Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Allerlei

Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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4. März 2017


Im Ankündigungstext von Hoffmann & Campe für ein im April erscheinendes Buch heißt es: "Niemand in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur hasst virtuoser, fundierter und zugleich liebevoller als der Schriftsteller Maxim Biller. Mit der Kolumne »100 Zeilen Hass« begann er seine Karriere als Journalist beim Magazin Tempo, bevor er sich dann auch als Erzähler und Dramatiker einen Namen machte. Über 100 Mal begab er sich zwischen 1987 und 1996 Monat für Monat auf die Suche nach Wahrheit und Ehrlichkeit. (...) Erstmals erscheinen hier sämtliche Texte unverändert als Buch. Jede Kolumne ist ein pointierter Indizienprozess im Dienst nur einer Sache: dem Kampf für das Gute und gegen alles Schlechte."

Ist das nicht drollig? Ob Biller in einem späten Anfall von Selbstironie diesen Zinnober selber verzapft hat oder doch ein Klappentextautomat des Verlags routiniert sein Programm durchzog, stehe dahin. Wichtig ist die Botschaft in Zeiten des von der Masi eifrig verfolgten Hate Speech: Hass ist völlig in Ordnung, wenn er sich gegen das Schlechte (= Böse = gegen rechts) richtet. Und dieses Kriterium hat Biller mit seinen Kolumnen willig und zur vollsten Zufriedenheit der Linksschickeria erfüllt. Billers Hassziele waren fast immer "rechts", also kompatibel mit dem linken, "linksliberalen", grünen Zeitgeist. Er lärmte nur lauter als die baumschulendicht stehende Konkurrenz und stach tatsächlich, bei aller Ähnlichkeit des Wuchses, nach einer Weile aus ihr hervor.

Ich entsinne mich seiner herzigen Formulierung, die Zerstörung Dresdens sei "hart, aber notwendig" gewesen. Und die Soldaten mit dem roten Stern auf der Mütze gehörten ohne Wenn und Aber in die Kategorie "Befreier". Wie umgekehrt Johannes Gross ein Kryptonazi war. Mochte Biller auch mal den Vegetarismus verspotten, geschah dies nicht ohne Hinweis auf jenen eines ehemaligen Reichskanzlers. Seine Kolumne hatte neben einer grundsoliden Aversion gegen alles traditionell Deutsche nur ein Motiv: Er begehrte den Applaus der Gesinnungsschickeria, er wollte sich nach oben hassen. Das ist nicht schön, aber Brauch und in einem gewissen Sinne legitim. Außerdem ist die Prosa der Geltungssüchtigen oft besser als die der Bescheidenen. Biller besaß durchaus Talent, seinen Hass, wie fingiert der auch gewesen sein mag, in Worte zu setzen.

Zugleich war die Berechenbarkeit seiner Meinungsbeiträge samt der ebenfalls berechenbaren Reaktionen darauf so legendär, dass immer wieder Versuche angestellt wurden, die gewaltige Lücke zu schließen, die der zunehmend schmerzlich Vermisste im kippenden Ökosystem der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit hinterlassen hatte, nachdem ihm in den späten 1990ern die Puste für regelmäßige Hassbekundungen ausgangen war. (Vielleicht hat Biller als Jude auch zu kapieren begonnen, worauf die weitere Forcierung des brennenden deutschen Selbsthasses, in den er so munter Öl zu gießen verstand und der sich zuletzt in der hysterischen Bewillkommnung zum Teil hochaggressiver und auch hochaggressiv antisemitischer Analphabetenmassen und Fanatikerkohorten manifestierte, eines nicht mehr allzufernen Tages hinauslaufen werde.) Spiegel online etwa installierte gleich vier oder fünf Klone mit dem elaboriertesten Bonsai-Biller Georg Diez mittenmang. Auch der aktuell in der Türkei im Gefängnis sitzende Journalist Deniz Yücel meldet periodisch seinen Anspruch auf die Planstelle des gehätschelten Spitzenhassers an, etwa als er 2011 auf die Sarrazin-Debatte Bezug nehmend in der taz schrieb: "Endlich! Super! Wunderbar! Was im vergangenen Jahr noch als Gerücht die Runde machte, ist nun wissenschaftlich (so mit Zahlen und Daten) und amtlich (so mit Stempel und Siegel) erwiesen: Deutschland schafft sich ab!" – "Woran Sir Arthur Harris, Henry Morgenthau und Ilja Ehrenburg gescheitert sind, (...) übernehmen die Deutschen nun also selbst." – "Der baldige Abgang der Deutschen ist Völkersterben von seiner schönsten Seite." – "Nun, da das Ende Deutschlands ausgemachte Sache ist, stellt sich die Frage, was mit dem Raum ohne Volk anzufangen ist, der bald in der Mitte Europas entstehen wird: Zwischen Polen und Frankreich aufteilen? (...) Palästinensern, Tuvaluern, Kabylen und anderen Bedürftigen schenken? (...) Egal. Etwas Besseres als Deutschland findet sich allemal."

Selbstverständlich ist das keine Volksverhetzung, sondern nur Satire. Volksverhetzung wäre es, wenn der Schreiber ein "Rechter" und das beschimpfte Kollektiv keine "Köterrasse" wäre. Wie das Hamburger Landgericht entschieden hat, kann eine Mehrheit wie die Biodeutschen keineswegs kollektiv beleidigt und von einem Deutschtürken, sofern er nicht Akif Pirincci heißt, auch nicht volksverhetzt werden. (Und mal unter uns: Wenn sie nicht mehr die Mehrheit stellen, ist es auch nicht mehr nötig, oder?)

Keinesfalls will ich den Anschein erwecken, ich empfände einen türkischen Knast als angemessenen Aufenthaltsort für unseren Deutschlandhasser. Yücels Verhaftung hat nichts zu tun mit seiner durchaus AKP-kompatiblen Deutschen-Aversion.


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"Moderne Grüne nehmen Wald inzwischen vor allem als Bewuchs wahr, der die Installation neuer Windräder behindert."
Alexander Wendt

 
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Es scheint mir bemerkenswert, dass die nüchternen Angelsachsen in der größten Krise des Westens seit dem Zusammenbruch seines kommunistischen Herausforderers pragmatisch reagierten und, wie man sagt, die Reißleine zogen – Brexit, Trump-Wahl –, während die teutonischen Spinner munter auf dem einmal eingeschlagenen Irrweg weitermarschieren. Wobei man den Österreichern zugestehen soll, dass sie sich immerhin beinahe zur Hälfte umkehrwillig zeigten.


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Apropos Alexander Wendt: Dessen Buch "Der grüne Blackout" ist das Erhellendste, was ich über die deutsche Energiewende gelesen habe (hier; bald auch als Hörbuch). Zu deren mir zuvor unbekannten Pikanterien gehört der sogenannte „Phantom-“ oder „Geisterstrom“.

Wendt schreibt dazu: "Befindet sich an den Schönwettertagen viel zu viel Strom im System, dann bleibt den Netzunternehmen nicht anderes übrig, als den Überfluss an Abnehmer jenseits der deutschen Grenzen zu verschenken, um einen Kollaps zu verhindern. Oft reicht noch nicht einmal das: Dann müssen sie eine Gebühr zahlen, damit jemand die Energie überhaupt abnimmt. In einzelnen Fällen kostet das mehr als 100 Euro pro Megawattstunde. Dem Strom muss also noch eine Entsorgungsgebühr hinterhergeworfen werden. Selbstverständlich stellen die Netzeigentümer diese Kosten den Stromkunden in Rechnung. Und auch dieser Posten steigt rasend schnell, weil immer mehr Solarstrom vor allem um die Mittagszeit im Frühjahr und Sommer das Netz flutet.

Der Gesetzgeber, also der Deutsche Bundestag, hätte dieses Problem wenigsten mildern können, wenn er darauf bestanden hätte, dass Grünstromproduzenten nur für die Energie eine Vergütung bekommen, die tatsächlich von den Netzen aufgenommen und zu den Verbrauchern transportiert werden kann. Damit hätte er die Branche gezwungen, entweder in Speicher zu investieren, oder das Ausbautempo neuer Wind- und Solarparks wenigstens an den Stand der Netze anzupassen, also freiwillig zu drosseln. Stattdessen änderte die große Koalition das EEG im Jahr 2009 einfach folgendermaßen: Der Grünstrom, der nicht in die Netze passt, muss von den Netzbetreibern trotzdem bezahlt werden. Und zwar zum vollen Tarif. Sie vergüten, was Wind-, Solar- und Biogasproduzenten theoretisch bei unbegrenzter Netzkapazität hätten einspeisen können. Natürlich bekamen die Netzbetreiber im Gegenzug das Recht, die Kosten für diesen Phantomstrom an ihre Energiekunden weiterzureichen.

Allein im ersten Quartal 2016 bezahlten die Stromkunden laut Bundesnetzagentur schon 147,7 Millionen Euro für nie prozierten Strom. Dazu addierten sich im gleichen Zeitraum noch einmal 52 Millionen Euro für den so genannten Redispatch – also das schnelle Herunterfahren von Kohle- und Gaskraftwerken, um den Weg für Grünstrom freizumachen. Denn dafür müssen die Kraftwerksbetreiber entschädigt werden."

Deshalb steht auf Ihrer von Jahr zu Jahr steigenden Stromrechnung – neben allerlei anderen Subventionsposten, die den Stromkunden aufgehalst werden, und selbstverständlich nicht als solcher gekennzeichnet – Geisterstrom, der nie erzeugt wurde und keine einzige Glühlampe zum Leuchten brachte.

Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) mag das größte Schurkenstück in der Geschichte bundesrepublikanischer Gesetzgebung gewesen sein, noch knapp vor dem ESM, und, was das Milieu der Profiteure angeht, in deren Taschen die Steuermilliarden umgelenkt werden, ein veritabler Stoff für einen Roman oder eine große Gesellschaftssatire. Als politischer Akt indes ist die Energiewende ein integraler Bestandteil der zum Teil staatsstreichartig vollzogenen Demolierung unseres Landes durch die Merkel-Administration, von der ich immer noch nicht glauben mag, dass sie intendiert ist (aber das läuft in den Resultaten auf das gleiche hinaus). Wie die Euro-"Rettung" und wie die Masseneinwanderung ist auch die Energiewende ein rein ideologisches Projekt, dem eine quasireligiöse Dimension innewohnt. Es geht schließlich um nicht weniger als die Rettung wahlweise Europas, des Friedens, der Menschenwürde, des Weltklimas etc., weshalb der weitere milliardenteure Marsch in die Illusion auch so ungerührt fortgesetzt werden kann ("Desto schlimmer für die Wirklichkeit"), obwohl nun wirklich sogar jeder Zeit-Abonnentin zu schwanen beginnt, dass alle drei "Projekte" schnurgerade in den Kollaps und die Katastrophe führen. Aber "Deutsch sein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen zu tun", wie ein höchstbegabter Götterdämmerer befand, und hinreichend viele deutsche Idioten sind jederzeit bereit, die Welt Mores zu lehren. Allen drei "Projekten" gemeinsam ist, dass ein paar zehntausend Gauner materiell absahnen und ein paar hunderttausend sich moralisch spreizen dürfen, während die Rechnungen an die schrumpfende Schar der Buckelkrummmacher und Steuerzahler gehen; sie bezahlen die Energiewende als Stromkunde, sie haften indirekt als Sparer, Immobilienbesitzer oder stationärer Mittelständler für die Schulden südeuropäischer Pleitestaaten und, wenn es nach den Linken geht, für immer neue deutsche Staatsschulden, sie zahlen die Milliarden für die Alimentierung der Einwanderer plus steigender Krankenkassenbeiträge und bei immer unsicherer werdenden Rentenansprüchen inmitten verlotternder Kommunen. Zugleich muss der Allerweltsdeutsche die ästhetische Zumutung der Windräder in den einst schönsten Naturgebieten ertragen, mit der tristen Gewissheit, dass die "Schänder der Landschaftsseele" (Botho Strauß) prächtig auf seine Kosten leben, wie er auch zuweilen gewisse Zumutungen seitens uns zugelaufener bon sauvages ertragen muss, die in seiner unmittelbaren Nachbarschaft die eine oder andere bizarre Sitte zum Teil gewalttätig ausleben.


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Was uns zurückführt zum Hass auf alles Schlechte im Namen des Guten. Der erwähnte Gevatter Yücel fingierte bekanntlich, er hasse Thilo Sarrazin so sehr, dass er sich wünsche, dessen nächster Schlaganfall möge gründlicher erledigen, was der erste versäumte. Sagte ich "fingierte"? Aber ja. Der Bub hasst ja nicht, er simuliert diesen Hass. Es lassen sich schließlich nicht nur Orgasmen vortäuschen, sondern auch so ziemlich alle anderen Gefühle. Aber wie steht es mit dem Hass auf die Verantwortlichen für die drei "Projekte", die im Gegensatz zu Sarrazin ja tatsächlich über einen veritablen Ausbeutungs- und Zerstörungswillen verfügen? Es kostet Anstrengung und Selbstkontrolle, keinen Hass auf solche Menschen zuzulassen, denn die gute alte Aversion muss ja nicht zwingend zum Zwecke persönlichen Fortkommens fingiert werden, sondern sie entsteht bekanntlich oft ganz ohne des Menschen Zutun, breitet sich im Gekröse aus, wächst und wächst und sprengt sich schließlich den Weg aus eines Geplagten und Bedrängten Brust. Aber einmal in kultivierte Ohren gesprochen: Wer aus dem politischen Personal dieser Republik verdiente es tatsächlich, gehasst zu werden? Wer wollte sich so weit erniedrigen, dass er etwa den eitlen Esel und Bundesfreiheitsbuffo Gauck hasst? Oder den plattköpfigen Proleten Stegner? Den verdrucksten Kontrollgnom Maas? Die Ganzkörperlarve Steinmeier? Den kadavergehorsamen de Maizière? Den FDJ-Funktionärstyp Tauber? Nein hassen, wirklich hassen, aus ganzem Herzen hassen, kann man in diesem Lande recht eigentlich nur eine Person. Aber ein kultivierter Mensch bezähmt seinen Hass.


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Um die Sache ins Politische zu wenden: Diese offenkundig übergeschnappte Person muss endlich abgewählt werden, wobei ich ihr gönne, dass sie zum Genuss ihrer Schadensbilanz steinalt werden möge. Jede Alternative zu ihr ist gut, sogar eine rot-rot-grüne Koalition unter dem autoritären und nicht ungefährlichen Eurokraten Schulz, denn eine radikale Selbstreinigung der CDU wird zwangsläufig folgen.