Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Allerlei

Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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8. Februar 2017


Ein deutsch-syrischer "Projektkünstler" hat drei Buswracks vor der Dresdner Frauenkirche aufgestellt, um an den Bürgerkrieg in Syrien zu erinnern, und die kalkulierte Wirkung in jederlei Hinsicht erzielt. Wütende Proteste einiger Eingeborener gegen die Verschandelung des Platzes und die dahinterstehende moralische Erpressung flammten erwartungsgemäß auf und verschafften dem "Projekt" zusätzliche – an diesem Ort gewiss ebenfalls kalkulierte – PR. Hätte der ambitionierte Schrott-Spediteur Berlin, Essen, Duisburg oder Bremen für seine "Installation" gewählt, wäre ihr weit weniger Aufmerksamkeit zuteil geworden. Zum einen hätte in diesen auf ästhetische Indolenz dressierten Kommunen niemand protestiert, zum anderen fallen dort ein paar Wracks mehr oder weniger nun wirklich nicht auf.

Halten wir fest: Gerade in Deutschland muss dringend auf das syrische Drama hingewiesen werden, gerade Deutschland hat noch nicht genug für Syrer bzw. Menschen, die sich als Syrer ausgeben, getan. Und speziell die Dresdner sollten erfahren, dass Städte in einem Krieg vollständig zerstört werden können.

Eine von Joachim Fests Maximen lautete: "Ertrage die Clowns." Der Kulturmensch mag sich seufzend daran halten und ein paar Wochen, bis der Spuk vorbei ist, den Platz meiden; Dresden bietet ja hinreichend schöne andere Orte und Blicke. Und sich um Himmelswillen nicht aufregen.


PS: Leser *** wendet ein: "Diese 'Installation' wird ergänzt von einem fiktiven Friedhof von im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlingen vor der Semperoper und dem Spruch des erschreckend dummen Oberbürgermeisters 'Dresden war keine unschuldige Stadt'. Man muss vielleicht die Clowns ertragen, aber die Idioten?"

Sie kennen, geehrter Herr ***, gewiss die 270. Geschichte aus tausendundeiner Nacht, "Ali Baba und die vierzig Räuber". Was tut darin die brave Sklavin des Ali Baba, als sie bemerkt, dass ein mutmaßlich Übelwollender das Haus ihres Herren markiert hat? Sie wiederholt das Zeichen an sämtlichen Türen der Umgebung. Also: Sodom war keine unschuldige Stadt. Jericho war keine unschuldige Stadt. Rom war keine unschuldige Stadt. Bagdad war keine unschuldige Stadt (1258 und 2003). Tenochtitlan war keine unschuldige Stadt. Konstantinopel war keine unschuldige Stadt. London war keine unschuldige Stadt. Stalingrad war keine unschuldige Stadt. Berlin war keine unschuldige Stadt. Hiroshima war keine unschuldige Stadt. New York war keine unschuldige Stadt. Aleppo war (und ist) keine unschuldige Stadt... Auch Lauterecken, Fladungen, Hornbach und Buttelstedt waren keine unschuldigen Städte! Zu schweigen von Schnackenburg und Ziegenrück!


                                                                  ***


Auf meinen gestrige Notiz zur sogenannten "Schwangerschaftsunterbrechung" reagierten mehrere Besucher des Eckladens umgehend. "Nachdem mein kleiner Sohn mit Trisomie21 zur Welt gekommen ist – glücklicherweise ist er physisch kaum merklich beeinträchtigt und scheint auch geistig keine offenbaren Defizite zu haben, jedenfalls freut er sich jeden Tag aufs Neue, die Welt für sich zu erobern –," schreibt Leser***, sei er auf die Seite der Lebensschützer gewechselt, die er ehedem für leicht verschrobene Gesellen gehalten habe. "Wenn man weiß, dass die meisten Trisomie-Kinder abgetrieben werden, ohne dass feststeht, dass sie gesundheitliche Beeinträchtigungen haben, die nur ein kurzes qualvolles Leben erwarten lassen, einfach, weil sie ‚Downies’ sind, macht mich das einerseits tieftraurig und andererseits wütend. Noch viel mehr wütend macht mich allerdings diese furchtbare Entscheidung eines französischen Gerichtes, dass dieser wunderbare italienische Werbefilm FÜR eine Entscheidung zu einem Down-Kind wegen Verletzung der Mütterrechte nicht gezeigt werden darf. Der grassierende Verfall von menschlicher moralischer Bildung scheint nicht nur auf Deutschland beschränkt zu sein, ganz Europa leidet unter den Folgen der 68er."

Und Leser *** merkt an, ich möge nicht "Tötung unwerten Lebens" schreiben, es müsse "Tötung unerwünschten Lebens" heißen. Ich vermag den Unterschied nicht zu erkennen. Indem ich ein unerwünschtes Leben beseitige, erkläre ich es für lebensunwert. Indem ich einen absoluten Wert statuiere – "Mein Bauch gehört mir!" –, statuiere ich einen absoluten Unwert – "Er gehört nicht dem werdenden Kind!" Das muss man aushalten, o meine Menschenschwestern (und Brüder!), aus dieser Klemme führt kein Weg.

Peter Sloterdijk konstatierte in seinem Diarium "Zeilen und Tage" für das Jahr 2010, dass hierzulande "jedes dritte werdende menschliche Leben an der Wand der Unwillkommenheit zerschellte". Die Formulierung "Tötung unwillkommenen Lebens" verbietet sich freilich in den Zeiten der Willkommenskultur bzw. -diktatur. Interessanterweise sind es oft dieselben Leute, welche die Abtreibung eines naturgemäß unschuldigen, wenn auch womöglich erbsündlich prädisponierten Embryos für legitim halten, aber die Todesstrafe für Mörder oder die Abschiebung von eingewanderten Kriminellen – also Personen, die Anspruch auf jenen Lebensraum anmelden, welcher dem Fötus verwehrt wurde – schrecklich unmoralisch finden. Ich würde allerdings nicht darauf wetten, dass dieser Menschenschlag in hundert Jahren noch in großer Zahl existiert.