacht), es gäbe den gesamten "Tristan" nicht...

 

 

 

20. März 2013

Das Institut für Demoskopie Allensbach hat Probanden eine Auswahl von mutmaßlichen gesellschaftlichen Normverstößen vorgelegt und gefragt, was man auf keinen Fall tun dürfe. So waren zum Beispiel 74 Prozent der Befragten der Ansicht, man dürfe nicht Auto fahren, wenn man zuviel Alkohol getrunken habe (Spitzenwert). "Müll im Freien abladen" fanden 72 Prozent unstatthaft, Steuerhinterziehung 50 Prozent, Worte wie "Neger" oder "Zigeuner" 40 Prozent, anzügliche Bemerkung über Frauen 33 Prozent. Am wenigsten Anstoß erregte die Abtreibung: Nur 13 Prozent waren der Meinung, dergleichen gehöre sich nicht. Freilich: Wer im Freien abtriebe und die Föten dann herumliegen ließe, müsste wieder mit mehr als 70 Prozent Ablehnung rechnen.

 

 

 

19. März 2013

Vergleichsweise zügig hat Alice Schwarzer der Sexismus-Kampagne gegen den armen Brüderle nun ein Buch, wie man sagt, nachgeschoben, dessen Titel ich nur beipflichten kann: "Es reicht!" Die Ankündigung des Verlages ist überschrieben mit dem Satz: "Bei der sexuellen Belästigung geht es nicht um Begehren, sondern um Macht." Inwieweit Frl. Schwarzer aus persönlicher Erfahrung bzw. diese aus ihr spricht, vermag ich nicht einzuschätzen, doch pro domo muss und will ich beteuern, dass es mir bei meinen sämtlichen, also auch bei den erfolglos in Angriff genommenen sexuellen Belästigungen immer nur und ausschließlich um das Eine ging und die einzige Macht, die ich dabei ausübte, in der strikten Übernahme der Lokalrechnungen bestand, wobei ich mich in diesem Belang irgendeines Widerstandsversuchs nicht entsinnen kann...

 

 

 

18. März 2013

Gute Kunde kommt aus dem niedersächsischen Kirchweyhe, wo vor kurzem ein junger Einheimischer von einer Türkengang zu Tode getreten wurde. Die SPD dortselbst – näherhin: die des Landkreises Diepholz – hat festgestellt, es spiele "keine Rolle", welcher Herkunft Opfer oder Täter seien. Heißt das im Umkehrschluss, die Herkunft spielt auch keine Rolle bei deutschen Tätern und ausländischen Opfern? Wie schön! Und noch was: Der Soziologe Dirk Baier vom Kriminologischen Institut Niedersachsen sagte: "Wir stellen tatsächlich fest, dass Jugendliche mit muslimischem Hintergrund, insbesondere türkisch-stämmige Jugendliche, Jugendliche aus nordafrikanischen oder arabischen Ländern, aber auch Jugendliche aus dem ehemaligen Jugoslawien, die zum Teil muslimischen Hintergrund haben, eine bis zu drei Mal höhere Gewaltrate haben als die einheimischen deutschen Jugendlichen. Grund ist aber nicht der Umstand Türke oder Muslim zu sein, sondern die damit verbundenen Schwierigkeiten im Leben." Ergo: Ein Muslim hat im Leben mehr Schwierigkeiten als ein Nicht-Muslim, was aber nichts damit zu tun hat, dass er Muslim ist? Und wer mehr Schwierigkeiten im Leben hat, haut halt öfter mal kräftig, bevorzugt diejenigen, die zeitlebens weniger Schwierigkeiten hatten (vorher)? Was müssen diese NSU-Figuren erst für Schwierigkeiten im Leben gehabt haben! Ja, und der Skinhead, ist er nicht ebenso eine wandelnde soziale Ursache wie der türkische Schläger?

Tatsache ist, dass hier keineswegs ein generalisierbares Islam-Problem in Rede steht, sondern eines mit vor allem jungen Männern aus muslimisch geprägten Kulturen, denen die hiesige Rechtsordnung so schnurz ist, wie sie die hiesige Lebensart und den zivilen Umgang mit Konflikten verachten und als Schwäche interpretieren. Nicht der fromme Muslim, der täglich fünfmal vor seinem Gott kniet, stört den sozialen Frieden in diesem Land, sondern es sind die Scharen perspektivloser und offenbar nicht selten auch perspektivwunschloser, sich in ihre ethnisch-kulturelle Restidentität rettender junger Männer, gegen deren Aggressivität eine überalterte Zivilgesellschaft kein anderes Mittel weiß, als sich kompensatorisch in Internet-Foren und bei Sarrazin-Lesungen – oder, was die andere Seite angeht, beim weit ungefährlicheren "Kampf gegen rechts" – auszutoben (man hat zu Kirchwehye nach der Bluttat phantasievollerweise die Aktivitäten des "Runden Tischs gegen rechts" forciert, auf dass keiner falsche Schlüsse aus den Vorkommnissen ziehe). Es geht also keineswegs um Muslime als solche, sondern um eine Mentalität, die zwar nicht fromm islamisch sein mag, aber sie muss mit der islamischen Kultur zu tun haben, denn bei eingewanderten Asiaten etwa findet man sie nicht. Es ist eine Mentalität archaischen Machotums, gewaltbereit, ehrpusselig, arbeitsunwillig, bildungsverachtend, kriminell. Ihr Aktionsfeld ist der öffentliche Raum, die Straße, die Schule. Ihre Schimpfwörter heißen „Opfer“, „Schweinefleischfresser“ und „Scheißdeutscher“.

Mal sehen, wie viele Totgepügelte es noch braucht, bis unsere Schwestern und Brüder vom Orden der seligen rotgrünen Herzen ihren Sozialkitsch nicht mehr aushalten und sich den Realitäten stellen. Bei deutschen Tätern mit rassistischen Motiven klappt's ja längst. Aber die haben ohnehin wenig Zukunft.

 


 

17. März 2013

Es gibt Worte, die man aus geistigen Reinlichkeitsgründen nicht mehr verwenden sollte. Dazu gehören die ohnehin durch allzu viele Münder gegangenen Termini "Diskurs" und "Kommunikation". Ein Diskurs wird gemeinhin geführt, um etwas Offenkundiges wegzumogeln; der Linke zitiert Diskurse, um sich über Tatsachen hinwegzusetzen; in Diskursen verständigen sich die Wortführer der Gesellschaft darauf, welche Sprachspiele und Tabus gelten sollen, und die Ergebnisse sind "vorhersehbarer als jedes Azorentief" (Peter Sloterdijk). Der Begriff Kommunikation wiederum ist die Gemeinschaftsunterkunft von Bergpredigt und Führerrede, von Mordaufruf und Liebesseufzer, von Marketinggeschwätz und Hölderlin; er widert mich an.

   

 

Mit einer Mischung aus Rührung, Neid und Verständnislosigkeit sehe ich bei der orthodoxen Messe Gläubige die zur Verehrung aufgestellten Ikonen küssen und sekundelang liebevoll bis inbrünstig die Stirn an sie drücken. Die medizinische Aufklärung triumphiert auch hier insofern, als regelmäßig eine Frau mit Desinfektionsspray und Tuch das Bildnis säubert. Höhepunkt ist freilich der Sohn (dreieinhalb), der bei der hl. Kommunion nach Weißwein statt Rotwein verlangt. Das Gefühl, als Nicht-Christ und Ungetaufter ein Fremdkörper in der Kirche zu sein, schwindet von Mal zu Mal; der liebe Gott wird sich schon etwas dabei denken, dass er mich zum Atheisten bestimmt hat.

 

 

Apropos Sloterdijk: „Im Grunde laufen die monotheistischen Lebensprogramme immer auf dasselbe hinaus: auf ein mutwilliges Sichvordrängen beim Dienen unter höchsten Adressen“, notierte er in seinem Tagebuch. Ob ihm die mutwilligen Vordrängler im Dienste am je eigenen Namen angenehmer sind?

   

 

 

16. März 2013

Unter anderem zwei Trends werden wir in den nächsten Jahren in Europa beobachten: Immer mehr Staatsrechtler vertreten die Ansicht, dass die Selbstbestimmung der Völker mitsamt dem deutschen Grundgesetz ein Relikt aus vergangenen Zeiten ist und der EU-Gesetzgebung nachgeordnet werden muss; immer mehr Öffentlichkeitsarbeiter machen sich über die Forderung nach Meinungsfreiheit lustig bzw. denunzieren sie als ein "Das wird man ja wohl noch sagen dürfen" aus dem Munde rassistischer, sexistischer, nationalistischer und auf jeden Fall zum Schweigen zu bringender Hinterweltler. Auf den Punkt gebracht: Demokratie und Freiheit der Rede sind, einstweilen, Ideen von gestern.

 

Richard Strauss an Gerty von Hofmannsthal,  31. Juli 1914: "Wohin ist Hugo denn abgerückt? Muß er zur aktiven Armee, oder bleibt er Landsturm, weit vom Schuß? Dichter könnte man wirklich zu Hause lassen, wo sonst so reichlich Kanonenfutter vorhanden ist: Kritiker, Regisseure mit eigenen Ideen, Molière-Spieler etc."

 

 

 

15. März 2013

Viele Bewunderer der Callas sind schwul – warum?, frug ich mich heute mittag hirnunterbeschäftigt auf dem Spinning-Rad, und da kam mir die Antwort: Weil sie den fehlenden erotischen Beiklang resp. Unterton einer Frauenstimme entweder überhaupt nicht wahrnehmen oder sie so etwas naheliegenderweise gar nicht erst interessiert. 

Um irgendwie im Sujet zu bleiben: Der britische Indie-Rock-oder-so-ähnlich-Sänger Steven Morrissey hat geäußert, dass die Kriege auf Erden ein Ende hätten, wenn alle Männer schwul wären, weil kein Schwuler es fertigbrächte, auf Männer zu schießen. Es war zwar naheliegend, dass man ihm schwule Heerführer bzw. Herrscher als Gegenbeispiele vorhielt, aber das überzeugt allein so wenig wie der Hinweis auf die gezielte Nutzbarmachung der Homosexualität bei den besten Kriegern der klassischen Antike, den Lakedaimoniern, oder der Hinweis aufs schwul-Männerbündische bei den alten Nationalsozialisten und den mittleren bis neuen Rechtsextremen.

Zu allen Zeiten waren ja einige zurechnungsfähige Menschen davon überzeugt, dass es der Liebe einmal gelingen werde, den ewigen Frieden auf der "um ihre eigene Achse rotierenden Folterkammer" (Ulrich Horstmann) namens Erde zu errichten, und auch sie haben vermutlich die simple, wenngleich fundamentale Tatsache unterschätzt, die darin besteht, dass Menschen von Anfang an und bis ans Ende aller Tage aus Liebe töten, indem sie ihre Angehörigen verteidigen, und so wie die Liebe zu Frau und Kind Homo sapiens nie davon abgehalten hat, andere umzubringen, würde auch in einer vollrohr schwulen Welt weiter getötet, fürs Überleben der Lieben, gegen die anderen, die ihnen Ressourcen oder Räume streitig machen. – Von der Petitesse einmal abgesehen, dass ein nurmehr noch von Homosexuellen besiedelter Planet relativ schnell ein unbesiedelter und also tatsächlich von Kriegen befreiter wäre; in dieser Hinsicht hat der Gevatter Morrissey absolut Recht.

 

 

 

14. März 2013

Dass "deutsche Täter keine Opfer" seien, weiß man durch sogenannte antifaschistische Gegendemonstranten, wenn irgendwo irgendwer öffentlich darauf hinweist, dass im Bombenkrieg oder bei der Vertreibung z.B. auch hunderttausende deutsche Kinder umgebracht wurden. Dass diese Maxime auch für heute lebende Deutsche gilt, zumindest aus einer gewissen Perspektive, demonstrieren die hiesigen Medien, die Gewalttaten mit rechtsextremem Hintergrund groß aufblasen (wogegen an sich nichts einzuwenden wäre), aber die weit häufigeren und regelmäßigeren Gewaltexzesse von Ausländern und Neu- bzw. Doppelpassdeutschen möglichst klein machen oder gleich ganz ignorieren. Diesen Monat gab es wieder einen derartigen Fall (es gibt jeden Monat mindestens einen) im niedersächsischen Kirchweyhe, wo eine Türkengang einen 25jährigen ins Koma prügelte und sein Gehirn dabei dermaßen zerstörte, dass heute die lebenserhaltenden Apparate abgeschaltet werden. In den großen Gazetten ist bislang nichts davon zu lesen, und wenn, fiele die Angelegenheit unter "Jugendgewalt". Nur die Hyänen von "Bild" halten in diesem Fall bei den Mainstreammedien die Ehre (ich scherze) des deutschen Journalismus hoch...

Ich kann mich übrigens nicht entschließen, das Abwiegeln und Vernebeln von Seiten der Leitmedien weniger widerlich zu finden als das oftmals kreischende Ressentiment beispielsweise auf den "Politically Incorrect"-Kommentarseiten (Ressentiment hier mal abwechslungshalber im Wortsinne verwendet als ohnmächtiger Groll.) Wenn die Herkunft einer Tätergruppe signifikant ist, dann spielt sie eben auch eine Rolle – es wird interessant sein zu beobachten, ob man irgendwann der Polizei komplett verbietet, Herkunfts- und ethnische Merkmale bei ihrer Arbeit zu verwenden, ich meine intern, in der Öffentlichkeit dürfen sie es ja bereits heute kaum bis nicht.

P.S.: Natürlich werden auch oft Nichtdeutsche Opfer dieser Schlägerbanden wie unlängst am Berliner Alexanderplatz; es geht hier keineswegs um Deutsche hier und Ausländer da, sondern um eine ganz spezielle Gruppe Jugendlicher aus fast durchweg muslimischer/ muslimischstämmiger Sozialisation, die mit Vorstellungen von Ehre, Stolz, Familie, Religion, Volk, Männlichkeit (und Bildung) sowie deren notwendiger Durchsetzung gegenüber anderen aufwachsen, mit dem das, was man deutschen Kindern und Jugendlichen vermittelt, nichts zu tun hat. Die deutschen Integrationspolitiker gehen anscheinend von der reichlich perversen Hoffnung aus, dass der weiche Leib der Gesellschaft diese Gewalt schon irgendwie auffangen und abpolstern werde – "Einwanderungsgesellschaften sind Konfliktgesellschaften", pflegte die einstige Ausländerbeauftragte der Bundesregierung, Cornelia Schmalz-Jacobsen, zu sagen –, ungefähr so, wie ein in der vollen U-Bahn Sitzender hofft, die lärmenden Jugendlichen, die zwei Türen von ihm entfernt eingestiegen sind, werden sich an den anderen Insassen vor ihm abarbeiten...

 

   

 

13. März 2013

"Spiegel online" beginnt einen Bericht über die Gesundheit der Europäer, die sich im weltweiten Vergleich erwartbar gut ausnimmt, mit der Feststellung: "Die Lebenserwartung steigt, die Kindersterblichkeit ist gering, immer weniger Mütter sterben bei der Geburt." Unerwähnt bleibt, wie stets, die konstant hohe Embryonensterblichkeit. 

 

 

 

12. März 2013

Beim Kramen in alten Kisten fällt mir mein sogenanntes confession book aus den 1980er Jahren in die Hände, ein Fragebogen, den alle Gäste meines weiland bescheidenen Heims auszufüllen hatten und der jenem aus dem confession album der Familie Marx nachgebildet war. Darin hatte z.B. Friedrich Engels auf die Frage "Meine Vorstellung von Glück" geantwortet: "Château Margaux 1848". Ich hatte unter demselben Punkt, damals noch eingemauert zu Ostberlin, geschrieben: "Europa". – In Zeiten, wo mit diesem schönen Wort Figuren wie Martin Schulz, Günther Oettinger oder Viviane Reding konnotiert sind, sollte auf die Beharrlichkeit des Traumes verwiesen werden...

P.S.: Meine heutige Antwort auf besagte Frage würde wohl eher engelsmäßig ausfallen und hieße: Quilceda Creek Cabernet Sauvignon 2007. 

 

 

11. März 2013

Der "Spiegel" widmet sich in seiner Titelgeschichte den nichtprofessionellen Lebensrettern, sprich jenen Mutigen, die helfen, wo andere nur gucken oder wegschauen bzw. -laufen. Selbstredend kommt in diesem Zusammenhang auch die allseits gepriesene Zivilcourage zu ihrem Recht, nämlich in einem Interview mit einer Psychologin, die behauptet, man könne sie sogar lernen. Gegen wen Courage gezeigt werden soll, geht aus drei Stellen des Gesprächs hervor, wo von "Rechtsextremen" die Rede ist, von "rassistischen Bemerkungen" und von einem "Überfall auf einen Obdachlosen". Die Interviewerin lässt sich nicht lumpen und schiebt in einer Frage die hypothetische Situation ein, man werde Zeuge, wie in der U-Bahn "drei Skinheads einen dunkelhäutigen Mann anpöbeln". All das kam und kommt vor, ist schändlich und bekämpfenswert, keine Frage. Aber um die Klientel zu erwähnen, von welcher heutzutage im öffentlichen Raum die größte Bedrohung ausgeht, fehlte den beiden Damen denn doch die nötige Zivilcourage.

 

  

9. März 2013

Die allerexotischste Weise, heute die Opern Richard Wagners zu rezipieren, besteht womöglich darin, Wotan, Loge und Alberich für reale Personen zu halten (und nicht für Allegorien), Mime für einen garstigen Zwerg (und nicht für eine Judenkarikatur), Lohengrin für einen Gralsgesandten (und nicht für ein Künstlergleichnis), den Speer im "Parsifal" für einen Speer (und nicht für ein Phallussymbol), das Geisterschiff des Fliegenden Holländers für ein jederzeit auf den Meeren antreffbares Gefährt (und nicht für ein Phantasiebild) etc. pp., kurzum: Wagner mit Ohren und Augen eines großen Kindes wahrzunehmen. Gleichwohl wäre dieses Werk-Verständnis keinen Deut falscher oder richtiger als jedes andere auch.

 

   

8. März 2013

Eine aus Südkorea stammende junge Mezzosopranistin, zur weiteren Stimmausbildung in Deutschland weilend und im Zuge dessen für die Aufführung der Oper eines zeitgenössischen Komponisten engagiert (es handelt sich um ein in hoch- bis höchstmoderner Manier vertontes Tschechow-Stück), berichtet, ihre Mutter habe sie am Telefon gefragt, was sie denn lerne im Lande Beethovens und Wagners, und gebeten, sie möge ihr doch etwas aus diesem neuen Werk vorsingen. Nach einigem Zögern erfüllt sie der Mama den Wunsch und beginnt am Telefon eine Passage glissandierenden Gejaules vorzutragen, um bereits nach wenigen Takten vollendete Ratlosigkeit und betretenes Schweigen am anderen Ende der Welt auszulösen...

 

 

7. März 2013

Die Namen der hiesigen Parteien sind längst durchweg habituelle Mogeleien; vielleicht sollte in den Politbüros allmählich über korrigierende und auch klärende Eingriffe nachgesonnen werden. Die CDU etwa ist so christlich wie die Deutsche Bank und bei Lichte besehen auch nicht demo-, sondern eurokratisch, die SPD desgleichen, wobei das D in ihrem Namen inzwischen eher eine Ortsbezeichnung denn irgendeine Programmatik darstellt (in Nordrhein-Westfalen wollen die Sozis den Amtseid ändern und künftig statt „dem Wohle des deutschen Volkes“ jenem „aller Menschen“ oder „dem Wohle der nordrhein-westfälischen Bevölkerung“ dienen). Die Grünen haben weder bei ihrem Namen noch sonst je ein Hehl daraus gemacht, wie unwichtig ihnen der Demos ist, solange der Journalist, der Lehrer, der Sozialwissenschaftler und der TV-Moderator ihnen wohlgesonnen bleiben, aber sie sind natürlich grün nur am ideologischen Rande, im Kern knallrot mit einem Stich ins Lilapinke. Bei der FDP wiederum steht das F längst für feige (eine Feststellung, die insofern unfair ist, als dieses F in allen Parteinamen stehen müsste), und die Frage, ob es sich überhaupt noch um eine Partei handelt, wie das P suggeriert, ist ungeklärt. Die Piraten sind allenfalls Elstern oder Geierchen, jedenfalls kolossal kaperunfähig und ohnehin quasi versunken. Bleibt einzig die Linke übrig, wo draufsteht, was drin ist. Wenigstens das.

 

 

6. März 2013

Das gute, schöne, wahre Wörtchen egal ist zuweilen von bestrickender, stirnglättender Tröstlichkeit. Eine meiner Tschechow'schen Lieblingsfiguren, der Arzt bzw. ehemalige Arzt Čebutykin (er hat, nach eigenen Worten, durch seine Trinkerei das gesamte Medizinstudium vergessen), beendet einen Dialog über den Wert der heute bevorzugt Partnerschaft genannten Zweisamkeit mit den von geradezu kosmischer Gleichgültigkeit zeugenden Worten: "Da kannst du philosophieren, soviel du willst, Einsamkeit ist ein schrecklich Ding, mein Freund... Obwohl, im Grunde... ist es natürlich völlig egal."

Thomas Bernhard hat seine besten drei bis vier Seiten Prosa als Meditation über das Wörtchen "egal" geschrieben, das Finale seines autobiografischen Buchs "Der Keller", und auch wenn es ein Sakrileg ist, den oberösterreichischen Rohrspatz (bei dem man bedenkenlos das halbe Werk streichen könnte) in einem sogenannten Atemzug zu nennen mit Tschechow (bei dem man guten Gewissens keinen Halbsatz streichen kann), soll es doch ausnahmsweise geschehen: "In seinem Alter sei einem alles gleichgültig, man hänge am Leben, aber egal sei es auch, wenn es vorbei sei", sagt der einstige sehr ferne Bekannte aus der Scherzhauserfeldsiedlung, dem schlechten Viertel am Salzburger Stadtrand, zu Bernhard, als er ihn viele Jahre später in der Wiener Innenstadt wiedertrifft, Schriftsteller längst der eine, Bauarbeiter der andere, und man verabschiedet sich schließlich mit den Worten: "Servus, und es ist alles egal." – "Egal, das war es", fährt Bernhard fort: "Mein besonderes Kennzeichen heute ist die Gleichgültigkeit, und es ist das Bewußtsein der Gleichwertigkeit alles dessen, das jemals gewesen ist und das ist und das sein wird." Und es folgt der ragendste Satz, den Bernhard je geschrieben hat: "Es ist gleich, ob einer mit seinem Preßlufthammer oder an seiner Schreibmaschine verzweifelt." 

 

 

 

4. März 2013

Joseph (Joschka) Fischer veröffentlicht, gemeinsam mit Fritz Stern, ein Gesprächs-Büchlein unter dem Titel "Gegen den Strom". Wo bzw. wohin mag wohl der besagte Strom fließen, in den der Fischerjockel sich gegenstrebig stürzte, den Hecksog erzeugend für allein gar nicht schwimmfähige und erst recht nicht gegenströmige Quietsche-Entchen wie C. Roth und V. Beck? 

 

 

 

2. März 2013

Im "Weltwoche"-Interview bezeichnet Nassim Nicholas Taleb das World Economic Forum (WEF) zu Davos als "International Association of Name Droppers" und schildert als typische Szene ein Essen "mit dem Big Boss einer der größten Banken der Welt": In keinem Moment des Dinners habe der Mann etwas Interessantes oder Bedeutendes geäußert, das Gespräch habe ausschließlich von seinen "Freunden", dem Präsident X, dem CEO Y usw., gehandelt. Taleb: "Das sind Menschen, die größte Befriedigung daran haben, andere Menschen zu kennen, aber nicht einen Funken Begeisterung an Ideen aufbringen." Dass diese Buben einen auf Green Business und Weltklimarettung machen, sich aber jeden Schritt durch das Alpenörtchen ersparen und stattdessen allzeit in dicken Limousionen chauffieren lassen, auf denen "Green Davos"-Aufkleber prunken, passt fast schon klischeehaft perfekt ins Bild. –

Auf die Frage, was ihn in die Öde getrieben habe, erklärt der Bergprediger in "Also sprach Zarathustra": "War es nicht der Ekel vor unsern Reichsten? – vor den Sträflingen des Reichtums, welche sich ihren Vorteil aus jedem Kehricht auflesen, mit kalten Augen, geilen Gedanken, vor diesem Gesindel, das gen Himmel stinkt, – vor diesem vergüldeten, verfälschten Pöbel, dessen Väter Langfinger oder Aasvögel oder Lumpensammler waren, mit Weibern willfährig, lüstern, vergeßlich – sie haben's nämlich alle nicht weit zur Hure – Pöbel oben, Pöbel unten! Was ist heute noch ›arm‹ und ›reich‹! Diesen Unterschied verlernte ich."

Wozu mir ein Apropos einfällt: Was haben gewisse Investmentbanker, gewisse Linksparteiler und ein, sagen wir zum Beispiel: Zigeuner-, quatsch, ein rumänischer, nein, geht auch nicht, ist doch rumänenfeindlich, also: ein fahrender Diebesclan in bunten Kleidern gemeinsam? A prima vista nicht viel, nur eines eben doch in fast schon alliierter Schamferne: die geile Begehrlichkeit auf den Besitz und die Ersparnisse vor allem derer, die dafür ehrlich und oft auch hart gearbeitet haben.

Der Status der Bundesrepublik wäre wohl am besten beschrieben mit dem Begriff Beute: Beute der nationalen und der EU-Bürokratie, Beute des ESM vulgo der Fremdschuldenbürgschaft, Beute der sozialdemokratischen Umverteiler aller Parteien, Beute von Finanzgaunern in v.a. Übersee, mit freundlicher Hilfe der eigenen Regierung, Beute des heimischen und zugewanderten Prekariats sowie mobiler Diebesbanden. Die Leute merken es täglich: Ihr Geld ist immer weniger wert, die Einbrüche häufen sich, die Städte verwahrlosen (es werden sogar schon öffentliche Skulpturen gestohlen, weil sie einen Altmetallwert haben), und wo dies nicht der Fall ist, explodieren die Mieten, man muss sehen, in welchen Kindergärten und Schulen man seine Kinder unterbringt, damit sie etwas lernen und unverprügelt heimkommen und so fort. Erstaunlich, wie diese streb- und duldsame, zum Müßiggang wie zur Dekadenz wie zum Ganoventum tragisch unbegabte und auch zum Straßenprotest viel zu elanlose deutsche Mittelschicht das alles noch schultert und murrend weitermalocht und zahlt und zahlt und sich zugleich von den Meinungsverbreitern unentwegt beschimpfen lässt...

 

 

 

1. März 2013

Vielleicht werden es die Maschinen dermaleinst gut mit den Menschen meinen, vielleicht werden sie anderen Maschinen die Werke Shakespeares, Beethovens, Giottos, Einsteins zeigen bzw. vorführen und erklären, deren Produzenten seien Spitzenexemplare jener merkwürdigen, längst nicht mehr vorkommenden Bioprozessoren gewesen, von denen sie selber abstammen. 

 

 

 

28. Februar 2013

Im diesmonatigen Merkur lese ich einen Artikel des amerikanischen Pianisten Jeremy Denk, der Bachs Polyphonie bzw. den "echten Kontrapunkt" preist und darauf hinweist, dass man es zum Beispiel bei einem Chopinschen Nocturne in der Regel mit dem Gegenteil kontrapunktischen Komponierens zu tun habe: Da entwickle sich eine Melodie über Akkordwiederholungen der bloß begleitenden Linken; "im Grunde" sei das, was die Linke spiele, "Füllmaterial", schreibt Denk, und Bach fasziniere so sehr, weil bei ihm dergleichen nicht vorkomme: "Alles zählt." Das erinnert an die halbwegs bekannte Sottise, Chopin sei "ein Genie der rechten Hand" gewesen. Nun führte mir die Gattin aber zufälligerweise ausgerechnet gestern anhand eines simplen Chopin-Walzers vor, wie wunderbar melodisch und auch für sich allein hinreichend präsent, ja singbar der Part der Begleithand komponiert sei. Es ist keine echte Kontrapunktik, aber eben doch (hierarchisch geordnete) Polyphonie. Freilich ist das, was die Rechte bei Chopin darzubieten hat, meist von einem so überwältigenden Esprit und von so filigraner Schönheit, dass man für die versteckten Herrlichkeiten der anderen Hand kein Ohr mehr hat.

 

 

Ein Drittel aller deutschen Journalisten präferiert die Grünen: die Heloten der Zeloten.

 

 

 

26. Februar 2013

Die Zahl der Deutschen, die wissen oder wenigstens davon überzeugt sind, dass der National-sozialismus "geistige" Wegbereiter besaß, erhöht sich seit 1945 kontinuierlich. Unter den Nazis dürfte dieser erbauliche Sachverhalt noch weitgehend unbekannt gewesen sein.

Die Erbauer des GULag hatten übrigens keine "Wegbereiter", sondern "Klassiker".

 

 

 

25. Februar 2013

Mit den Zehn Geboten, liest man gelegentlich, sei irgendwie die höhere Moral in die Welt gekommen, vor allem des berühmten "Du sollst nicht töten (morden)" wegen. Doch was war die ersten Handlung des Mose, nachdem er mit dem sozusagen druckfrischen Dekalog vom Berg Sinai zurückkehrte und sein Volk im Götzendienst das Goldene Kalb Aarons umtanzen sah? Er forderte die Leviten auf, die Abtrünnigen zu strafen und dabei auch die eigenen Verwandten nicht zu schonen. Dreitausend Israeliten wurden, nur ein paar Stunden nach der Verkündung des göttlichen Tötungstabus, mit dem Schwert erschlagen (Ex 32, 26-28). Sie hatten das zweite Gebot verletzt (das sie noch gar nicht kennen konnten), weshalb sie auf die Einhaltung des sechsten keinen Anspruch anmelden durften. Und so ähnlich geht es in der Geschichte allzeit fort und fort...

 

 

 

24. Februar 2013

"Ein Neger mit Gazelle zagt im Regen nie", heißt das bekannteste, wahlweise Schiller oder Schleiermacher zugeschriebene deutsche Palindrom. Noch steht es sogar in der Wikipedia, aber das dürfte bald passé sein. Auch Carl Einsteins Klassiker "Negerplastik", erschienen 1915 als eine der ersten und gewiss als erste solide europäische Studie über die Kunst Afrikas, dürfte bald aus dem Verkehr gezogen werden, obwohl in diesem Buch der schwarzen (uuups!) Kultur mit mehr Wohlwollen und vor allem mehr Kennerschaft begegnet wird, als eine ganze Grünen-Landtagsfraktion aufzubringen imstande ist.   

 

 

 

 

23. Februar 2013 

Wie es dazu kommen konnte, dass ein noch vor 15 Jahren in der hiesigen Öffentlichkeit zwar nicht unbedingt diskutables, aber immerhin erwähnensmögliches Phänomen namens Ausländerkriminalität komplett aus den Medien verschwunden ist, obwohl es in der Realität munter weiterrumort, illustriert heute "Spiegel online" mit einer Meldung aus London. Unter der Schlagzeile: "Britische Sexgang: Vergewaltiger brandmarkte Zwölfjährige mit seinen Initialien" heißt es: "Ihre Opfer waren noch Kinder, als sie Sexsklaven wurden: In London müssen sich neun Männer vor dem Strafgerichtshof wegen Zwangsprostitution und Vergewaltigung verantworten. Nun sagen die Mädchen gegen ihre mutmaßlichen Peiniger aus – und schildern grausame Details." Die Namen der Londoner Gentlemen lässt "Spiegel online" gentlemenlike weg. Reichen wir sie nach (aus dem "Independent", welch schöner Name für eine Zeitung): Mohammed Karrar, Bassam Karrar, Akhtar Dogar, Anjum Dogar, Kamar Jamil, Assad Hussain, Bilal Ahmed, Mohammed Hussain, Zeeshan Ahmed. Bei Culloden war wohl keiner ihrer Vorfahren mit von der Partie.  

Aber, fragt nun der tolerante Leser, was, wenn die Kerle einen britischen Pass haben – dann sind sie doch Briten, oder? Und ihre Namen spielen in diesem Fall überhaupt keine Rolle mehr! – Nur: Warum verschweigt man sie dann? Der Fall erinnert an die "niederländischen Jugendlichen" zunächst verschwiegener marokkanischer Abkunft, die vor kurzem nach einem Fußballspiel einen Linienrichter zu Tode prügelten, was bio-holländische Teenager halt eher nicht tun. Die einen Täter sind also (wenn überhaupt) Niederländer und zugleich nicht, die anderen (womöglich) Briten und eben auch wieder keine. Es gebietet die Fairness gegenüber dem indirekt geschmähten Albion, zumindest die Option mitzudenken, dass die dortigen Autochthonen es sich längst abgewöhnt haben, andere Menschen als Eigentum zu betrachten und ihnen Brandzeichen ins Fleisch zu setzen. Wenn man Kriminalität importiert und durch Staatsbürgerschaftsvergabe zum Eigengewächs umdeklariert, verhält es sich damit wie mit unter der Hand umetikettierten Waren: Es ist Betrug im Spiel. Im konkreten Fall geht es letztlich wieder einmal darum, Tatsachen zu vernebeln, speziell auch hiesige, weil nach dem letzten Schrei der Gesinnungsmode Kriminalität ja ausschließlich soziale und niemals ethnische oder kulturelle Ursachen haben darf (allenfalls maskuline Ursachen gehen noch durch, sofern die Täter Weiße sind, und dann auch rassistische). Bestehen wir also auf einen genauen Herkunftsnachweis auf dem Etikett, damit sich die Daten in den veröffentlichten Kriminalitätsbilanzen irgendwann einmal der Realität annähern und man gegebenenfalls politische Schlüsse daraus ziehen kann, sollte der Gesindel-Koeffizient innerhalb gewisser Gruppen, was Gott und Gabriel verhüten mögen, sich auch beim besten Willen nicht mehr allein sozial erklären lassen.

 

 

 

Späterer 22. Februar 2013

In seiner Essaysammlung zum Wagner-Jahr ("Richard Wagner und seine Wirkung", Wien 2013) konstatiert Jens Malte Fischer, dass die in Wagners Pamphlet "Das Judenthum in der Musik" vorgetragenen antijüdischen Argumente in ungebrochener Konstanz über drei Systemwechsel hinweg auch gegen Gustav Mahler verwendet wurden, was also bedeute, dass der Antisemitismus zumindest auf dieser Ebene so verschwiemelt wie beharrlich fortleb(t)e. Das mag durchaus sein (allerdings nimmt die bundesdeutsche Antisemitenriecherei zuweilen die Form eines Satyrspiels an, welches auf das Drama der nazideutschen Judenriecherei folgt). Andererseits wurden zum Beispiel gegen Giacomo Puccini von der Kritik ziemlich genau dieselben Unterstellungen vorgebracht wie gegen Mahler: Eklektizismus, innerliche Unwahrhaftigkeit, falsche Sentimentalität, einzig auf Effekt zielendes Raffinement (also gewissermaßen "Wirkung ohne Ursache"), schwüle Sinnlichkeit, Internationalismus (d.i. fehlende Verwurzelung im national Eigentümlichen). Kann es sein, dass zumindest manche der vermeintlich antisemitischen Mahler-Ablehner bloß rigide Kulturkonservative waren?

Bereits in Fischers (ansonsten glanzvoller) Mahler-Biographie war mir der gewisse Motive nicht ausschließen wollende Zungenschlag unangenehm aufgefallen, mit welchem er im Schlusskapitel jene Kapellmeister voneinander schied, die Mahler gern und oft bzw. selten bis unwillig oder überhaupt nicht dirigier(t)en. Ich weiß nicht, inwieweit er die Mahler-Präferenz zur demokratischen Pflicht erheben will, jedenfalls ist es schrecklich politisch korrekt geworden, Mahler zu mögen bzw. dies zu beteuern. Gottlob ist es bei Schöpfern dieser Dimension vollkommen einerlei, was für oder gegen sie daherargumentiert oder -unterstellt wird; ich werde dem Komponisten des "Trinkliedes vom Jammer der Erde", des Adagios der Neunten, des Trauermarsches der Fünften und der "Schönen Trompeten" immer ein getreulicher Freund und Bewunderer sein.  

 

 

 

22. Februar 2013

Heute vor 70 Jahren wurde Sophie Scholl hingerichtet. Trüge sie in einer Talkshow ihre christlichen und patriotischen Überzeugungen vor, wäre sie schon morgen Persona non grata.

 

 

Dem meinerseits seit geraumer Zeit mit verständnisloser Sympathie gelesenen Dietmar Dath gelingt bei der Besprechung der Autobiographie von Eckhard Henscheid ein derart stimmiger Satz, dass man ihn dafür glatt segnen oder zumindest mit z.B. Sechsämtertropfen salben möchte, und zwar: Seine (also des Kameraden Henscheid) Angriffe auf Gott und die Welt "bleiben allzeit kenntlich als die eines Nonkonformisten, der, wenn denn durch einen albernen statistischen Zufall die Macht und die Mehrheit auch mal etwas Vernünftiges vertreten, sich zur Not auch für einen abgedrängten oder gedeckelten völligen Unsinn prügeln würde."

 

 

 

"Das trägt man jetzt so", beteuert der Verkäufer. Aber gerade darum will ich's ja nicht.  

 

 

 

21. Februar 2013, 0.30 Uhr

Inzwischen gestern verirrte ich mich für ungefähr eine halbe Stunde in die Gruppentherapie der Anne Will, woselbst die Frage beredet ward, ob denn unsere Demokratie im Jahr 80 nach der temporären Machtergreifung Satans eine sogenannt gefestigte sei. Die Auswahl der Auskunftsbefugten garantierte Esprit, Freigeisterei, Meinungsvielfalt, Unbefangenheit und also ein veritables pluralistisches Stechen. Als da nämlich waren: der SPD-Vorsitzende Gabriel, der beinahe – beinahe! – über ein zeitgeschichtliches Thema, die weltschlimmsten Jahre betreffend, promoviert hätte sowie überdies familiär väterlicherseits vollendet vorbelastet und folglich zur rasenden Objektivität prädestiniert ist (man vergleiche geneigterweise meinen Eintrag vom 15. Dezember 2012); sodann die schöne Sahra Wagenknecht, meist leider stumm, weil es im Grunde ja auch nicht ihr Thema war, aber zart zürnenden oder jedenfalls blitzenden Auges in dem Moment, als Gabriel davon kündete, dass der weibliche Teil seiner Familie, wegen Satan, gewisse Erfahrungen mit den Befreiern aus dem Ursprungslande jenes Weltbeglückungsexperiments hatte machen müssen, dem sie sich letztlich immer noch ein bisschen verpflichtet fühlen mag; ferner St. Rita Süssmuth, blitzgescheit und geistesgegenwärtig wie eh und je und sonst nur Claudi R. (erstmals fiel mir auf, dass ihr Sprechduktus dem von Jupp Heynckes ähnelt, und beider Mitwirkung in „Men in black“ IV hätte irgendwie etwas Folgerichtiges); schließlich der Vorsehungsprediger und Kausalitätsschamane H. A. „im Westen geht die Sonne auf“ Winkler, ein Wunder an karrieredienlich selektiver Gelehrsamkeit und momentan angesagter Weisheit. Einmal mehr durfte man staunend das unausgesprochen waltende Apriori registrieren, dass der Nationalsozialismus quasi ein binnendeutsches Phänomen gewesen ist, welches sich nur durch die ihm innewohnende Expansivität zu einem, nein, zum allerschlimmsten Weltproblem aufblies. Beglückt darüber, einmal mehr auf die täglich murmeltiergrußhafte Weise über den offiziellen Geisteszustand dieser Republik belehrt zu werden, harrte ich das besagte halbe Stündchen aus, bevor ich mich wieder dem Champions-League-Spiel in Mailand zuwandte, aber ich wette meine englische „Mein Kampf“-Ausgabe darauf, dass auch in den anderen beiden exorzistischen halben Stündlein nicht ein Mal (oder allenfalls nur als Hinweis auf ihren Missbrauch durch die Satanisten) die Begriffe „Versailles“ und „russische Revolution“ bzw. „Bolschewismus“ gefallen sind...

 


20. Februar 2013

"Ich soll mich nicht von der Wirklichkeit entfernen? Ist sie denn nicht überall?" (Stanislaw Jerzy Lec)

 

 

 

19. Februar 2013

Nachdem uns die heterosexuelle bürgerliche Familienidylle jahrelang als falsch, verlogen, bigott und fassadenhaft vorgeführt worden ist, errichtet auf Unterdrückung (der Frauen, der Kinder, der eigenen Homosexualität, des Personals, der Dritten Welt), auf häuslicher Gewalt, Fremdgängerei, sexistischen Rollenmustern usf., warten wir gespannt darauf, wie es um die homosexuelle Familienidylle der Zukunft bestellt sein und ob jemand anders als knallrosig darüber schreiben, filmen und werbefilmen wird.

 

 

18. Februar 2013

Die Maxime der "historisch informierten" Aufführungspraktiker scheint zu lauten: Alles was ergreifend, berührend, überwältigend oder gar pathetisch ist, ist falsch. So werden Technokratenkriterien wie die "Durchhörbarkeit" u.a. auf die Bach'schen Passionen angewendet, die bekanntlich vom Leiden des Heilands und tiefster Menschennot handeln, was aber wiederum recht typisch für unser technokratisches Epöchlein und den darin waltenden Typus zu sein scheint, der das Schicksal gern beiseitemanagen, sozialtherapieren, anästhesieren und in Statistiken quetschen möchte. Ich habe jetzt gleichwohl meine zweite Karl Richter-Einspielung der "Matthäus-Passion" (die 1959er) sowie jene Klemperers erworben, aus welchen beiden nicht (nur) die Aufführungsmode ihrer Zeit, sondern das Erlösungsbedürfnis und der Weltschmerz der Gattung tönen und einen die Jahrtausende anwehen, während mich das "historisch informiert" Dahermusizierte in der Regel völlig unberührt lässt.  

Am Rande: Ein immer wieder interessantes Experiment mit Musikern oder musikalisch Gebildeten besteht darin, ihnen wie bei einer Wein-Blindverkostung verschiedene Aufnahmen vorzusetzen und zu fragen, ob es sich um historische Originalinstrumente handelt. Die Ergebnisse ähneln jenen der Weinverkostungen...

 

 

17. Februar 2013 

Seien wir doch mal ehrlich: Hat der Grand Canyon mehr als vier amazon-Sterne verdient?

 

 

14. Februar 2013

Wie war es möglich, fragt die FAZ in ihrem Vorbericht zur NSU-Filmdokumentation "Die Nazi-Braut", dass eine solche Gruppe so lange unentdeckt bleiben und morden konnte? Nun, mit dieser Art Täter war einfach nicht zu rechnen. Mit einer anderen Tätersorte dagegen – rein empirisch – desto mehr. Das ist alles.

 

 

12. Februar 2013

Der Stuttgarter Verleger Klaus Willberg, Chef des auf Kinder- und Jugendbücher spezialisierten Thienemann-Verlags, hat angekündigt, man werde "alle Klassiker" im Programm auf anstößige Begriffe wie "Neger" etc. "durchforsten" und die sogeschwätzt "umstrittenen" Wörter ersatzlos streichen. Ich halte diese Meldung für bedeutend. Die Kultur-Schranzen im Dritten Reich und in der DDR haben Bücher in Giftschränke gesperrt, Neuauflagen verhindert, sogar Bücher verbrannt, aber nicht einmal sie hatten den perversen Schneid, Klassiker umzuschreiben. In gewissem Sinne darf nun wohl doch endlich von einem Faschismus mit menschlichem Antlitz gesprochen werden.

 

 

11. Februar 2013

Im Anhang seines Buches "Richard Wagners Kampf gegen die seelische Fremdherrschaft" (1935) untersucht der Nazi Curt von Westernhagen das Erscheinungsbild des Komponisten nach rassischen Kriterien und kommt zu dem befriedigenden Ergebnis, es bezeuge einen "dinarischen Einschlag" und sei somit letztlich von "nordischem Gepräge". Heute lachen wir darüber oder schütteln den Kopf oder sind angewidert, je nach Gusto, Gesinnung und selbstverliehenem Aufgeklärtheitsdienstgrad – und doch laufen quasi nebenan die "Gender"-Vorlesungen, wird "Gender-Mainstreaming" von EU und Bundesregierung gefördert, streichen wir Worte aus unserer Literatur- und Alltagssprache, die biologische und Begabungs-Unterschiede zwischen den Menschen bezeichnen, schauen zu, wie Theorien über die Welt gestülpt werden, die allen Tatsachen Hohn sprechen, wenngleich diesmal die Differenzen nicht grotesk überbetont, sondern grotesk geleugnet werden, wir werden sehen, mit welchen Folgen...

 

 

7. Februar 2013

Die deutsche Wikipedia ist und bleibt ein Schrottsammelstelle des Zeitgeistes und eine munter sprudelnde Quelle der unfreiwillen Komik. Nehmen wir einen derzeit kolossal bekakelten Begriff, welcher im deutschen Epizentrum des Weltweitwebwissens folgender Definition nicht entging: „Unter Sexismus versteht man die soziale Konstruktion von sexuellen Unterschieden zwischen Menschen und die daraus abgeleiteten Normen und Handlungsweisen. Der Sexismus unterteilt alle Menschen anhand ihrer biologischen Geschlechtsmerkmale in Frauen und Männer (Hervorhebungen von mir), unterstellt ihnen damit eine grundlegende Unterschiedlichkeit und weist ihnen auf dieser Basis unterschiedliche Rechte und Pflichten zu.“ Vermutlich das Recht auf Ejakulation und die Pflicht zur Schwangerschaft (oder umgekehrt).  

Wenn wir schon mal dabei sind (jetzt vom quietschenden Nonsense ins Perfide wechselnd): Im Wikipedia-Eintrag zum Stichwort Kommunismus, Unterpunkt Stalinismus, steht zu lesen, der sowjetische Staat sei „durch die Kollektivierung in den Besitz der Ernteerträge des Landes" gelangt, "die unter Inkaufnahme schrecklicher Hungersnöte zu einem guten Teil in den Export flossen und damit der Finanzierung der Industrialisierung dienten“. Das ist ungefähr so, als schriebe man über die Nationalsozialisten, sie seien unter Inkaufnahme schrecklicher Bedingungen in den KZs in den Besitz der jüdischen Vermögen gelangt, um die deutsche Volkswirtschaft zu stärken. – Zwei Einträge, ein Menschenschlag, eine Gesinnung.

  

   

3. Februar 2013

Die Neue Zürcher Zeitung überschreibt ihre Titelseite mit der Headline: "Der Rattenfänger und sein Gefolge"; der Artikel handelt von Silvio Berlusconi. Hierzulande kennt man die einfühlsame Metapher vor allem bzw. ausschließlich in der Form "rechte Rattenfänger", und ohne jetzt einen auf Minima Moralia zu machen – sollen die Leute sich doch beschimpfen! –, gestatte ich mir die immerhin aus dem Gesichtspunkt der Folgerichtigkeit sich stellende Frage, wer denn wohl die Ratten sein mögen? Und erlaube mir ferner, in Erinnerung zu rufen, dass der Rattenfänger ein gern gesehener Gast u.a. zu Hameln gewesen ist, denn er befreite die Kommunen von einer Plage. Von welcher Plage mag Berlusconi Italien und mögen die "Rechten" Deutschland befreien? Was nun wiederum den legendären Hamelner Fall angeht, führte der Kammerjäger-Ahne erst dann die Kinder fort, als die Stadtoberen ihm den verdienten Lohn verweigerten. Der Rattenfänger ist ein Schädlingsbekämpfer, im Hamelner Spezialfall zudem ein Betrogener, der sich rächt. Und der rattenfängerisch dahermetaphernde Journalist in der Regel wohl nur ein gedankenloser Dummkopf.

 

Ständig liest man, jemand sei ein "begnadeter Selbstdarsteller". Aber die beiden Worte schließen sich aus. Wer begnadet ist, hat Selbstdarstellung überhaupt nicht nötig.

 

 

31. Januar 2013

Es ist beachtlich, wie schnell sich die hiesigen vermeintlichen "Sexisten" in "Sexismus-Täter" verwandelt haben. Der "Sexismus-Täter" ist sozusagen die Embryonalform des "Sex-Täters". Immerhin hat sich das "Tätervolk" in sechs Dekaden zum Tätergeschlecht halbiert, rechnen wir die Schwulen 'raus, handelt es sich bereits um eine Täter-Minderheit, wir sind auf dem Weg der kollektiven Gesundung, sofern wir es mit dem Macho-Import nicht übertreiben. Da steht er nun an der Bar, der deutsche Mann (vor hundert Jahren war das noch was), pazifiziert, verweichlicht, auf Flexibilität und Teamfähigkeit dressiert, von Kindsbeinen an das Vorbild Mädchen vor Augen, aber ohne jedes Männlichkeitsideal, ein Kriegsverlierernachkomme, der Kämpfen böse findet, egal worum, ein Bürolebewesen meist, ohne Körper, ohne Muskulatur, ohne eigene Meinung, ohne Stolz, ohne Rückgrat, ohne Eier, ohne Manieren, ohne Bildung (aber er hat "Module" studiert), den Kopf voller Pornographie, die ihn noch mehr demütigt, und dieser Wichtel macht nun die Mädels an, denen es natürlich stinkt, dass er sich für einen Mann ausgibt, und die sehr wohl zu unterscheiden wissen zwischen dem "Sexismus" von Würstchen und dem Vögelnwollen von Kerlen... 

Letztlich ist das ganze "Sexismus"-Gedöns hinsichtlich seiner Protagonisten eine typische Veranstaltung für dieses Land, in dem Kinderlose über die richtige Familienpolitik dozieren, Ex-Kommunisten über die Demokratie, Vielflieger über den Klimaschutz, Pazifisten über das Militärwesen, Europathen über das nationale Interesse, protestantische Funktionäre über den lieben Gott – und nun erklären eben speziell solche Frauen, denen dieser liebe Gott vieles davon vorenthielt, was Männer an- und Weiblichkeit ausmacht, den allgegenwärtigen "Sexismus". Dass es dabei, wie immer, um die Besetzung von Themen und Worten zum Zwecke der genüsslichen Anklageerhebung gegen die Gesellschaft, die Bevölkerung, die Männer, die Heteros, die Weißen oder wen auch immer geht – diesmal eben um die Etablierung eines so dehn- wie undiskutierbaren Parallelbegriffs zum "Rassismus" –, ist klar.

 

 

30. Januar 2013

Das Dritte Reich ist der historische Ort, über welchem nun wirklich jede zeitgenössische Aversion ausgekippt werden kann (wobei zeitgenössische Aversionen gegenüber jener Epoche der Scheußlichkeiten immer niedlich wirken), man darf heutzutage die gesamte deutsche Gesellschaft der Jahre 1933-45 (gern auch früher beginnend) al fresco kriminalisieren, und bezeichnenderweise macht sich inzwischen der heimlichen NS-Sympathie verdächtig, wer auf historische Tatsachen hinweist, die der Universalschuld-Propaganda widersprechen.

 

 

 

29. Januar 2013

In Fußballstadien sollen sich jetzt V-Männer zwischen die Fans mischen, um Neonazis dingfest zu machen. Ich finde, sie sollten auch ein Auge auf EU-Kritiker haben.

 

 

 

28. Januar 2013

Hannah Arendt, allzeit unter dem Segen der Chariten stehend, als junge Studentin und Heideggerkopfverdreherin wie als Kettenraucherin gesetzten Alters, hat eine reizende Anekdote berichtet, die zur im Schwange befindlichen Sexismus-"Debatte" passt und in welcher sich Geistesgegenwart und Weisheit aufs Vorbildlichste verschränken. Als ein Galan in einem Pariser Hotelzimmer mit den nämlichen Absichten über sie herfiel und wild an ihrer Kleidung zerrte (wir sind in den späten 1930ern, das Patriarchat herrschte unbeschränkt), habe sie ihn zunächst „mit schallendem Gelächter“ und, als das nicht half, mit „ein paar Ohrfeigen“ zur Vernunft gebracht – allerdings ohne sich danach in die heute so wohlfeile anklägerische Pose zu werfen. Vielmehr kommentierte sie den Vorfall mit den Worten: „Männer können nur so. Müssen sie vielleicht auch! Oder die Frauen glauben ihnen nicht.“

 

"Man muss den Menschen erlauben, große Fehler gegen sich selber zu begehen, um ein noch größeres Übel zu vermeiden: die Knechtschaft." Luc de Clapiers de Vauvenargues (1715-1747)

 

 

 

27. Januar 2013

Morgen wird im "Focus" eine Philippika von Frederick Forsyth zu lesen sein, als Ergänzung zur Europa-Rede von Premier David Cameron, welche endet mit den eminent festhaltenswerten, an die EU-Führung und ihre Claqueure adressierten Sätzen: "Kurz, wir glauben, unser Heimatland wurde uns mit Lüge und Betrug geraubt. Und, meine Damen und Herren, ohne irgendwelche Feindschaft gegen Sie, wir wollen es zurück."

Die Deutschen sind bekanntlich zu träge, zu feige, zu obrigkeitshörig, zu manipulierbar, zu schuldneurotisch und (noch) zu wohlhabend, um sich gegen die immer unverhohlenere Brüsseler Diktatur zu erheben. Aber vielleicht nehmen ja die anderen Länder die Sache in die Hände; Europa hat zwei Weltkriege sowie den roten und den braunen Sozialismus überlebt, es wird auch die EU überstehen.

   

 

24. Januar 2013 

Wie Donnerhall rauscht ein Ruf durch die deutschen Lande und Gaue, ein Aufschrei der Empörung tönt de profundis via Twitter und Chat: Frauen, wehrt euch! Schon klar, schon recht, wir sind alle dafür, aber worum geht es diesmal? Um massakrierte Zentralafrikanerinnen in Bürgerkriegsregionen? Mit Säure gesichtsverätzte oder gruppenvergewaltigte Inderinnen? Gesteinigte Ehebrecherinnen in Saudi-Arabien? Ehrengemordete Türkinnen in deutschen Fachwerkstädtchen? Wenigstens um panzergläserne Decken? Einkommensunterschiede von bis zu 100 Prozent? Nein, Anlass der Empörung ist der gelegentliche Weinköniginnenabräumer R. Brüderle, restbekannt aus der FDP, der einer Journalistin abends an der Bar ein paar beschwipste Anzüglichkeiten zuraunte, was die keusche Maid so sehr traumatisierte, dass sie ein geschlagenes Jahr warten musste, bis sie den Vorfall publik zu machen sich erkühnte (vermutlich war sie bloß sauer, dass er ihr keine verwurstenswerten FDP-Interna steckte).

Nun legen allenthalben die Maiden ihre Hemmungen sowie zugleich Zeugnis ab über den alltäglichen Belästigungsmachismus (hat nix zu tun mit Ernst Mach), der sie wahlweise an den Herd zurück- oder ins Bett vorausschicken will. (Nebenbei: Hat jemals ein Spitzenkoch gesagt, nur Frauen gehörten an den Herd?) "Ich weiß von jungen Kolleginnen, dass es das nach wie vor gibt: Komplimente, Einladungen, die ganze Palette", zitiert ARD.de die "Spiegel"-Journalistin  Annette Bruhns, und zwar geschähen dergleichen Scheußlichkeiten sowohl "in der Politik"  als auch "in Redaktionen oder Unternehmen bis in die Manageretagen hinein". Kurzum: Es ist ganz schlimm! Frauen werden eingeladen! Und bekommen Komplimente für ihr Äußeres! Immer noch! Auch das unvermeidliche, wenngleich zeitlebens vermutlich vollkommen unbelästigt gebliebene Fräulein A. Schwarzer stimmte triumphierend in die Klage ein. 

Wenn das Geplärr dazu führen sollte, dass sich die Ochsen dieses Landes ein paar passablere Anmachverfahren einfallen lassen, sei es hiermit gepriesen oder doch wenigstens abgenickt. Und all jene, so da Geld haben und gedeckte Kreditkarten, mögen sich nicht so sehr gemeint fühlen und weiter grapschen! Nur eben zugleich auch ganz viel schenken! Schuhe, Schmuck, Handtaschen, das Übliche, in Härtefällen ein paar Bände Foucault. Ansonsten gilt die alte Dialektik: Nie wurden Frauen weniger sexuell belästigt und unterdrückt als heutzutage & hierzulande (auch wenn speziell ein paar wackere sog. Migranten sich zur Trendwende anheischig machen), doch nie lamentierte das Feminat lauter als im lendenlahmsten Land der Weltgeschichte. Die antisexistischen Jeremiaden dürften nach dieser Logik ihren ohrenbetäubenden Höhepunkt erreichen, wenn es keinerlei Sexismus mehr gibt. Oder aber die ernsthaften Probleme, derer sich ja einige am Horizont halbwegs düster ankündigen, beenden die große Gaudi und stellen die Relationen zwischen erträglich und schlimm wieder her. Sollten die Schwestern nämlich wieder Verteidiger brauchen, werden sie sogar den Klaps auf den Po ertragen...

P.S.: Nachtrag für EselInnen: In Rede stehen hier natürlich nicht die tatsächlichen Fälle von sexueller Nötigung, speziell jene in Abhängigkeitsverhältnissen, die freilich in all dem Gelärm um Nichtigkeiten wie dem besagten Barvorfall mit Gevatter Brüderle untergehen.  

 

 

22. Januar 1013

Die Lektüre von Wikipedia-Artikeln zu politisch irgendwie relevanten oder zumindest einsortierbaren Personen – und das sind sehr viele; diese klebrige Politisierung ist aufgekommen wie der Straßenlärm und wie dieser aus der Schönen Neuen Welt kaum mehr wegzudenken – offenbart den unverhohlensten Manichäismus; nahezu sämtliche Einträge figurieren unter den ungeschriebenen, aber schnell sich herauskristallisierenden Mottos: Dieser Mensch vertritt eine gute (= fortschrittliche, emanzipatorische, sozialistische, feministische, multikulturalistische) oder eine böse (= im weitesten Sinne konservative oder allzu wirtschaftsliberale) Weltsicht. Am besten, man verzierte die Seiten oben rechts mit einer entsprechenden Vignette, auf dass der Leser gleich ins Bild gesetzt werde, mit welcher Kategorie Mensch er es gerade zu tun hat.

 

 

20. Januar 2013

Eine Londoner Ägyptologin bekundet, wie wunderschön und klangvoll sie die englische Lautierung des Pharaonennamens Achenaton finde: "Akhenaton" klinge doch unendlich viel besser als das stupide deutsche (hier tut sie fast indigniert) "Echnaton". Tatsächlich werden wir nie wissen, wie die alten Ägypter die Namen ihrer Pharaonen und also auch jenen des Ketzerkönigs genau ausgesprochen haben, ganz sicher aber sagten sie nicht "Äkhenät'n". Ich meinesteils halte "Echnaton" für weit würdiger, eben weil die englische Aussprache jeden antiken Namen entkontextualisiert und in die Gegenwart zerrt (erinnern wir uns an "Äckilles"  in Petersens "Troja" oder an den sogar hierzulande so genannten "Gläidiäita"), und gleichsam als Bestätigung sehe ich, dass sich ein Rapper aus Marseille "Akhenaten" nennt (wie immer der das nun aussprechen mag). Möge Echnaton auch hinfort unbehelligt in der Zeiten Tiefe verwahrt bleiben!

 

 

18. Januar 2013

Gestern Treffen mit einem schwerreichen Unternehmer, der mir sagte, er sei politisch weder rechts noch links (das sagen sie alle, weil sie links nicht sein können und rechts nicht dürfen), er werde niemals Deutschland verlassen, zahle brav und allzeit penibel seine Steuern und Abgaben, investiere fast ausschließlich in der Heimat, lebe aber mit der traurigen Gewissheit, dass er nie ein Wort das Dankes oder der Anerkennung dafür zu hören bekommen werde. Dazu passt der Wahlkampf der Sozialdemokraten gegen steuerflüchtige Reiche, begleitet vom Geifer der Medien und der online-Leserkommentare (in der DDR gab's fürs Bleiben bekanntlich auch kein Lob, aber wer raus wollte, war ein Schwein).

Erst während der Revolution fiel den französischen Aristokraten auf, wie wenige sie eigentlich waren und wie zielsicher der Hass sie treffen konnte. "Wie, und Sie leben noch?", sagte der jakobinische Deputierte Laurençot zu dem Besitzer des Schlosses Cheverny, nachdem er den herrlichen Barockbau in Augenschein genommen hatte. Dieser Affekt, man mache sich nichts vor, ist heute so lebendig wie damals, zumindest in der Alten Welt, wenngleich durch das Steuer- und Umverteilungssystem einstweilen noch gehegt. Doch sollte die Mittelschicht eines Tages finanziell restlos ausgequetscht sein und die Linke es bis dahin geschafft haben, ihre überalterten Reihen durch hinreichend vitale Drittweltmigranten neu aufzufüllen, wird den Reichen auf diesem Kontinent, sofern sie dann nicht längst emigriert sind, womöglich dasselbe Stündlein schlagen wie weiland der französischen Aristokratie.

 

 

17. Januar 2013

Die Biographie Richard Wagners von Houston Stewart Chamberlain gilt gemeinhin als das Werk, mit welchem der Komponist seiner linken, sozialrevolutionären, Menschheitserlösungs-Vergangenheit entledigt und aufs rechte, völkische Gleis geschoben wurde. Das Wagner-Jahr zum Anlass nehmend, bestellte ich die Reprint-Ausgabe, die der Europäische Hochschulverlag 2010 besorgt hat. Es handelt sich um einen Nachdruck der vierten (erweiterten) Auflage von 1919, das Orignal ist 1895 erschienen. Das einzige, was der Verlag hinzufügte, war der Text auf der Buchrückseite, wenig Raum also, auf welchem eine desto nachhaltigere Duftmarke untergebracht werden musste, etwa dies: "Trotz seines (d.i.: Chamberlains) Versuchs, Wagners Werke im Sinne des Nationalsozialismus umzudeuten, ist diese nur wenige Jahre nach seinem Tod erschienene Biographie authentischer und gleichzeitig atmosphärisch dichter als viele der später erschienenen." Davon abgesehen, dass es "dessen Tod" heißen muss: Der Nationalsozialismus entstand, wie jeder weiß, nach dem Ersten Weltkrieg, der zu seinen Hauptursachen gehörte, die NSDAP wurde 1920 gegründet. Hat sich beim Europäischen Hochschulverlag unter der Hand die eines "Spiegel"-Titels würdige Erkenntnis eingestellt, dass die nationalsozialistische Weltanschauung doch schon kurz nach Wagners Tod fix und fertig vorlag? Der Donner vorm Blitz kam? Oder schreiben dort bloß besonders ambitionierte Erstsemestler die Klappentexte?

Am Rande: Es ist bemerkenswert, dass an der Spitze derer, die den letztlich ja nun doch kosmopolitischen, sein Werk an die gesamte Menschheit adressierenden Wagner postum zum protovölkischen Deutschnationalen umformatiert haben, drei Ausländer agierten: Cosima war französisch-ungarischen Geblüts und kam in der Lombardei zur Welt, Chamberlain und Winifred Wagner, gebürtige Marjorie Williams, waren Engländer.

 

 

16. Januar 2013

Soziale Ökologie: Die nichts zu bestimmen haben, möchten wenigstens ihre schlechte Meinung über diejenigen öffentlich aussprechen, die bestimmen dürfen. Der bekannten Anekdote zufolge hat Kardinal Mazarin die Spottlieder der Pariser auf eine neue Steuer mit den Worten kommentiert: "Lasst sie singen, wenn sie nur bezahlen." Und wenn die Mazarins "demokratisch gewählt" sind, halten sich die Spottliedsinger sogar noch für frei. Bessere Untertanen kann sich keine Regierung wünschen.

   

In seiner "Theorie der Nachkriegszeit", die mir mit fünjähriger Verspätung in die Hände gefallen ist, bezeichnet Peter Sloterdijk die Westorientierung der Bundesrepublik nach dem Krieg als Metanoia. Der Begriff machte seine eigentliche Karriere im Christentum, wo er die radikale Sinnesänderung, die Umkehr, das Bußetun bezeichnet; Sloterdijk fasst ihn politisch als "Bereitschaft zur Umformung der als schädlich erkannten Kulturregeln in weniger schädliche", kurz: das Wechseln auf die Siegerseite. Am besten illustriert den Vorgang indes die Bedeutung der Metanoia in der Ostkirche, wo sie die knieende Verneigung bis zum Boden bezeichnet, eine Art Proskynese. Interessanterweise wird diese von deutschen Offiziellen desto beflissener ausgeführt, je weiter die Niederlage zurückliegt (Adenauer kannte sie noch nicht). Die Teilnahme an den Siegesfeiern der anderen (von Kohl noch abgelehnt) markierte den bisherigen Höhepunkt der symbolpolitischen Anbiederei (aber wir sind deutsch, wir können uns bis zur letzten Nachspielminute noch steigern). Die Frage, ob es sich wirklich um einen Wechsel in ein weniger schädliches Decorum handelt, verbietet sich angesichts der NS-Untaten; dass es sich gleichwohl um ein schädliches handelt, liegt auf der Hand.

 

Indem sie die finanziellen Bedürfnisse der anderen europäischen Staaten, also immerhin der Mehrheit der Europäer, über den pekuniären Egoismus der Deutschen stellt, ist die Bundesregierung als erste nationale Führung des Kontinents in einem wahrhaft demokratischen Europa angekommen. 

 

 

Später 15. Januar 2013

Das altägyptische Wort für "Fest" bedeutet "Das Herz vergessen". Denn die Herzen der Menschen waren meist schwer von Sorgen und Kummer, jahrtausendelang. Man sollte dieser Tatsache zuweilen gedenken, schließlich gäbe es uns nicht ohne die Altvordern und ihre Bereitschaft, in einem heute kaum mehr vorstellbare Maße Schmerzen und Entbehrungen zu ertragen.

 

 

15. Januar 2013 

Zu beklagen sind, als quasi subkutane Erscheinungsform der immer forcierteren Anpassung des Deutschen ans Englische, das ziemlich jähe Verschwinden der Kopplungsstriche und das etwas langsamere Dahinscheiden der Kommata. Letztgenannte waren, was Anzahl und Platzierung anging, bekanntlich ohnehin schon immer Glückssache, weshalb nun gern darauf verzichtet wird, dieses Glück zu strapazieren, im Netz und in privater Korrespondenz sowieso, aber wachte nicht das scharfe Auge der vermutlich letzten Korrektorengeneration über den gedruckten journalistischen Texten, wäre auch dort längst mindestens die Halbierung des Komma-Kontingents stillschweigend durchgesetzt. Brecht konnte noch sagen, er lasse sich mit Karl Kraus auf einen Streit um ein Komma lieber nicht ein – tempi passati. Jetzt müssen nur noch diejenigen verschwinden, denen auffällt, dass etwas fehlt. Und so läuft es ja immer, so war es bei den ägyptischen Hieroglyphen, bei den rituellen Panegyriken, bei den Duellregeln, beim Versmaß, beim Kunstgeschmack, bei den Tischsitten... 

 

 

14. Januar 2013

"Als ich, keines Wortes fähig, aus dem Festspielhause hinaustrat, da wußte ich, daß mir das Größte, Schmerzlichste aufgegangen war, und daß ich es unentweiht mit mir durch mein Leben tragen werde", notierte Gustav Mahler nach seinem ersten Parsifal bei seinem ersten Bayreuth-Besuch 1883. "Fünf Stunden außerhalb der Welt, in völliger Seligkeit", beschrieb wiederum Giacomo Puccini anno 1923 ex post sein Befinden beim Lauschen desselben Werkes. "Aus Parsifal baue ich mir meine Religion. Gottesdienst in feierlicher Form ... ohne Demutstheater ... Im Heldengewand allein kann man Gott dienen", erklärte indes recht kontradiktorisch A. Hitler im Jahre 1936. Halten wir uns jetzt noch vor Augen, dass Nietzsche den Parsifal als "Operettenstoff par excellence" verspottete und dem Schöpfer des Werks, Goethe zitierend, vorwarf, er drohe "am Wiederkäuen sittlicher und religiöser Absurditäten zu ersticken", dass ferner die Nationalsozialisten die Gralsoper nach Kriegsausbruch von den Spielplänen verbannten, weil ihnen die Mitleidsapotheose darin defätistisch wenn nicht gar wehrkraftzersetzend vorkam, schließlich dass seit den 1970er Jahren Autoren mit der These hervortraten, bei dem sogenannten Bühnenweihfestspiel handele es sich tatsächlich um ein Hohelied der völkischen Exklusivität samt Arisierung der Christusfigur sowie der Exklusion, ja Extermination der Juden... –, dann dürfte sich wohl die Erkenntnis einstellen, dass Parsifal, wie es große Kunstwerke zuweilen an sich haben, vielerlei und einander ausschließende und auch sehr dumme Interpretationen zulässt. Beziehungsweise dass letztlich der bedeutendste und am wenigsten von persönlichen Motiven geleitete Beurteiler Recht hat, im vorliegenden Falle also vermutlich Mahler.

 

 

13. Januar 2013

"Man tut nicht wohl, sich allzulange im Abstrakten aufzuhalten. Das Esoterische schadet nur, indem es exoterisch wird. Leben wird am besten durchs Lebendige belehrt." Goethe über Gender. 

 

 

12. Januar 2013

In seinem lesenswerten Buch "Richard Wagner in Deutschland. Rezeption – Verfälschung" (Stuttgart 2011) wundert sich Udo Bermbach, dass der demokratiekompatible Bayreuther Neuanfang nach Kriegsende "bruchlos und ohne alle ideologischen Anpassungsprobleme" von denselben Autoren und Opernbegleitheftschreibern mitbewerkstelligt wurde, die kurz zuvor noch die glänzende Übereinstimmung von Wagners Werk und nationalsozialistischer Weltanschauung behauptet hatten. Mich würde eher das Gegenteil wundern. So war es immer, und so wird es immer sein; die "Zeit" fand die DDR auch nur bis 1989 supi. Sollte die Demokratie in der Bundesrepublik scheitern und das Nachfolgesystem sich als ein repressives präsentieren, wird niemand mehr Demokrat, sollte der Hegemon wechseln, niemand mehr Transatlantiker gewesen sein. 

Was Bayreuth angeht, so waren die Inszenierungen in der Zeit der "Verdrängung" immerhin ästhetisch weit anspruchsvoller als jene, die in der (bis heute währenden) Ära der "Aufarbeitung" folgten, wobei letztere sich auf der Bühne des Festspielhauses im wesentlichen als Hakenkreuzfahnenwedelei darbietet. Welche Periode von der Gesamtanmutung widerlicher ist, bleibt Geschmacksfrage. 

Apropos: Unlängst übersandte mir ein Historiker in Kopie das Deckblatt von Adornos 1952 erschienenem "Versuch über Wagner" aus der Bibliothek Carl Schmitts. Den Titel hatte Schmitt redigiert: Vor "Versuch" stand "Mord", und das "über" war folglich in ein "an" geändert worden.

   

   

11. Januar 2013

Wenig erfordert in der Bundesrepublik mehr Schneid, als sich öffentlich von Ernst Nolte zu distanzieren. Ein Kolumnist auf "Spiegel online", anhand seines Konterfeis leicht als eine den Stürmen der Epoche trotzende Charakternatur zu identifizieren, wagt's gleichwohl. Anlass ist der 90. Geburtstag des Gelehrten, den der Kolumnist "unangenehm" und dessen Denken er "hässlich" findet, wobei wie stets in solchen Fällen davon auszugehen ist, dass der Rechtmeiner sich die Lektürezumutung weitgehend erspart hat, um desto hemmungsloser seine konformistischen Affekte ausleben zu dürfen. Was ihm aber immerhin an Noltes Texten aufgefallen ist und was ihn speziell stört, sind die vielen Und doch, Aber und Andrerseits darin. Ja, die Aber kosten Überlegung, wie die Gräfin Orsina in Lessings "Emilia Galotti" bemerkt, und Überlegungen zur NS-Zeit mag der auf Reflexe gedrillte kritisch-Aufgeklärte nicht mehr anstellen. Die skandalöse wissenschaftliche Kälte und Ideologieferne, mit welcher Nolte seinen Gegenstand betrachtet, ist dem "Reuedeutschen" (Hannah Arendt), der glaubt, sämtliche möglichen Erkenntnisse eben mit seiner Reue bereits gewonnen zu haben, ein Graus. So weit, so gewöhnlich.

Aber hat sich Nolte am Ende vielleicht so sehr in die These vom "kausalen Nexus" zwischen Bolschewismus und Nationalsozialismus verrannt, dass seinem Kopf eine neue Ideologie entsprungen ist? Andererseits will ich den Nexus keineswegs bestreiten, speziell in den Köpfen der führenden Nationalsozialisten, allen voran Hitler, war er ständig präsent und nährte ihre Mordenergie. Und doch bin ich der Ansicht, dass ein zur Monokausaliltät tendierender Ansatz in der Geschichtsdeutung immer auch tendenziell falsch ist; je mehr Ursachen der Historiker für ein Ereignis anbietet, desto mehr Recht hat er (doch keiner hat je wirklich Recht). Wer ausschließlich Nolte läse, wäre nicht hinreichend im Bilde. Aber gibt es einen Geschichtsdenker, für den dieser Satz nicht zuträfe? Gleichwohl wird Noltes Theorie im Gesamtkontext der Geschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts immer eine wichtige Rolle spielen, bereits heute ist das der Fall, wenn auch sein Name einstweilen nur in den Fußnoten auftaucht. Der große Verfemte ist derjenige unter Deutschlands Nachkriegshistorikern, an dessen künftiger Kanonisierung die wenigsten Zweifel bestehen. 

 

 

10. Januar 2013

"Ich habe Größeres nicht gesehen als den, der sagen konnte: Trauer und Licht, und beides angebetet." (Gottfried Benn)

 

Ein Unternehmer schickt mir ein Foto seiner erstaunlich und erfrischend attraktiven Senior-Partnerin mit der Bemerkung, es entspreche seiner persönlichen Beobachtung, dass erfolgreiche Managerinnen sich ihre Feminität bewahrt hätten, anstatt, wie die meisten Feministinnen, männliche Verhaltensmuster zu kopieren. Und sie sei eine Gegnerin der staatlich verordneten Quote für Frauen in Vorständen und Aufsichtsräten. Letzteres hätte er nicht erwähnen müssen: Wenn eine so schöne und erfolgreiche Frau sich pro Quote äußerte, würde sie doch den Eindruck erwecken, dass sie es mit dem Mitleid bzw. der Herablassung übertreibe... 

 

Den Besprechungen des Hannah-Arendt-Films der Margarethe von Trotta ist eines gemeinsam: Die banalen Guten stoßen sich immer noch an Arendts düsterer Formel von der "Banalität des Bösen". Sie wollen sich über Dämonen ereifern, nicht über ihresgleichen.

 

 

 

Späterer 9. Januar 2013

Wikipedia, zum x-ten: Im Eintrag "Social Media", Subrubrik "Gesellschaftspolitische Herausforderungen für (sic!) die Nutzung von Social Media für (sic!) Engagement und Beteiligung", Subsubrubrik "Männliche Dominanz" steht zu lesen: "Eine weitere Herausforderung stellt die Dominanz von Männern insbesondere in öffentlich zugänglichen Diskussions- und Beteiligungsräumen im Social Web dar. Nach Ergebnissen der ARD/ZDF-Onlinestudie 2010 betrachten 9% der Männer, aber nur 5% der Frauen 'die Möglichkeit, aktiv Beiträge zu verfassen und ins Internet zu stellen', als 'sehr interessant'. Zwar sind mehr Frauen auf privaten Netzwerkplattformen aktiv; mit öffentlichen Beiträgen halten sie sich jedoch eher zurück." Soll heißen: Da Männer ungeschützter und dreister im Netz herumlabern, dominieren sie auch dort die armen Mädels. Freund D. kommentiert: Über die männliche Dominanz an Stehurinalen müsse dringend geredet werden.


 

9. Januar 2013

Unter der Überschrift „Die Zukunft der Menschheit wird fantastisch“ referiert "Welt online" das neue Buch des US-Physikers Michio Kaku „Die Physik der Zukunft“. Kaku, ein im Nebelreich der Stringtheorie tätiger Protegé Edward Tellers, der in Übersee als Wissenschaftspopularisierer bekannt ist, befragte Forscher in aller Welt nach ihren Zukunftsvorstellungen und entwarf anhand der Antworten ein Szenario, wie man es aus der Science Fiction kennt: Energie ohne Ende aus Sonnenkraft und Kernfusion, durch die Lüfte gleitende Magnetautos, gentechnisch erzeugte Nahrungsmittel, wolkenkratzerhohe und deshalb raumsparende Gemüsefarmen, Roboter als Köche und Musiker bzw. Alltagsbeschaller, gedankengesteuerte Computer, flexible Räume, die sich den Bedürfnissen ihrer Benutzer anpassen, Gesprächspartner jeglicher Coleur sitzen als 3-D-Hologramme auf unseren Sofas und werden bedarfsfalls vom Computer simultan übersetzt, allmorgendlich findet beim Zähneputzen ein automatischer Gesundheitscheck per Scanner statt, der Zentralrechner bestimmt den idealen Ernährungsplan und dergleichen mehr. Der Mensch werde die Alterung steuern, verlangsamen, womöglich für immer beenden, indem er defekte Gene repariere, das Leben der Zellen verlängere, gesunde Organe zum Austausch für erkrankte züchte oder künstliche Körperbauteile implantiere. „Vielleicht entledigen wir uns irgendwann komplett unserer plumpen Körper, und der menschliche Geist wird zu einem Computerprogramm, das man auf verschiedene Maschinen herunterladen kann.“ Dergleichen könne natürlich nur funktionieren, wenn es immer weniger Kinder gebe.

Die politische Zukunft sieht demzufolge so aus, dass sich die Macht „weg von National- und hin zu Zentralregierungen“ verlagert. In Europa sei diese Entwicklung in vollem Gange. „Und wie man sieht, ist das kein einfacher Schritt. Aber gemeinsame Währung, Sprache und Kultur machen ihn unausweichlich. Am Ende dieser gesellschaftlichen Evolution kann schließlich so etwas wie eine Weltregierung stehen.“

Die Leserkommentare waren, wie ein Amerikaner sagen würde, typisch deutsch, das heißt skeptisch bis pessimistisch, in ihrer großen Mehrheit jedenfalls die Szenarien der Wissenschaftler als viel zu rosig und optimistisch verwerfend und auf allerlei aus der realen oder analogen Welt drohende Gefahren verweisend. Dabei, scheint mir, kann es doch überhaupt keine größere Drohung geben als diese technokratischen Phantasien. „Die Hölle“, notierte Nicolás Gómez Dávila, „ist der Ort, an dem der Mensch alle seine Vorhaben verwirklicht findet.“ Die entscheidende Frage wäre dann, warum jemand in dieser sinnenfernen, trost- und poesielosen Simulations-Welt auch noch ewig leben sollte. Überhaupt ist das ewige Leben keine sehr erhebende Vorstellung für ein Wesen, das, wie Johannes Gross feststellte, in aller Regel bereits mit einem verregneten Sonntag nichts anzufangen weiß... 

 

 

8. Januar 2013

Der gestrige Spielfilm zur Geschichte des Berliner Hauses Adlon offerierte wieder einmal etwas für nahezu sämtliche Werke über diese Zeit sehr Typisches: Die im Film auftauchenden und schließlich an die Macht gelangenden Nationalsozialisten kommen quasi aus dem Nichts, ihr Aufstieg vollzieht sich ohne Ursache und Grund, sie suchen das Land wie eine Seuche oder wie der Teufel heim, und nie kann der Zuschauer aus den Vorgängen etwas lernen.

 

 

7. Januar 2013

Ich meine, man darf Bettina Wulff keine Vorwürfe machen, weil sie jetzt ihren Mann verlassen hat. Es ist davon auszugehen, dass sie ihren Teil des Kontraktes allzeit und vor allem allnächtlich brav erfüllt hat, während er es nun nicht mehr vermag, womit die Sache für sie naturgemäß hinfällig wurde. Was bleibt schließlich übrig von einem Wulff, nachdem er aller Ämter und gesellschaftlichen Ambitionen entkleidet ist? Er ist ein Klon des politischen Apparates und ohne diesen eben nur noch ein Klon, für den sich zu interessieren, womöglich ein Leben lang, niemand die Selbstüberwindung aufbringen muss. Nebenbei: In gewissem Sinne ist Frau Merkel die Urheberin seines tiefen Falles gewesen, indem sie diesen blassen und konturlosen Mann gegen jeden politischen Instinkt in ein Amt hob und schacherte, in welchem er mit hoher Wahrscheinlichkeit versagen musste; dass ein Affärchen dazu führte, ist eher nebensächlich. Wulff war in all seiner Piefigkeit und Kleinkariertheit seinen Verfolgern einfach zu ähnlich, als dass sie ihn hätten ertragen können, ihn schützten weder Herrschaftlichkeit noch Expertentum noch ein großer Geist davor, von den Nullen als ihresgleichen identifiziert zu werden. Nun munkelt man, er könne womöglich so verzweifelt sein, dass er Hand an sich legen werde. Dabei ist seine Situation gar nicht so unkommod: Vergleichsweise hohe Bezüge sind ihm zeitlebens sicher, auch wenn er sie mit seinen Ex-Frauen teilen muss, der Ruf ist ruiniert, eine gewisse Prominenz gleichwohl vorhanden, das sind doch gute Voraussetzungen, zum Flaneur zu werden und die vielen karrierebedingten Versäumnisse nachzuholen. Was gibt es nicht alles zu lesen, zu hören, zu schauen und zu trinken! Sogar eigene Ansichten könnte er sich künftig leisten.

 

 

Später 6. Januar 2013

Folgende Erkenntnis ist nicht exklusiv, gleichwohl aber meine eigene: Die ragendste und somit unvermeidlich auch deklassierendste sämtlicher mir bekannter Einspielungen sogenannter klassischer Musik ist Lipattis Aufnahme der B-Dur Partita von Bach, also eines im Grunde jedem fortgeschrittenen Spieler zugänglichen Werkes. Neben diesem Monument von Schönheit und singendem Zauberklang nehmen sich so geschätzte Versionen wie etwa die von Angela Hewitt oder Carl Seemann beschränkt aus, und sogar Gould oder Gieseking wirken sterblich im Vergleich mit einem derartigen Wunder.

 

  

6. Januar 2013

Immer wieder verblüfft mich, wie Menschen von zuweilen sogar Geschmack die vermeintliche Überlegenheit ihres Zeitgenossentums zur Grundlage ihrer Urteile über Vergangenes machen. Konkret habe ich diesmal einen Herren im Sinn, der die Ansicht vertritt, Klemperers Beethoven sei etwas für Konservative, viel zu pathetisch und martialisch, undifferenziert in Stein gehauen, quasi reaktionär, kurzum: "überholt". Aber wenn etwas sicher ist, dann doch wohl, dass es eine "richtige" Spielweise Beethovens wie aller anderen großen Komponisten gar nicht geben kann, dass jede Zeit von neuem versucht, diese Musik in ihrem Sinne zu deuten, weshalb jede Interpretation schon bald für "überholt" erklärt werden darf – sofern man zu denjenigen gehören will, die sich mit solchen Dampfplaudereien hervortun. Meistens halten diese Leute aber bloß die gerade herrschende Mode für die nun endlich Letztgültige und sind also nichts als Gecken, die kurioserweise nicht an die nächste Saison glauben. Übrigens liegt es mir fern, hier die Ansicht zu vertreten, alle Interpretationsauffassungen stünden in holder Gleichwertigkeit sozusagen "unmittelbar zu Gott", im Gegenteil, die meisten sind sub specie aeternitatis überflüssig, und ich bin auch sicher, dass ganze Interpretationsepochen komplett vergessen und trotz aller vorliegenden Tonkonserven unerinnert bleiben werden. Oder glaubt im Ernst jemand, dass in hundert Jahren verschworene Zirkel von Liebhabern existieren, die nach seltenen Simon-Rattle-Platten fahnden, penibel die Wagner-Aufnahmen von Kent Nagano mit denen von James Levine vergleichen, sich illegale Mitschnitte von John Eliot Gardiner austauschen, einen René-Jacobs-Kult zelebrieren oder Harnoncourt mit in ihr letztes Zimmer nehmen? Aber für Furtwängler, Karl Richter, Horenstein, Carlos Kleiber oder eben Klemperer wird all das wahrscheinlich auch dann noch zutreffen... 

P.S. vom 15. Januar: Leser B.R. schreibt, dass er sich's im Falle diverser Harnoncourt-Aufnahmen durchaus vorstellen könne. Ich werde mir seine Beispiele durchs Ohr gehen lassen.

   

 

5. Januar 2013

Wenn jedermann fürderhin nur noch "Händi" (Thomas Kapielski) und "Haileid" (Ulrich Erckenbrecht) schriebe, wäre doch ein Anfang gemacht.

 

 

4. Januar 2013

"Große Erfolge stehen ins Haus", prophezeite Johannes Gross am 12. Januar 1996 in seinem Notizbuch. "Wenn auf unseren Druck termingerecht die Europäische Währungsunion (mitsamt den folgenden Stabilitätskontrollen) erreicht ist, werden wir wieder die bestgehaßten Leute in Europa sein." Eine treffliche Prognose, wenngleich mit einer falschen Prämisse; woher der Druck kam und dass bereits Anfang 1990 die Würfel gefallen waren, wissen wir inzwischen. Karthago hat den dritten punischen Krieg auch nicht selber angezettelt. 

 

 

3. Januar 2013

Einer zu Weihnachen mehr nolens als volens in meinen Besitz gelangten, "historisch informierten" Neueinspielung der Bach'schen Matthäus-Passion entnehme ich, dass die Kreuzigung des Heilands inzwischen anscheinend möglichst undramatisch und ungerührt darzustellen sei.  

 

 

Neujahr 2013

Lang leben die Völker dieser Erde! Es leben ihre Religionen, ihre Sitten, ihre Sprachen! Es lebe die traditionelle Familie! Es lebe die Ehe! Es leben die Geschlechterrollen! Es lebe die Weiblichkeit und die Männlichkeit! Vive la Mademoiselle! Es lebe die Monarchie! Es leben die Rassen und ihre fundamentalen Unterschiede! Es leben die Klassenschranken! Es lebe die soziale Ungerechtigkeit! Es lebe der Luxus! Es lebe die Eleganz! Es leben die Kathedralen, Kirchen und Tempel! Es lebe das Papsttum! Es lebe die Orthodoxie! Es leben die Atomkraft und die bemannte Raumfahrt! Es lebe der private Waffenbesitz! Es lebe der Aberglaube, der Geschichtsrevisionismus und der Biologismus! Es leben die Vorurteile und die Gemeinplätze! Es leben die Mythen! Es lebe alles Ehrwürdig-Althergebrachte! Es lebe die Meisterschaft in Kunst und Handwerk! Es lebe die Gewohnheit und die Regel! Es lebe der Alkohol, das Rauchen und das Fett im Essen! Es lebe die Aristokratie!  Es lebe die Meritokratie! Es lebe die Kallokratie! Es lebe das Versmaß, die Hochkultur und die Distinktion! Es lebe die Bosheit! Es lebe die Ungleichheit!

 

 

31. Dezember 2012

Das letzte Schmankerl des Jahres soll wieder mit jener Enzyklopädie zu tun haben, die mir 2012  so viele erlesene Momente verschafft hat. Seit mehreren Jahren findet sich im Wikipedia-Eintrag zu Jean-François Champollion folgender, die Öffentlichmachung seiner Hieroglyphenentzifferung betreffender Passus:

"Am 27. September 1822 stellte der Franzose den Mitgliedern der Akademie der Inschriften und der schönen Literatur in Paris einen Teil seiner Forschungsergebnisse zu den Hieroglyphen vor. Doch kaum hatte der Referent an jenem Tag ausgeredet, fielen die meisten zuhörenden Wissenschaftler über ihn her. Sie beschuldigten ihn des Plagiats oder zweifelten seine Übersetzungen schlichtweg an." Als Quelle ist angegeben: ZDF.

Nun, dieser Vortrag fand so nie statt. Ich habe ihn für meinen Champollion-Roman frei erfunden, weil ein öffentlicher Streit natürlich plastischer darstellbar ist als die einsame philologische Kärrnerarbeit im Steinbruch antiker Textfragmente. Da ich indes den Wikipedia-Gepflogenheiten entnommen habe, dass die Auskunft eines Schriftstellers für dieses Medium keinerlei Relevanz besitzt, sondern ausschließlich über diesen Schriftsteller verfasste Sekundärliteratur zitiert werden soll, darf dieser Eintrag vermutlich einstweilen nicht geändert werden.

P.S.: Geradezu blitzartig hat ein Wikipedist reagiert (nachzulesen auf der Champollion-Diskussionsseite); ich präzisiere also meine Notiz: Ich habe den konkreten Inhalt des Vortrages samt der Auseinandersetzungen zwischen Redner und Zuhörern frei erfunden und dafür Champollions Veröffentlichungen von 1822 und 1824 zusammengezogen.  

 

 

30. Dezember 2012

Nachtrag zur gestrigen Notiz: Gewiss ist die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts und speziell seiner zweiten Hälfte noch lange nicht geschrieben, und sie wird auch erst dann geschrieben werden können, wenn die semitotalitäre Herrschaft der Kunstmafia samt ihrer smarten publizistischen Spießgesellen zusammengebrochen ist wie weiland der Ostblock. Soll heißen, wir wissen ja überhaupt nicht, was in den vergangenen 100 Jahren gemalt worden ist, sondern nur, was den Weg in die Öffentlichkeit finden durfte; vielleicht ist die Lage gar nicht so desolat, wie es den Anschein hat, und man wird in wiederum 100 Jahren über die sogenannte moderne Kunst lachen wie heute über den Realsozialismus.

Was nun die Literatur angeht, werden wohl auch künftig die drei, vier unsterblichen Bücher pro Jahrhundert erscheinen, und es gibt momentan allein hierzulande bemerkenswert viele großartige Autoren, von Lewitscharoff bis Strauß, von Mosebach bis Dath, aber der Massengeschmack wird sukzessive die Ansicht durchsetzen, dass einzig gut sei, was die sogenannte breite Öffentlichkeit anspreche, ohne dass der gegenteiligen Ansicht noch irgendeine Autorität zustünde.

 

 

29. Dezember 2012

Mit Cézanne beginnt die Malereigeschichte derer, die nicht malen können. Peter Schermuly selig, der zeitgeistwidrig sein Handwerk noch beherrschte und folglich mit Nichtachtung gestraft wurde, hat gespottet, dass ein Cézanne-Bild dem Betrachter wie ein zerbröckelnder Zwieback entgegenfalle. Geschadet hat sein groteskes Unvermögen dem Buben bekanntlich nicht, im Gegenteil, dass jedes seiner Bilder aussieht, als habe es einen Wasserschaden hinter sich, hat ihn zum "Klassiker der Moderne" gemacht, und längst ist der Triumph derer, die nicht malen können, ein totaler, weil sich das Publikum und der Kunstmarkt von den intellektuellen Lautsprechern nahezu beliebig manipulieren lassen (man muss nur den Müll anschauen, den sich Politiker in ihre Dienstzimmer hängen). Wann die Literaturgeschichte derer, die nicht schreiben können, angefangen hat, weiß ich nicht, aber ich fürchte, das Resultat wird irgendwann ein ähnliches sein.

 

Eben lese ich, dass einer der gegen mich ermittelnden Hochbegabten in der Wikipedia geschrieben hat, Klonovsky gebe der "Jungen Freiheit" nicht nur Interviews, sondern zitiere sie sogar "in manchen seiner Bücher" ("manche" ist gut; ob man auch meine Romane überprüft hat?). Dass heute die Spitzel ihre Erkenntnisse in einem sogenannten online-Lexikon verbreiten, dürfte "manchen" alten Stasi-Kämpen amüsieren. Freilich, die "Junge Freiheit" wird auch dauernd in den Büchern des SPD-Kammerjägers Stephan Braun oder des vom NS-Regime bis heute verfolgten Widerstandskämpfers Anton Maegerle zitiert. Wat nu? Da die Einfügung des Wörtchens "zustimmend" in meinem konkreten Zitierfall nicht weiterhülfe, sintemalen es sich bei zwei der drei Passagen um Zitate aus Interviews handelt, empfehle ich den Zusatz "ohne jede Bekundung des Abscheus, der Empörung und der antifaschistischen Erregung". 

Nebenbei: Die "Junge Freiheit" ist eine konservative Allerweltszeitung, die in keinem anderen Land sonderlich auffiele und auch in der BRD vor 40 Jahren nicht aufgefallen wäre, sie muss nur mit dem Pech existieren, dass die zeitgeistsignalhörige Volksgemeinschaft momentan ausgerechnet sie zum Feind und hochgradigen Abscheuobjekt erkoren hat, um aus der Distanzierung und Schmähung jenes meutenhafte Behagen zu ziehen, welches zu teilen einem Menschen von halbwegs Geschmack nicht einmal dann einfiele, wenn es sich tatsächlich um eine extremistische Gazette handelte.

   

 

28. Dezember 2012

"Während Künstler Kunstwerke und Wissenschaftler Forschungsergebnisse anbieten, haben Intellektuelle nichts außer Meinungen zu verkaufen. Eine Meinung kauft derjenige, der sie zur Unterstützung der eigenen im ideologischen Kampf gegen andere einsetzt. Deshalb braucht ein Intellektueller – so würde ein Zyniker sagen – immer zwei Ärsche: einen, in den er tritt, und einen, in den er kriecht." (Aus: Hans-Dieter Gelfert, "Was ist Kitsch",  Göttingen, 2000)

 

 

27. Dezember 2012

In einer nachgerade hymnischen Besprechung der Einspielung aller Beethoven-Sonaten durch den in der Tat bemerkenswerten Michael Korstick wird behauptet, er sei der erste, der sich bei op. 106 (der "Hammerklaviersonate" ) an Beethovens Metronomvorgaben gehalten habe; speziell den Anfangssatz gingen alle anderen Pianisten zu langsam an, einzig Korstick halte das vom Komponisten vorgeschriebene Tempo tatsächlich durch. Da kennt wieder einer, dachte ich mir, den alten Gieseking nicht, dessen manuelle Fähigkeiten so stupend waren, dass er sich bei den vorgegebenen Tempi anscheinend oft langweilte und deshalb gern forcierte (ohne je die Gesamtarchitektur der Werke aus dem Blick zu verlieren, er war nicht nur in puncto Virtuosität und Geschmack, sondern auch und gerade in seinem Formgefühl ein Genie). Und siehe da: Gieseking spielt den Satz in exakt derselben Zeit wie Korstick.

Dass Gieseking vor allem als der Ravel- und Debussy-Spezialist gilt, was er gewiss war, halte ich für ein großes (und vermutlich von der Konkurrenz bewusst herbeigeführtes) Missverständnis, er ist als Beethoven-, Mozart- und Schumann-Spieler mindestens ebenso bedeutend gewesen (und sein drittes Rachmaninoff-Konzert ist bis heute von konkurrenzloser Schönheit). Wenn Claudio Arrau behauptete, sein, Giesekings, Ton sei für Beethoven "falsch" gewesen, manifestiert sich darin wohl nur das Ressentiment des hoffnungslos Unterlegenen.

Über Korstick habe ich mir mein Urteil noch nicht hinreichend gebildet; sollte es positiv ausfallen, demnächst mehr dazu.

P.S. vom 5. Januar: Es fällt nicht positiv aus. Technisch auf höchstem Niveau, gewiss, aber überartikuliert. Fanatisch unschön, ja amusisch. Andersartigkeitsstreberei. Masche.

 

 

26. Dezember 2012

Privatgelehrter im Kaiserreich, das wäre vielleicht die wünschenswerteste Daseinsform für unsereins gewesen, zurückgezogen lebend, der Literatur, den Künsten, der Gastronomie und den Frauen zugewandt, mit regelmäßigen Reisen nach Wien und Paris, in einer Zeit hoher Kultur und außergewöhnlicher Liberalität lebend, mit allem erforderlichen Komfort und weit genug entfernt vom inzwischen allgegenwärtigen Gesinnungslärm und Eventgetöse und vom Terror der Preisschilder auf Menschen und Dingen.

 

 

24. Dezember 2012

Am Heiligen Abend sei es ganz profan verkündigt: Widerstand gegen die EU-Gaunerei ist erste Bürgerpflicht. Ich jedenfalls will nicht in einem von der Union erdrosselten Europa leben, wie es Figuren von Schlage einer Frau Reding oder eines Herrn Schulz, vom Fischerjockel zu schweigen, vorschwebt, aus deren Physiognomie allein eine Kultur- und Geistesferne spricht, die ganz und gar antieuropäisch ist.

 

   

21. Dezember 2012

Die wütenden Aversionen, welche die katholische Kirche auslöst, richten sich nur scheinbar auf konkrete Aspekte des Katholizismus, tatsächlich gelten die antipapistischen Empörungen und Geschmacklosigkeiten dem skandalösen Tatbestand, dass die katholische Kirche überhaupt existiert, dass sie immer noch existiert, dass sie von so weit her hineinragt in die Gegenwart, dass sie so kolossal viel böses Gestern ins ewig-heutige Sozialgerechtigkeits- und Gleichstellungsparadies hineinwuchtet, wo doch dieses Gestern normalerweise allenthalben überführt und ausgelüftet und entrümpelt und abgewickelt und wahlweise fürs Museum präpariert oder in geisteswissenschaftlichen Castoren endgelagert wurde. In Gestalt des Katholizismus aber lebt es verstockt weiter! Wie übrigens auch in Gestalt der Nationen und ihrer Sprachklausuren, der Völker, Rassen und Geschlechter, der Gefängnisse und Armeen, der Familie, der Manieren und der Klassiker, all das, wogegen unsere Modernskis und Welt-Einebner Sturm laufen, aber am schönsten nach "Mittelalter" duftet doch der Katholizismus, weshalb ihn die Inquisitoren und Hexenjagdkollektive der Gegenwart permanent vor ihre multimedialen Tribunale zerren und unter dem zwanghaften Ableiern halbwertszeitloser Katechismen folgenfrei aburteilen, auf dass sich unsereiner zufrieden die Hände reibe und den Papst und den Zölibat und das Frauenpriesterverbot und die lateinische Messe und die Jungfrau Maria und die Unreformierbarkeit als Wert an sich und natürlich auch die Pracht und Herrlichkeit des Mittelalters preise (obwohl mich das eigentlich, die letzten beiden Punkte vielleicht ausgenommen, gar nicht weiter interessiert).

 

 

Späterer 19. Dezember 2012

Die arme Kristina Schröder! Nun hat die Familienministerin also der "Zeit" offenbart, dass sie Grimms Märchen "sexistisch" findet. Sehen wir mal davon ab, dass sie mit der immer noch recht kuscheligen Bezeichnung weit entfernt ist vom tatsächlichen Verismus-Level dieser Geschichten, darf man doch fragen, ob sie das tatsächlich meint oder eben nur sagt. Ich vermute, dass die vielfach Angefeindete auf einem symbolpolitischen Nebenschauplatz einmal bei den Politisch Korrekten punkten und dazugehören will. Das funktioniert bekanntlich am einfachsten und wohlfeilsten durch irgendeine Distanzierung von der Vergangenheit. Merke: Demokratie gilt nicht für die Toten, denn sie haben keine Wählerstimmen.

Übrigens sind ein paar von Grimms Märchen bereits 1994 in einer u.a. vom Sexismus bereinigten Form erschienen (James F. Garner, Politically Correct Bedtime Stories). Dort spricht das Rotkäppchen zum Jäger, nachdem dieser ins Haus der Großmutter geplatzt ist: “Bursting in here like a Neanderthal, trusting your weapon to do your thinking for you! Sexist! Speciesist! How dare you assume that women and wolves can’t solve their own problems without a man s help!”– Was gestern als Satire geschrieben wurde, ist heute schon Wirklichkeit. Die Satiriker sind in unserer Zeit die eigentlichen Trendforscher.

 

 

19. Dezember 2012

Womöglich werden bald wieder Menschen wie 1940 an der Reling der Flüchtlingsschiffe stehen, auf die versinkende europäische Küste schauen und sich fragen, wie es geschehen konnte, dass der Kontinent von neuem in die Hände der Barbaren fiel.

 

 

Ganz später 18. Dezember 2012

Die Nachricht des Tages ist natürlich die vom Anstieg des privaten Waffenkaufs in den USA nach dem Massaker von Newtown. Man kann den Unterschied zwischen Alter und Neuer Welt kaum mit einem anschaulicheren Beispiel illustrieren: Während in unserem Weltteil und speziell in deutschen Landen bei Gefahr der Ruf nach der schützenden Hand des Staates erklingt, ziehen es die Amerikaner vor, sich im Zweifelsfall selbst zu verteidigen. Nur dass in Europa das Vertrauen in den staatlichen Schutz aus den bekannten geleugneten Gründen vielerorts schwindet, während die hiesigen, durch die Bank staatsfrommen Medien sich bei den Kommentaren zur fälligen Waffengesetzänderung in Übersee gegenseitig zu überbieten suchen wie sonst nur beim "Kampf gegen rechts". Dass die Matadore der öffenlichen Meinung in Europa und wiederum speziell in Deutschland, derweil ihnen der Treibsand unter den Füßen rinnt, den anderen unentwegt vorschreiben zu dürfen meinen, was sie besser machen müssten, ist wahlweise drollig oder grotesk, wobei sich andernorts dem Lächeln darüber von Mal zu Mal gewiss eine immer größere Dosis Verachtung beimischt.

 

 

Späterer 18. Dezember 2012 

Also begab es sich und trug sich zu, dass eines Morgens eine Fee vor dem Bett des Borussia-Dortmund-Anhängers N.N. stand und diesem kündete, er habe bei ihr nach altem Brauch einen Wunsch frei. "Einen Wunsch?", erkundigte sich ungläubig der in schwarz-gelber Bettwäsche Schlafende. "Einen Wunsch", bestätigte die Fee. "Jeden Wunsch?", frug nun der sein Glück allmählich zu ermessen scheinende Borussen-Anhänger. "Jeden", versetzte die Fee. Und da entrang sich der Kehle des Fans der Seufzer: "Wenn in dieser Saison Borussia Dortmund das Champions League-Endspiel gegen Bayern München gewänne, würde ich ein Jahr meines Lebens dafür geben!"

"Der Wunsch wird dir gewährt werden", sprach die Fee. "Leider", setzte sie hinzu, "verhält sich die Sache aber so, dass du, da du soeben dein letztes Jahr hergeschenkt hast, es nicht mehr erleben wirst. Soll ich dir deshalb schon verraten, wer die Tore schießt?"

   

 

18. Dezember 2012 

Der journalistischen Maxime folgend, dass "Mann beißt Hund" immer meldenswürdiger ist als der umgekehrte Fall, berichtet der aktuelle "Spiegel", in Berlin habe sich eine "ungewöhnliche" Bewegung entwickelt: Eltern deutscher Herkunft schickten ihre Kinder gezielt auf Schulen mit hohem Migrantenanteil, "um dort die soziale Entmischung zu stoppen". Ist das nun ein Hoffnungsstreif? Oder eine Art Berichterstattung, wie man sie aus der Spätzeit des DDR-Journalismus kennt? Oder beides zugleich?

   

 

17. Dezember 2012

Die klassische Musik wäre in jenem Weltteil, in dem sie geschaffen wurde, ohne die zahlreichen Zuwanderer aus anderen Kontinenten schon längst gestorben. Zum Beispiel gibt es kaum noch große deutsche Instrumentalsolisten. Das Land, das einst einen Gieseking, einen Backhaus, einen Kempff oder, um die Österreicher mit ins Boot zu nehmen, einen Gulda hervorbrachte, besitzt heute kaum einen (oder überhaupt keinen) Pianisten von Weltrang. Die meisten Orchester könnten ohne Ausländer nur in halber Besetzung auftreten. Viele Sänger und fast alle klassischen Baletttänzer stammen aus der Fremde. Es gibt kaum mehr deutschen Nachwuchs. Damit in engem Zusammenhang steht der Verfall des Leistungsgedankens bzw. seine Verwandlung in die Leistungszumutung. Während ein Sänger mit 25 „entdeckt“ werden kann – Sänger sind in diesem Kontext die Ausnahme –, muss ein Instrumentalsolist im Kindesalter mit der Ausbildung beginnen, sich also extrem früh auf eine Sache festlegen und fortan Tausende von stupiden Übungsstunden absolvieren. Das mögen moderne westliche Eltern ihrem sensiblen Nachwuchs nicht mehr zumuten. Ein bisschen Klavier spielen, ein bisschen tanzen, das durchaus – aber nur als Draufgabe zum praktischen Leben. Obendrein sind die Verdienstaussichten für klassische Musiker nicht sehr rosig, während der gesundheits- und stimmungsfördernde Nebeneffekt des Musizierens sich bereits auf niedrigem technischem Niveau einstellt. Je „entwickelter“ ein Land ist, desto unwahrscheinlicher wird es sein, dass man dort auf autochthone Bewohner trifft, die ein Instrument virtuos beherrschen. Derartige Sklavenfähigkeiten werden die Nachfahren Bachs und Beethovens, wenn überhaupt, künftig zu 100 Prozent von Asiaten oder Osteuropäern erwarten.

 

 

16. Dezember 2012

"Barbara" von Christian Petzold gesehen. Die letzte Szene – und auf die läuft alles hinaus – hebt den Film auf die ragende Höhe eines Kubrick.

 

 

15. Dezember 2012

Bei der Lektüre eines Wolf Jobst Siedler-Porträts von Joachim Fest stoße ich auf den Namen Dieter Gütt. Ich erinnere mich noch gut, dass ich 1990 eine TV-Spielfilmdokumentation über den Journalisten Gütt sah, der unter der sich anbahnenden deutschen Wiedervereinigung dermaßen gelitten hatte, dass er, nach dem (im Film) wiederholten Abmurmeln germanophober Verwünschungen, von eigener Hand aus dem Leben schied. Das schien mir weiland eine etwas übertriebene, aber irgendwie auch konsequente Art der Vergangenheitsbewältigung zu sein. Gütts Vater hatte während der Hitlerjahre Karriere gemacht, er war Staatssekretär, SS-Obergruppenführer und mitverantwortlich für das NS-Erbgesundheitsprogramm gewesen, und nur vor diesem Hintergrund gewinnt der Casus Gütt Plausibilität. In Rede steht also eines jener zahlreichen Familiendramen, in denen sich die Vateranklage nachträglich zur Kollektivverurteilung erweiterte. Typisch dafür ist das Personal des sogenannten Historikerstreits, wo die Frontlinien zwischen den Kombattanten ziemlich exakt entlang der Vergangenheit der Väter verliefen: Die Nazi-Söhne fühlten sich hinreichend schuldig, um jeden Zweifel an der vermeintlichen Unvergleichbarkeit der NS-Verbrechen für erstickenswürdig zu halten, während den familiär unvorbelasteten Nolte, Fest et al. eine freie, sprich ergebnisoffene Diskussion erstrebenswert schien. Nicht die hehre Aufklärung hat triumphiert, sondern das böse, anachronistische Blut. Die Täter-Nachkommen haben bekanntlich in einem Maße die Oberhand behalten, dass heute quasi jeder in der Öffentlichkeit moralisierend seine Bäckchen aufblähende gute Deutsche von Verbrechern abstammt bzw. abzustammen wünscht bzw. dieses Pedigree wenigstens allen anderen unterschieben will. Wir haben es mit zwei bis drei extrem deformierten Generationen zu tun, zunächst den Tätern selber, die so gut wie nie Reue entwickelten und sich auch bei den größten Schändlichkeiten auf Pflichterfüllung und Befehlsnotstand beriefen (während unter ihren unbelasteten Zeitgenossen vielen Nachkriegszeugnissen zufolge bereits allenthalben die Reue blühte), sodann mit den Kohorten von Kindern und Enkeln, die sich stellvertretend schuldig fühlen und möglichst die gesamte Nation mit in Haft nehmen wollen, woraus das muffige und unfreie geistige Klima hierzulande resultiert. Wolf Jobst Siedler, selber aus unbelasteten Verhältnissen stammend, bemerkte dazu, man werde nie einen unabhängigen, von Nebenüberlegungen freien Gedanken von jemandem hören, der selber mitgemacht habe oder aus Verhältnissen von Mitmachern stamme.

Dass es vor allem die Abkömmlinge von NS-Tätern waren, die in Deutschland die Vergangenheitsbewältigung als gesellschaftliches Kernritual etablierten, wäre übrigens nur dann ein imponierendes Schauspiel gewesen, wenn sie ihre öffentlichen Zerknirschungsdarbietungen jemals gegen Widerstände hätten durchsetzen oder dafür Nachteile in Kauf nehmen müssen.

 

 

13. Dezember 2012

Bei Säugetieren, die in Herden leben, ist der Selektionsdruck auf die Männchen ungleich höher als auf die Weibchen, das heißt, sie gehen entweder mit vielen oder ohne Nachkommen aus dem Paarungswettbewerb hervor, je nachdem, wie es um ihre Durchsetzungskraft bestellt ist, während sich die Weibchen in der Regel alle fortpflanzen, da es seitens der dominanten Männchen (noch) keine Geschmackspräferenzen gibt. Hier haben wir quasi jenes Phänomen im Urzustand, welches in verwandelter Form als Glockenkurve der Intelligenzverteilung beim Menschen auftaucht – also die Tatsache, dass die männliche Intelligenz breiter gestreut ist als die weibliche, dass es mehr maskuline Genies und mehr maskuline Idioten gibt, was ebenfalls eine Folge höheren Selektionsdrucks, also höherer Misserfolgswahrscheinlichkeit ist. Die Kehrseite der überproportional vielen privilegierten Männer in der Zivilisationsgeschichte sind die überproportional vielen männlichen Gescheiterten, Gewaltopfer und Underdogs. Aber "die im Dunkeln sieht man nicht", wie es in der "Dreigroschenoper" heißt, und vor allem der Feminismus will sie nicht sehen.  

 

 

12. Dezember 2012

Dass im ersten Band der Harry-Potter-Heptalogie, von einer Sozialhilfeempfängerin verfasst und mit einer Startauflage von 500 Exemplaren erschienen, die Worte fallen: "He'll be famous – a legend – ... there will be books written about Harry - every child in our world will know his name!", ist eines der schönsten wahren Märchen unserer Zeit.

   

 

11. Dezember 2011

Als Lob des geschlagenen Konkurrenten erreicht das Selbstlob seine sozial verträgliche Form. Es gibt eine Unterart des Thai-Boxens, die diese Tatsache rituell unterläuft: Dort muss nach dem Kampf der Sieger dem Besiegten die Füße küssen.

 

 

10. Dezember 2012

Im Anschluss an ein Klassik-Abend im Cuvilliés-Theater (die Gattin spielte das D-Dur-Klavierkonzert von Ravel) kurze Plauderei mit Peter Gauweiler, der die unbedingt festhaltenswerte Maxime formulierte, er sei inzwischen zu alt, um Menschen nach ihren politischen Ansichten zu beurteilen, er unterscheide nurmehr noch zwischen denjenigen, mit denen er gern zu Abend esse, und den anderen, wo er lieber darauf verzichte.

 

 

9. Dezember 2012

"Ich wollte noch nach unserer Wiederbegegnung, daß er einmal wenigstens, und sei es lediglich in einem Brief, sein Fehlverhalten einräume. Es sollte kein großer Kniefall sein wie von den Reuedeutschen überall, vor denen mir bis heute unsäglich graust. Nur ein paar erklärende Sätze. Aber dann ließ ich von dem Verlangen ab. Denn Heidegger wußte mir klarzumachen, daß noch das unverfänglichste seiner Worte immer auch bedeuten würde, daß sein Einvernehmen mit Massenmördern prinzipiell vorstellbar sei." So Hannah Arendt gegenüber Joachim Fest.

Während die intellektuelle Stalin-Clacque von Feuchtwanger bis Bloch den roten Mördern unverhohlen applaudierte, als diese bereits zur Höchstform aufgelaufen waren, und dadurch keineswegs an Reputierlichkeit einbüßte, warten wir bis heute auf auch nur eine einzige derartige Belegstelle aus dem Werk Heideggers, dessen moralische Gesamtverurteilung in gewissen Kreisen gleichwohl beschlossene Sache ist.

 

 

8. Dezember 2012

Freud hat bekanntlich geunkt, der menschliche und speziell der männliche Sexualtrieb werde durch die Kultur extrem geschwächt, er schrieb gar vom "Eindruck einer in Rückbildung befindlichen Funktion, wie unser Gebiß und unsere Kopfhaare". Als wir noch tierischer waren, genügte die Nähe oder der Geruch eines nicht von anderen Männern bewachten weiblichen Genitals, um sofort und auch über Widerstände zum Akt zu schreiten, heute ist die Kopulationsanbahnung normalfalls dermaßen reguliert und in der Zeit ausgedehnt, dass ein neutraler Beobachter tatsächlich meinen könnte, dieser Trieb sei bloß noch ein sekundärer. (Positiv gedacht, darf man von einem erheblichen Zuwachs an Erotik sprechen.) Typischerweise ist erst in Zeiten des enorm geschwächten maskulinen Weibseroberungsdranges das feministische Geplärr v0m allzeit vergewaltigungsgeneigten Mannsgrobian laut geworden; erst als die Gefahr nahezu vorüber war, muckte das Feminat auf, auch in diesem Belang das Lärmen der nachträglich und gegnerlos Couragierten und mutig das Obsolete bzw. Gefallene Bekämpfenden zum Grundgeräusch unseres Äons erhebend. Aber man darf vermuten, dass die Holden nicht die geringste Ahnung besitzen, von welchen domestizierten bzw. womöglich ausgestorbenen Kräften hier überhaupt die Rede ist.

 

 

7. Dezember 2012

Rousseau: "Ich sah, dass es leichter war zu leiden, als sich zu rächen." 

 

 

6. Dezember 2012

Idealtypisch wäre es gewesen, wenn die drei oder fünf marokkanischen oder marokkanisch verwurzelten, womöglich einen niederländischen Pass besitzenden, aber irgendwie unniederländischen Jugendlichen, die den Amateurliga-Linienrichter Richard Nieuwenhuizen zu Tode traten – diese Wichtel stürzen sich mit derselben feigen Zwanghaftigkeit in Überzahl auf ihre Opfer, mit welcher deutsche Journalisten ihren sogenannten Migrationshintergrund verschweigen –, idealtypisch wäre es gewesen, sage ich, wenn diese Typen unter einem antirassistischen Plakat getötet hätten, vergleichbaren Inhalts wie hierzulande, wo der DFB permanent gegen Rassismus "Gesicht zeigt", freilich nie gegen jenen antideutschen Rassismus, der in den niederen Ligen regelmäßig Spielabbrüche bewirkt und Verletzte produziert, ob nun unter den Unparteiischen oder unter den Spielern der gegnerischen Mannschaft.

Ich frage mich übrigens, wie die notorische Kraftmeierei hiesiger Bestmenschen in puncto "Keine Gewalt gegen Ausländer" auf einen Gangchef mit, sagen wir, levantinischem Hintergrund wirkt, der nach dem Deutschenklatschen erschöpft, aber befriedigt heimkehrt und dann im TV sehen muss, wie engagierte Eingeborenenvertreter sich zu seinem Schutz gegen ihre Landsleute aufmanteln und Toleranz predigen. Ob er sich kaputtlacht und sagt: Die spinnen, die Deutschen? Oder ob er angesichts solcher sich priapisch vorkommenden Eunuchen eher beleidigt ist? Und sich vielleicht mal auf die Suche nach einem dieser Engagierten begibt, um den Sachverhalt zu klären? Lustig wäre es ja.

...
Warnungen ignoriert: Linienrichter Nieuwenhuizen von einem Rudel gelyncht? - weiter lesen auf FOCUS Online: http://www.focus.de/sport/fussball/tid-28461/warnungen-ignoriert-linienrichter-nieuwenhuizen-von-einem-rudel-gelyncht_aid_875014.html

 

 

 

4. Dezember 2012

"Er ging ins Exil – ein echter Gewinn für seinen Geist und seinen Stil." Cioran über de Maistre.

 

 

3. Dezember 2012

Ich sah heute im Geschäft ein Buch namens "Vom Saulus zum Paulus. Skinhead, Gewalttäter, Pastor - meine drei Leben". Die umgekehrte Reihenfolge wäre vielleicht sogar noch ein bisschen interessanter gewesen.

 

 

2. Dezember 2012

Die monokausale Sexualfixiertheit der psychoanalysen Welterklärung hat merkwürdigerweise in der Evolutionsbiologie ein Refugium gefunden. Das Schöne aus streng evolutionsbiologischer Warte zu betrachten, führt zu einem der psychoanalytischen Sublimierung ähnelnden Resultat (externes Medium der Selbstfortsetzung zur Erzielung von paarungsförderlichen Differenzgewinnen). Ist die Kunst bei den einen bloße Ersatzhandlung für die Balz, wird sie bei den anderen zum integralen Bestandteil derselben. Ich unterstelle, dass die Evolutionsbiologie desto richtiger liegt, je moderner das Kunstwerk ist. Umgekehrt bleibt der Einwand, dass ein namenloser mittelalterlicher Maler, der die Wände einer kleinen Klosterkapelle verziert, schwerlich paarungsfördernde externe Selbstfortsetzung treibt, so wenig wie ein Kafka oder ein van Gogh dies taten, wie all jene, denen es um das Heilige, das Absolute, um Gott oder tatsächlich um l'art pour l'art ging (wobei Evolutionsbiologen jetzt vermutlich auf das Pfauenrad verweisen würden, das bei seinem ersten Auftauchen auch nichts anderes als l'art pour l'art gewesen sei). Und vergessen wir nicht den Tod als machtvollsten Antrieb von Kunst, Metaphysik und Religion. Letztlich steht alles Kunstschöne gegen das Sterbenmüssen, mögen seine gattungsgeschichtlichen Wurzeln auch in der Sexualität liegen. Erst dieses Sein-gegen-den-Tod haben Kunst und Sexualität in ihrem tiefsten Wesen und Ziel dann wieder gemeinsam.

 

 

 

29. November 2012

Sollten wirklich zunehmend Frauen in Machtpositionen gelangen, wie der momentan angesagte Weltheilsplan vorsieht, brechen schlimme Zeiten an – nicht für die Männer, für die anderen Frauen.

 

 

28. November 2012

Immer mehr Pianistinnen treten in Erscheinung, deren Spiel zwar entscheidende Nuancen und Kraftentfaltungen fehlen, um mich zum Erwerb ihrer Aufnahmen zu animieren, deren Treiben und Walten ich allerdings auch dann gern verfolgen würde, wann ich taub wäre. Dass Klavierspielen neben allem heiligen Ernst auch eine Schau und der Pianist ein Wundertier bzw. eine Rampensau sein möge, galt seit jeher, beginnend mit den kollektive Hysterien auslösenden Kunststücken Franz Liszts und einstweilen endend in den popularitätsfördernden Kaspereien Lang Langs. Vergleichsweise neu ist indes, dass die Chancen von Pianistinnen auf öffentliches, sprich mediales Wahrgenommenwerden radikal steigen, wenn sie versuchen, wie Models oder wenigstens Escort-Girls auszusehen (ein analoger Prozess ist bei Opernsängerinnen zu beobachten). Die barfuß und in luftig-fließenden Kleidchen auftretende, sich nach genauer Cheoreografie an verschiedenen Stellen der Bühne verbeugende Alice Sara Ott etwa, oder die stets in arm- und rückenfrei geschnittenen, hautengen Kleidern agierende, makellos gebaute Kathia Buniatishvili, die soviel Schenkel wie möglich herzeigende Yuja Wang, zu schweigen von der in schon wieder bezirzender Billigkeit sich inszenierenden Lola Astanova, das funktionierte alles auch ohne Ton. Wie ebenfalls Hélène Grimaud, das schönste Antlitz des gesamten Klassikbetriebes (weshalb sie es sich, schon wieder gegenstrebig, leisten kann, völlig unsexy gekleidet auf die Bühne zu kommen), aber sie spielt, wie eine neue Einbauküche ausschaut, natürlich eine von Bulthaup. Würde es eine Clara Haskil (oder, um die Sängerinnen mitzunehmen, eine Birgit Nilsson) heute ins Fernsehen schaffen? Womöglich steht so etwas wie eine radikale Trennung zwischen klassischer Musik mit und ohne Bild ins Haus, und wer auf die schiere Qualität des Spiels Wert legt, benötigt ja auch keine optischen Sonderreize. Wobei ich in diesen Zusammenhang das Phänomen der auf Youtube grotesk häufig angeklickten Valentina Lisitsa nicht einordnen kann. Die Dame spielt technisch auf höchstem Niveau (künstlerisch etwas weniger) und ist keine Schönheit, wenngleich signalhaft blondmähnig. Sollte es möglich sein, dass Hunderttausende Kerle sie angeklickt haben, obwohl sie sich gar nicht für Klaviermusik interessieren?


 

 

27. November 2012

Auf der Webseite einer Künstlerin gelange ich unter "News" auf die einerseits fidel-dämliche, andererseits aber eines Philosophen würdige Subrubrik "Aktuelle News". Ohne die Holde jetzt da oder dort rubrizieren zu wollen: Meine Neugier gilt schon seit geraumer Zeit den inaktuellen "News", ja, ich stoße zuweilen sogar mit kindlicher Begeisterung auf "News", die schon mehr als 2000 Jahre alt sind.

 

 

 

23. November 2012

Insgesamt, rechnen rechte Bürgerbewegte vor, seien seit 1990 etwa 7500 Einheimische von Migranten gewaltsam zu Tode befördert worden. Dem gegenüber stehen ca. 150 (so linke Journalisten) bzw. allenfalls halb so viele (Polizeiangaben) aus fremdenfeindlichen Motiven bzw. von Rechtsextremisten umgebrachte Ausländer bzw. Menschen ausländischer Abkunft. Egal, wie zutreffend die Zahlen sind, scheinen sie mir doch das Kräfteverhältnis auf deutschen Straßen halbwegs exakt zum Ausdruck zu bringen. Wenn man den Bevölkerungsanteil vergleicht, wirkt die Bilanz noch imposanter. Allerdings muss man als mildernden Umstand berücksichtigen, dass die Taten der Einheimischenumbringer (oder z.B. auch der Totschläger dieses 18jährigen Vietnamesen am Berliner Alexanderplatz) ausschließlich soziale Ursachen haben, während deutsche Rechtsextremisten aus der übelsten und verächtlichsten Gesinnung heraus morden und Schande über Deutschland bringen. Es ist verständlich, dass Frau Merkel und die anderen Bevölkerungsvertreter nicht für jeden dieser eingeborenen Unglücksraben Schweigeminuten einlegen oder Gedenkveranstaltungen abhalten können, denn sie müssen schließlich noch regieren. Überdies bedeutet das bedauerliche Ableben zur falschen Zeit am falschen Ort befindlicher und womöglich rassistischer Einheimischer kaum Schaden für das Image unserer bunten Republik, Einwanderungsgesellschaften sind eben Konfliktgesellschaften, und, seien wir mal ehrlich, unter 70 Millionen fallen 7000 doch nun wirklich kaum auf. 

 

 

22. November 2012

Wir sind "Fellachen de luxe", schreibt Günter Maschke. Schon Fellachen, und noch de luxe.

 

 

21. November 2012

"So ihr nicht trauet, ihr nicht dauert" (Jesaja 7,9), in anderer Version "Aber wenn ihr euch nicht an mich haltet, werdet ihr keinen Halt haben", übersetzt Luther grandios mit: "Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht." Diese Wette läuft noch.

 

 

19. November 2012

Selbstverständlich hat der alte Darwin meine Frage vom 16. längst beantwortet:  "If all our woman were to become as beautiful as the Venus de Medici, we should for a time be charmed; but we should soon wish for variety." Aber ob es stimmen mag?

 

 

16. November 2012

Wenn 99 Prozent der jungen Frauen aussähen wie die Models von Victoria Secret, würden wir uns dann um das eine Prozent balgen?

 

 

14. November 2012 

Ein Kollege weist mich auf eine französische Studie hin, welcher zufolge der Bildungserfolg asiatischer Migranten beim Nachbarn jenen der autochthonen Franzosen übertrifft. Ähnliches hört man seit längerem aus Übersee, und in Deutschland dürfte es kaum anders sein. Zugleich hört und liest man hierzulande auch immer wieder, dass unser Bildungssystem oder am besten gleich die gesamte "Gesellschaft" den sozialen Aufstieg von Migranten – mehr oder weniger rassistisch motiviert – hintertreibe. Wenn dies stimmt, dann müsste "die Gesellschaft" doch auch für die positive Nachricht verantwortlich sein, oder? Aber dann wäre sie nicht "schuld", und deshalb vernimmt man hierzulande wenig bis überhaupt nichts von asiatischen Integrationserfolgen. Der linke Mainstream will anklagen, will seine miserabilistischen Litaneien singen, will sich als Anwalt der Entrechteten ausgeben, und wenn von zehn Migranten nur einer im sozialen Abseits landete, würden wir immer nur von diesem einen hören, auf dass der Quell der Vorwürfe ewig sprudele... Aber wir können an dieser Stelle das gesamte Konstrukt von der gesellschaftlichen Zuständigkeit beiseite schieben und auf die simpelste aller Tatsachen verweisen, nämlich dass für seinen Erfolg zunächst einmal jeder selbst verantwortlich ist.   

 

 

8. November 2012

Ob es ihr nicht peinlich sei, in einem Warenhaus zu spielen, fragte ich eine Klaviervirtuosin. Keine Arbeit sei peinlich, versetzte sie.

 

 

30. Oktober 2012

Der „Spiegel“ nutzt bekanntlich jede Gelegenheit, den Führer auf seiner Titelseite zu platzieren, diesmal als den Dämonen hinter Rommel. Bei diesem business as usual fällt ein Zungenschlag auf, den man wohl als Spätfolge des sogenannten Historikerstreits klassifizieren muss, nämlich die Verwendung von Absolutheitsmetaphern: auf dem Titel „Des Teufels Feldmarschall“, drinnen als Überschrift „Die Kraft des Bösen“. Nachdem weiland, frei nach Karl Kraus, der sogenannten Singularität das Mieder gelockert wurde, kann heute jeder Pressbengel an ihr herumfingern. 

Wie wir wissen, ist zwar jede Schneeflocke singulär, aber nur ein einziger Völkermord. Der ausschließlich auf die NS-Verbrechen – nein – einzig auf den Holocaust anzuwendende Begriff „singulär“ soll tatsächlich nichts weniger als unvergleichlich schlimm und damit schlimmer als alle anderen Massenmorde bedeuten. Davon zeugt die zunehmende mediale Inanspruchnahme des Begriffes "das Böse" für die NS-Herrschaft, aber auch die Erfindung der semantisch schiefen Wortverbindung „Menschheitsverbrechen“ für den nationalsozialistischen Genozid an den Juden. (Weder kann ein Verbrechen an der Menschheit noch eines von der Menschheit gemeint sein; was aber dann? Das schlimmste Verbrechen der Menschheitsgeschichte?)

Freilich, wer sich auf die Suche nach Kriterien begibt, weshalb die eine Scheußlichkeit schändlicher sein soll als die anderen, kehrt unbelehrt zurück. Das elementarste Kriterium, jenes der schieren Zahl, spricht gegen eine „spezielle“ Singularität der NS-Massenmorde. Unter Lenin und Stalin wurden allein mindestens ebensoviele Kulaken umgebracht wie Juden unter Hitler, Alte, Frauen und Kinder eingeschlossen, und Mao Zedong opferte beispielsweise beim „Großen Sprung nach vorn“ ein damit verglichen Mehrfaches an chinesischen Bauern samt ihren Familien. Auch die bevorzugte Todesart, welche die jeweiligen Regimes ihren Opfern zumaßen, spricht gegen eine alle anderen überbietende und also „singuläre“ Brutalität der Nazis; man muss in diesem Zusammenhang nur das makabre Gedankenexperiment anstellen, ob man seinen Kindern lieber beim tagelangen Verhungern zusähe oder beim vergleichsweise schnellen Ersticken in einer Gaskammer. Ansonsten pferchten sowohl die National- als auch die Internationalsozialisten ihre Gegner in Lagern zusammen, um sie durch Krankheiten, Arbeit, Hunger, Kälte und seelische Qual sukzessive aus der Welt zu schaffen, oder sie ließen diese Arbeit durch Genickschusskommandos erledigen. Dass Hitlers willige Mörder „fabrikmäßiger“ vernichteten als ihre roten Antipoden ist in diesem Zusammenhang unbedeutend, weil die NS-Kombinate mit ihrer Opferproduktion die manufakturell arbeitenden Killer der anderen Seite ja keineswegs zu übertreffen vermochten. Und auch das Argument, dass nur die Nazis Lager betrieben haben, die einzig und allein der Menschenvernichtung dienten, verliert an Aussagekraft vor dem Hintergrund der roten Hungermassenmorde, für die nicht einmal Lager nötig waren.

Überdies wird man schwerlich der Tatsache widersprechen können, dass die Massenmorde der Sowjets jenen der Nazis zeitlich und in gewissem Sinne auch kausal vorausgingen, Letzteres zumindest insofern, als die NS-Führer das rote Schreck- und Vorbild bei ihren Taten stets vor Augen hatten. Die berüchtigte Posener Rede Heinrich Himmlers etwa ist ja nur am Rand ein Zeugnis der Judenvernichtung, weit mehr handelt es sich um eine besorgte Bewunderungsbekundung für die Mordenergie und den Mordvorsprung der Bolschewiki.

Da alle historischen Fakten gegen eine „unvergleiche“ und „einzigartige“ Qualität der NS-Verbrechen sprechen, wurde schließlich von einigen Akrobaten der Schuldzumessung als „Singularitäts“- Letztbegründung statuiert, dass die Nationalsozialisten tendenziell sämtliche Juden auf dem Planeten umbringen wollten, während bei den Kommunisten der unter falschem Klassensternbild Geborene zumindest gelegentlich die Chance erhielt, zu überleben – und sei es nur, um nach einer ausgiebigen Gehirnwäsche in einem Umerziehungslager als roter Kämpfer gegen das eigene Herkunftsmilieu gehetzt zu werden. Über das reale Ausmaß hinaus soll also die intendierte Tendenz eines Großverbrechens dessen Ausnahmerang begründen, was einen Wechsel von der historischen zur mythologischen oder quasitheologischen Perspektive bedeutet. Bei allem Faible für Haarspaltereien scheint mir der Gegenstand dafür ungeeignet zu sein. (Nebenbei: Darf man aus diesem Argument folgern, dass die Nationalsozialisten ihren Singularitätsstatus verlieren würden, wenn sie nach Janitscharen-Art ein paar tausend Judenkinder ihren Eltern weggenommen und an Napola-Schulen zu Nazis ausgebildet hätten?)

Hier soll auch nicht der Spieß umgedreht und die einseitige Dauerthematisierung des Holocaust durch Politik, Medien und Geschichtswissenschaft zur permanenten Relativierung der kommunistischen Massentötungen umgedeutet werden, auch wenn diese Unterstellung (und zwar in beide Richtungen) speioft stimmen mag. Vielmehr sei hier ein tiefer Abscheu gegenüber jeder außerwissenschaftlichen Leichenberg-Vergleicherei und -Verrechnerei bekundet. Wem Vokabeln wie „Singularität“, "Unvergleichbarkeit" und „Relativierung“ geölt über die Lippen gehen, der offenbart damit, dass in seiner Brust den Mordopfern der anderen Seite gegenüber das Herz eines Krokodils schlägt, ob nun Opportunismus, politische Interessen oder persönliche Betroffenheiten die Ursache sein mögen, und hat auf Respekt keinerlei Anspruch. Nach meinem Wissen haben die Überlebenden der Konzentrationslager auch nie für sich in Anspruch genommen, einem singulären Verbrechen entronnen zu sein, das mit keinem anderen Staatsverbrechen verglichen werden dürfe. Die Hierarchisierung der Opfer war erst das Werk interessierter Nachgeborener.  

 

 

23. Oktober 2012

Entgegen sämtlichen Verlautbarungen ist es ein trauriger Tag, an dem alle Tour de France-Siege eines Lance Armstrong aus den Annalen getilgt werden. Einer der größten Athleten der Geschichte wird hier in den Orkus gestoßen, zum Teil im Duktus der antiken oder meinethalben auch stalinistischen abolitio nominis, weil er – nur eben auch in diesem Belang mehr Perfektionist als die anderen – den Gesetzen seiner Branche folgte. Alle, die in den sieben Jahren hinter ihm fuhren und am Ende neben ihm aufs Treppchen stiegen, sind des Dopings überführt worden, und manche von ihnen nehmen längst wieder an Wettrennen teil; einer wurde sogar Olympiasieger. Damit ist aber der Vorwurf des Betrugs relativiert: Wenn alle betrügen, tut es keiner. (Deshalb wird auch kein Zweitplatzierter auf die vakanten ersten Plätze rücken wollen.) Oder hat Armstrong vielleicht das Publikum betrogen? Aber hat er nicht trainiert, gekämpft und sich gequält wie nur irgendein Heros? Waren seine Darbietungen nicht das Eindrucksvollste, was sportlicher Wettkampf überhaupt zu bieten hat? Wirkte neben einem Armstrong-Ullrich-Duell am Berg ein Fußballspiel, und sei es in der Champions League, nicht immer ein bisschen wie Ballett oder Rhythmische Sportgymnastik? Doping, das sind immer nur ein paar letzte Leistungs-Prozente, man muss bereits ein Übermensch sein, um dafür überhaupt in Frage zu kommen. Armstrong war, ist und bleibt eine Sensation, ein Unsterblicher, auf Video, DVD oder YouTube für den nächsten Äon zu bestaunen. Wir werden seinesgleichen nicht mehr sehen. Die Naturbelassenen haben sich aufs „Kreuziget ihn!“ verständigt. Aber vielleicht, wer weiß, wird man ihn und seine gedopten Konkurrenten in 50 Jahren ganz anders bewerten, wenn genoptimierte Fahrer in noch weit wilderem Tempo durch die Alpen schwirren, vielleicht wird es heißen, sie seien Pioniere der körperlichen Selbstveredelung gewesen, die es mit bescheidenen, noch recht unausgereiften Mitteln gewagt haben, ihre körperlichen Grenzen zu überwinden.

P.S.: Ob man Armstrong jetzt wohl auch seinen Sieg über den Krebs aberkennen wird? 

...
Der König dankt ab: Wir Naturbelassenen - weiter lesen auf FOCUS Online: http://www.focus.de/sport/mehrsport/der-koenig-dankt-ab-wir-naturbelassenen_aid_806562.html

 

 

14. Oktober 2012

Am Rande einer orthodoxen Taufe erwarb ich eine Doppel-Ikone des Christus Pantokrator (вcедержителъ) und der Gottesmutter Hodegetria in Form eines kleinen, reisetauglichen Klappaltärchens. Ob ich ein Orthodoxer sei, frug mich die mit dem Verkauf der Heiligenbilder betraute Kirchenmitarbeiterin. In gewissem Sinne, erwiderte ich, denn ich sei Mitglied der Weltkirche der Schönheitsanbeter. Aber alle Schönheit komme von Gott, versetzte sie. Womöglich sei sie in noch stärkerem Maße auf Gott gerichtet, antwortete ich nicht, sondern dachte es bei mir, während ich mich nickend entfernte. Insoweit hat die Frau gewiss Recht: Nahezu alle von Menschenhänden geschaffene Schönheit ist das Werk von Personen, die auf irgendeine Weise von Gott oder dem Göttlichen erfüllt waren. Wir Atheisten haben der Geschichte des Schönen wenig Substanzielles hinzuzufügen.

 

13. Oktober 2012

Wohin sich die Welt entwickelt, veranschaulicht der Gedanke, man sei zum einen heimlicher Zaungast bei einer Plauderei zwischen Metternich und Talleyrand, zum anderen bei einer Unterredung von Merkel und Hollande. Wer diese Kluft noch spürt, der hat auch keine Angst vor der Weltherrschaft der Roboter.

P.S.: Ich glaube übrigens, die vergleichsweise hohe Vertrauenswürdigkeits-Popularität von Frau Merkel in deutschen Landen und Gauen hängt mit ihrer stupenden Unfähigkeit zusammen, einen Gedanken in Worte zu kleiden. Während dem politischen Lügner ja immer ein gewisses rhetorisches Talent unterstellt wird, wirkt diese Frau sogar unfähig, Unwahrheiten auch nur halbwegs in Euphemismen und Verheißungen zu verpacken. Nur so einer Person konnte der (in seiner subjektiven Richtigkeit) entlarvende Satz entfahren, ihre Politik sei alternativlos. Man könnte beinahe formulieren: Wo die rhetorische Heuchelei endet, endet die Demokratie.

 

   

12. Oktober 2012

Die interessante Frage der Zukunft wird sein, ob das "Gedankengut" einer Frau Merkel, einer Frau Reding, eines Herrn Barroso (ein Ex-Maoist übrigens), eines Herrn Schulz, die aus dem schönen alten morbiden und müden europäischen Pluriversum mindestens eine Union sozialistischer Bruderstaaten mit Einheitsglühbirnen und Einheitsquoten und einer Einheitskultur bedürfnisgenormter, geschlechtsneutraler, herkunftsloser Einheitsmenschen machen wollen, nicht weit extremistischer ist als dasjenige der momentan als angesagt geltenden Extremisten.

 

 

11. Oktober 2012

Aus den Jammertälern der Diskriminierung erreichen mich diskrete Hinweise auf meine diskursive Überflüssigkeit und moralische Verkommenheit. Anlass ist ein Kommentar, in welchem ich die Motive zu deuten versuchte, die sich hinter den derzeit kursierenden Ermunterungen verbergen, schwule Fußballer mögen sich offenbaren. Da das Focus-Heft, worin der Kommentar steht, noch im Handel ist, kann ich ihn einstweilen nicht hier veröffentlichen, ich werde es aber demnächst tun und ein paar der brillantesten Reflexe aus besagten Tälern zur allgemeinen Horizonterweiterung anhängen. Es kann also noch an mich geschrieben werden!

P.S. Was jenen Spaßvogel angeht, der auf "queer.de" die Vermutung äußerte, mir fehle bloß mal ein anständiger Kerl: Gevatter, ich finde schon das Normale lächerlich genug.

 

 

10. Oktober 2012

Ich bin vermutlich nicht der erste, dem es auffällt, aber hier sei doch festgehalten, dass in Gestalt der sogenannten Piraten lustigerweise der französische Poststrukturalismus in Deutschland Partei geworden ist, zumindest was die Entkoppelung von Autorschaft und geistiger Eigenleistung (bzw. eben: geistigem Eigentum) betrifft.  

 

 

9. Oktober 2012

Im Wettkampf gibt es immer zwei Sieger, die idealerweise in einer Person zusammenfallen: den Ersten und denjenigen, der am meisten gelitten hat. Dieser Gedanke führt zwingend zu den Paralympics und gegen die Ansicht eines Herren, der mich via Mail darauf hinweisen zu müssen meint, dass auch dort die Politische Korrektheit sich auf eine die Allgemeinheit belästigende Weise austobe, indem man die Leistung, die etwas Absolutes sei, gruppenspezifisch relativiere. Aber was die gehandicapten Sportler an schierer Leistung und zugleich an Leidensfähigkeit aufbringen, ist nichts anderes als bewundernswert. Ein Abgleiten ins politisch Korrekte begänne erst, wenn jemand die Forderung erheben würde, man müsse die Veranstaltung auch ästhetisch reizvoll finden.  

 

 

6. Oktober 2012

Das Beispiel ist beliebig: In einem Artikel der "Zeit" unter der Überschrift "Hitlers willige Landser" wird, anhand einer wissenschaftlichen Arbeit über "die Wehrmacht von innen", der Versuch unternommen, die Eskalation des Krieges im Osten aus der Ideologisierung der Truppe zu erklären (bzw. eben doch nicht der Truppe, sondern eher bloß ihrer Offiziere, der Rest sei Opportunismus gewesen, und davon versteht man bei der "Zeit" einiges), ohne ansatzweise auf die Kriegsrechtslockerungsübungen auch der anderen Seite einzugehen. Sowohl die Einäugigkeit als auch die Kollektivschmähung sind vom Zeitgeist gedeckt.

An dieser Stelle sei deshalb folgende Prognose riskiert: Im Zuge fortschreitender Egalitarisierung wird es früher oder noch früher kaum mehr möglich sein, über irgendeine Menschengruppe öffentlich etwas Negatives zu sagen – ausgenommen alle Deutschen, die sich zwischen 1933 und 45 nicht im Exil oder im KZ befanden. Denn in irgendeinem Mülleimer müssen ja auch die Alleraufgeklärtesten ihren blinden Dünkel und ihre unentwegt nachwachsenden Aversionen unterbringen, damit sie nicht daran ersticken. 

 

 

5. Oktober 2012

Es ist bloß ein Gerücht, dass der Bundesmängelbeauftragte G. Wallraff als blonder Hauptschüler verkleidet in Nord-Neukölln recherchiert, um eine Fortsetzung seines Bestsellers "Ganz unten" zu schreiben.

 

 

30. September 2012

Solange Grigory Sokolov Klavier spielt, ist auf Erden nichts verloren: http://www.youtube.com/watch?v=xcXY7dyK7eQ

 

 

27. September 2012

Es stellt sich die Frage, ob die multimediale Nobilitierung des Knallkopfs Wolfgang Benz zum "führenden deutschen Antisemitismusforscher" nicht ein besonders gehässiger und irgendwie auch subtiler Akt des latenten deutschen Nachkriegsantisemitismus war.

 

 

26. September 2012

Wie ich dem gestrigen Talk-Show-Auftritt einer Schauspielerin namens Demirkan entnehme (ihre Paraderolle wäre, glaube ich, die "Zeit"-Abonnentin), ist die Weltsicht des Neuköllner Bürgermeisters Buschkowsky "rassistisch", woraus man wohl folgern darf, dass auch jedes in Neukölln geschossene Foto tendenziell "rassistisch" sein muss (weswegen man, fotografierte man dort, wohl zurecht eins auf die Fresse bekäme). Es ist erstaunlich, mit welcher Regelmäßigkeit die aggressiv wohlmeinenden Problemzukleisterer und Wunschweltenbesiedler in hiesigen TV-Runden ideale Sprechsituationen und gesicherte Mehrheitsverhältnisse vorfinden, wobei im Fall Demirkan/Buschkowsky besonders abgeschmackt war, dass die Wolkenkuckucksheimbewohnerin den Praktiker und Zustandskenner belehren zu dürfen meinte, wie er die Sozialisierung seiner in die Tausende gehenden Integrationsphobiker zu bewerkstelligen habe.

 

 

25. September 2012

Es gibt eine große Zahl von Leuten, die der festen Überzeugung sind, dass nicht die Gene den Menschen formen, sondern die Gesellschaft bzw. die Umwelt – und zwar bis hin zum Geschlecht –, und die sich zugleich als erbitterte Gegner der Eugenik oder der gentischen Optimierung des Menschen präsentieren. Aber wenn sowieso die Umwelt alles bestimmt, wird man doch wohl hemmungslos genoptimieren dürfen, oder? 

 

 

24. September 2012

Nun hat man also zu Münster den Hindenburg-Platz umbenannt, weil Hindenburg im Bündnis mit Hitler die „autoritäre Verformung“ Deutschlands angestrebt habe. Tatsache ist, dass sich Hindeburg in seiner Eigenschaft als Reichspräsident im Januar 1933 wie ein guter Demokrat verhalten hat, indem er den Chef der stärksten Partei zum Kanzler ernannte und mit der Regierungsbildung beauftragte. Hätte er nach seinem Herzen gehandelt, das Parlament aufgelöst und den Kaiser wieder eingesetzt, wäre Deutschland viel erspart geblieben, aber man würde ihn heute erst recht als Antidemokraten schmähen und in den Orkus des Vergessens stoßen. Dass er ein von Freund und Feind hochgeachteter Heerführer im Ersten Weltkrieg war, schlägt heute und hierzulande ebenfalls ausschließlich zu seinen Ungunsten aus. Man kann dieses Land, jenseits aller salbungsvollen Zivilgesellschafts-Rhetorik, wohl nur aus der Perspektive der totalen Niederlage und deren noch totalerer Verinnerlichung begreifen, inclusive jener rudelbildenden Maulhelden, die sich ausschließlich an toten oder absolut ungefährlichen Gegnern abarbeiten und sich dafür gegenseitig Couragepreise verleihen. 

 

 

23. September 2012

Wie jedes Jahr Zaungast beim Trachtenumzug zur Eröffnung des Oktoberfests.  Wie jedes Jahr gerührt, dass es Menschen gibt, die ihre Tradition so beharrlich pflegen. Wie jedes Jahr die traurige Feststellung, dass Marschmusik, weil unter Militarismusverdacht stehend, in unserem rigide durchpazifizierten Ländchen aus der Öffentlichkeit nahezu verschwunden ist (wie sehr sie einst zum normalen Alltag gehörte, zeigen u.a. die Symphonien Mahlers). Ich war selber anderthalb Jahre zwangsweise Angehöriger einer nach außen ziemlich lächerlichen, aber nach innen nicht ungefährlichen Armee namens NVA, und ich empfand die Exerziererei dortselbst mitsamt dem Absingen von Marschliedern, die jede zivile Vorstellung von Produkten des Schwachsinns weit übertrafen, als extreme Zumutung, und doch ist meine Begeisterung für Spielmannszüge ungebrochen geblieben, speziell was jenen grandiosen Moment angeht, wenn nach ausgiebigem Präludieren der Trommeln triumphierend die Fanfaren einsetzen. Ich behaupte, dass es nahezu jedem so geht, dass der Mensch gern marschiert, nicht unbedingt im Gleichschritt, aber im Rhythmus der Musik, aus schierer vitaler Freude und mit jenem beschwingten Frohlocken, für welches die Spielmannszüge und Militärkapellen immer noch den schönsten Anlass geben.

 

 

20. September 2012

Ich wusste bislang nicht, dass es so etwas wie Rechts-Rap gibt, aber ein linker Erregungsdienst hat Schlimmes zusammengestellt, darunter die unbedingt festhaltenswerten Verse: "Ihr seid Kröten/Die ausgerechnet dann loströten/Stellt man Fragen nach dem Verbleib der deutschen Föten."

 

 

19. September 2012

Es ist eigentlich logisch, dass der Dortmunder Spieler Mats Hummels gestern mit seinem Elfmeter am Torwart von Ajax Amsterdam scheiterte, denn dieser Towart trägt den Namen Vermeer, das heißt, nur ein Spieler namens Velázquez hätte ihn, allenfalls, bezwingen können.

 

 

12. September 2012

Gestern Besuch bei Peter Sloterdijk in Ile de Rousse auf Korsika. "Den Sommertag feiern wie eine meteorologische Henkersmahlzeit", notierte er in "Zeilen und Tage", und wir kamen dem halbwegs nahe. Nach zwei mittäglichen Flaschen Weißweins gemeinsamer Radausflug in die korsischen Berge. Hiermit sei bezeugt, dass die in den Tagebüchern angedeutete "Velomanie" in für einen Mann seines Alters und Zuschnitts beachtlichem Maße zutrifft. Dass er in jederlei Hinsicht Philosoph ist, dafür zeugten beim Heimweg wiederum die Zigarren, welche die Taschen seines Radtrikots beulten, sowie das Mahl, welches er abends bereitete. Nur der Taxifahrer besitzt detaillierte Kenntnisse, wie ich nach Calvi zurückkam.

   

 

30. August 2012

Vier vermutlich arabische Jugendliche schlagen in Berlin einen Rabbi zusammen und bedrohen seine sechsjährige Tochter: Meldungen wie diese belegen unter anderem, dass diese Wichte vollrohr im postheroischen Westen angekommen sind.

 

 

29. August 2012

Natürlich (bzw. eben doch: kultürlich) steht mir der beethovenspielende Schwarze näher als der rappende Weiße. 

 

 

28. August 2012

Eine weitere Kapriole von der Egalitarisierungsfront: Eine Assistenzprofessorin der Eastern Illinois University hat mit einem Kollegen sämtliche Rezensionen der "New York Times" vom vergangenen Jahr daraufhin untersucht, ob diese Kritiken Bücher von männlichen, weiblichen, weißen oder sogenannt farbigen Autoren betrafen. Das Ergebnis war erwartbar bestürzend, weiße Männer dominierten eindeutig, was die Holde interessanterweise mit deren Anteil an der Gesamtbevölkerung verglich, wobei sie zu dem zeitgeistkonformen Ergebnis kam, dass hier eine erschreckende Geschlechterungerechtigkeit bzw. ethnische Ungleichbehandlung walte. Da hilft wohl nur nur eine Autorinnen- und Schwarzenquote bei den Verlagen samt Rezensionsverpflichtung seitens der Feuilletons. Saul Bellows distinktives Diktum: "Wenn die Zulus einen Tolstoi haben, werden wir ihn lesen", kann ja nicht das letzte Wort sein. 

  

 

20. August 2012

Die Verurteilung war völlig angemessen, aber das Strafmaß, das die russische Justiz über diese "Pussy Riot"-Fräuleins verhängt hat, ist natürlich absurd hoch, ungefähr so absurd hoch wie hierzulande die Strafen für Holocaust-Leugner.

 

 

16. August 2012

Die "Zeit" macht auf mit einem Foto zweier Lesben mit "ihrem" Baby und der Schlagzeile "Wir sind auch eine Familie!". Nun, das sind sie wohl, und das ist auch kein Problem. Wahrscheinlich ist die parallel erhobene Forderung, Schwule und Lesben sollten Kinder adoptieren können, auch kein Problem, denn besser als im Waisenhaus wird es den meisten Kindern bei ihren homosexuellen "Eltern" wohl gehen. Das Problem ist, dass du in jedem Land der westlichen Welt sofort rasiert wirst, wenn du die Frage aufwirfst, ob gleichgeschlechtliche "Eltern" eventuell zu psychischen Fehlentwicklungen der Kinder führen, wie es zum Beispiel die unlängst vollzogene Geschlechtsumwandlung eines von zwei Lesben aufgezogenen nunmehr ehemaligen Jungen in den USA nahelegt. Das Problem ist, dass das Normale nicht mehr als normal gelten, sondern alles, was ist, undiskutierbar normal sein soll, dass also Toleranz umschlägt in einen Totalitarismus der Toleranz.

 

 

15. August 2012

„Eine Moschee ist mir lieber als ein McDonald“, sagte Alain de Benoist. Wer will da widersprechen? Allerdings haben sich hiesige Muslime mit ihren Moscheen den Hässlichkeitsstandards bundesrepublikanischer Profanarchitektur – es gibt, wie „moderne“ christliche Kirchen oder die Berliner Regierungsbauten zeigen, keine andere mehr – angepasst (anpassen müssen?). Geben wir die Hoffnung gleichwohl nicht auf, im Gegensatz zu McDonalds sind hier ästhetische Verbesserungen mindest denkbar.

 

 

14. August 2012

Die Einigung Europas, wie man die Verfestigung der EU-Strukturen ins immer Betonhaftere nennt, sei vor allem deswegen nötig bzw. „unabdingbar“, weil nie wieder Krieg herrschen dürfe auf dem Kontinent, schalmeien sogenannte Europa-Befürworter speziell deutscher Provinienz. Ein Krieg wiederum, haben brave Bundesbürger im Stahlbad der Vergangenheitsbewältigung gelernt, kann eigentlich nur von Deutschland ausgehen (andernfalls, also gegen Deutschland, handelte es sich um einen gerechten und somit gerechtfertigten und letztlich also gar keinen Krieg, sondern um eine Befreiung, Verwestlichung, humanitäre Mission etc.). Nun hat aber eine transatlantische Marionette und CDU-Hochstaplerfigur die deutsche Armee längst abgeschafft und die Reste in ein Reservekorps der US-Weltpolizei verwandelt; wer sollte also den Krieg, der nie wieder stattfinden darf, für Deutschland überhaupt führen? Polen und Franzosen etwa unterhalten noch ihre Armeen (keine Sorge, alles Freunde für ewig und immerdar). Aber vielleicht macht sich die Geschichte ja einen satyrspielhaften Jux und wir erleben bei eventueller deutscher Zahlungs- und überhaupt Europaunwilligkeit nicht bloß die gewöhnlichen Restriktionen erboster benachbarter Bedürftiger, sondern eine erneute Besetzung des Rheinlandes? Einen polnischen Marsch auf Berlin? Doch dann helfen bei der Landesverteidigung sicher die Hells Angels oder die Kumpels von Bushido oder Boris und Ben Becker...

 

 

13. August 2012

In "Putins Russland", belehrt uns der "Spiegel" in einer ganzen Titelgeschichte, führt das staatliche Verfolgen von Straftaten wie etwa jenes schweren Hausfriedensbruchs, den die sogenannten "Pussy Riot" in der Moskauer Erlöser-Kathedrale begangen haben, direkt "in die lupenreine Diktatur".

 

 

5. August 2012

Nun also auch Rudern gegen rechts... Wobei das Bedenkliche am Fall dieses Rostocker Mädels nicht im üblichen antifaschistischen Trivial Pursuit besteht als vielmehr darin, dass sich der Herr Innenminister nicht etwa schützend hinstellte und sagte: Moment mal, was hat das Fräulein verbrochen, was ist ihr vorzuwerfen, nur ihr und ganz konkret ihr, dass sie nicht mehr bei Olympia rudern soll? -- sondern dass er eilfertigst sogleich dem Verdacht nachgab und eine "gründliche Aufklärung" forderte und beteuerte, "extremistisches Gedankengut" habe im Sport keinen Platz (Warum eigentlich nicht? Wo hat es denn Platz?); dass er, mit einem Wort, nicht etwa die allzeit gebenedeite demokratische als vielmehr eine latent totalitäre Gesinnung an den Tag legte und damit wohl u.a. auch auf seine weitere Verwendbarkeit in einer evtl. DDR 2.0 oder in einem EU-Komissariat verwies.

 

 

28. Juli 2012

Dass sich in die Geschichte einzig in der Rückschau so etwas wie Kausalität hineingeheimnissen lässt, während sie tatsächlich immer nur blind zusammenmischt, was blind irgendwohin agiert, und kein Zeitgenosse weiß, was warum geschieht und in welche Richtung der Zug fährt, zeigt sich dieser Tage, wenn man sich nur ausmalt, jemand hätte anno 1987 anlässlich des Honecker-Besuchs in der Bundesrepublik prophezeit, ein Vierteljahrhundert später werde eine aus der DDR stammende Pfarrerstochter als Bundeskanzlerin damit anfangen, das heilige Grundgesetz und die sogenannte Demokratie zu verschrotten, aber keineswegs im Auftrage des siegreich gebliebenen kommunistischen Ostblocks, sondern nach dem vermeintlichen Sieg des Westens und um die Idee eines geeinten Europas an den dummen Völkern vorbei zentralistisch und mit Hilfe von "Kommissaren" durchzusetzen, auf dass entweder wieder Sozialismus oder wieder große Zwietracht werde auf dem Kontinent (Letzteres übrigens eine dieser wahrscheinlich falschen Blindprognosen)...

 

 

22. Juli 2012

Im spanischen Lokal, beim Entkorken der zweiten Flasche Rioja, sagt Freund M. dem Kellner, der zugleich wohl auch der Inhaber des Restaurants ist, dass wir heute auf Xavi tränken. Der Mann verzieht keine Miene, wenig später steht ein Teller mit Käse, Wurst und Oliven auf dem Tisch, die weiteren Getränke gehen aufs Haus. Ohne jeden Kommentar... 

 

 

21. Juli 2012

Wer des Beweises noch bedurfte, dass sie halt irgendwie Charakter-Nazis geblieben sind zu Bayreuth auf dem Hügel, beflissen witternd, unnachgiebig "Zeichen setzend", randvoll mit Opportunismus und gutem Gewissen, der hat den Be- und Nachweis jetzt endgültig präsentiert bekommen mit der Ausladung des russischen Bassbaritons Nikitin wegen eines zwar ohnehin nicht sichtbaren, ohnehin überstochenen und jugendsündhaft-verjährten Tatoos auf dessen Brust, welches das jahrzehntelange Bayreuther Lieblingsornament (1933-45 überall im und ums Festpielhaus zu sehen, danach nur noch neurotisch auf der Bühne) zeigte und dessentwegen der Mann nun den Fliegenden Holländer nicht singen darf, exorziert mit der typischen, ja typologischen Gleichschaltungsletztbegründung der nunmehr eben als Bewältiger auftretenden  Kultur-Blockwarte, dazu müsse man "Haltung beziehen".

 

 

9. Juli 2012

Der erste Satz der EU-Verfassung sollte lauten: Alle Solidarität geht von Deutschland aus.

 

 

5. Juli 2012

Während man jeden Tag in Internetforen oder irgendwo weit hinten in den Meldungen und meist hinreichend verklausuliert von ins Krankenhaus, ins Koma oder ganz aus der Welt geschlagenen, getretenen oder gestochenen oder auf Gleise geworfenen Einheimischen liest, wobei die Täter in der Regel zwei Kriterien erfüllen: eindeutige Überzahl und eine gewisse Herkunft, auf die nicht explizit hingewiesen werden darf, weil das diskriminierend wäre, lesen und hören wir permanent und hochfrequent von Ausländerfeindlichkeit, Islamophobie, Neonazismus, Aktionen gegen rechte Gewalt etc. pp. Wie erklärt sich das? Vielleicht ganz einfach: Während es vollkommen gefahrlos ist, vor Ausländerfeindlichkeit, Islamophobie, Neonazismus oder rechter Gewalt zu warnen, riskierte, wer sich mit der weit größeren Gefahr für die sogenannte innere Sicherheit dieses Landes beschäftigte, eben tatsächlich etwas, mindestens den Ausschluss aus der frömmelnden Herde der Wohlmeinenden. Sicherheitshalber schalte ich an dieser Stelle für alle Esel ein, dass ich die von tatsächlichen Rechtsextremen ausgehende Gefahr, wie sie speziell in Mitteldeutschland waltet, keineswegs verkleinern will. Aber das Verhältnis in der medienöffentlichen und politischen Wahrnehmung ist einfach nur grotesk -- oder eben: orwellesk. Aber früher oder später, Genossen Journalisten und Staatsstreber ohne Personenschutz, wenn ihr so weitermacht, bekommt ihr und bekommen eure Kinder selber auf die Fresse, denn im Gegensatz zu den aussterbenden neonazistischen Einzelkindern werden diese überzeugungsfremden, bildungsfernen Brüder ja nicht weniger und ihre Aussichten bei immer leereren staatlichen Kassen nicht rosiger...

 

 

2. Juli 2012

"Wer nicht singt, verliert", sprach Kollege R. nach der EM-Halbfinalniederlage der Deutschen gegen Italien, auf das divergierende Sangesverhalten beider Mannschaften beim Abspielen der Nationalhymnen verweisend. In der Tat ist ja gerade die so ungeheuer integrationsparadigmatische deutsche Nationalelf in zwei Kollektive gespalten: die (sozusagen kerndeutschen) Hymnenmitsinger und die Verweigerer mit dem berühmten und irgendwie vorzüglichen Hintergrund. Mithin demonstriert diese Mannschaft also, auf der symbolischen Ebene, eher eine gewisse Desintegration. Im Gegensatz übrigens zu Europa- und Weltmeister Spanien, der ethnisch, spielerisch und sogar sängerisch vollkommen homogen agiert (die spanische Hmyne hat freilich keinen Text)... 

 

 

29. Juni 2012

Wir lesen heute in der FAZ lobende Worte des Linksradikalen Dietmar Dath über den Rechtsradikalen Günter Maschke samt Hinweis auf dessen nicht mehr neues, aber neuestes Buch, was bei einer persona non grata wie Maschke und im herrschenden Klima notorischer Gesinnungskontrolle gegen "rechts" immerhin überraschend ist. Der FAZ-Autor Dath empfiehlt ausdrücklich die Lektüre des Antipoden – der übrigens in der FAZ seit vielen Jahren Schreibverbot hat – und endet mit dem Wunsch, dass sich hierzulande niemals eine Partei entwickeln möge, die Maschkes Denken in Taten umsetze. Wie generös! Immerhin ist Gevatter Dath bekennender Leninist! Und wie erhellend, was die medialen Machtverhältnisse in Deutschland betrifft!

 

 

28. Juni 2012

Angela Merkel erlebt gerade ihr finanzpolitisches 1914. Wieder eingekreist. Und wieder keine passablen Verbündeten. Und wieder Amerika auf der Seite der anderen. Und wieder keine vernünftige Diplomatie. Und wieder keine taugliche eigene Propaganda. Und wieder zahlreiche Sympathisanten der anderen im eigenen Land, ja sogar im eigenen Parlament. Und dabei so viel Wohlverhalten gezeigt, so viel historische Reuebekundungen, so viel symbolische Unterwerfungen, und zwar mit wachsender Intensität, je mehr das Dritte Reich zurückliegt, brav auf die Ostgebiete verzichtet (ohne im mindesten mit den Leiden der Ermordeten und Vertriebenen und dem Völkerrechtsbruch dahinter diplomatisch zu wuchern), inzwischen sogar brav auf deren Erwähnung verzichtet, alle Untaten des 20. Jahrhunderts auf den deutschen Scheitel gehäuft, auf die Mark verzichtet, bis heute auf Souveränität verzichtet, und das Militär ruiniert, und die Universitäten ruiniert, und das eigene Land in Schulden gestürzt, um den anderen Geld zu geben, und die genetische Wolfssubstanz brav mit Zuwanderern verdünnt  – und wieder umzingelt, und wieder die Bösen...

 

 

24. Juni 2012

Der Titanen edle Schar: Hyperion, Kronos, Okeanos, Themis, Atlas, Prometheus, Kahn, Bohlen, Gottschalk (to be continued)...

 

 

23. Juni 2012

Nehmen wir einmal an, wir besäßen zur Person Richard Wagners keine einzige Information:  Würde es dann immer noch Leute geben, die in seinen Opern Antisemitisches zu entdecken wähnen (bzw. vorgeben)?

 

 

21. Juni 2012

Man muss in Sachen EU nur ein einziges Gedankenexperiment anstellen: Wie würde der ganze Laden laufen, wenn Deutschland einfach nicht existierte? Nun, überhaupt nicht. Es gäbe ihn nicht. Die Idee einer bundesstaatartigen Union wäre von vornherein als völlig absurd verworfen worden. Nur gegen Deutschland hat die EU einen Sinn, und sie wird nicht ruhen, bis das Land finanziell erdrosselt ist, bis der Streber endlich für immer am Boden liegt. – Dass Deutschland selber mitspielt, macht die Angelegenheit zumindest für spätere Historiker pikant. Die Streberei auch im Besiegtsein ist schließlich ein weiterer Beleg dafür, dass es sich um ein außergewöhnliches, aber auch außergewöhnlich närrisches Volk handelte.  

 

 

20. Juni 2012

Sollte Blasphemie verboten werden? So lautet, arg verkürzt bzw. zugespitzt, der Tenor eines Martin Mosebach’schen Essays in (interessanterweise) der „Frankfurter Rundschau“. Empörung ist garantiert und regt sich allerorten bereits wacker. Ich will die Frage nicht zu beantworten versuchen, weil hier mein Ekel, der „Ja!“ ruft, mit meiner Ratio, die doch eher dagegen ist, kollidiert. Ich riete nur all denen, die sich jetzt freiheitlich ereifern, dass sie einmal mit sich zu Rate gehen sollten, ob sie nicht selber lauter Blasphemieverbote hinter ihren gerunzelten Stirnen hegen. Ob sie nicht selber nach dem Kadi rufen (würden), wenn abwechslungshalber mal nicht das Christentum und seine Symbole oder irdischen Statthalter verspottet oder verhöhnt werden, sondern, sagen wir, die Demokratie, das Grundgesetz, die soziale Gerechtigkeit, die Frauengleichstellung, das Unvergleichbarkeitsgebot für NS-Verbrechen, das Verbot der Todesstrafe, die Gleichheit aller Rassen, der Atomausstieg, die präventive Klimakatastrophenbekämpfung etc pp. samt der üblichen Stellverteter dieser edlen Gesinnungen hienieden. Aber nein, werden sie schalmeien, das kann man doch nicht vergleichen, d a s sind doch wahre, undiskutierbare, h e i l i g e Werte! – – Es ist lachhaft, wenn sich über einen Blasphemieverbotsvorschlag aufregt, wer selber von solchen Verboten träumt.

 

 

18. Juni 2012

Hitler ist letztlich verantwortlich für die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg, weil er verantwortlich für den Krieg war, so weit, so gut – doch wer ist verantwortlich für die Vertreibung bzw. durch aggressive Polonierungsmaßnahmen erzwungenen Auswanderung von mindestens einer Million Deutschen aus Polen lange v o r seiner Machtübernahme? Diese Frage schließt, wie einige benachbarte auch, etwa die nach den plötzlich zwangsweise Tschechen gewordenen Sudetendeutschen, eine andere, noch heiklere mit ein, nämlich: Wer ist verantwortlich für den Aufstieg Hitlers? Da ihre Beantwortung auf die Offenlegung eines höchst komplexen Gefüges von Ursachen und Wirkungen, von diplomatischen Gaunereien und militärischen Erpressungen, von Begehrlichkeiten und Zynismen vor allem auch seitens der Westmächte hinauslaufen würde, denen deutsche Offizielle geschichtspolitisch heute aber am liebsten in den Allerwertesten kriechen – der „lange Weg nach Westen“ war ohne Kriecherei nicht zu bewältigen –, macht sich der Finstermännerei bereits verdächtig, wer nur fragt.

P.S.: Eine interessante Parallele drängt sich auf bei der Erwägung, wer eigentlich verantwortlich für den ersten Kreuzzug gewesen ist.

 

 

10. Juni 2012

Edison wurde gefragt, nach welcher Methode man in seinen Laboratorien arbeite. Nach gar keiner, knurrte er, man wolle schließlich etwas zuwege bringen.

 

 

6. Juni 2012

Übermorgen beginnt die Fußball-Europameisterschaft -- wie ist eigentlich der Stand der Dinge in Sachen Boykott? Ich meine, ist die Ukraine endlich auf die Idee gekommen, deutschen Politikern aus Protest gegen die von ihnen zu verantwortenden Menschenrechtsverletzungen präventiv die Einreise zu verweigern? Immerhin führen diese Leute einen unerklärten Angriffskrieg in Afghanistan und lassen dabei scharenweise Zivilisten töten bzw. unterstützen ihre Verbündeten dabei (denen sie, nebenbei, nicht mit Boykotten drohen, wenn die in einem Lager auf Kuba Gefangene unter Bedingungen halten, mit denen verglichen der Gewahrsam von Frau Timoschenko ein Sanatorium ist). Überdies wollen  diese Politiker das Regime der Saudis mit Panzern unterstützen, was auf x-fache Beihilfe zum Mord hinausliefe (oder sie haben es schon getan; jedenfalls entzieht sich speziell dieses verbündete Steinigungszeit-Regime jeglicher Kritik), und sie unterdrücken im eigenen Land gewaltsam das demokratische Grundrecht der Meinungsfreiheit, indem sie Menschen einsperren, die ein historisches Ereignis bestreiten. Neuerdings wollen sie sogar Mohammed-Karikaturen verbieten. Ukrainer, es ist nett, dass ihr die Nationalelf aus dem Land dieser doppelmoralischen Heuchler überhaupt habt einreisen lassen.

 

 

5. Juni 2012

Wir wissen noch nicht, mit welcher Taktik die deutsche Fußball-Nationalmannschaft diesmal versuchen wird, die Spanier zu schlagen, aber die Art und Weise, wie die DFB-Verantwortlichen Herrn Graumann vom Zentralrat der Juden und seine frivole Forderung, die Mannschaft möge während der Europameisterschaft Auschwitz besuchen, halbwegs ins Leere laufen lassen haben, war taktisch respektabel. Nur Lahm, Klose und Podolski sind von den Spielern hingefahren, dem Rest und den Ermordeten hat man den peinlichen bzw. peinvollen Klassenausflug erspart. Was sollen die Jungs denn dort? Sie haben mit der Sache nichts zu tun und müssen sich auf ihre Spiele vorbereiten, speziell auch zur Freude ihrer israelischen Anhänger. Podolski in Auschwitz, das ist schließlich grotesk genug, mehr "Nie wieder!" geht nicht.

Schlau war auch das Vorgehen von Teamchef Oliver Bierhoff, der moniert hatte, dass Graumann nicht vor dem Gang an die Öffentlichkeit das Gespräch mit dem Verband gesucht habe, denn: Nun könne es „so wirken, als seien wir dahin geführt worden“. Besser konnte er seinen Nasenring nicht ironisieren. Graumann wollte seine Macht auskosten, die Nationalmannschaft, der Deutschen liebstes Kind, an den Hauptort permanent am Schwären gehaltener deutscher Schande zu kommandieren, und sieht sich nun ausmanövriert, ohne dem DFB direkt etwas vorwerfen zu können. Diese Kerle haben einfach nicht geschlossen pariert! Ob denen das am Ende gar ein innerer Reichsparteitag war?

Dass die Engländer mit der gesamten Mannschaft nach Auschwitz fahren, wie Graumann als vorbildlich preist, hat damit zu tun, dass sie mit ihrer Dauerfixierung auf das dank ihrer bescheidenen Mithilfe geschlagene Hitlerdeutschland  den Verlust des Empire bis heute symbolisch zu kompensieren suchen und anscheinend hoffen, aus dem Besuch Motivation zu schöpfen -- während bei den deutschen Spielern ja umgekehrt hätte befürchtet werden müssen, dass eine solche Visite ihren Siegeswillen nachhaltig schwächt, so wie junge Deutsche, nachdem man sie erstmals ins KZ geführt hat, beginnen, sich ihrer Herkunft zu schämen. Auschwitz ist eben nicht der "Gründungsmythos der Bundesrepublik" (so bekanntlich der gemütsvergammelte Fischerjockel), sondern im Zweifelsfalle ihr Zerstörungsmythos. Und das wollen wir doch nicht, oder? Wer soll denn dann die nächsten U-Boote an Israel liefern? Was übrigens eine weit sinnvollere Art des Holocaust-Gedenkens ist als deprimierende Totenbesuche und dumme Betonstelenwälder zu Ehren ihrer Erbauer, aber das wäre jetzt ein anderes Thema...

 

 

...
Dieter Graumann beklagt Mini-Delegation: Zentralrat schimpft über Auschwitz-Besuch des DFB - weiter lesen auf FOCUS Online: http://www.focus.de/sport/fussball/dfb-graumann-uebt-kritik-an-bierhoff-und-dem-dfb_aid_762001.html

4. Juni 2012

Auch die diesjährige documenta steht wieder unter dem bewährten Motto: Bastelnachmittag im Irrenhaus.

 

 

29. Mai 2012

Ich finde, der Grass sollte mal was zur Steuererklärung dichten.

 

 

23. Mai 2012

Es ist schon amüsant: Nachdem deutsche Politiker seit Jahrzehnten so ziemlich alle deutsche Politik in einen Zusammenhang mit dem Dritten Reich gebracht haben, vom Föderalismus bis zur Einwanderung, aber ganz speziell eben die Europapolitik, werfen sie nun Sarrazin vor, dass er den Euro in diesen Kontext stellt (es ist jener Euro, dessen Einführung weiland Mitterand zur Bedingung machte für seine Zustimmung zur Wiedervereinigung). Und unisono verurteilen sie ein Buch, das sie nicht gelesen haben. Diese Kirmes des Anti-Pluralismus ist nicht mehr DDR light, das ist DDR pur. Wohin man schaut, ob in der EU-Politik, der Finanz-, der Bevölkerungs-, der Sprachpolitik, ob in den Künsten, in der Architektur und im Literaturbetrieb: Überall ist längst der Schienenwolf im Einsatz, überall hinterlassen die bundesrepublikanischen Politbürokraten verbrannte Erde, und wer so weit ist, argumentiert eben nicht mehr, sondern geht allmählich zum Amoklauf über.

P.S. ... aber was soll das Geschmähe; wir sind ja nicht nur alle Kreaturen des Niedergangs, sondern eben auch seine Kreateure, mindest Mit-Kreateure als Nicht-Verhinderer.  

 

 

15. April 2012

Zu den wirklichen Schreckensnachrichten dieser Tage gehört, dass Frankreich die "Mademoiselle" abschafft. Die Vulgarität siegt anscheinend so sicher wie die Schwerkraft. Was in diesem Wort an Wohlklang, an Assoziationsfülle, an Kultiviertheit, an Form, an Grazie, an Französinneneinzigartigkeit geronnen ist – und einer speziellen Fraktion von ästhetisch Minderbemittelten fällt dazu nur "Unterdrückung" ein. Mir kommt das ungefähr so vor, als wenn man aufhörte, Rameau zu spielen oder Proust zu lesen. Dazu passt, was eine deutsche Zeitung zur Erklärung verzapft, wonach nämlich "etymologisch betrachtet Ma-demoiselle vom lateinischen 'dominicella' abstammt" – so weit richtig –, "dem Diminutiv von 'domina', der Hausdame also". Nein, nix Hausdame, "Herrin" muss es heißen. Auch so ein gekilltes Wort, allenfalls noch im Sexgewerbe gebräuchlich. Mei, man möcht' spei'n... Aber natürlich besteht nicht der geringste Grund, sich an derlei semantische Amputationserlasse zu halten. Grüßen Sie bitte Ihre Herrin von mir! Und halten Sie der Mademoiselle die Treue! 

 

 

13. April 2012  

In den Tagebüchern von Ulrich Schacht ("Über Schnee und Geschichte", Matthes & Seitz) die treffende Beobachtung, dass jenes intellektuelle Milieu, in dem der Ausspruch, der Islam gehöre zu Deutschland, als völlig zutreffend und nicht weiter diskutierwürdig gilt, auffallend deckungsgleich mit jenem ist, wo noch vor 20 Jahren die Frage, ob die DDR zur Bundesrepublik gehöre, heftig verneint, ja zum Teil gar nicht verstanden wurde.

 

 

8. April 2012

Vor wenigen Tagen, meldet die "Welt", wurde im Berliner Dom eine neue Fassung von Bachs „Johannespassion“ aufgeführt. Die Musik wurde nicht geändert, allerdings in einigen Passagen der Text. Begründung: Bachs Werk sei judenfeindlich, man könne es Menschen von heute nicht mehr unverändert zumuten. Die Initiative kam von einem Stuttgarter Kirchenmusiker, den ideologischen Unterbau lieferte der evangelische Theologieprofessor Peter von der Osten-Sacken, der sagt: „Es geht mir gegen den Strich, dass ein Text, der belastet ist mit einer Wirkungsgeschichte, die auf Kosten der Juden gegangen ist, unkommentiert weitergegeben wird.“

Diese vorauseilende Beflissenheit gegenüber dem Zeitgeist, diese Streberei in Gesinnungsdingen, dieser Denunziationseifer gegenüber der (tatsächlich: jeder) Vergangenheit zum elenden Zwecke eigener moralischer Heiligenscheinpolitur, diese knalldeutsche Symbiose aus Petze und Schulmeister, diese Lust am Ausradieren aus späterer "Einsicht", die nichts von ihrer eigenen Relativität wissen will, dieses feige Offene-Türen-Einrennen bei fingierter Couragiertheit: Man lernt letztlich bei den "Bewältigern" der NS-Ära mehr über den autoritären Charakter als bei den Historikern.

   

 

7. April 2012

Kein Wort zum "Gedicht" von Herrn Grass; es besteht weder Anlass, den alten Widerling zu unterstützen, auch inhaltlich nicht, noch mag sich ein Mensch von halbwegs Geschmack jenem allzugut organisierten publizistischen Freikorps anschließen, das jetzt so wohlfeil auf ihn einkeilt.

 

 

13. März 2012

Gestern abend in der U-Bahn verfolge ich so notgedrungen wie alle anderen Mitfahrer eine Unterhaltung dreier junger Migrationshintergründler in jenem Fellachenidiom, das uns unter dem Namen "Kiezdeutsch" als Bereicherung der deutschen Sprache verkauft wird (und das anscheinend nicht gedämpft geredet werden kann), es geht also lautstark sexualfäkalisch zur Sache, alle Vorurteile bestätigen sich aufs Feinste, bis einer der Typen plötzlich ruft: "Hörma, isch hab' wenigstens einen anständigen Beruf, isch bin Altenpfleger!"– – Und für einen Augenblick ward mir ganz sozialromantisch ums Herz und ich dachte, es könnte doch alles gut werden...

 

 

28. Februar 2012

Er habe gehört, erzählt ein Mensch aus der Beletage eines großen Medienunternehmens, dass man beim ZDF unzufrieden sei mit dem Erfolg und folglich mit der Besetzung des "Philosophischen Quartetts" und einen neuen Gastgeber bzw. Moderator bzw. gesprächsleitenden Hauptdenker anstelle von Sloterdijk suche, der die Sache ein wenig "aufpeppe". Wer denn der Kandidat sei, erkundige ich mich, Charlotte Roche? "Nein, schlimmer, David Precht."

(Nichts gegen Charlotte Roche, übrigens.) 

 

 

27. Februar 2012

Wenn es tatsächlich gelänge, das menschliche Altern zu verzögern und so das Leben auf, sagen wir, 150-200 Jahre zu verlängern, wäre ein konservativer Fundamentalismus wenn nicht Terrorismus die Folge, denn bei der heutzutage waltenden Abräumgeschwindigkeit würde auch der starrköpfigste Linke mit ca. 120 Jahren kapiert haben, welche  ungeheuren kulturellen Verluste wir für jeden "lebensqualitativen" bzw. technischen Fortschritt hinnehmen müssen, und zur Reaktion wechseln.

 

 

9. Februar 2012

Nur jedes 100. Kind, welches momentan zur Welt kommt, ist ein weißes Mädchen. Das heißt also, in ca. 100 Jahren werden die letzten weißen Frauen unter den anderen verteilt. Bis dahin wünsche ich den Schwestern aber viel Erfolg im Berufsleben.

 

 

7. Februar 2012

Die FAZ bespricht den Briefwechsel von Paul Celan mit seinen deutschen Freunden Heinrich Böll et al., und dabei wird geschildert, wie der Lyriker 1952 erstmals die Gruppe 47 besucht. Zitat: "Auf viele der in Nierendorf Versammelten wirkt Celans Stimme und singender Vortragston irritierend. Er lese wie Goebbels, so der Kommentar eines Anwesenden, der verdeutlicht, wie unreflektiert mit dem nationalsozialistischen Erbe umgegangen wurde." Nun, entweder er hat ähnlich wie Goebbels geklungen oder nicht; unreflektiert ist bloß die Äußerung der sich womöglich wunder wie reflektiert vorkommenden Rezensentin. 

 

 

1. Februar 2012

"Sachsen muss diesen braunen Dreck loswerden", sprach der dortselbst amtierende Ministerpräsident Stanislaw Tillich an die Adresse der NPD-Fraktion. Die Wortwahl erinnert daran, dass es offenbar auch unter der NPD noch allerunterste Schubladen gibt. Aber in gewissem Sinne kann ich den Mann, eine ehemalige Blockflöte übrigens mit SED-Kaderschmieden-Erfahrungen, also sozusagen aus dem roten Dreck stammend, ein Dreckskundiger folglich, in gewissem Sinne, sagte ich, kann ich ihn verstehen: Man ist heutzutage als Offizieller von Sprachblockwarten regelrecht umstellt, man muss jede Gruppe, jede Lobby, jede Minderheit verbal mit Samthandschuhen behandeln, sich unentwegt auf die Lippen beißen, nur kein falsches Wort sagen – da ist es doch geradezu physiologisch geboten, sich endlich mal zu erleichtern und ungestraft die Sau rauszulassen, da wächst der NPD eine am Ende womöglich noch ministerpräsidentengesundheitsfördernde Rolle zu, da darf der kleine Junge inmitten der abwechslungshalber begeisterten und begeistert nach- und mitschreienden Gouvernanten doch wirklich mal "Fotze!" brüllen. Nein, wenn wir dieses Nazischweinepack nicht hätten, diesen stinkenden, trichinösen Auswurf und Viertelmenschendreck, dieses absolut aufhängenswürdige Lumpengesocks und aus seiner braunen Jauche (Pleonasmus, ich weiß) hervorkriechende Gossengesindel, man müsste es glatt erfinden bzw. von V-Leuten installieren lassen.

P.S.: Solange diese Untermenschenbrut aber noch öffentliche Parkanlagen betreten und sogar dieselben Bänke benutzen darf wie Demokraten, nutzen die ganzen Berufsverbote, Saalvermietungsabsagen und Kontenverweigerungen nichts. 

 

 

31. Januar 2012

Ich dachte immer, Legionellen sind schwule Legionäre, aber wie kommen sie da ins Trinkwasser?

 

 

26. Januar 2012

Einer Forsa-Umfrage zufolge wissen 21 Prozent der unter-30-Jährigen hierzulande nicht, was sich hinter dem Begriff "Auschwitz" verbirgt. Vielleicht haben sie aber auch bloß die Frage nicht verstanden.

 

 

25. Januar 2012

Der Bundespräsident hat eine Rede zum 300. Geburtstag von Friedrich dem Großen gehalten. Darin lobte er unter anderem die tolerante Einwanderungspolitik Preußens. Das stand schließlich irgendwie in Zusammenhang mit seiner Aussage, der Islam gehöre zu Deutschland. Über das preußische Dienst-Ethos dagegen – im Idealfall verwendete ein friderizianischer Beamter einen Bleistift für die dienstliche, einen separaten für die private Korrespondenz – sprach Wulff nicht.
 
Wo Wulff recht hat, hat er's. In Preußen hätte es keine Proteste gegen Moscheen und kein Plebiszit über Minarette gegeben. Seit dem Potsdamer Edikt des Großen Kurfürsten von 1685 über die Aufnahme der in Frankreich verfolgten Hugenotten stand Brandenburg-Preußen für Religionsfreiheit und weitgehendes Asylrecht. „Wenn Türken und Heiden kämen und wollten das Land peuplieren, so wollen wir ihnen Moscheen und Kirchen bauen“, lautet eine viel zitierte Bemerkung Friedrichs. Die während des Siebenjährigen Krieges angeworbenen Bosniaken etwa erhielten nicht nur Wohnungen und Gebetsräume in Potsdam, sondern auch einen eigenen Heeres-Imam.
 
Allerdings hat Wulff in seiner Rede die Bedingungen unterschlagen, die Preußen seinen Zuwanderen stellte. Jedenfalls haben keine Hugenotten-Clans in Berlin mit Drogen und Prostituierten gehandelt, Schutzgeld erpresst und, wenn schon mal gegen sie ermittelt wurde, Justizbeamte bedroht. Kein Jugendgangs aus den Vierteln der Salzburger Protestanten machten nachts die Straßen unsicher und stürzten sich mit „Scheiß Preußen!“-Rufen auf Einheimische. Niemand kam nach Preußen mit der Idee im Kopf, sich sein Leben vom Staat sozialfinanzieren zu lassen, weil er keine 24 Stunden später wieder draußen gewesen wäre. Dieser Staat ließ seiner nicht spotten, was seine Attraktivität nicht minderte. Kurzum: Die preußische Einwanderungspolitik war in der Tat vorbildlich.
 
Das erwähnte der Bundespräsident aller Schnäppchenjäger leider nicht. Immerhin lobte er Friedrichs Maxime, in seinem Land dürfe „jeder nach seiner Facon selig werden“. Auch da vergaß der Bundespräsident freilich, darauf hinzuweisen, dass diese heutzutage ja vor allem ins Politische zu erweiternde Toleranz in seinen Kreisen gegenüber jenen deutlich nachlässt, die rechts von der CDU stehen.
 
 
 
...
Bundespräsident im historischen Kontext: Christian Wulff, preußisch gesehen - weiter lesen auf FOCUS Online: http://www.focus.de/politik/deutschland/wulff-unter-druck/bundespraesident-im-historischen-kontext-christian-wulff-preussisch-gesehen_aid_706938.html

24. Januar 2012

Jan Fleischhauer hat via "Spiegel online" auf die inzwischen zwar stets bestrittenen, indessen mit Händen zu greifenden Unterschiede der Nationalcharaktere hingewiesen und sich dabei eines steilen Exempels bedient: Ob sich jemand vorstellen könne, dass ein Unglücksmanöver wie jenes der "Costa Concordia" inklusive anschließender Fahrerflucht auch einem deutschen oder britischen Schiffsführer unterlaufen wäre? Man kenne den vom Kapitän verkörperten Typus aus dem Strandurlaub: ein Mann der großen Geste und sprechenden Finger. Im Prinzip harmlos, man sollte ihn nur nicht zu nahe an schweres Gerät lassen. Soweit Fleischhauer.

Nun ist heutzutage sofort jeder gern beleidigt, wenn mehr oder minder statthaft verallgemeinert wird (das Augenzwinkern dabei sieht nie jemand), weshalb sich immerhin u.a. der italienische Botschafter beschwerte. – Womit wir wieder bei den Nationalcharakteren wären: Ein deutscher Botschafter, so viel dürfte sicher sein, hätte sich im umgekehrten Fall nicht beschwert. Der Deutsche ist das Bespöttelt- und  Angepinkeltwerden nämlich schon von daheim gewohnt.

 

 

5. Januar 2012

Auf einmal feiern die alten Tanten beiderlei Geschlechts in der "Zeit" den Raubkrieger und Antidemokraten Friedrich Zwo von Pfui-Preußen als wahrhaft Großen; verwundert schlug ich die Feuilletonseiten auf, und da stand's denn erklärt: als "Ausnahme der deutschen Geschichte", als Un- wenn nicht Gegendeutschen, und der Feuilletonist Jens Jessen bringt in seinem Artikel sage und speie gleich dreimal die Vokabel "dumpf" als irgendwie-Synonym für deutsch unter, wobei er insofern schon recht hat, als Friedrich genau dies nicht war, sondern vielmehr "die überlebensgroße Gestalt einer anderen deutschen Möglichkeit, die mit ihm ein einziges Mal strahlend aufschien und wieder erlosch". Um den sich ewig fortzeugenden Dumpfheiten der heutzutage eben Jessens zu weichen.

 

 

Ende 2011

In diesem Jahr ist also Friedrich Kittler, der letzte bedeutende deutsche Nachfahre Heideggers (und Verfasser des einzigen relevanten Nachrufs auf Niklas Luhmann), von uns gegangen. Ich habe ihn nur einmal getroffen und darf mich zwar nicht rühmen, ihn restlos verstanden, wohl aber, ihn kurz vor dem Ende noch einmal anständig bewirtet zu haben. Der Friede der Zahlen und der Sphärenklänge sei mit ihm.

 

 

11. Dezember 2011

Jemand müsste einmal die Romane der letzten 50 Jahre nach einem Kriterium untersuchen: Wie beschreiben Autoren Frauen, und wie Autorinnen Männer? Ich thät' darauf wetten, dass es bei den geschilderten Frauen einen signifikanten Ausschlag in Richtung anbetungswürdig und bei den beschriebenen Männern in Richtung Trottel gibt. (Und wenn es denn stimmte, wäre wiederum dargelegt wenn nicht gar bewiesen, dass zumindest die Autorinnen nicht ganz verkehrt liegen dürften...)

 

 

8. Dezember 2011

Aus der Perspektive Darwins sind die intellektuellen Fähigkeiten des Menschen zuallererst entstanden und permanent forciert worden, um Differenzgewinne zu erzielen und sich Paarungsvorteile zu verschaffen; auch sie sind Effekte der sexuellen Selektion. Das heißt, die Evolutionstheorie ist letztlich ebenfalls enstanden, um ihren Vertretern qua Differenzgewinn zumindest die Möglichkeit von Paarungsvorteilen zu verschaffen und so die Evolution im Allgemeinen sowie jene der Evolutionstheoriefähigen im Speziellen voranzutreiben. Wir Menschen sind ulkige Tiere, wir schaffen sogar den Typus, der mit der wissenschaftlichen Beschreibung der sexuellen Werbung sexuell zu werben versucht, was auch einmal wissenschaftlich beschrieben werden sollte (zum Zwecke sexuellen Differenzgewinns)...

 

 

30. November 2011

Eigentlich ist es ja einerlei, ob man von einer Neonazi-Bande oder einer Migrantengang erledigt wird, aber im zweiten Fall stehen Roth, Merkel und Gysi wenigstens nicht für einen auf.

 

 

24. November 2011

"Der Gedanke, den ich am meisten hasse: daß die Ähnlichen, die Menschenähnlichen es schaffen werden. Daß eine technische Geistigkeit, sehr hochstehend, sehr sublim, alles ablösen wird, was der Mensch als sein Dilemma durch die Jahrtausende schleppte. Was ihm Anlaß zu Trost und Verzweiflung, zum Nachdenken und zur Besinnungslosigkeit bot. Die Unglücklichen sind dann alle umsonst unglücklich gewesen." Also schrieb, tiefer als der Tag gedacht, Botho Strauß. Ich hasse exakt denselben Gedanken mit exakt derselben Inbrunst: dass "der uralte, der ewige Mensch", wie Benn ihn nannte, "das tragische Wesen, das gespaltene Ich, dessen Abgründe sich nicht durch Streuselkuchen und Wollwesten auffüllen lassen", tatsächlich eines Tages verschwindet und von geschlechtsneutralen, zu jeder Art Metaphysik unfähigen Rationalitäts- und Effizienz-Klonen in technischen Komfortsphären ersetzt wird, wie man sie heutztage schon regelmäßig trifft. Aber – ich glaube nicht daran.

 

 

22. November 2011

Hinter dem verbalen Eindreschen vieler "Konservativer" auf die NPD steckt wohl weniger ein hehrer demokratischer Impuls als vielmehr die Sorge, andernfalls selber Prügel zu beziehen (bzw. die wundervolle Gelegenheit für solche, die schon mal als "rechts" bezeichnet wurden, sich in aggressiver Beflissenheit von ganz rechts zu distanzieren). Die Kehrseite der von Merkel bekundeten Kollektivscham heißt schließlich Sippenhaftung. Wo das Verkünden von Selbstverständlichkeiten Zwang wird, ist die Freiheit längst stranguliert.

 

 

15. November 2011

Adenauer, Schumacher, Heuss. Merkel, Gabriel, Wulff. Nur mal so zum Meditieren. Irgendwas ist schiefgelaufen.

 

 

14. November 2011

Die Serienmorde dieses irren Neonazi-Trios aus zuletzt Zwickau seien "eine Schande für Deutschland", sprach also die Kanzlerin auf dem CDU-Parteitag. Ich habe sofort nachgeschaut, ob jemand das Breivik-Massaker als eine Schande für Norwegen klassifiziert hat, fand aber keinen Beleg dafür. Das mit der Kollektivschande muss wohl ein deutsches Phänomen sein.

 

 

9. November 2011

An mich weitergeleitete Mail Nr. 1: Das "Antidiskriminierungsbüro Sachsen" lädt zu einer Veranstaltungsreihe "Rassismus in Kinderbüchern - das Gift der frühen Jahre". Text: "Kinderbücher sollen Kindern helfen, die Welt zu verstehen, Vielfalt zu achten und Wert zu schätzen. Dennoch enthalten viele von ihnen ein Gift, das weißen Deutschen oft verborgen bleibt. Dieses Gift ist Rassismus. Er begegnet uns nicht nur dort, wo Menschen mit dunkler Hautfarbe als minderwertig beschrieben werden, sondern auch dort, wo die 'heile Kinderwelt' als rein weiße Welt dargestellt ist. Diese verzerrende Darstellung beschädigt die Integrität aller Kinder – auch die der weißen. Vortrag und Workshop stellen sowohl klassische (von dem Struwwelpeter bis zu Pippi Langstrumpf) als auch neuere Kinderbücher vor, die rassistische Anteile enthalten. In einem weiteren Schritt werden rassismussensible Kinderbücher diskutiert, die Unterschiede und kulturelle Vielfalt wertschätzend darstellen." (Apropos Struwwelpeter: Werden dort nicht die "rassistischen" Jungen, die den Mohren verspotten, vom Niklas zunächt zur Toleranz ermahnt und dann explizit bestraft, indem er sie ins Tintenfass steckt?)

An mich weitergeleitete Mail Nr. 2:  "Liebe Student_innen, wissenschaftliche Mitarbeiter_innen, Professor_innen und Interessierte, wir möchten Euch/Sie hiermit zum zweiten Vortrag der queeren Ringvorlesung einladen, den Patsy l`Amour laLove / Patrick Henze hallten wird. Der Titel seines_ihres Vortrags lautet 'Schwule Selbstermächtigung - Männlichkeit, Selbsthass, Politik'."  Aus dem Ankündigungstext: "Schwule finden sich, wie alle anderen auch, nach wie vor innerhalb einer patriarchalen und damit schwulenfeindlich geprägten Gesellschaft wieder. Dennoch sind Fragestellungen bezüglich schwuler Selbstermächtigung, wie sie die schwule Bewegung der 1970er Jahre stellte, auch innerhalb aktivistischer Kontexte größtenteils aus dem Blickfeld geraten. Dabei ist die heutige Gesellschaft nicht minder davon bestimmt, 'echte' Männlichkeit als heterosexuelle Männlichkeit zu denken und damit schwule Männlichkeit als unmännlich abzuwerten und Individuen entsprechend mit Gewalt und Diskriminierung zu begegnen.
Aus der parteiischen Perspektive einer Polit-Tunte und Aktivistin soll in dem Vortrag auf die Aktualität von Schwulsein als marginalisierte und damit politisch bedeutungsvolle Form von Identität eingegangen werden. (...) Patsy l´Amour laLove / Patrick Henze ist Queer-Aktivist_in, Forscher_in und Polit-Tunte. Er_Sie forscht unter anderem zu schwulen Männlichkeiten, Tuntengeschichte(n) und schwulen Politiken innerhalb der heteronormativen Gesellschaft. Darüber hinaus widmet er_sie sich in den porn studies der Erforschung von schwuler, feministischer und queerer Pornographie. Veranstaltet wird die queere Ringvorlesung von einem Arbeitskreis rund um das autonome Schwulen-Trans*-Queer-Referat und das autonome queer-feministische Frauenreferat, im AStA der ..." etc.

Früher oder später wird dem Kulturmenschen die Islamisierung Europas wohl als echte Alternative erscheinen.

 

 

27. Oktober 2011

"Menschenkehricht". Dieses schöne Wort, welches der gebürtige Trierer Karl Marx in seiner Korrespondenz gelegentlich verwendete (und vielleicht sogar erfand), wurde in meinem Schädel vorstellig, als ich den Offenen Brief des Asta der Uni Trier gegen die Gastprofessur von Martin van Creveld las. Das Historisch-Kulturwissenschaftliche Forschungszentrum dortselbst hatte den israelischen Professor, einen „der weltweit führenden Experten für Militärgeschichte“ (Vorankündigung), für drei Monate als „Visiting Fellow“ eingeladen. Doch schon sein erster Vortrag „Männer, Frauen, Kriegsspiele und Kultur“ war, wie die Uni kurz darauf bekannt gab, der letzte.

Der Historiker sprach über Kriegsspiele von den Gladiatoren bis zu den Boxkämpfen der Gegenwart und äußerte unter anderem, dass „viele Frauen“ es genössen, dabei zuzuschauen, wie Männer gegeneinander kämpfen und „sich gegenseitig abschlachten“ – eine Aussage, die je nach Gusto als Binsenwahrheit oder zumindest diskutable These gelten mag. Nun gebietet aber der Zeitgeist inzwischen, dass Frauen als sozial kompetente, emotional intelligente, friedfertige und unboshafte Wesen zu hofieren seien. Folglich protestierte der Trierer Studentenausschuss in einem offenen Brief und sah sich „in der Pflicht“, van Crevelds Thesen „als das zu benennen, was sie sind: frauenfeindlich, militaristisch, latent antiisraelisch“. (Ein „militaristischer“ Militärexperte und ein „latent antiisraelischer“ Zionist: Was hier so alles studieren darf, ts, ts, ts.) „Hätte ich schon früher mehr über van Creveld gewusst, wäre ich kategorisch gegen seine Gastprofessur gewesen“, zeigte sich Fachbereichsdekan Ulrich Port sofort reuig und geständig.

Van Creveld hat das Glück, einem Volk anzugehören, dessen Streitlust legendär ist, und aus einem Land zu kommen, wo man auch etwas krassere Meinungen vertreten kann, ohne gleich von aufgebrachten Gesinnungs-Gouvernanten daran gehindert zu werden. Nun hat eine eher unbedeutende Zweigstelle des deutschen Maulkorbdienstes den Israeli aber Mores gelehrt! Was er vorträgt, sei „eine Anreihung von Klischees“ (Dekan Port) bzw. „methodisch primitiv“ (Asta). Fassen wir also die methodisch korrekten Erkenntnisse aus dem Fall zusammen: Nie oder nur allenfalls unter dem Diktat patriarchalischer Zwangsstrukturen haben Frauen Kampfspielen beigewohnt und Männer angefeuert. Überhaupt werden Kriege, Boxkämpfe sowie Geschlechtsunterschiede demnächst abgeschafft – zumindest an der Uni Trier.

...
REPORT: Falschmeiner, aufgepasst! - weiter lesen auf FOCUS Online: http://www.focus.de/panorama/reportage/report-falschmeiner-aufgepasst_aid_679446.html

 

 

24. Oktober 2011

Bei der Betrachtung von Caravaggios Gemälde "Judith enthauptet Holofernes"  fällt mir keineswegs als erstem die Mimik der biblischen Rächerin als irgendwie zum Sujet unpassend auf. "Am unverschämtesten aber ist Judith selbst, ist ihr Blick, dieser spöttische, minimal angeekelte, wie zum Hohn mitleidige Blick", schrieb etwa Navid Kermani. Heuer ist mir, als hätte ich die Lösung: So schaut zuweilen eine Frau, die einem Mann einen gewissen Liebesdienst erweist, und zwar zum Zeitpunkt der Kulmination desselben (Judiths Mundstellung verrät ein leises: "Puuhh..."). Immerhin ist das Modell eine Prostituierte gewesen; Caravaggio hat vielleicht genau gewusst, wie sie bei dieser Gelegenheit schaut. Was sie für eine Schnute zieht, wenn sie einen Mann köpft, wusste er dagegen nicht. Und warum sollte der "Erfinder des sozialistischen Realismus", wie der Maler Peter Schermuly über Caravaggio spottete, nicht mal ein bisschen ironisch oder gar travestisch gewesen sein?

 

 

23. Oktober 2011

Eigentlich wollte ich ja nicht mehr zu Pogorelich gehen; seine nahezu singuläre manuelle Begabung stand mir doch in einem etwas zu erheblichen Kontrast zu dem, was sein Kopf dann aus den Werken machte (was sich im Übrigen schon bei früheren Aufnahmen abgezeichnet hat, sein nahezu zielloses und detailverliebtes Herumirren im Variationensatz von Beethovens Opus 111 etwa). Gestern spielte er Chopin und Liszt, und nach den ersten beiden Sätzen der b-Moll-Sonate war ich schon drauf und dran, mein Vorurteil bestätigt zu finden und zur Pause gehen zu wollen (Überbetonung der linken Hand, merkwürdige Rückungen, das galoppierende Eingangsmotiv nahezu impessionistisch hingetupft), aber dann, beim Trauermarsch und beim "Wind über den Gräbern" begann die Verwandlung des Abends ins Hoch-, nein Spitzenklassige. Mephisto-Walzer und h-Moll-Sonate spielte er so grandios-naturgewalthaft und mit einer unglaublichen Fülle an klanglichen Nuancen, wie ich Liszt zumindest live noch nie oder allenfalls von Demidenko gehört habe – Volodos ein paar Tage zuvor mit der Sonate war ein Zwerg dagegen, obschon er sich an die übliche Zeit (ca. 32 Minuten) hielt, derweil Pogorelich natürlich wieder 45 brauchte. Kurzum: Ich widerspreche hiermit mir und allen, die meinten, man müsse nicht mehr zu ihm pilgern, ganz entschieden.

 

 

20. Oktober 2011

Wenn irgendwo ein Originalgenie auftauche, erkenne man es unfehlbar daran, dass sich die Dummköpfe gegen diesen Menschen zusammenschlössen, notierte Jonathan Swift. Man wende den Satz auf Steve Jobs an. 

 

 

26. September 2011

Es herrscht, folgt man z.B. "Spiegel online" und seinen Abschreibern,  hierzulande eine nahezu allgemeine Enttäuschung darüber, wozu sich Bendikt XVI. bei seinem Deutschlandbesuch nicht geäußert hat. Ich muss dem leider zustimmen: Der Papst hat bedauerlicherweise kein Wort darüber verloren, ob nach seiner Ansicht Özil und Götze zusammen in die Startelf der Nationalmannschaft gehören. 

 

 

9. September 2011

Soeben gelesen: "Der 8. Mai ist für uns Deutsche kein Tag zum Feiern. (...) Wir haben wahrlich keinen Grund, uns am heutigen Tag an Siegesfeiern zu beteiligen." Und: "Wenn wir uns der Verfolgung des freien Geistes während der Diktatur besinnen, werden wir die Freiheit jedes Gedankens und jeder Kritik schützen, so sehr sie sich auch gegen uns selbst richten mag." Also sprach Richard von Weizsäcker in seiner berühmten, wenngleich anscheinend nicht sonderlich bekannten Rede. 

 

 

24. Juli 2011

Na, ob mal dieser angeblich rechtsextreme und islamfeindliche Attentäter von Oslo und Utøya am Ende nicht auch noch ein Kernkraftbefürworter ist? - - 

Nebenbei und für alle, die jetzt wieder von noch strengeren Waffengesetzen allzulande träumen: Nur wo solche strengen Gesetze herrschen, ist es einem einzelnen Irren möglich, dermaßen viele Unbewaffnete zum ungestörten Abknallen vorzufinden.



11. Juli 2011

Nachdem mir der alberne Film "Pianomania", den ich mir dummerweise gekauft habe, der aber im Grunde nur ein Werbestreifchen für Steinway ist (und für den offenbar verdutzten Allerwelts-Rezipienten die Überraschung bereithält, dass man nicht nur an Automotoren manisch herumschrauben kann), einen meiner Selbstbeschreibungslieblingstermini weggenommen hat, lege ich jetzt nach mit: contrapunctophil und sarabandoman.

 

 

8. Juli 2011

Bevor ich diesen Artikel der Fachzeitschrift "Emma" vom April 1978 wegwerfe, sei dessen Überschrift, auf dass nichts verlorengehe, hier festgehalten: "Sexueller Missbrauch: Notwehr mit dem Messer. Verständnis für ihre Lage suchte Noreen bei den Richtern, die selber Väter und potentielle Vergewaltiger sind. Vergeblich..."

 

 

24. Juni 2011

Gestern Treffen mit Thilo Sarrazin im Anschluss an seinen Auftritt zu Deggendorf.  (Als ich zur Stadthalle ging, fragte ein Redner unter einem Linkspartei-Schirmchen gerade sich und die ca. siebzehn Gegendemonstranten, ob man das Sarrazin-Buch lesen müsse, bevor man es kritisiere, und wusste sogleich die Antwort: Nein; schließlich sei man aus der Presse hinreichend informiert, was drinstünde, und man dürfe ein "rassistisches Machwerk" nicht durch dessen Kauf unterstützen.) Der momentan meistbekakelte aller bundesrepublikanischen Parias war erstaunlich entspannt und heiter ("Die FDP wird entweder von Clowns oder Volontären geführt. Momentan sind die Volontäre an der Reihe"; "Die Sozialpolitik ist deswegen so falsch und schlecht, weil sie in allen Fraktionen von den am wenigsten Begabten gemacht wird, die kein besseres Ressort abbekommen haben."), obwohl er, wie er bei Tische erzählt, inzwischen von nun wirklich allen Gästelisten gestrichen worden ist, egal ob jene des Politikbetriebs, der Kulturschickeria oder der TV-Anstalten – ein paar Jahrzehnte demokratisches Intermezzo haben den autoritären Kollektivcharakter unserer anpassungsgeilen sogenannten Eliten anscheinend nicht ernsthaft beschädigen können.

Wie aber reagieren Ausländer bzw. solche mit dem berühmten und speziell muslimischen Hintergrund auf ihn, wenn sie ihn auf der Straße sehen? Wird er beschimpft, bedroht, angepöbelt? "Ach was, im Gegenteil, die kommen angelaufen und wollen sich mit mir fotografieren lassen. Ich bin ein Migranten-Maskottchen."

 

 

22. Juni 2011

Müsste es, übrigens, nicht eigentlich Tätervolkswagen heißen?

  

 

Anfang Juni 2011

Mulitmedial und auf allen Kanälen und erfahren wir dieser Tage, dass am 22. Juni vor 70 Jahren Hitlerdeutschland mit viereinhalb Millionen Mann und 3500 Panzern in die Sowjetunion einfiel. Wir erfahren nicht, mit keiner Silbe und nicht einem Zifferchen, was militärisch auf der anderen Seite stand. Es handelte sich immerhin und durchaus erwähnenswerterweise um die – was die Bewaffnung betraf und kurz nach Kriegsausbruch dann auch in puncto Truppenstärke – größte Armee der gesamten Weltgeschichte. Die am Ende die für sie recht ungünstig beginnende Partie ja auch recht zügig und logischerweise gewann.

Mir rechnete einmal ein Leser vor, wenn es denn stimme, dass, wie ich die eigentlich unbestrittenen Zahlen verbreitend geschrieben hatte, die Sowjets mit 9000 bis 15000 Panzern an der deutsch-russischen Grenze (bzw. in deren Hinterland) aufmarschiert wären, dann müsse alle 300 oder 400 Meter ein Panzer gestanden haben, was ja wohl nicht sein könne. Ich antwortete ihm: "Theoretisch haben Sie wohl Recht. Praktisch dürfte es sich so verhalten, dass die Russen ihre Panzer überwiegend hintereinander aufstellten."

Die Frage, was Stalin u.a. mit diesen vielen Tanks anstellen wollte, wird sich nicht auf Dauer als eine vermeintlich rechtsextremistische, revanchistische und was dergleichen lasterhafte Ische noch sein mögen, unterdrücken lassen.

 

 

1. Juni 2011

Eine Zeitung wirft die Frage auf, warum Kubricks "Clockwork Orange" bis heute als ein großes Filmkunstwerk gelte, obwohl die Handlung doch so schrecklich brutal sei, und kommt zu dem Schluss, es liege daran, dass dieser Streifen ein "visionärer" gewesen sei. So geht es immer, wenn vom Fortschrittsglauben benebelte Hirne sich ins Ästhetische verirren; dauernd liest man, dass die eigentliche Bedeutung irgendeines Künstler und seines Werkes darin bestehe, etwas vorweggenommen zu haben,  "seiner Zeit voraus gewesen" zu sein, ein Klassenziel im Voraus erreicht zu haben, in irgendeine der zahlreichen "Modernen" gewiesen zu haben und dergleichen Un-Sinn mehr. Und ich will fürs erste nicht müde werden darauf zu beharren, dass ein großes Kunstwerk deswegen groß ist, weil es gut oder vollendungsnah gemacht ist – und nichts außerdem. Weil, in den Worten des seligen Karl Kraus, ein gut gemalter Rinnstein eben mehr wert ist als ein schlecht gemalter Palast. Die Handlung eines Filmes ist ähnlich zweitrangig wie der Gegenstand eines Gemäldes. Immer entscheidet nur eines: der ästhetische Treffer.

 

 

9. Mai 2011

Früher hieß der Mensch, der mir gerade eine Mail schickte, Archivleiter. Heute nennt er sich Leiter ContentPool/Content Management. Und für den "Leiter" wird sich auch noch eine Endlösung finden.

 

 

29. April 2011

Auf meinen Schreibtisch flattert, wie man sagt, eine Vorladung auf ein "Gedenkkonzert zum 70. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion". Dabei muss es doch heißen: des heimtückischen Überfalls auf die friedliebende Sowjetunion. Sogar DDR-Spielen nämlich will geübt sein.

P.S.: Da mir gerade irgendein freiwilliger Hilfssheriff des Verfassungschutzes mailt, ich hätte mit diesen Worten den "Minimalkonsens der Bundesrepublik" verlassen (den ich meines Wissens niemals betreten habe): Es war ein Angriff, kein Überfall. Näheres dazu in diesem Theater unter: http://www.michael-klonovsky.de/content/view/40/42/

P.P.S.: Nur ein Verrückter (oder jemand mit Interessen) kann behaupten, dass Hitler keine Gründe besaß, sich von Stalin bedroht zu fühlen. Jeder Nachbarstaat der Sowjetunion hätte einen begründeten Präventivkrieg gegen Stalins Reich führen können. Aber natürlich auch jeder Nachbarstaat des Dritten Reiches einen gegen jenes.

 

 

28. April 2011

Neuerlich der preisenswürdige Auftritt junger Russinnen, heuer beim Türkei-Urlaub (der Russe präferiert das Land des einstigen Feindes, weil er dort ohne Visum hinkommt). Allein das Schreiten dieser Djewuschkas ist begnadet (egal übrigens, ob bereits mit Nachwuchs im Gefolge); vor allem haben sie eins nicht: Eile. Nicht Homo sapiens als solcher brachte den aufrechten Gang auf den Planeten, es werden wohl die Russin und die Französin gewesen sein, vielleicht auch Nofretete und Kleopatra, das stehe dahin. Dergleichen bekommt man hierzulande wohl nimmermehr zu schauen, die zurechtgegenderte hiesige Maid beginnt ihre Selbstverwirklichung und beendet ihre Unterdrückung gemeinhin damit, dass sie aufs Make-up verzichtet und auf der Sohle geht, und auch die, die sich mühen, beugt sanft der Gram, dass sie nicht mehr ganz und gar Weib sein dürfen, zumal sie ja ohnedies nicht wissen, für wen sie's sein sollten.

 

 

13. April 2011

Nachdem sich der "Playboy" unlängst schon beflissen von Sarrazin distanziert hatte, wartet er nun mit einem Anti-Berlusconi-Stück auf. Das ist, als wenn die "Emma" den Cunnilingus verteufelte, das "Handelsblatt" sich von der Marktwirtschaft verabschiedete und die "Zeit" ihren Beratervertrag mit dem Weltgeist auflöste.    

 

 

16. März 2011

Warum können Leute, die unbedingt Gutes tun müssen, nicht im Park Müll aufsammeln, statt gegen Kernkraftwerke zu demonstrieren? Und warum konnten sie nicht wenigstens warten, bis die vielen toten Japaner, die sie nicht weiter interessieren, weil das Meer sie getötet hat, beerdigt sind? Dämmert ihnen nicht, wie widerwärtig die Sorge um den eigenen, tausende Kilometer von Fukushima entfernten Hintern zu diesem Zeitpunkt wirkt?

Die Japaner werden aus der Katastrophe ihre Lehren ziehen und die Sicherheitsstandards für ihre Reaktoren erhöhen. Die Deutschen werden, wenn alles grün läuft, aus der Kernenergie aussteigen. Ein großes Volk. Die Japaner.

 

 

1. Februar 2011

Sofern es nicht zu einem Kollaps des Gesamtsystems kommt, was auch nicht gerade heiter wäre, wird die Einschränkung der Meinungsfreiheit zugunsten einer angeblichen Gleichheit aller Menschen und Kulturen in den nächsten zwanzig, dreißig Jahren vermutlich Ausmaße annehmen, die man als geistiges Wesen getrost unter Sterbehilfe rubrizieren kann.

 

 

Ende Januar 2011

Es gibt Weltgegenden, die ein kultivierter Mensch nicht aufsucht. Unter ihnen ragt in konkurrenzloser Widerwärtigkeit das Skigebiet. Dieses ist bereits im Sommer eine Abscheulichkeit, wenn die im Ostblock-Stil gehaltene Massenunterbringungsarchitektur noch in gespenstischer, wiewohl tröstlicher Stille sich darbietet und über zertrampelten, mit Stahlmasten harpunierten Bergflanken statt ihrer Konstrukteure reglos die Lifte hängen. Im Winter wiederum sieht ein Skigebiet von ferne aus wie ein Gletscher mit Parasitenbefall. Aus der Nähe wird es noch schlimmer. Eine anscheinend kollektiv unter Lachgas gesetzte, höhensonnenverbrannte, beschutzbrillte und grellbunt beoverallte Menschenherde stürzt sich in jauchzender Sauerstoffüberschußblödigkeit die Pisten hinab, um dieses Evolutions-Dementi so lange zu wiederholen, bis endlich der Abend naht und man – nunmehr auf den angesagten After-Ski-Partys weitergrölend – die Suche nach einem geeigneten Fickpartner startet. Und so täglich weiter bis zur erlösenden Schneeschmelze. Es sei denn, zwischendurch tritt ein, was einst Erich Kästner in die immer wieder hoffnungsfroh stimmenden Reime faßte: „Das Gebirge machte böse Miene./Das Gebirge wollte seine Ruh./Und mit einer mittleren Lawine/deckte es die blöde Bande zu.“

 

 

12. Januar 2011

Führermissbrauch. Dies Wort schoss mir heute in den Kopf und nun auch nach draußen, zum einen, weil es einen Tatbestand mit großer Zukunft beschreibt, zum anderen, weil ich wissen will, wann es erstmals bei google auftaucht.

P.S.: Es hat ungefähr zehn Tage gedauert, bis die elektronischen Inventarisierer in meinem kleinen Eckladen fündig wurden und dieses Wort als Suchbegriff registrierten. Schon gruslig.

 

 

6. Januar 2011

Wiederlektüre des Botho Strauß'schen "Bocksgesangs". Erstaunlich, wie frisch und hellsichtig sich der weiland so inkriminierte Text anlässt, während das ganze eigenwertfreie alarmistische Gesinnungsgouvernantengeschwafel wie getrockneter Unflat von ihm abgefallen ist – eine reizende Illustration des Unterschieds zwischen Literatur und Feuilletonismus.

 

 

28. November 2010

Im völlig umgeräumten und bodenlos verlangweiligten einstigen Klassik-CD-Lieblingsladen sah ich heute erstmals das Schild "Alte Musik: Neuheiten". Das amüsierte mich denn doch.

 

 

17. November 2010

Neben der Tragödie – ein Begriff, mit dem man inzwischen jedes Privatmalheur bis hin zum verschossenen Elfmeter in der Nachspielzeit zu bezeichnen pflegt – ist auch die Ikone zur journalistischen Allzweck-Metapher verkommen, wovon unter anderem die speioft dahergeplapperte "Stilikone" zeugt. Vergeblich,  darauf hinzuweisen, dass eine Ikone exakt das Gegenteil zeigt, dass sie gerade kein Fenster z u r Welt ist, sondern a u s der Welt, dass sie nichts symbolisiert, sondern die schiere Präsenz des Göttlichen verkörpert und dass aus ihr das Licht von der anderen Seite dem Gläubigen entgegenstrahlt. Man muss diesem Glauben nicht folgen, um vor den wundervollen Bildnissen Ehrfurcht zu empfinden – aber man muss gedankenlos bis stumpfsinnig sein, um Lady Gaga, Kate Moss und andere globusweite Bauchnabelvorzeigerinnen "Ikonen" zu nennen.

 

 

11. November 2010

Gestern Treffen mit Rainer Zitelmann, ehemals Historiker, durchaus gefeierter Hitler-Biograph, "Welt"-Mitarbeiter, Cheflektor des Ullstein-Verlages. Heute ist er Unternehmer und macht, wie man sagt, in Immobilien. Dazwischen lag seine gesellschaftliche Ächtung als Spiritus rector der damaligen "Neuen Rechten", inclusive Verlagspostenwegnahme und politischem Publikationsverbot in der "Welt". Die Gesinnungspresse hatte sich unisono auf ihn eingebellt, und, nachdem dies den gewünschten Erfolg zeitigte, trat die "Woche" (requiescat halbwegs in pace) nach, indem sie sich über einen Menschen lustig machte, der aus purer Existenzsorge nebenher Versicherungen verkaufte. Inzwischen leitet der Mann drei Firmen, hat über 50 Angestellte und soundsoviele Fantastillionen verdient, während diejenigen, die ihn zur zweiten Karriere hetzten, nach wie vor als abhängige Redakteure ihre autoritären Charaktere allmorgendlich Gassi führen, niemals Arbeitsplätze schaffen und vergeblich von der Million träumen, denn bei dem Überangebot an Diskurslinienrichtern reicht's bei ihnen allenfalls mal für eine mühsam abzustotternde Doppelhaushälfte. Angesichts dieses Vorgangs bin ich geneigt, das Eselswort soziale Gerechtigkeit zu verwenden. Hiermit.

 

   

3. November 2010

Die momentane kampagnenmäßige "Aufarbeitung" der Geschichte des Auswärtigen Amtes ist unter taktischen Gesichtspunkten natürlich nur die Fortsetzung der Sarrazin-Debatte auf anderem, sichererem Terrain durch unsere politisch-mediale Post-Antihitler-Linksgrün-Schickeria. Es handelt sich um eine Art Rückeroberung des verlorenen Terrains,  deswegen wird die Sache so groß aufgeblasen. Um die Rolle des Amtes während der Judenvernichtung moralisch zu verurteilen, genügt ein einfaches Herz oder sogar der Verstand von Claudi Roth. Um aus der Sache irgendeinen historischen Erkenntnisgewinn zu ziehen, wäre es freilich angemessen, an die weitgehende Deckungsgleichheit der erklärten Ziele Hitlers und des Amtes anno 1933 zu erinnern, an das legitime Revanchebedürfnis des Reiches nach dem Ersten Weltkrieg, die Umzingelungs- und Erdrosselungsangst der deutschen Diplomaten, denn nur aus dieser Konstellation lassen sich auch die Tragik und die sukzessive Verstrickung verstehen, worin der einzelne Beamte sich schließlich wiederfand und -- je nach Fall -- mitschuldig wurde. Aber um Verstehen geht es ja gar nicht, sondern um das Offenhalten der Wunde zum elenden Zwecke der Diskursherrschaft, fabriziert von Leuten, die angesichts ihrer Charakterstruktur dem lieben Gott danken sollten, dass er ihnen die Gnade der späten Geburt gönnte.

 

 

Allerspätester Oktober 2010

Mal am Rande: Das Modernste am modernen Menschen ist neben seiner überbordenden Begeisterung für das Wort „Ich“, und damit eng zusammenhängend, seine Lust am Kritisieren. Er be- und verurteilt, was das Zeug hält, ob nun die US-Finanzpolitik, die Taktik des Bundestrainers, die Hotel- oder Hurenqualität, und eben auch speziell die Künste. Jeder Leser ist ein veritabler Buchkritiker, jeder Kinogänger ein Filmkritiker, jeder Opernbesucher ein Gesangskritiker etc. pp. Niemals war mehr Kritik in der Welt, professionelle wie amateurhafte, nichts bleibt von ihr ausgespart. Nichts – außer der modernen bildenden Kunst. In den Biennalen und Documentas herrscht entweder frommes Schweigen oder ertönt eitel Lob, niemals indes ein Wort von Missglücken, Unfug oder Bluff. Die Angst, verständnislos oder nicht up to date zu sein, von gestern gar, lähmt selbst die spitzesten Zungen. Dass sie einen Kernbestandteil der modernen Mentalität auszustechen lernte, ist wohl die eigentliche Leistung der modernen Kunst.

 
 
 
Ganz später Oktober 2010
 
Kennt jemand Peter North? Falls nicht, hilft Wikipedia auf die Sprünge. Irgendwo zwischen Nietzsche und Norwegen hat der „US-amerikanische Schauspieler“ seinen Eintrag gefunden. 1998 etwa bekam er den AVN Award für die beste Gruppensexszene. Seine herausragende Fähigkeit, belehrt die online-Enzyklopädie, besteht darin, „voluminöse Gesichtsbesamungen zu vollführen“. Praktischwerweise wird man vom Laienbegriff „Gesichtsbesamung“ gleich weitergeleitet zum Fachterminus „Cumshot“, welcher, so der Enzyklopädist, „in Hardcore-Pornos“ dazu dient, nichts weniger als „die Narration abzuschließen“ -- während er als Privatgepflogenheit solch künstlerischer Weihen bar, wenngleich ansonsten auch recht nett anzuschauen ist. Ob „Anilingus“ resp. „Afterlecken“, „Gangbang“, "Fisting", "Bukkake" oder „Deepthroating“: Das Lexikon des Gleich-Gültigen weiß pornologisch ziemlich alles. So sinnierte ein "Deep Throat"-Beiträger darüber, ob es für ein  häufiger solchermaßen traktiertes Frauenzimmer schädlich sei, sich den allfälligen Würgereiz abzutrainieren, weil der immerhin bei anderer oder auch ähnlicher Gelegenheit lebensrettend wirken könne. Folglich rät der Fickipediator davon ab (ohne Würgereiz bereitete die ganze Sache überdies auch nur halbsoviel Gaudi). „Facesitting“ wiederum wird beschrieben als „eine Sexualpraktik, bei der ein Sexualpartner sich mit seinem Geschlechtsteil und/oder seinem Gesäß auf das Gesicht des anderen setzt.“ Dies könne „sowohl nackt wie auch angekleidet“ geschehen. Nackt ist aber besser.
Diese verpickelten Porno-Junkies sind dank unserer gleichermaßen geist- wie schamfernen Zeiten also nicht nur in den Kinderzimmern, sondern auch in den Enzyklopädien angekommen. „Die Winde einer neuen Eiszeit werden nötig sein, um den Spermengeruch fortzuwehen, der  sich auf den Planeten gelegt hat“, notierte der Aphoristiker Nicolás Gómez Dávila. Aber ja, aber bitte!
 
 
 
 
An Spätheit noch zugelegt habender Oktober 2010

"Gewalt ist immer auch ein Hilferuf." Also sprach Claudia Roth. Und dies bereits anno 2004! Soll heißen: So gewiss die "Bundesempörungsbeauftragte" (Thorsten Hinz)  weder die Heeresgruppe Nord noch die Attentäter von Solingen meinte, war ihr spätestens schon vor sechs Jahren klar und geläufig (derweil sie munter gegen "rechts" die welken Pfirsichbäckchen blähte), dass die rechtfertigungsbedürftigste Alltagsgewalt längst von ihrer migrantisch-muselmanischen Lieblingsklientel ausgeht.
 
 
 
 
Recht sehr später Oktober 2010
 
"Das deutsche Volk hat einst die Kriege mit den Römern überstanden. Das deutsche Volk hat die Völkerwanderung überstanden. Das deutsche Volk hat dann die späteren großen Kämpfe des frühen und späten Mittelalters überstanden. Das deutsche Volk hat dann die Glaubenskämpfe der neueren Zeit überstanden. Das deutsche Volk hat dann einen dreißigjährigen Krieg überstanden. Das deutsche Volk hat dann später die Napoleonischen Kriege, die Freiheitskriege, es hat sogar einen Weltkrieg überstanden, sogar die Revolution, – es wird auch mich überstehen!" Also sprach Adolf Hitler vor über 400 deutschen Journalisten und Verlegern in München am 10. November 1938 (veröffentlicht im "Völkischen Beobachter" am 11. November). Doch Claudia Roth, der Fischerjockel, Westerwelle, Friedman, Reemtsma, die "Zeit" und Spiegel online werden nicht lockerlassen, bis das Alien aus Braunau auch dort unrecht hat. 



 
Noch späterer Oktober 2010
 
Unter der Überschrift "100 % Kauftipp" vollzieht und entfaltet sich eine amazon-Kundenrezension folgenden Wortlauts: "Meiner Meinung eines der besten Bücher zum Thema. Der Autor schafft es den Leser mitzureißen und in eine andere Welt zu entführen. Ich kann dieses Buch nur jedem empfehlen."
Nun heißt es raten: Handelt es sich a) um einen Schmöker über die Wunderwelt der Anden, b) ein Buch über die Tantra-Massage oder c) um einen Erlebnisbericht aus Auschwitz?
 
 
 

Spätester Oktober 2010
 
Warum in aller Welt, fragt die Frau und Eheschwester, warum ich denn Morgen für Morgen meine Nase in diese Bild- und vorzugsweise Velázquez-Bände stecke, bevor ich hinaus gehe, ob ich denn nichts Besseres zu tun hätte, als ständig dieselben reproduzierten Gemälde anzustarren? Ich starre aber nicht oder nur scheinbar, ich atme durch die Augen, ich atme auf durch die Augen...
(Pathetischer Quatsch, sagt die Frau.)
 
 
 
19. Oktober 2010
 
Tischrunde mit den Herren Bolz, Kapielski, Kittler und Schuller. Die Rede kommt irgendwann unweigerlich auf Luhmann, und am Ende steht die Feststellung, dass die Sphinx aus Bielefeld im Grunde vollkommen vorgängerlos dachte und schrieb (Husserl hin oder her). Was wiederum ziemlich beispiellos in der Geschichte des Denkens sein dürfte. 
 
 
 
15. Oktober 2010
 
Sie habe Karten für ein Lang Lang-Konzert, erzählt die Kollegin, und das sei ja wohl das Größte, was man derzeit geboten kriege. Den Namen Kissin hat sie irgendwie schon mal, den Namen Sokolov noch nie gehört. Wie bekommt der Betrieb nur so was hin? Die Leute kennen Stadtfeld, aber nicht Glemser. Sie halten den fidelen Oben-halbohne-Schrammler Garrett für den neuen Paganini (womit sich aufs Vorteilhafteste verträgt, dass sie von dem alten so gar nix wissen). Ach, wenn man's mit der Ernährung auch so schaffte wie mit dem sog. Kulturkonsum, die Welt wäre satt. Nicht wirklich genährt, aber satt.
 
 
 
13. September 2010
 
Ich vermisse mit zunehmender Heftigkeit: Jacob Taubes. Johannes Gross. Niklas Luhmann. Peter Schermuly.
 
 
 
1. August 2010
 
Ob FAZ, "Neue Zürcher", "Zeit" oder "Spiegel": alle schreiben von einer "Tragödie", die sich in Duisburg während der Love Parade ereignet habe. Es gibt anscheinend keine Intelligenzblätter mehr. 
 
 
 
14. Juni 2010
 
Aus Israel zurückgekehrt, fällt in der Heimat zunächst auf, dass manche Leute meine neue Baseball-Mütze mit dem Davidstern ähnlich vergrätzt ansehen wie zuvor manche Bewohner des arabischen Teils von Jerusalem. Ansonsten das Gefühl, eine mögliche Zukunft geschaut zu haben:  die beruhigende Präsenz von Bewaffneten der – wie soll ich's sagen? – eigenen Werteordnung. Erstaunlich jedenfalls, wie schnell und instinktiv man Partei ist, wenn einen der Ausnahmezustand nur aus der verringerten Distanz anweht. Die Dignität eines Volkes, das sein Land zurückerobert hat und sich dort behauptet.
Auf Masada gleichwohl große Bewunderung für die X. Legion. In dieser lebensfeindlichen Umgebung angesichts dieses XXL-Adlernestes in Ruhe diverse Lage aufschlagen und feststellen: Nun gut, ein Jahr werden wir wohl brauchen, das konnten nur die Römer.
Gespräch mit einem israelischen Fremdenführer über Frau Merkel, die er für eine gute Politikerin hält.  Ich mochte nicht darauf eingehen und scherzte lieber. Es müsse für die Juden doch merkwürdig sein: Als die deutsche Armee Weltspitze war, hat der deutsche Kanzler sie verfolgen und ermorden lassen, und heute, wo die Truppe nichts mehr taugt, sichert ihnen die Kanzlerin ungefragt militärische Unterstützung zu...
 
 
   
3. Juni 2010
 
Die deutschen Feuilleton-Apparatschicks feiern den alten eitlen Esel Marcel Reich-Ranicki, der nie in seinem Leben einen schönen Satz zu Papier gebracht, nie einen originellen Gedanken gedacht hat und dessen Bedeutung für die deutsche Literatur ungefähr jener des Schraubverschlusses für den deutschen Weinbau entspricht, so unisono, wie sie sonst nur den Führer verdammen. Mir fällt bei dieser Gelegenheit ein Telefonat mit Joachim Fest ein. Dem las ich 1999 einen Satz aus Reich-Ranickis Autobiographie vor, nämlich: "Wenn ich mich recht erinnere, hat Fest nie versucht, die nationalsozialistischen Verbrechen direkt zu rechtfertigen." Fest darauf zu mir: "Steht das wirklich dort?" Und dann fiel am anderen Ende der Leitung leise, doch sehr deutlich das Wort: "Canaille!"
 
 
 
17. Mai 2010
 
Was muss eigentlich noch passieren, fragt Freund M., damit sich einer wie dieser Ex-Odenwaldschuldirektor umbringt? 
 
 
 
15. Februar 2010
 
Nachdem sich inzwischen Historiker  mit der "Verstrickung" von Unternehmen, Institutionen, Sportvereinen, Opernhäusern u. dgl. m. in die NS-Ära bzw. -Verbrechen (was ungefähr aufs Gleiche hinausläuft) flächendeckend beschäftigen, ist nun auch, wie ich nun einer Zeitungsrezension entnehme, der Karneval diesem seinen verdienten Schicksal endlich zugeführt worden.  Wir erfahren in einem Buch namens "Alaaf und Heil Hitler", dass "das nationalsozialistische Regime von den Narren eben nicht in Frage gestellt" worden ist – und sei's auch nur, um den Pferden der Umzugswagen den strapaziösen Weg von Köln nach Dachau zu ersparen. Skandalös unerforscht sind dagegen nach wie vor noch u.a. die Stellung der deutschen Toilettenfrauen sowie des Philatelistenverbandes zum Hitler-Regime.                                        
P.S. vom 6. Januar 2011: Ein Leser weist darauf hin, dass ich falsch liege und schickt mir den Link zu einem Buch namens "Philatelie im 'Dritten Reich'". Ich bitte also, bis auch das korrigiert wird, statt "Philatelisten" einstweilen "Numismatiker" zu lesen... 
                                                                                                                                                                                                                                
 
14. Januar 2010
 
Ein Zeitungsartikel beginnt mit folgender Feststellung: "Im Londoner Abkommen vom 8. August 1945 und im Kontrollratsgesetz Nr. 10 vom 20. Dezember 1945 legten die alliierten Siegermächte fest, einen internationalen Gerichtshof einzusetzen, der die von den Deutschen in der NS-Zeit begangenen Kriegsverbrechen ahnden sollte. Sie zogen damit die Lehre aus dem Ersten Weltkrieg, als die Aburteilung den Deutschen selbst überlassen worden war."
("Junge Welt"? "Neues Deutschland"? "Zeit"? Nein, es steht in der FAZ, auf S. 32).
Wie sagte Churchill: "Du hast sie entweder an der Kehle, oder sie lecken dir die Stiefel." Dass sie aber eines Tages auch die Sohlen mit ablecken wollen, das überstieg denn doch die Phantasie des kreglen Städteabfacklers aus der Downing Street.
 
 
 
  
11. Dezember 2009
 
Das Gerede über Kohlendioxid, Treibhauseffekt und Erderwärmung bringt zwei gleichermaßen unangenehme Typen hervor (ins Rampenlicht freilich nur den einen davon): den grünen Pfaffen und Weltrettungsalarmisten, der mal wieder eine Andockstelle für seine Ressentiments gefunden hat, sowie den neoliberalen Weitermacher, der sich aus Egoismus und gewollter Blindheit auf die Seite der Skeptiker schlägt, seinen Energieverbrauch für angemessen und seinen wirtschaftlichen Erfolg für verdient (und keineswegs für eine Laune des Zufalls) hält. Da der Mensch gewiss das Klima beeinflusst, aber nur der liebe Gott weiß, wie, da es also unmöglich ist, eine irgendwie auf Fakten gegründete Position einzunehmen, bleibt einem nur, sich gegen den widerlicheren der beiden zu stellen. Oder am besten gegen beide.
 
 
 
 
5. Dezember 2009
 
Das Böse, erklären einige Hirnforscher, sei eine Anomalie im menschlichen Gehirn, im Grunde mess- und also nachweisbar. Wer Böses tue, trage die Voraussetzung unter seiner Schädeldecke. 
Da gibt's für die nächsten ca. 10000 Jahre empirisch also einiges zu tun, nämlich die Beantwortung folgender Fragen:
1. Tragen womöglich sämtliche Menschen diese Anomalie im Kopf?
2. Wenn nicht: Fallen sämtliche Träger dieser Anomalie durch böse Taten auf?
3. Wenn nicht:  Was unterscheidet die als Täter auffallenden Träger der Anomalie von denen, die sich zurückhalten (und ist dieser Unterschied im Hirn messbar)?
4.  Gibt es die Anomalie von Geburt an?
5. Wenn nicht: Wann entsteht sie? Wodurch entsteht sie?
6. Welche Rolle spielen Ereignisse außerhalb des Gehirns bei der Entstehung der Anomalie?
7. Sofern sie eine Rolle spielen: Wie ist das Verhältnis zwischen Anomalie und Ereignissen außerhalb des Gehirns bei der Motivation zum bösen Tun?
8. Gibt es Fälle, wo Menschen Böses tun, die nicht Träger der Anomalie sind? 
9. Wenn ja: Welche Rolle spielt die Anomalie bei der Motivation zur Tat überhaupt?
10. Ist Gutsein womöglich auch eine Anomalie, messbar im Hirn?
P.S. Wie verhält es sich eigentlich mit denen, die Böses für eine gute Sache tun oder zu tun glauben, zum Beispiel Bomben für die Demokratie abwerfen, oder diejenigen, die sich spontan für eine Missetat sehr böse rächen: Haben die auch eine Anomalie im Kopf?
 
 
 
 
1. Dezember 2009
 
Der Anlass ist zwar nicht mehr aktuell, der Fall aber typisch. Ich hätte, heißt es auf einer Netzseite, auf die mich ein Freund hinwies, die "ProKöln"-Leute mit verfolgten Juden verglichen. 
Ich hatte im Deutschlandradio Kultur gesagt und auf der Homepage dortselbst geschrieben: "Mancher, der die fröhlichen Jagdszenen auf Teilnehmer des sogenannten Anti-Islamisierungskongresses in Köln gesehen hat, die lustvoll empörten Gesichter derjenigen, die den autonomen Mob beim Steinewerfen und Prügeln anfeuerten, fühlte sich an Bilder von amüsierten Menschenmengen erinnert, die während der chinesischen Kulturrevolution Prozessionen von 'Rechtsabweichlern' flankierten, oder die 1938 in Wien zusahen, wie Juden die Straße schrubben mussten: das gleiche herdenhafte Wohlbehagen, die gleiche angemaßte Rechtschaffenheit, das gleiche restlos gute Gewissen."
Was ich verglichen habe, sind also keineswegs die Akteure gewesen, sondern die Maulaffenfeilhalter. Die Leseschwäche ist symptomatisch, denn sie folgt der Gesinnung. Interessant ist im Grunde nur, ob sie dem Untersteller noch bewusst ist, das heißt, ob er als Gauner agiert oder bereits als Automat. Und warum mein Rotchina-Vergleich nicht monierende Erwähnung fand, dürfte klar sein.
 
 
 
 
19. November 2009
 
Die Depression ist nach dem Selbstmord des Nationaltorhüters Enke in aller Munde. Der Mann habe sich umgebracht, heißt es, weil er an Depressionen litt. Dass er seine zweijährige Tochter verloren hatte, war die kleinere Ursache. Depressionen hatte er nämlich schon vorher. Depressionen seien letztlich Hirnstoffwechselstörungen, behaupten ein paar Hochbegabte aus der Forschung. Depressive Menschen verüben nicht deshalb Suizid, weil (außerhalb ihres Gehirns) Gründe für ihre Depressionen vorliegen, sondern wegen ihrer Depressionen. Vermutlich hat sich auch Hitler wegen seiner Depressionen umgebracht, und nicht weil die Russen vor seinem Bunker standen.
 
 
 
 
27. Juli 2009
 
Tova Reichs Romansatire "Mein Holocaust" bekommt eine schlechte Kritik in der FAZ. Das Buch sei u.a. moralisch missraten. Literarische Minderwertigkeit hin oder her: Der Goj kann es eben seit über 2000 Jahren nicht leiden, wenn sich ein Jude über seine Religion lustig macht. 
 
 
 
 
6. März 2009 
 
Mit schöner Regelmäßigkeit  kann man in den Medien lesen – und auf Linkspartei-Foren gibt's dann die Empörung dazu –, dass irgendwo im deutschen Osten irgendein Lenin- oder Thälmann-Denkmal mit Neonazi-Schmiereien verunziert worden sei.
Aber dort gehören sie doch hin.
  
 
 
 
28. Februar 2009
 
Bundesjustizministerin Zypries spekuliert öffentlich über einen Haftbefehl gegen den britischen Bischof Richard Willamson, weil der den Holocaust geleugnet hat. Da sitzt einer in seinem Kaminzimmer, erzählt einen historischen Blödsinn und soll dafür nun strafverfolgt und eingesperrt werden; man muss sich das vorstellen. Ersichtlich handelt es sich um die aktuelle Version der Gotteslästerung, anders lässt sich der inquisitorische Eifer nicht erklären. Las man bislang in den Medien, die Pius-Brüder, zu denen Willamson gehört, seien Finstermänner, die ein neues Mittelalter wollten, dürfte allmählich deutlich werden, dass mittelalterliche Verhältnisse (natürlich minus Kathedralenbau und Rittergloria) nicht minder vom Bundesjustizministerium her drohen. Vor kurzem nannte man dergleichen Umschläge vom vermeintlich Hochmodernen ins Rückständige noch kühn "Dialektik der Aufklärung". Konstanz des Pfäffischen träfe es aber auch gut. 
 
 
 
 
5. Februar 2009
 
Nachtrag zur Causa Benedikt/Merkel/Williamson: Der Rechtsstaat ist die größte politische Errungenschaft, nicht die Demokratie (die es ohnehin nirgendwo gibt). Die Frage lautet also, inwieweit für den Vatikan das bundesdeutsche Strafrecht verbindlich ist. Von der Petitesse mal abgesehen, dass laufende Völkermorde (Tschetschenien, Sudan, davor Ruanda) die hiesigen Gemüter nicht im geringsten so erhitzen wie bereits erledigte. Interessant wäre es gewesen, wie Frau Merkel reagiert hätte, wenn der Vatikan Erdgas und Atomwaffen besäße. 

 
 
 

3. Februar 2009

Im derzeitigen Getöse um Papst Benedikt XVI. und einen holocaustleugnenden Pius-Bruder erleben wir den ersten theokratischen Großauftritt einer neuen Weltreligion, die die alte katholische natürlich gern wegbeißen möchte, sonst gäbe es das Getöse nicht. Es handelt sich zum einen um die Ablösung Golgathas durch Auschwitz, zum anderen und damit verküpft wird eine politischen Staatsform peu à peu zum Ziel der Geschichte und zum irdischen Gottesreich erhoben. Barack Obama ist die erste Figur des demokratischen Messianismus; ob er schon der Messias ist, sei dahingestellt. Der Papst vertritt dagegen das finstere Mittelalter, die Reaktion, das Standesdenken, das Anti-Emanzipatorische, die sexuelle Restriktion, das Abtreibungsverbot und was für den demokratischen Priester noch so alles des Teufels ist.

Wie jahrhundertelang die christliche Lehre als allgemeinverbindliche Maxime des Denkens und Handelns galt – bei konstanter Drohung der Exkommunikation und inquisitorischen Bestrafung –, so heute jene von der Demokratie. Sogar von sogenannten konservativen Zeitungen ist der Kurie ja vorgeworfen worden, einen Orden in ihren Schoß heimgeholt zu haben, der sich nicht zu ihr bekenne; offenbar herrscht inzwischen ein Zwang dazu. Alle Menschen sollen im Namen der Demokratie getauft werden, auch die Taliban, und wessen Seele verstockt ist, dem wird man halt früher oder später die Tür eintreten, vor allem, wenn eine Ölpipeline durch sein Land führen soll; ansonsten genügt einstweilen der Ausschluss aus der Gesellschaft. Da die demokratische Religion als solche weder spirituell noch im Sinne der emotionalen Aufwallung ihren Anhängern etwas zu bieten hat, eignet sich Auschwitz als negativer Fixpunkt und Totempfahl. Der Leugner ist keineswegs ein geschmackloser Idiot, sondern ein gefährlicher Ketzer, der eine Milliarde Katholiken kompromittiert und vor ein Tribunal gehört. Der Papst soll sich entschuldigen (bei wem eigentlich?), und er soll vor allem nicht so katholisch sein.

An Priestern herrscht in der neuen Weltkirche schon jetzt kein Mangel. Die Zeloten und Inquisitoren sind in den Medien aufmarschiert. Man muss kein Demokratie-Gegner sein, um sich angewidert von dieser Brave New World abzuwenden. 

 
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